Weltweit gibt es Wanderungsbewegungen von Ärzten, welche auch innerhalb der EU eine große Rolle spielen. Ist die Abwanderung aus einem Land zu groß, droht die medizinische Unterversorgung der Bevölkerung. Vor diesem Hintergrund untersucht die Arbeit, inwieweit Wanderungsbewegungen Hinweise auf Defizite im Gesundheitswesen geben können und welche Konsequenzen sich daraus für das staatliche Handeln ergeben.
Zunächst wird festgestellt, dass die EU mit ihren rechtlichen Grundlagen zur Personenfreizügigkeit und Sozialen Sicherheit viel für die Mobilität von Arbeitnehmern getan hat. Durch die Berufsanerkennungs-Richtlinie wurde die automatische Anerkennung des
ärztlichen Berufsabschlusses in den Mitgliedstaaten der EU forciert und die Mobilität vereinfacht. Das EURES-Netzwerk der Arbeitsverwaltungen der Mitgliedstaaten unterstützt die Mobilität ganz praktisch.
Mit Hilfe einer statistischen Bestandsaufnahme werden die ärztlichen Wanderungsbewegungen in Europa nachgezeichnet: Hauptauswanderungsregion ist Osteuropa, während Großbritannien, Irland und Skandinavien eher Einwanderungsregionen sind. Weitere Wanderungsbewegungen finden innerhalb Mitteleuropas sowie von dort nach Großbritannien und Skandinavien statt. Bezogen auf die ausgewählten Länder führen sie von Deutschland nach Großbritannien, Schweden und Österreich sowie von Österreich nach Deutschland.
Die Analyse zeigt, dass jedes der ausgewählten Länder verschiedene Push- und Pull-Faktoren für Ärzte aufweist. Diese entstehen durch unterschiedliche Gegebenheiten bezüglich Arbeitsmarkt,
Arbeitsbedingungen und allgemeinen Lebensbedingungen in Herkunfts- und Zielland. Der Staat kann diese Faktoren in unterschiedlichem Umfang beeinflussen.
In dreizehn qualitativen Interviews wurden diese Ergebnisse von betroffenen Ärzten bestätigt und ergänzt. Besonders die Bedeutung interkultureller Gegebenheiten als Pull-Faktoren, aber auch als Hindernisse der Mobilität konnten dabei herausgestellt werden.
Konsequenzen für Rahmenbedingungen und konkrete staatliche Maßnahmen werden nun abgeleitet, wie die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und die Förderung der Mobilität durch Vermittlungsaktivitäten.
Das Gesamtfazit zeigt auf, dass die Ärztemobilität nicht nur Einwanderungsländern hilft kurzfristig Lücken der Gesundheitsversorgung zu schließen. Gleichzeitig eröffnet sie Auswanderungsländern die Chance, vorhandene Mängel im Vergleich zu anderen Gesundheitssystemen aufzudecken und sie in Folge dessen abzubauen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Thematische Einführung
1.2 Fragestellung und Vorgehensweise
1.3 Länderauswahl
1.4 Abgrenzung und Begriffsbestimmungen
2 Institutioneller Rahmen der Mobilität innerhalb der EU
2.1 Übersicht
2.2 Europarechtliche Grundlagen
2.3 Soziale Sicherheit
2.4 Das EURES-Netzwerk
2.5 Aktionsplan für berufliche Mobilität
2.6 Berufliche Anerkennung von Ärzten in der EU
2.7 Fazit
3 Statistische Bestandsaufnahme der Ärztemobilität
3.1 Probleme der Datenbasis
3.2 Daten zur Europäischen Union
3.3 Daten zu den ausgewählten Ländern
3.4 Fazit
4 Ursachen der Ärztemobilität
4.1 Push- und Pull-Faktoren
4.2 Situation in Deutschland
4.2.1 Push-Faktoren
4.2.2 Pull-Faktoren
4.3 Situation in Großbritannien
4.4 Situation in Schweden
