Heilung durch Tanz- was passiert genau im Prozess des Tanzens und auf welchen Ebenen? Welche Rolle spielt die rituelle Einbettung von Tanz im religiösen Ritual und in der Tanztherapie? Auf diese Fragen soll hier eine Antwort gefunden. Ausgehend von der ethnologischen Tanz- und Ritualforschung, die ich als eine Bestandsaufnahme der bisherigen Forschung zur Bedeutung von Tanz für den Menschen und in der Heilung in den ersten beiden Kapiteln darstelle, will ich neue Ansätze in der Tanztherapie vorstellen, die sich mit dem Zusammenhang von Tanz und Heilung auseinandersetzen. Denn ein weiterer interessanter Aspekt sind Rituale in der Therapie, wie ich anhand von Beispielen aus dem therapeutischen Bereich zeigen werde. Ich möchte auf einige Parallelen zwischen dem tänzerischen Ausdrucks im Rahmen eines Rituals und der modernen Tanztherapie hinweisen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Tanz als Anthropologie
3. Die Rolle des körperlichen Ausdrucks und der Performanz im Ritual
4. Aspekte der therapeutischen Wirkung von Tanz
4.1 Trance – Tanzekstase - Tanzrausch
4.2 Die Ebene des Symbols
4.3 Tanz als Ventil- Katharsis
4.4 Tanzdynamik - Eigendynamik des Tanzens
5. Vergleich mit tanztherapeutischen Ansätzen
6. Kollektive Heilung/Therapie im Tanz
6.1 Der estado de santo im afrobrasilianischen Candomblé, Brasilien
6.2 Europäische Beispiele: Alte Tänze- Neue Tänze
7. Individuelle Heilung und therapeutische Dimensionen im Tanzritual: Beispiele aus der Tanztherapie
8. Ausblick: Heilung durch Tanz
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Heilung durch Tanz unter Berücksichtigung ethnologischer Ritualforschung und moderner tanztherapeutischer Ansätze, mit dem Ziel, die transformativen Potenziale körperlicher Performanz zu erhellen und deren therapeutische Wirksamkeit interdisziplinär zu begründen.
- Anthropologische Bedeutung und soziale Funktion von Tanz
- Theoretische Grundlagen von Trance, Katharsis und Körperdynamik
- Vergleichende Analyse von kollektiven Heilungsritualen und individueller Tanztherapie
- Die Rolle von Rhythmus und körperlichem Ausdruck bei Transformationsprozessen
- Tanz als Mittel zur ganzheitlichen Integration von Körper, Geist und Seele
Auszug aus dem Buch
4.1 Trance – Tanzekstase - Tanzrausch
Trance wird als ein Zustand der Auflösung beschrieben, der einher geht mit unkontrollierten Bewegungen und Halluzinationen oder Visionen. Man unterscheidet bei Trance in Besessenheit und Ekstase. Im Zustand der Besessenheit nimmt ein Gott, Geist oder Dämon den Gläubigen in Besitz und dringt in dessen Körper ein, während in der Ekstase die Psyche den Körper verlassen kann. Die innere Transformation in der Trance kann sich im Gegensatz zur äußeren Transformation den kulturell vorgegebenen Mustern entziehen, auch wenn das nicht die Regel ist. Trance wird als ein angeborenes Verhaltensmuster beschrieben, das durch bestimmte Körpertechniken, unter anderem Tanz, aktiviert werden kann. Trance stellt für den Betroffenen eine Gelegenheit dar, sich von allem bisher gelernten zu lösen, und eröffnet ihm die Möglichkeit, für ihn ungewöhnliche seelische oder körperliche Leistungen zu erbringen.
„Psychologisch betrachtet ermöglicht der Trancezustand den Zugriff auf psychische Prozesse, die dem Wachbewusstsein normalerweise verborgen bleiben“ (Metzlers 1999). Wichtiges Merkmal der Trance ist die weitgehende Ausschaltung des Wachbewusstseins. Es wird also somit ein anderer Ausschnitt aus der Palette möglicher Erfahrungen aktiviert und erfahrbar gemacht als das Wachbewusstsein. Das, was untersucht werden soll, sind die Methoden wie Tanz und der Prozess der Performanz, die zu diesem Zustand führen. Hier sollen die dynamischen Prozesse betont werden, die vor allem im Inneren der Teilnehmer ablaufen. Trance kommt aber fast ausschließlich im Rahmen einer Zeremonie vor, also handelt es sich um eine Aufführung. „For the adept, dance is the best possible means of exhibiting, if one may so put it, his state of possession...“ (Rouget 1985:115). Die einfachste und am weitesten verbreitete Induktionsmethode der Trance ist die rhythmische Anregung (rhythmisches Singen, Klatschen, Trommeln, Rasseln).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung formuliert die Forschungsfragen nach der heilsamen Wirkung des Tanzprozesses und führt in die interdisziplinäre Untersuchung zwischen Ritualforschung und Tanztherapie ein.
