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Das Skriptorium der Reichenau

Kulturelles Leben im Geiste der karolingischen Renaissance?

Title: Das Skriptorium der Reichenau

Term Paper , 2024 , 24 Pages , Grade: 1,3

Autor:in: Ralph Manhalter (Author)

History of Europe - Middle Ages, Early Modern Age

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Summary Excerpt Details

Klangvolle Verfasser sind uns aus der Blütezeit des Bodenseeklosters Reichenau überliefert. Im 9. Jahrhundert ragen Persönlichkeiten wie Heito, Waldo, Walahfrid Strabo, aber auch Reginbert und Wetti aus dem ansonsten nicht besonders quellenreichen Frühmittelalter heraus. Der Wirkungskreis dieser gelehrten Äbte und Brüder im Reichenauer Skriptorium fällt in die Zeit eines reichsweiten kulturellen Umbruchs, initiiert im zu Ende gehenden 8. Jahrhundert durch Karl den Großen. Die heute als sogenannte „karolingische Renaissance“ bekannte Reformbewegung in Erziehung, Schrift und Sprache bewirkte eine neue Hinwendung zur Antike. Im Gegensatz zur humanistisch begleiteten Renaissance des 15. Und 16. Jahrhunderts bewegte sich der karolingische Vorgänger jedoch noch fest eingebettet in die patristisch-theozentrische Glaubenswelt des christlichen Mittelalters.

Im Kontext mit dem Kloster Reichenau stellt sich nun die Frage, wie intensiv und in welcher Form diese neue Gedankenwelt auf der Insel Einzug hielt. Welchen Beitrag lieferten die oben genannten Autoritäten im Hinblick auf ihr schriftliches Vermächtnis? In die Untersuchung soll ebenfalls die Auswirkung der benediktinischen Reform auf die klösterliche Kultur unter Benedikt von Aniane einfließen. Doch auch der, auf der Reichenau entstandene, St. Gallener Klosterplan mit seiner beispielhaften Trennung von interner und externer Schule ist eine nähere Betrachtung wert. Ist es noch nachzuvollziehen, ob und wie dieses Ideal im Inselkloster umgesetzt wurde?

Bedauerlicherweise sind die Bestände des Reichenauer Skriptoriums nicht mehr an Ort und Stelle anzutreffen. Auch lässt sich nicht immer zweifelsfrei sagen, ob die überlieferten Werke, deren sich eine größere Anzahl in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe befinden, auch tatsächlich Reichenauer Provenienz sind. Mit Sicherheit sind hingegen Schriften, wie die Visio Wettini, die Vita Sancti Galli, der Hortulus oder (Hermann der Lahme) ihren Verfassern zuzuordnen. Im Rahmen der Möglichkeiten soll in der Arbeit herausgearbeitet werden, ob das kulturelle Leben in der Inselabtei, ihrer Bedeutung entsprechend, ein Musterbeispiel der karolingischen Erneuerung darstellte.

Excerpt

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1. Einführung und Methodik

2. Der Begriff der sogenannten „karolingischen Renaissance“

3. Das Kloster Reichenau in den ersten 100 Jahren

4. Das Skriptorium des frühen Klosters Reichenau – ein Rekonstruktionsversuch

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

7. Quellenverzeichnis


1. Einführung und Methodik

 

Im vergangenen Jahr feierte das Kloster Reichenau im Rahmen einer opulenten Landesausstellung die 1300jährige Wiederkehr seiner postulierten Gründung. In diesem Zusammenhang bekam der Besucher eine Reihe frühmittelalterlicher Artefakte zu sehen, welche ansonsten dem täglichen Zugriff verborgen bleiben. Insbesondere faszinierten die Handschriften und Buchmalereien ob ihrer unglaublichen Detail-verliebtheit, die, entsprungen einer tiefen Frömmigkeit, einen Funken jenes allumfassenden Weltverständnisses aus jener Zeit übertrugen, als das menschliche Dasein noch fest eingebettet erschien in den Heilsplan Gottes.

