Die moderne Arbeitswelt ist von zunehmender Komplexität, hohen Leistungsanforderungen und einem dynamischen Wandel geprägt - Faktoren, die die psychische Gesundheit von Beschäftigten stark belasten können. Die Weltgesundheitsorganisation sieht daher die Förderung der mentalen Gesundheit als globales Ziel. Unternehmen stehen vor der Herausforderung, die Leistungsfähigkeit ihrer Mitarbeiter zu sichern und zugleich deren Wohlbefinden zu stärken. Ein zentraler Ansatzpunkt ist der Kohärenzsinn nach Antonovsky, der beschreibt, in welchem Maß das Leben als verstehbar, handhabbar und sinnvoll erlebt wird. Personen mit hohem Kohärenzsinn sind besser vor Stress geschützt, erleben ihre Umwelt als weniger belastend und zeigen eine höhere Arbeitszufriedenheit. Diese Arbeit untersucht den Einfluss des Kohärenzsinns auf psychische Gesundheit und Wohlbefinden im Berufsleben und stellt Maßnahmen vor, wie er auf individueller sowie organisationaler Ebene gezielt gefördert werden kann.
2.2 Der Kohärenzsinn nach Antonovsky
3 Kohärenzsinn und psychische Gesundheit im Arbeitsleben
3.1 Gesundheitsberufe
3.2 Lehrerberuf
4 Förderung des Kohärenzsinns
4.1 Individuelle Ansätze
4.2 Organisationale Ansätze
5 Fazit
Literaturverzeichnis
1 Einleitung
Die Weltgesundheitsorganisation erkennt an, dass die Anforderungen des Arbeitsumfelds ein Risiko für die Gesundheit darstellen können – ein ernstzunehmendes Problem für Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Aus diesem Grund wurde in ihrem jüngsten Aktionsplan die Förderung der psychischen Gesundheit als globales Ziel formuliert (Urtubia-Herrera et al., 2024, S. 2; zit. nach World Health Organization, 2021; 2022). Zudem führen der dynamische Wandel und die zunehmende Komplexität der Arbeitswelt zu wachsenden Anforderungen an Unternehmen und Beschäftigte. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, sind Unternehmen heute mehr denn je auf gesundes und leistungsfähiges Personal angewiesen (Mette & Harth, 2017, S. 240; zit. nach Ebersberger, 2009). Doch wie lässt sich die Gesundheit der Mitarbeiter erhalten bzw. gezielt fördern? Eine Möglichkeit besteht darin, die bedeutsame personale Ressource des Kohärenzsinns zu stärken. Die gesundheitsförderliche Wirkung von Ressourcen im Arbeitskontext gilt als empirisch gut belegt (Mette & Harth, 2017, S. 240; zit. nach Albertsen et al., 2001). Der Kohärenzsinn wird als globale Orientierung beschrieben, die bestimmt, in welchem Maß das Leben als verstehbar, handhabbar und sinnvoll wahrgenommen wird (Tušl et al., 2022, S. 1-2; zit. nach Antonovsky, 1979). Der zentrale Gedanke dahinter ist, dass Personen mit einem hohen Kohärenzsinn besser für Alltagsstress gewappnet sind und ihre Umwelt daher als weniger belastend empfinden als Menschen mit einem niedrigen Kohärenzsinn (Ramberg et al., 2022, S. 566; zit. nach Feldt, 1997; Feldt et al., 2000; Modin et al., 2011; Toivanen, 2007). Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, den Kohärenzsinn nach Antonovsky näher zu beleuchten, seinen Einfluss auf die psychische Gesundheit und Arbeitszufriedenheit darzustellen sowie Maßnahmen zu seiner Förderung auf individueller und organisationaler Ebene aufzuzeigen. Die zentrale Forschungsfrage lautet: Wie beeinflusst der Kohärenzsinn die psychische Gesundheit und Arbeitszufriedenheit im Berufsleben und welche Ansätze können seine Stärkung unterstützen?
Kapitel 2 behandelt die theoretischen Grundlagen, indem es arbeitsbezogenen Stress, das Konzept des Kohärenzsinns samt seiner Abgrenzung zur Pathogenese sowie Möglichkeiten zu dessen Messung erläutert. Kapitel 3 stellt empirische Befunde zum Zusammenhang zwischen Kohärenzsinn und beruflich relevanten Variablen vor. In Kapitel 4 werden konkrete Ansätze zur Förderung des Kohärenzsinns beschrieben. Abschließend wird in Kapitel 5 die Forschungsfrage beantwortet und ein Ausblick auf zukünftige Entwicklungen gegeben.