4.5 Situation in Österreich
4.6 Sonstige Länder
4.6.1 Griechenland
4.6.2 Polen
4.6.3 Schweiz
4.7 Fazit
5 Einfluss staatlichen Handelns auf die Ursachen von Wanderungsbewegungen
5.1 Arbeitsmarkt
5.2 Arbeitsbedingungen
5.3 Allgemeine Lebensbedingungen
5.4 Fazit
6 Mobilität aus Sicht betroffener Ärzte
6.1 Die Interviews - Grundlagen, Aufbau und Vorgehensweise
6.2 Auswertung und Analyse der Interviewaussagen
6.2.1 Gründe für den Weggang aus dem Herkunftsland
6.2.2 Gründe für das Zielland
6.2.3 Berufliche Anerkennung im Zielland
6.2.4 Hilfen bei der Mobilität in Herkunfts- und Zielland
6.2.5 Größte Hürden zu Beginn im Zielland
6.2.6 Vorschläge zur Verbesserung der Situation von Ärzten und Patienten
6.2.7 Interkulturelle Unterschiede
6.3 Fazit
7 Konsequenzen für das staatliche Handeln
7.1 Konsequenzen auf Europäischer Ebene
7.2 Konsequenzen für die Gestaltung der Rahmenbedingungen
7.3 Konsequenzen und Empfehlungen für konkrete Maßnahmen
7.4 Fazit
8 Gesamtfazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen der Ärztemobilität innerhalb der EU, insbesondere unter dem Aspekt, ob Wanderungsbewegungen auf Defizite in den Gesundheitssystemen hinweisen und welche Handlungsmöglichkeiten dem Staat zur Beeinflussung dieser Prozesse zur Verfügung stehen.
- Analyse der institutionellen Rahmenbedingungen für Ärzte in der EU.
- Statistische Erfassung und Untersuchung der Ursachen (Push- und Pull-Faktoren) in Deutschland, Großbritannien, Schweden und Österreich.
- Auswertung von qualitativen Experteninterviews mit mobilen Ärzten.
- Ableitung konkreter politischer Handlungsempfehlungen und Strategien für staatliches Handeln.
Auszug aus dem Buch
4.2.1 Push-Faktoren
Verschiedene Analysen und Umfragen nennen hauptsächlich vier Ursachen, die zu einer Auswanderung deutscher Ärzte führen: (1) Arbeitszeit, (2) Bezahlung, (3) Hierarchie und (4) Bürokratie in Deutschland. Diese Gründe werden auch im Zusammenhang mit der Frage diskutiert, warum hierzulande über 20% der Absolventen medizinischer Studiengänge nicht kurativ tätig sind, also als Arzt arbeiten könnten, dies aber – zumindest in Deutschland – nicht tun. Zur weitergehenden Darstellung der o.g. Punkte kann deshalb auch auf Studien zurückgegriffen werden, die sich generell mit dem Ausstieg von Ärzten aus der kurativen Medizin in Deutschland beschäftigen.
(1) Arbeitszeit
Zwar wird nach den Tarifverträgen für Ärzte in Deutschland von einer wöchentlichen Arbeitszeit von 40 bzw. maximal 42 Stunden ausgegangen, jedoch arbeiten viele Ärzte praktisch viel länger und bekommen diese Überstunden häufig nicht einmal bezahlt.
In diesem Zusammenhang mahnte der Marburger Bund (die Ständevertretung und Fachgewerkschaft der Krankenhausärzte) zur „Einhaltung von Bezahlungsnormen und Freizeitausgleichsnormen im klinischen Alltag“. Eine Regelverletzung werde häufig nicht sichtbar, weil sie nicht dokumentiert werde und damit nicht aktenkundig sei. Dies läge an der Kultur in deutschen Kliniken, dass man Überstunden nicht aufschreiben dürfe und nicht dokumentierte Überstunden würden auch nicht bezahlt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Einführung in das Thema Ärztemangel und Ärztemobilität sowie Darlegung der Forschungsfrage und methodischen Vorgehensweise.