 

Die steingewordene Manifestation der benediktinischen Ordensregel kann nach mehreren Umbauten und der Aufhebung der Abtei auf der Klosterinsel nur noch erahnt werden, die Architektur beginnt, abgesehen von der Vierung der Kirche in Mittelzell, frühestens in der Romanik. Umso lebendiger leuchten klangvolle Namen, wie Waldo, Heito, Wetti und vor allem Walahfrid Strabo und Reginbert, durch all die Jahrhunderte herüber in unsere Gegenwart. Es waren diese Äbte, Bibliothekare, Schreiber, allesamt nahezu schon fast – avant la lettre – Universalgelehrte, welche mit ihrem überdauerten Schaffen den Ruhm des Inselklosters im Bodensee begründeten.

 

Zwar sollte die Reichenau auch nach dem Wirken dieser frühmittelalterlichen Protagonisten mit Hermann dem Lahmen und seinem Umfeld nochmal kurzzeitig an jenen Erfolg anschließen können, die Phase kultureller Produktion und Reproduktion lag aber eindeutig in den wenigen Jahrzehnten zwischen dem ausgehenden achten und beginnenden neunten Jahrhundert.

 

Nun muss sich unvermittelt die Frage nach den politischen und kulturellen Rahmenbedingungen stellen, welche ein solch konzentriertes Erblühen von Kunst und Wissenschaft ermöglichen konnten. Hierfür wird in der Geschichtsschreibung gerne der Terminus einer „karolingischen Renaissance“ herangezogen, neben der Proklamation anderer Renaissancen, wie beispielsweise der ottonischen, der Verweis auf die Wiederentdeckung von etwas bislang verloren Geglaubtem, nur noch in der Erinnerung Vorhandenem. Mit diesem nicht ganz unkritischem Begriff wird sich diese Arbeit zunächst beschäftigen, um dann in der Folge die ersten Jahre des Inselklosters Reichenau im Groben nachzuzeichnen, wobei die politischen Aspekte im Spannungsfeld zwischen der fränkischen Zentralmacht und dem alemannischen Stammesherzogtum nicht zu vernachlässigen sind.

 

Fehlende Bibliotheksbestände vor Ort erschweren im Gegensatz zu den üppig ausgestatteten Abteien, wie dem benachbarten St. Gallen, einen Rekonstruktions-versuch der Werke eindeutiger Reichenauer Provenienz. Ein Großteil jener Handschriften und Fragmente befinden sich heute in der Badischen Landesbibliothek in Karlsruhe. In einer Vielzahl von späteren Auflagen haben mit der Visio Wettini sowie der Vita Sancti Galli zwei Schriften die Jahrhunderte überdauert, die weit mehr als nur Berichte einer Traumvision bzw. eine Lebensbeschreibung eines später Heiliggesprochenen darstellen.[1] Ebenfalls soll kurz auf die, sich einige Jahrzehnte später zur Blüte gelangten Buchmalerei ausgegriffen werden, deren Prachtbände sich heutzutage in den renommiertesten Bibliotheken der Welt befinden. Aus diesen Überlegungen heraus wird als Fazit gewagt, die Bedeutung des unbestrittenen karolingischen Kulturaufschwungs mit dem Zenit des Reichenauer Skriptoriums in Verbindung zu setzen.

2. Der Begriff der sogenannten „karolingischen Renaissance“

 

Renaissance, zu Deutsch Wiedergeburt. Der Begriff impliziert, dass dem erneuten Auftauchen schon einmal eine Existenz vorausging, diese aber durch innere oder äußere Umstände beendet wurde, so dass das betreffende Subjekt zum Erlöschen kam, ja, nimmt man den Terminus wortwörtlich, dieses schlichtweg nicht mehr am Leben sei. Inwiefern ist diese kompromisslose Definition ein Maßstab für den im Folgenden zu untersuchenden Sachverhalt?