2 Theoretische Grundlagen
In diesem Kapitel wird zunächst das Thema Stress am Arbeitsplatz beschrieben und anschließend der Kohärenzsinn nach Antonovsky ausführlich dargelegt.
2.1 Stress am Arbeitsplatz
Daten der European Working Conditions Survey zeigen, dass rund jeder sechste europäische Arbeitnehmer von chronischen Gesundheitsproblemen betroffen ist (Peter, 2023, S. 77; zit. nach Eurofound, 2019). Diese führen zu spürbaren Produktivitätsverlusten: Im Durchschnitt gehen über 14 % der Arbeitszeit durch krankheitsbedingte Ausfälle oder verminderte Leistungsfähigkeit verloren. Dabei spielt Stress am Arbeitsplatz eine zentrale Rolle (Peter, 2023, S. 77; zit. nach Brunner et al., 2019). Dieser wird als Reaktionsmuster verstanden, das entsteht, wenn Beschäftigte mit Anforderungen oder Belastungen (Stressoren) konfrontiert werden, die ihre Kenntnisse, Fähigkeiten oder Fertigkeiten übersteigen und somit ihre Fähigkeit zur Bewältigung herausfordern (Peter, 2023, S. 78; zit. nach Eurofound, 2005; Leka & Jain, 2010). Grundsätzlich wird zwischen Disstress und Eustress unterschieden. Disstress bezeichnet eine negative Reaktion auf Stressoren, die mit negativen psychischen Zuständen verbunden ist, während Eustress eine positive Reaktion beschreibt, die zu positiven psychischen Zuständen führt (Muller & Rothmann, 2009, S. 1). Typische Stressoren im Arbeitskontext umfassen unter anderem Zeitdruck (Werdecker & Esch, 2022, S. 391), verlängerte Arbeitszeiten, häufige Unterbrechungen, eine geringe Einflussmöglichkeit auf Arbeitsabläufe sowie einen konstant hohen Informationsfluss (Morgenstern & Moser, 2023, S. 22; zit. nach Schirmer, 2014). Doch warum reagieren manche Menschen auf denselben Stressor mit Disstress, während andere Eustress erleben? Eine Antwort liefert die transaktionale Stresstheorie von Lazarus: Entscheidend ist die individuelle Bewertung der Situation. Je nach Einschätzung von Bedrohung und verfügbaren Ressourcen kann derselbe Reiz als belastend oder bewältigbar erlebt werden (Bak, 2023, S. 38-40; zit. nach Lazarus, 1966; Lazarus & Folkman, 1984).
2.2 Der Kohärenzsinn nach Antonovsky
Im Rahmen seiner Forschung zu ethnischen Unterschieden im Umgang mit dem Übergang zur Menopause untersuchte Aaron Antonovsky auch jüdische Frauen, die Konzentrationslager überlebt hatten. Ziel war es, zu analysieren, ob diese Frauen, verglichen mit einer Kontrollgruppe ohne vergleichbare traumatische Erfahrungen, 25 Jahre später psychisch gut angepasst waren. Während 51 % der Kontrollgruppe eine gute emotionale Gesundheit aufwiesen, traf dies auch auf 29 % der Überlebenden zu. Diese Befunde warfen die zentrale Frage auf, wie angesichts solch extrem belastender Lebensumstände eine derartige psychische Stabilität möglich war (Bak, 2023, S. 63; zit. nach Antonovsky et al., 1971). Ausgehend von dieser Fragestellung entwickelte Antonovsky das Modell der Salutogenese, das, ähnlich dem transaktionalen Stressmodell nach Lazarus, davon ausgeht, dass belastende Lebensereignisse nicht zwangsläufig zu Krankheit führen. Entscheidend ist, wie Menschen mit Stressoren umgehen. Der Verlauf in Richtung Gesundheit oder Krankheit hängt von der Art der Bewältigung ab. Aus Sicht der Salutogenese sind äußere Einflüsse weniger entscheidend – der Fokus liegt auf der Wahrnehmung und Verarbeitung dieser Stressoren, was von personalen Faktoren abhängt (Bak, 2023, S. 63; zit. nach Antonovsky, 1979). Der Begriff Salutogenese leitet sich aus salus (Gesundheit) und genesis (Ursprung) ab und zielt darauf ab, die Ursprünge der Gesundheit zu erklären, im Gegensatz zur Pathogenese, die sich mit der Entstehung von Krankheiten befasst (Hochwälder, 2019, S. 1). Der Begriff Pathogenese setzt sich aus den Wörtern pathos (Leiden) und genesis (Entstehung) zusammen (Bak, 2023, S. 