2. Tanz als Anthropologie: Dieses Kapitel verankert den Tanz als eine kulturelle Grundaktivität des Menschen und beleuchtet dessen Rolle bei der Konstruktion von Identität und sozialer Ordnung.
3. Die Rolle des körperlichen Ausdrucks und der Performanz im Ritual: Hier wird untersucht, wie rhythmische Körperbewegungen als rituelle Performanz zur Transformation der Wirklichkeit und Wahrnehmung beitragen.
4. Aspekte der therapeutischen Wirkung von Tanz: Das Kapitel analysiert die physiologischen und psychologischen Mechanismen wie Trance, Katharsis und Eigendynamik, die den Tanz zu einem wirksamen Heilungsinstrument machen.
5. Vergleich mit tanztherapeutischen Ansätzen: Dieser Abschnitt zieht Parallelen zwischen rituellen Praktiken und der modernen Tanztherapie hinsichtlich der Freisetzung blockierter Gefühle und der Integration der Persönlichkeit.
6. Kollektive Heilung/Therapie im Tanz: Anhand des Candomblé in Brasilien und europäischer Heilungstanzrituale wird die Bedeutung kollektiver Heilung für die Gemeinschaft und das Individuum verdeutlicht.
7. Individuelle Heilung und therapeutische Dimensionen im Tanzritual: Beispiele aus der Tanztherapie: Dieses Kapitel vertieft, wie spezifische tanztherapeutische Schulen Rhythmus und Improvisation zur individuellen psychischen Heilung einsetzen.
8. Ausblick: Heilung durch Tanz: Der Ausblick resümiert das transformative Potenzial des Tanzes und formuliert ein Plädoyer für dessen Wiederentdeckung als integrative und heilende Aktivität in der modernen Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Tanztherapie, Ritual, Heilung, Trance, Ekstase, Katharsis, Körperausdruck, Performanz, Transformation, Rhythmus, Candomblé, Tarentismus, Psychosomatik, Integration, Tanzethnologie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die therapeutische Wirkung von Tanz und analysiert, wie dieser Prozess in rituellen Kontexten und modernen therapeutischen Ansätzen zur Heilung von Körper und Seele genutzt wird.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen umfassen die rituelle Bedeutung des Tanzes, psychologische Erklärungsmodelle für Trance und Katharsis sowie die praktische Anwendung von Tanzbewegungen zur psychischen Integration und Persönlichkeitsentwicklung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, ein tieferes Verständnis dafür zu entwickeln, wie durch tänzerischen Ausdruck und rituelle Performanz individuelle sowie kollektive Transformations- und Heilungsprozesse initiiert werden können.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Untersuchung erfolgt auf einer interdisziplinären Grundlage, die Erkenntnisse aus der Ethnologie, der Ritualforschung, der Psychologie und der spezifischen Tanztherapie kombiniert.
Welche Aspekte stehen im Hauptteil im Mittelpunkt?
Der Hauptteil beleuchtet die Mechanismen der Eigendynamik des Tanzes, vergleicht rituellen Tanz mit therapeutischen Improvisationsformen und analysiert Praxisbeispiele wie den afrobrasilianischen Candomblé und den europäischen Tarentismus.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind Transformation, Katharsis, Besessenheit, Identität, Körpergedächtnis und die Integration von Körper und Geist durch den Tanz.
Wie unterscheidet sich die therapeutische Nutzung von Tanz vom alltäglichen Tanzen?
Während alltägliches Tanzen oft geselligen Charakter hat, ist Tanz im therapeutischen oder rituellen Kontext bewusst auf spezifische Wirkungen ausgerichtet, um psychische Blockaden zu lösen oder tiefgreifende Zustandsveränderungen herbeizuführen.
Welche Bedeutung kommt dem Rhythmus in diesem Kontext zu?
Rhythmus fungiert als zentraler Katalysator, der physiologische Vorgänge im Körper beeinflusst und den Zugang zu unbewussten oder transzendenten Erlebnisebenen erleichtert.
- Arbeit zitieren
- M.A. Alexa Junge (Autor:in), 2006, Therapeutische Wirkung von Tanz, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/161596