 

Hierzu bedarf es zunächst einer Betrachtung des ursprünglichen Sprachgebrauchs: Der toskanische Gelehrte und Biograf Giorgio Vasari bezeichnete mit dem entsprechenden italienischen Wort rinascimento die Kunst und Kultur, welche sich ab ca. Mitte des 13. Jahrhunderts sukzessive auf der Apenninenhalbinsel auszubreiten begann und die sich in wesentlichen Faktoren vom bislang Bekannten und Gewohnten unterschied.[2] Diesen Terminus verwendete, nun in französischer Sprache und bereits als epochalen Begriff, Jules Michelet als Bezeichnung für die Zeit nach dem sogenannten Mittelalter.[3] In beiden Fällen beinhalteten die Definitionen einer Wiedergeburt den Bezug auf die Antike, deren Wissen und Kultur sich nun, nach Jahrhunderten vermeintlicher „barbarischer Düsternis“ wieder aus ihrer Agonie erhoben um erneut den künstlerischen, kulturellen und, in Einklang mit dem parallel sich entwickelnden Humanismus, auch gesellschaftlichen Horizont zu bilden. Eine Vertiefung der Diskussion über die Wirksamkeit des Renaissance-Begriffs für den Übergang zur frühen Neuzeit führt an dieser Stelle jedoch zu weit und dient lediglich als Orientierungshilfe.

 

Geradezu eine Reihe an Renaissancen erlebte der Begriff unter dem französischen Historiker Jean-Jacques Ampère, der neben der etablierten nun auch eine ottonische und eine karolingische zu erkennen glaubte, wovon deren Gemeinsamkeit darin bestand, im Charakter, Ursachen und Ergebnissen identisch zu sein.[4] Hier bezog sich Ampère auf seinen Landsmann Montesquieu, welcher gut 100 Jahre zuvor die Herrschaft der fränkischen Karolinger als eine Wiederbelebung der Antike nach der düsteren Merowingerzeit betrachtete.[5] Neben den obigen Parallelismen weist jedoch gerade die karolingische Epoche mit ihrer unbestrittenen Einbindung in das geschlossene Geschichtsbild des christlichen Mittelalters einen wesentlichen Unterschied zur humanistischen Renaissance des 14. bis 16. Jahrhunderts auf. Der Heilsplan Gottes als Maßstab der gesamten menschlichen Existenz wurde in der frühmittelalterlichen Gesellschaft nicht in Frage gestellt, sondern jenem vielmehr jegliche Absicht und Bestrebung untergeordnet. Kurz: Alle Erneuerung und Verbesserung, jede Reform, renovatio und Renaissance dienten grundlegend und letztendlich der Verehrung Gottes.

 

Im Unterschied zu Ampère sahen Felix Dahn und Franz Anton Specht in der Regierungszeit Karls des Großen hingegen eine gewisse Kontinuität des bis dahin Überkommenen, wobei gerade das Bildungswesen (Specht) sich einer durchgehenden Beständigkeit erfreut haben solle. Demnach sei es die Aufgabe Karls gewesen, dieses lediglich zu reorganisieren und zu ordnen.[6] In diesem Sinne argumentiert auch Uta Kleine, wenn sie die Frage aufwirft, ob die frühe fränkische Epoche unter den merowingischen Königen als kultureller Niedergang oder eine allmähliche Transformation begriffen werden soll. Hierbei nimmt Kleine Bezug auf eine Vortragsreihe des Rechtshistorikers Walter Ullmann, worin dem römischen Papsttum eine nicht unbedeutende Rolle bei der Zivilisation des karolingischen Reiches attestiert wird.[7] Erna Patzelt hingegen bestreitet in ihrer, in den Zwanzigerjahren des vorhergehenden Jahrhunderts erschienenen Abhandlung, ebenso wie Dahn und Specht, einen fundamentalen kulturellen Einschnitt nach dem Ende des weströmischen Reiches. Demnach zeigte sich vor allem in Gallien eine Kontinuität spätantiken Wissens, welches getragen wurde von den Institutionen, des sich dort bereits etablierten Christentums. So berichtet Patzelt unter Bezugnahme auf die Kapitularien Karls von einer Blüte des Kloster- und Schulwesens bereits in vorkarolingischer Zeit. Insbesondere die literarische Komponente habe demnach mit speziellen (Schön)schreibschulen und Inschriftensammlungen als – quasi – Scharnier zwischen der Antike und dem Zeitalter der Karolinger gewirkt.[8] Auch Patztelt sieht in der Umgebung Karls des Großen nicht primär die Quelle des kulturellen und wissenschaftlichen Aufschwungs des späten achten und frühen neunten Jahrhunderts, sondern vielmehr die Kraft, welche bereits bestehende Strömungen organisierte, bündelte und vor allem durch das Medium der Sendschreiben, mit dem Ziel einer Vereinheitlichung, im gesamten Reich verbreitete. Als Beispiel soll hier nur die geforderte Verwendung einer neuen Schreibschrift, der sogenannten karolingischen Minuskel genannt werden, welche die bisherigen, regional heterogenen Handschriften zu Gunsten eines einheitlichen, harmonisch ausgewogenen Bildes zu ersetzen gedachte. In der Folge dieser Arbeit wird hierzu in Zusammenhang mit dem Reichenauer Bibliothekar Reginbert darauf zurückzukommen sein.