2 Institutioneller Rahmen der Mobilität innerhalb der EU: Erläuterung der rechtlichen Grundlagen zur Personenfreizügigkeit und der Rolle von EU-Netzwerken wie EURES.
3 Statistische Bestandsaufnahme der Ärztemobilität: Analyse der vorhandenen Datenlage und Wanderungsströme zwischen den untersuchten EU-Staaten.
4 Ursachen der Ärztemobilität: Detaillierte Untersuchung von Push- und Pull-Faktoren in Deutschland, Großbritannien, Schweden und Österreich.
5 Einfluss staatlichen Handelns auf die Ursachen von Wanderungsbewegungen: Untersuchung der steuernden Möglichkeiten des Staates in den Bereichen Arbeitsmarkt und Rahmenbedingungen.
6 Mobilität aus Sicht betroffener Ärzte: qualitative Auswertung von 13 Experteninterviews zur subjektiven Bewertung der Mobilität und kulturellen Unterschieden.
7 Konsequenzen für das staatliche Handeln: Ableitung konkreter Empfehlungen zur Steuerung der Ärztemobilität und Verbesserung der ärztlichen Arbeitsbedingungen.
8 Gesamtfazit und Ausblick: Zusammenfassende Bewertung der Ergebnisse und Ausblick auf zukünftige Herausforderungen für die Gesundheitssysteme.
Schlüsselwörter
Ärztemobilität, Europäische Union, Push-Faktoren, Pull-Faktoren, Gesundheitssysteme, Arbeitsmarkt, Fachkräftemangel, Krankenhausmanagement, Berufsqualifikation, Arbeitsbedingungen, interkulturelle Unterschiede, ärztliche Auswanderung, Gesundheitspolitik, Qualifizierung, Mobilität.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Phänomen der Ärztemobilität innerhalb der Europäischen Union, speziell vor dem Hintergrund, welche Konsequenzen staatliches Handeln auf diese Wanderungsbewegungen hat.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen rechtliche Rahmenbedingungen der EU, die statistische Bestandsaufnahme von Ärztewanderungen, die Identifizierung von Push- und Pull-Faktoren sowie die praktische Sicht betroffener Ärzte.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu klären, wie der Staat durch Gestaltung von Rahmenbedingungen und gezielte Maßnahmen auf die Ärztemobilität Einfluss nehmen kann, um Gesundheitsversorgungsengpässe zu vermeiden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine Kombination aus Dokumenten- und Literaturanalyse sowie eine qualitative Auswertung von dreizehn Interviews mit betroffenen Ärzten angewandt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Situation in den vier Beispielländern Deutschland, Großbritannien, Schweden und Österreich hinsichtlich der spezifischen Ursachen für Zuwanderung und Abwanderung von Ärzten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Ärztemobilität, Europäische Union, Push- und Pull-Faktoren sowie politische Handlungsempfehlungen.
Welche kulturellen Faktoren beeinflussen die Mobilität der Ärzte?
Die Arbeit identifiziert Faktoren wie Hierarchiegefüge, Arbeitsatmosphäre, Kommunikationsstile und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als wesentliche Elemente, die Ärzte bei der Wahl ihres Ziellandes berücksichtigen.
Wie bewerten Ärzte die bürokratischen Hürden in Deutschland?
In den Interviews wird die deutsche Bürokratie in Krankenhäusern als ein wesentlicher negativer Faktor ("Facharzt für Bürokratie") benannt, der Ärzte zur Abwanderung bewegt.
- Quote paper
- Claudia Liebenberg (Author), 2010, Ärztemobilität in Europa und Konsequenzen staatlichen Handelns, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/161066