17). Antonovsky veranschaulicht den Unterschied zwischen beiden Modellen mit der Flussmetapher: Während die Pathogenese den Ertrinkenden rettet, zielt die Salutogenese darauf ab, zu verstehen, was Menschen zu guten Schwimmern macht (Bak, 2023, S. 65; zit. nach Antonovsky, 1987). Zentrales Konzept des salutogenen Modells ist der Kohärenzsinn, den Antonovsky 1979 in Health, Stress and Coping einführte (Moksnes, 2021, S. 35). Kohärenz bedeutet wörtlich „Zusammenhang“ (Mackenthun, 2002, S. 4). Er beschreibt eine grundlegende Orientierung des Vertrauens, dass das Leben verstehbar, handhabbar und sinnvoll ist (Bauer et al., 2015, S. 21; zit. nach Antonovsky, 1987). Der Kohärenzsinn umfasst drei zentrale Komponenten: Verstehbarkeit meint, dass Lebensereignisse kognitiv eingeordnet werden können (Czens et al., 2023, S. 208). Handhabbarkeit bezeichnet die Überzeugung, über ausreichend Ressourcen zu verfügen – eigene oder durch Unterstützung anderer (Rieger, 2023, S. 70; zit. nach Antonovsky, 1997). Sinnhaftigkeit beschreibt die grundlegende Haltung, das eigene Leben als bedeutsam zu betrachten und es als lohnend zu empfinden, sich dafür einzusetzen (Czens et al., 2023, S. 208; Rieger, 2023, S. 70; zit. nach Antonovsky, 1997). In dieser Arbeit wird der Begriff „Kohärenzsinn“ verwendet, da er die Mehrdimensionalität des englischen Originals („Sense of Coherence“) besser widerspiegelt als der oft genutzte Ausdruck „Kohärenzgefühl“ (Reinshagen, 2008, S. 149). Der Kohärenzsinn gilt als zentrale personale Ressource zur Bewältigung psychologischer Stressoren (Urakawa & Yokoyama, 2009, S. 503; zit. nach Yamazaki, 1999) und wird als Schlüsselkonzept für gesundheitsförderliches Stressbewältigungsverhalten verstanden. Dabei trägt er zur Aktivierung und Nutzung psychosozialer Ressourcen bei (Kuwato & Hirano, 2020, S. 2; zit. nach Antonovsky, 1987). Antonovsky unterscheidet zwischen generalisierten und spezifischen Widerstandsressourcen. Generalisierte Widerstandsressourcen sind persönliche Eigenschaften, die dabei helfen, Stress zu bewältigen und den Kohärenzsinn zu entwickeln, wie etwa körperliche Gesundheit, Wissen, eine positive Selbstwahrnehmung oder soziale Unterstützung (Moksnes, 2021, S. 38; zit. nach Antonovsky, 1979; 1987). Spezifische Widerstandsressourcen sind dagegen situative Mittel, die nur in bestimmten Belastungskontexten wirken (Moksnes, 2021, S. 39; zit. nach Antonovsky, 1979). Generalisierte Ressourcen fördern über den Kohärenzsinn die Nutzung spezifischer Ressourcen, um stressbedingte Gesundheitsrisiken zu vermeiden (Moksnes, 2021, S. 39; zit. nach Mittelmark et al., 2017). Der Kohärenzsinn und generalisierte Widerstandsressourcen stehen in einer dynamischen Wechselwirkung: Je bewusster und verfügbarer diese Ressourcen sind, desto ausgeprägter ist der Kohärenzsinn. Ein starker Kohärenzsinn wiederum fördert die Mobilisierung dieser Ressourcen und trägt positiv zur Gesundheit und zum Wohlbefinden bei (Moksnes, 2021, S. 39). Gemessen werden kann der Kohärenzsinn mit dem von Antonovsky entwickelten Fragebogen zur Lebensorientierung, der in einer Langform mit 29 Items sowie einer Kurzform mit 13 Items vorliegt. Studien belegen die Zuverlässigkeit und Validität der Skala (Hochwälder, 2019, S. 2; zit. nach Antonovsky, 1993; Eriksson & Lindström, 2005), auch in 33 Sprachversionen (Czens et al., 2023, S. 209; zit. nach Eriksson & Lindström, 2005). Allerdings zeigt sich, dass die Werte im Zeitverlauf nur mäßig stabil sind (Hochwälder, 2019, S. 2; zit. nach Antonovsky, 1993; Eriksson & Lindström, 2005).
- Arbeit zitieren
- Leah Göldenitz (Autor:in), 2025, Der Kohärenzsinn im Berufsleben. Einfluss auf Gesundheit, Arbeitszufriedenheit und Möglichkeiten der Förderung, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1610233