Tatsächlich verfehlt der Begriff Vergangenheitsbewältigung die eigentliche Ausrichtung der intellektuellen Auseinandersetzung mit den Geschehnissen in Deutschland und dem restlichen Europa von 1933 - 1945. Vielfach gesellt sich dazu die Frage, wie Vergangenes bewältigt werden könne; also etwas, was längst der Vergangenheit angehört und von der eigenen Initiative nicht mehr zu erreichen ist. Und im Grunde hätte es eigentlich auch keiner Diskussion darüber bedurft (schon gar nicht in Deutschland vor und nach 1949), denn es mangelte nicht an Verbrechen - nur eben an den entsprechenden Tätern!
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriff Vergangenheitsbewältigung
3. Konzeption der Vergangenheitsbewältigung nach König
4. Die drei Phasen der Entnazifizierungspolitik in der SBZ
5. „Diktatur der Tugend“ als Vergangenheitsbewältigung
6. Form der Vergangenheitsbewältigung in der SBZ/DDR: Willkür oder Instrumentalisierung
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entnazifizierungspolitik in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und deren ideologische Einbettung in die spätere DDR. Dabei wird insbesondere die Forschungsfrage verfolgt, ob es sich bei dem Prozess um eine eigenständige, konsequente Aufarbeitung handelte oder ob die Entnazifizierung primär als Instrument zur Etablierung einer kommunistischen Herrschaft und zur Errichtung einer "Diktatur der Tugend" genutzt wurde.
- Analyse der theoretischen Konzepte von Vergangenheitsbewältigung (insb. nach Helmut König)
- Untersuchung der drei Phasen der Entnazifizierungspolitik zwischen 1945 und 1948
- Bewertung der Rolle des Antifaschismus als staatliche Legitimationsdoktrin der DDR
- Kritische Auseinandersetzung mit der These von Willkür versus Instrumentalisierung in der SBZ/DDR
Auszug aus dem Buch
3. Konzeption der Vergangenheitsbewältigung nach König
Grundlegend unterscheidet König vier Ebenen, die er für seine Konzeption der Vergangenheitsbewältigung benötigt: Ziel, Aufgaben, Ebenen und Akteure. Er verweist mit dieser Konzeption auf einen Mangel innerhalb der Wissenschaft, die den Begriff der Vergangenheitsbewältigung als unzulänglich ablehnt und damit eine Diskussion um die Arbeit mit dem Geschehenen abbremst und blockiert.
Als Ziel sieht er ein Unmöglichmachen der Vergangenheit durch eine „klare Vorstellung von den Ursachen und Funktionsweisen der Vergangenheit, deren fortwirkende Macht beendet werden soll“. Der Umfang der Aufarbeitung soll dabei abhängig sein von der Dauer und der Struktur des alten Regimes. Eine These, die nicht ganz unproblematisch ist, vergleicht man die Vergangenheitsbewältigung nach 1945 und nach 1989. Nach dieser These müsste also der Prozess in der Auseinandersetzung mit der so genannten zweiten deutschen Diktatur ungleich größer sein als die Diskussion über die NS-Herrschaft, die ja bis heute anhält. Folglich kann der Faktor Zeit und Dauer der Straftaten nicht der ausschlaggebende Punkt sein, sondern eher die Qualität der Verbrechen.
Die Aufgaben sind klar umrissen und beinhalten fünf Stationen: 1. Verbot der belasteten Organisationen; 2. Täterbestrafung; 3. Disqualifizierung belasteter Personen; 4. Rehabilitierung und Entschädigung der Opfer; 5. Öffentliche Diskussion über die Vergangenheit. König merkt dazu an, dass diese Aufgaben weit problematischer in die Praxis umzusetzen sind, als dies die theoretische Vorlage zunächst vermuten lässt. Selbst das Verbot der Organisationen, die die Herrschaft der beendeten Diktatur garantierten, kann nur so weit gehen, als dass man ihre Mitglieder bestraft. Des weiteren ergibt sich die Problematik, inwiefern Staatsbeamte zu bestrafen sind, die „lediglich“ an der Gesetzgebung beteiligt waren, nicht aber an den Straftaten selbst. Genau dieses Problem ist der eigentliche Kernpunkt innerhalb der Vergangenheitsbewältigung und hätte eine eigene Arbeit verdient.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Schwierigkeit des Begriffs der Vergangenheitsbewältigung und führt in die spezifische Problematik der Entnazifizierung in der sowjetischen Besatzungszone ein.