 

Außerhalb der Grenzen des karolingischen Reiches stellte sich im Übrigen die Diskussion um Kontinuität oder Neubeginn kaum: Sowohl dem Musterkloster Vivarium des Cassiodor in Süditalien als auch den Abteien im Norden Englands wie Iona oder Lindisfarne kam eine Brückenfunktion bei der Bewahrung antiken Wissens und dessen Übertragung ins frühe Mittelalter zu. Felix Heinzer sieht den Grund hierfür in der Lage der Klöster fernab der Neubesiedlung zur Völkerwanderungszeit.[9]

 

Abschließend lässt sich hinsichtlich der Diskussion um die Begrifflichkeit konstatieren, dass vor allem die deutsche Geschichtsschreibung in der Summe eher einer kulturellen Kontinuitätstheorie zuneigt, während andere, primär die französische, die Merowingerzeit in erster Linie eines Einbruchs der Wissenschaften, Kunst und Kultur beschuldigt. Offenbar hatten die missgünstigen Betrachtungen Einhards, des Biografen Karls, über die fränkischen Vorgänger westlich des Rheins einen größeren Anklang gefunden; so spricht man im heutigen Frankreich von den Königen der Merowinger als „rois fainéants“, also den „faulen Königen“.[10] Nicht zu vergessen in dieser Diskussion ist jedoch auch die Tatsache, dass aus dem sechsten und siebten Jahrhundert weitaus weniger verwertbares Quellenmaterial zur Verfügung steht als in der darauffolgenden Epoche. Zudem bestand ein Großteil der merowingischen Schriftstücke aus dem leicht vergänglichen Beschreibstoff Papyrus, welcher die Zeiten und das Klima Mitteleuropas oftmals nicht überdauert hat. Dass die karolingischen Herrscher Dokumente ihrer merowingischen Vorgänger im Sinne einer damnatio memoriae gezielt vernichtet haben könnten, muss ebenfalls in der Diskussion berücksichtigt werden.

 

Die Reformbestrebungen Karls des Großen lassen sich schließlich unter dem Begriff der correctio subsumieren, einer kultisch-kulturellen Berichtigung von Schrift, Sprache sowie Liturgie mit dem Ziel einer Wiederannäherung an das Frühchristentum.[11] Denn nicht die heidnische Antike stellte das angestrebte Ideal dar, wenngleich Autoren wie Cicero oder Vergil aufgrund ihres hochwertigen Lateins selbstverständlich zum Kanon des Unterrichts in den karolingischen Schulen zählten. Der Erneuerungsgedanke bezog sich vielmehr auf die Spätantike mit ihren Kirchenvätern und -lehrern wie Augustinus, Ambrosius, Tertullian aber auch auf Benedikt von Nursia als Ordensgründer, dessen Regel wohl nicht zufällig zur Zeit Karls des Großen sowie Ludwigs des Frommen durch Benedikt von Aniane Einzug in die meisten Klöster des Frankenreichs hielt. Die reichsstaatliche Institution hierfür stellte die kaiserliche Hofschule, welche das Erbe der merowingische Palastschule antrat, mit dem Unterschied, dass an dieser Stätte nun die renommiertesten Gelehrten des damaligen Europas wirkten, dar. Der Klang der Namen von, Paulus Diaconus. Theodulf von Orléans. Petrus von Pisa und Adelhard von Corbie, letzter als Gegner Benedikts von Aniane in der Durchsetzung der Benediktinerregel, ist bis in unsere Tage zu vernehmen. An der Spitze der Hofschule jedoch stand mit Alkuin von York einer der gebildetsten Köpfe des achten Jahrhunderts.[12] Die Klosterschule im Norden England, derer er entspross, pflegte bereits Unterweisungen in den Disziplinen Geschichte, Rechts- und Naturkunde, deren Lehrinhalte Alkuin auf den Kontinent mitbrachte.[13] Er war es sicherlich auch, welcher im Jahr 784/785 hinter dem Ansinnen Karls stand, einen sogenannten, die Literarstudien anmahnenden Bildungsbrief Epistula de litteris colendis, an die Klöster und Bischofssitze des Reiches zu versenden. Die in Irland und England bereits verbreiteten Skriptorien sollten fortan auch im fränkischen Reich dauerhaft etabliert werden, diente doch nach Cassiodor das Abschreiben von Texten und Büchern als Gottesdienst schlechthin. Der tiefe Sinn dieser Bemühungen lag schließlich an nicht weniger als einer unmissverständlichen und fehlerfreien Kommunikation mit Gott. Diese war nur durch die Beherrschung der lateinischen Sprache in Wort und Schrift gewährleistet, schon ungenügende Kenntnisse in der Grammatik könnte – so die Auffassung – schwerwiegende Folgen für den Bittenden haben. Schließlich löste die karolingische Minuskel als Schrift die bislang uneinheitlichen Schreibarten ab und bildete mit ihrer, bis heute gültigen Klarheit, einen wohltuenden Absatz zum merowingischen Vorgänger.

3. Das Kloster Reichenau in den ersten 100 Jahren

 

3.1 Politische Rahmenbedingungen im achten Jahrhundert

 

Das Gründungsdatum 25. April 724 des Inselklosters Reichenau mag historisch unzuverlässig sein, beruht die Angabe doch auf einer stümperhaft gefälschten Urkunde des 12. Jahrhunderts, wie unter anderem Harald Derschka kürzlich erneut in aller Deutlichkeit feststellte.[14] Wie bei den allermeisten frühmittelalterlichen Gründungen entzieht sich deren Geburtsstunde unserer heutigen Kenntnis, befindet sich bestenfalls irgendwo inmitten der legendengeschwängerten Narrative, welche im Laufe der Jahrhunderte um die Klosterhistorie entstanden. So war es dann sicherlich mitunter auch die Visio Wettini des Walahfrid Strabo, die Chronik Hermanns des Lahmen, aber auch die Lebensbeschreibung des Heiligen Pirmin, letzterer unstrittig der Protagonist bei der Errichtung einer Zelle auf der Insel im Untersee, welche der oben genannten Fälschung zugrunde lagen. Der Verfasser der Pirminsvita schreibt eine Initialrolle jenem „Sin(t)laz“ zu, welcher abwechselnd als einheimischer Adliger (Derschka) oder Priester (Sonderegger) bezeichnet wird.[15] Ausschlaggebend für diese Personifizierung dürfte die frühmittelalterliche Bezeichnung der Insel als „Sintleozeavia“ oder „Sindleosceauua“[16] gewesen sein, welche einen Rückschluss auf deren Besitzer gewährleisten sollte.