2. Begriff Vergangenheitsbewältigung: Dieses Kapitel diskutiert verschiedene Definitionsansätze und hebt das psychoanalytische Modell der Frankfurter Schule sowie die rechtsstaatliche Perspektive hervor.
3. Konzeption der Vergangenheitsbewältigung nach König: Hier wird Helmut Königs Modell vorgestellt, das Ziel, Aufgaben, Ebenen und Akteure unterscheidet, um eine strukturierte Analyse der Aufarbeitung zu ermöglichen.
4. Die drei Phasen der Entnazifizierungspolitik in der SBZ: Das Kapitel gliedert die Entnazifizierung in drei zeitliche Phasen von 1945 bis 1948 und thematisiert die ideologischen Zielsetzungen der sowjetischen Besatzungsmacht.
5. „Diktatur der Tugend“ als Vergangenheitsbewältigung: Der Autor erläutert hier, wie der Antifaschismus zur Staatsdoktrin wurde und als "Diktatur der Tugend" die Entnazifizierung als politische Instrumentalisierung ersetzte.
6. Form der Vergangenheitsbewältigung in der SBZ/DDR: Willkür oder Instrumentalisierung: In diesem Kapitel wird debattiert, ob die Säuberungen in der SBZ eher durch willkürliche Unterdrückung oder durch eine strategische Instrumentalisierung zur Herrschaftssicherung geprägt waren.
7. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass die Entnazifizierung in der SBZ nach anfänglicher willkürlicher "wilder Säuberung" in eine gezielte Instrumentalisierung im Rahmen der DDR-Staatlichkeit mündete.
Schlüsselwörter
Entnazifizierung, SBZ, DDR, Vergangenheitsbewältigung, Antifaschismus, Instrumentalisierung, Helmut König, sowjetische Besatzungsmacht, Diktatur der Tugend, politische Säuberung, Kollektivschuld, SED, Herrschaftsinstrument, NS-Vergangenheit, Transformation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Entnazifizierung in der sowjetischen Besatzungszone (SBZ) und analysiert, wie dieser Prozess in die politische Identitätsbildung und Herrschaftssicherung der späteren DDR eingebettet wurde.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Konzeptionen der Vergangenheitsbewältigung, die Umsetzung der Entnazifizierung in drei Phasen sowie die ideologische Funktion des "Antifaschismus" als staatliche Doktrin.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es zu klären, ob die Entnazifizierung in der SBZ als ein zielgerichteter, eigenständiger Prozess zur Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit oder primär als Machtinstrument der kommunistischen Führung zur Errichtung einer zweiten Diktatur diente.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor stützt sich auf eine theoretische Fundierung durch politikwissenschaftliche Modelle (insb. Helmut König) und wertet historische Fachliteratur sowie zeitgenössische Konzepte zur Einordnung der Entnazifizierungspolitik aus.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die drei Phasen der politischen Säuberung, diskutiert die Definitionsunterschiede bei "Vergangenheitsbewältigung" und beleuchtet die spannungsreiche Debatte über Willkür versus Instrumentalisierung in der DDR.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe umfassen Entnazifizierung, Antifaschismus, Instrumentalisierung, SBZ/DDR, Kollektivschuld und die Theorie der Vergangenheitsbewältigung.
Was unterscheidet die ostdeutsche von der westdeutschen Entnazifizierung laut der Arbeit?
Die Arbeit betont, dass in der SBZ die ökonomische Umgestaltung und die Instrumentalisierung des Antifaschismus im Vordergrund standen, während im Westen (anfangs) stärker rechtsstaatliche und verwaltungstechnische Prozesse dominierten.
Welche Rolle spielt der Begriff „Diktatur der Tugend“?
Der Begriff beschreibt die pädagogisch geprägte, totalitäre Form der Erinnerungspolitik in der DDR, bei der die Staatsdoktrin des Antifaschismus dazu diente, das Volk zu erziehen und den Alleinvertretungsanspruch des Staates zu untermauern.
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- Magister Artium Yves Dubitzky (Author), 2003, Die Entnazifizierung in der Sowjetischen Besatzungszone, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/160713