 

Interessanter als diese Personalie, zu welcher im Übrigen auch noch die weit verbreitete Legende von der Vertreibung von Schlangen von der Insel – Derschka vermutet hier einen Zusammenhang mit der Bekämpfung des noch verbreiteten herätischen Arianismus[17] – stammt, ist das Mitwirken der politischen Elite jener Zeit. Alfons Zettler bringt hier unumwunden Karl Martell ins Spiel, welcher dem Wanderbischof Pirmin einen Schutzbrief, adressiert an den alemannischen Herzog Lantfrid sowie eines nicht näher erläuterten Grafen Bertoald, zusammen mit dem Auftrag, auf merowingischem Fiskalgut auf einer Bodenseeinsel ein Kloster zu errichten, mit auf den Weg gab.[18] Hier stellt sich natürlich die Frage, über welche Autorität der Hausmaier Karl verfügte, da die Königsmacht – zumindest theoretisch – bekanntlich noch bei den Merowingern, konkret bei Theuderich IV. lag. Mit dem ebenfalls genannten Herrschaftsträgern Lantfrid und Bertoald treten weitere Akteure auf die Bühne, welche nicht so recht zur Gesamtkomposition mit Karl Martell als Impulsgeber passen mögen. Bis ins Jahr 746, dem ereignisgeschichtlich kontrovers diskutierten „Tag von Cannstatt“ genoss das schwäbisch-alemannische Herzogtum noch eine weitgehende Selbständigkeit innerhalb des, sich bereits in Agonie befindlichen Merowingerreichs. Inwiefern Karl Martell hier seiner, sicherlich beanspruchten, Machtbefugnis freien Lauf lassen konnte, kann nur eingeschränkt beantwortet werden. Zettler jedenfalls bezieht sich bei der quellenmäßigen Untermauerung seiner Aussage offenbar auf genau diese Urkunden, welche, wie oben erwähnt, in späteren Jahren zurückdatiert wurden oder ein karolingisches Narrativ transportierten, wonach die Reichenau von Beginn an mit dem Geschlecht verbunden erscheinen sollte.[19] Derschka bemerkt völlig zu Recht, dass bei den Klostergründungen Pirmins in Murbach und Hornbach der Hausmaier Karl Martell eben nicht mitgewirkt habe. Stattdessen erscheint im elsässischen Murbach noch 728 – also vier Jahre nach der Gründung Reichenaus – der merowingische König Theuderich IV. zusammen mit dem einheimischen Grafen Eberhard als Beteiligte am Gründungsakt. Sollte die Annahme Zettlers zutreffen, wäre noch zu klären, weshalb der amtierende König auf der Reichenau nicht anwesend war, wo doch die Klosterzelle angeblich auf merowingischem Fiskalgut errichtet wurde. Gegen die These, die Gründung der Reichenau sei ein durch und durch karolingisches Unterfangen, mit dem Ziel, einen Fuß in das Herz des alemannischen Herzogtums zu setzen, gewesen, spricht die spätere Memorierung gerade der einheimischen Herrschaftsträger. So fanden die beiden Brüder Theudebald und Lantfrid, Söhne des Herzogs Gotfrid, Einlass in das liturgische Gedenken des Reichenauer Verbrüderungsbuches, was eine wohlwollende Verbindung mit dem Inselkloster zweifelsohne voraussetzt.[20]

 

Sicherlich erfolgte die Gründung der Reichenauer Zelle in einem spannungsgeladenen politischen Umfeld mit ungewissen Machtverhältnissen. Allerdings war es erst nach der Zerschlagung des alemannischen Dukats im Jahr 746, als die beiden fränkischen Amtsträger Rudhart und Warin begannen, im Bodenseeraum die karolingischen Herrschaftsansprüche eines König Pippins durchzusetzen.[21]

 

Vor diesem Hintergrund erscheint es deshalb aus überaus plausibel, dass die Reichenauer Gründung unter Mithilfe der beiden Herzöge Lantfrid und Theudebald durch den Wanderbischof Pirmin stattfand. Zumindest die Bemerkung, dieser habe einen Schutzbrief an die Adresse Lantfrids erhalten, weist doch auf eine, wohl noch weitgehend vorhandene Herrschaftsvollmacht dieses schwäbisch-alemannischen Herzogs hin. Die Situation hat sich nach dem Feldzug Karl Martells gegen Herzog Lantfrid im Jahr 730, spätestens aber mit den mitunter martialisch „Blutgericht von Cannstatt“[22] genannten Ereignissen des Jahres 746, als das Herzogtum Schwaben, zumindest was die Machtausübung durch Stammesherzöge anbelangt, seine Selbständigkeit einbüßte, sicherlich geändert. Dies könnte somit auch der Zeitraum gewesen sein, als neben der merowingischen auch die schwäbisch-alemannische Vorgeschichte einer karolingischen damnatio memoriae zum Opfer fiel.

 

Aus der Chronik Hermann des Lahmen ist zu erfahren, dass Pirmin schon wenige Jahre nach seiner Gründung, wohl auf Veranlassung Herzog Theudeberts, von der Insel vertrieben wurde. Das selbe Schicksal sollte auch dessen Nachfolger Heddo ereilen, was in der Summe darauf hindeutet, in den beiden Äbten und ihrer Tätigkeit im Herzen Alemanniens einen unerwünschten fränkischen Einfluss zu sehen. In diesem Zusammenhang ist denkbar, dass eine Ablehnung der Reichenauer Äbte, sich dem benachbarten Bischofssitz Konstanz zu unterwerfen und stattdessen eine dezidierte Autonomität zu wahren, nicht im Interesse des schwäbisch-alemannischen Herrscherhauses stand.

 

Was nun den Untersuchungszeitraum dieser Arbeit anbelangt, so war das Inselkloster zu Beginn des neunten Jahrhunderts bereits als fränkisches Musterkloster etabliert. Die bekanntesten Äbte entsprangen dem Inselkloster selbst, bzw. stammten aus benachbarten Abteien, wie St. Gallen. Insbesondere Waldo (786-806), ein fränkischer Adliger aus dem Umfeld Karls des Großen, sowie Heito (806-823) erfüllten jene Scharnierfunktion zwischen Kirche und Politik, wie sie für das frühe Mittelalter nicht nur auf der Reichenau geradezu idealtypisch war. Unter Abt Erlebald (823-838) vollzog sich indessen eine innere Neuausrichtung des Klosters. Derschka spricht hier von einem Wechsel von einer reichskirchlichen (Heito) zu einer monastischen (Erlebald) Auffassung der Amtsführung.[23]

 

3.2 Ausbau des Inselklosters zu einem kulturellen Zentrum überregionaler Bedeutung

 

Das goldene Zeitalter der Abtei Reichenau beschränkte sich auf wenige Jahrzehnte an der Wende des achten zum neunten Jahrhundert. Verbunden mit diesem erwartungs-immanenten Begriff sind Namen, außer den schon genannten Waldo, Heito, Walahfrid Strabo, Reginbert vor allem auch jener, des Leiters der Klosterschule, Wetti, dessen Visionen zugleich eines der frühesten literarischen Dokumente des Inselklosters darstellen.[24] Nahezu zeitgleich mit der Niederschrift der Visio Wettini entstand mit dem Reichenauer Verbrüderungsbuch jenes Werk, welches in einmalig kompilierter Weise die ganze Breite der Verbindungen und Interaktionen mit anderen europäischen Klöstern dokumentiert. Basierend auf der Gebetsverbrüderung von Attigny aus dem Jahre 762, begannen auch die Klosterinsassen der Reichenau sukzessive Namenslisten jener Personen anzulegen, welche der Abtei wohlwollend zugeneigt waren um im Gegenzug geistliche auf Hilfestellung in Form von Gebeten und Fürbitten hoffen zu dürfen. Die entsprechende Kontakte erstreckten sich demnach von Bremen im Norden über die sächsischen Klöster hinunter ins Salzburgische Mondsee und Mattsee, um über Italien und die Provence einen Großteil des östlichen Franziens abzudecken.[25] Gleichzeitig mit dem Gebetsgedenken ging auch ein Austausch von Büchern, bzw. deren Abschrift einher, wurde Wissen transportiert, neue Ideen rezipiert und an anderer Stelle umgesetzt, wie auch so mancher Abt bei einem Wechsel des Klosters, seine Erfahrungswerte in der neuen Wirkungsstätte einzubringen vermochte. So berichtet Gallus Öhem, der Reichenauer Chronist des 16. Jahrhunderts, dass der Klostergründer Pirmin bei seiner Ankunft auf der Insel bereits 50 Bücher im Gepäck hatte. Wenngleich diese Zahl aus heutiger Sicht etwas übertrieben erscheint, so gewährt diese Aussage, unter Berücksichtigung der mutmaßlich westfränkischen Herkunft Pirmins, doch eine Ahnung von der Ausstattung dieser ersten Reichenauer Bibliothek. Allerdings muss der Bestand in der Folge zumindest so umfangreich gewesen sein, dass Bücher an befreundete Abteien bzw. Tochtergründungen geschickt wurden. Pirmins Nachfolger Eddo habe demnach diverse Codices in das rätische Pfäfers als auch das elsässische Murbach gesandt.[26] Im Gegenzug waren es die großen Reichsklöster Franziens, wie Tours und Saint Denis, welche der Reichenau Abschriften ihrer Werke überließen. Abt Erlebald und der Leiter der Klosterschule Wetti weilten in diesen Zentren der frühmittelalterlichen Wissensvermittlung und brachten von dort Abschriften von Codices mit auf die Bodenseeinsel.[27]

 

In einer Doppelfunktion zwischen klösterlichem Leben und Reichspolitik spielten die beiden genannten Äbte Waldo und Heito herausragende, wenn auch unterschiedliche Rollen. Waldo konnte bereits als Vertrauter Karls des Großen gelten, als jener in St. Gallen als Urkundenschreiber und Diakon wirkte. Dort im Jahre 782 zum Abt gewählt – allerdings unter sachtem Druck seitens Karl – wechselte Waldo schon wenige Zeit später auf die Reichenau, wo er Nachfolger des verstorbenen Abtes Petrus wurde.[28] Als vorrangige Aufgabe hingegen wurde Waldo von Karl die Erziehung seines Sohnes Pippin übertragen und vielleicht in diesem Zusammenhang auch der Bischofsstuhl im nun karolingischen, von den Langobarden eroberten Pavia bereitgestellt. Später sollte Waldo noch dem Bistum Basel vorstehen bevor er, wohl die Krönung seines Lebens, Abt im fränkischen Hauskloster St. Denis wurde.

 

Heito hingegen befand sich in noch unmittelbarerem Kontakt mit dem karolingischen Herrschaftshof. Als Teilnehmer der Aachener Konzilien und Gesandter Karls bei einer Reise an den Hof von Byzanz war es nicht zuletzt Heito, welcher neue Ideen und Impulse auf die Bodenseeinsel übertrug.[29] Nicht nur die, während den Aachener Synoden durch Benedikt von Aniane verbreitete Benediktsregel dürfte dem Reichenauer Abt vorgestellt worden sein, auch der Anblick byzantinischer Baukunst mag Eindrücke auf den Reisenden hinterlassen haben. Der Neubau des Inselklosters hat möglicherweise oströmische Vorbilder; allein die heute noch sichtbare Vierung mit ihren Gurtbögen beinhaltet Anklänge an die großen antiken Kirchen von Byzanz.

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Details

Title
Das Skriptorium der Reichenau
Subtitle
Kulturelles Leben im Geiste der karolingischen Renaissance?
College
University of Hagen  (Historisches Institut)
Grade
1,3
Author
Ralph Manhalter (Author)
Publication Year
2024
Pages
24
Catalog Number
V1609412
ISBN (eBook)
9783389153888
ISBN (Book)
9783389153895
Language
German
Tags
Kloster Reichenau Frühmittelalter Benedikt von Aniane Karolinger Geschichte Europa Karl der Große
Product Safety
GRIN Publishing GmbH
Quote paper
Ralph Manhalter (Author), 2024, Das Skriptorium der Reichenau, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1609412
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