Die jahrhundertelange Uneinigkeit zwischen evangelischer und katholischer Theologie dar-über, welche Rolle die guten Werke im Heilsgeschehen einnehmen, ob, wie es die reformato-rische Tradition lehrt, eine Rechtfertigung aus Werken grundsätzlich ausgeschlossen ist oder, so die Ansicht der katholischen Lehrtradition, ob der Christ durch gute Werke seine Seligkeit und Rechtfertigung im Endgericht verdienen muss, bleibt trotz einiger Versöhnungsversuche bestehen. Dieser Streitpunkt hat seine Ursprünge nicht zuletzt in dem widersprüchlichen Zeugnis der Paulusbriefe. Der Apostel Paulus, der als erster den Glauben der Gemeinde theo-logisch hinterfragt und reflektiert hat, scheint uns eine unauflösbare Antinomie hinterlassen zu haben, wenn er einerseits schreibt: „Denn wir urteilen, dass der Mensch durch Glauben gerechtfertigt wird, ohne Gesetzeswerke.“ (Röm 3,28); „Denn Gottes Gerechtigkeit wird darin offenbart aus Glauben zu Glauben, wie geschrieben steht: 'Der Gerechte aber wird aus Glau-ben leben'.“ (Röm 1,17); „Da wir nun gerechtfertigt worden sind aus Glauben, so haben wir Frieden mit Gott durch unseren Herrn Jesus Christus, durch den wir im Glauben auch Zugang erhalten haben zu dieser Gnade, in der wir stehen (…).“ (Röm 5,1f.); andererseits findet man bei ihm folgende Aussagen: „Denn wir müssen alle vor dem Richterstuhl Christi offenbar werden, damit jeder empfange, was er durch den Leib vollbracht, dementsprechend, was er getan hat, es sei Gutes oder Böses.“ (2. Kor 5,10); „Nach deiner Störrigkeit und deinem un-bußfertigen Herzen aber häufst du dir selbst Zorn auf für den Tag des Zorns und der Offenba-rung des gerechten Gerichtes Gottes, der einem jeden vergelten wird nach seinen Werken.“ (Röm 2, 5f.). Es scheint so, als wäre sich Paulus dieser Widersprüche nicht bewusst oder als hätte er einen Ausgleich nicht für notwendig empfunden. Das überrascht, da diese Frage zent-ral für jeden Christen ist; denn jeder muss sich ja schließlich vor dem Letzten Gericht verant-worten – um aber im Gericht bestehen zu können, muss man wissen, was der Maßstab dieses Gerichts ist! Erst wenn ich es weiß, kann dieser Maßstab auch der Maßstab meiner ethischen Orientierung und meines Lebens sein.
Folgende Arbeit beschäftigt sich mit diesem Widerspruch und versucht, eine Antwort darauf zu finden, ob der Christ letztendlich nach guten Werken streben muss, um die Seligkeit zu empfangen, also: „Inwiefern kann das Gericht nach den Werken der Maßstab der christlichen Ethik sein?“
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
I. Der neutestamentliche Befund
a) Rechtfertigung aus Glauben
b) Gericht nach den Werken
c) 1. Kor 3,10-15
d) Das Verhältnis zum Judentum und zu der Lehre Jesu
e) Rück- und Vorausblick
II. Die Analyse
a) Die Interpretation in der Forschung – zwei Grundmuster
b) Πίστις bei Paulus – vertikale Dimension
c) Πίστις bei Paulus – horizontale Dimension
d) Rückblick
e) Kein Gegensatz zwischen Rechtfertigung und Gericht?
Ergebnis und Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den theologischen Widerspruch zwischen der paulinischen Lehre der Rechtfertigung allein aus dem Glauben und der gleichzeitigen Ankündigung eines Endgerichts, das den Menschen nach seinen Werken beurteilt. Ziel der Forschungsarbeit ist es, zu klären, inwiefern ein solches Gericht als Maßstab für die christliche Ethik dienen kann, ohne die reformatorische Gnadenlehre zu entwerten.
- Das spannungsreiche Verhältnis von Rechtfertigung und eschatologischem Gericht bei Paulus.
- Exegetische Analyse zentraler Bibelstellen (u.a. Röm, 1. Kor).
- Vergleich der paulinischen Theologie mit jüdischen Traditionen und der Lehre Jesu.
- Untersuchung der Bedeutung des Glaubens als vertikale und horizontale Dimension.
- Klärung der Rolle des "Abfalls" vom Glauben und der ethischen Verantwortung des Christen.
Auszug aus dem Buch
b) Gericht nach den Werken
2. Kor 5,10 ist Teil der ersten Apologie des paulinischen Apostolats. Hier beschreibt Paulus das Wirken der göttlichen Kraft, das sich besonders in der Schwachheit offenbart. Das Thema des Verses knüpft an den im Vers 9 beschriebenen Streben danach, dem Herrn zu gefallen und begründet dies, indem es das eschatologische Gericht nach den Werken den Lesern vor den Augen führt. In diesem Gericht wird über das Heil oder Verdammung des Einzelnen entschieden, der Maßstab des Gerichts ist unser gegenwärtiges Leben. In diesem Gericht werden primär alle Christen gerichtet, also auch Paulus und seine Widersacher. Ort der Gerichtsentscheidung ist der Richterstuhl Christi, vor dem jedes verborgene Wort oder jede verborgene Tat offenbart werden. Daraufhin erhält jeder den Lohn dafür, je nachdem, ob er Gutes oder Böses getan hat. Wie sich jedoch dieses Urteil auf den Gerichteten auswirkt, erläutert Paulus nicht näher.
Röm 2,5f. gehört zum zweiten Abschnitt des Römerbriefes, der die Universalität der Sünde zum Ausdruck bringt. Im ersten Unterteil, zu dem auch diese Verse gehören, beschreibt Paulus Gottes Zorn über alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit der Menschen. Er konfrontiert den sündigen Menschen mit dem Endgericht Gottes, in dem jeder Mensch nach seinen Werken gerichtet wird. Paulus stellt den Juden dem Heiden gleich, sie werden beide verurteilt, da sie gesündigt haben. Die Kenntnis des Gesetzes hilft dem Juden nicht, denn auch die Heiden sind im Stande, durch die natürliche Erkenntnis das Gesetz zu erkennen.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Umreißt die unauflösbare Antinomie in den Paulusbriefen zwischen Rechtfertigung aus Glauben und dem Gericht nach den Werken, die eine zentrale Herausforderung für das christliche Leben darstellt.
I. Der neutestamentliche Befund: Untersucht exegisch Schlüsselstellen wie Röm 1,17, Röm 3,28, 2. Kor 5,10 und 1. Kor 3,10-15 im Kontext des Judentums und der Lehre Jesu.
II. Die Analyse: Analysiert verschiedene Forschungsansätze, differenziert den Begriff Πίστις (Glaube) in vertikale und horizontale Dimensionen und diskutiert das Konzept der "partizipationistischen Eschatologie" bei E.P. Sanders.
Ergebnis und Zusammenfassung: Kommt zu dem Schluss, dass der Glaube das Fundament darstellt, aber im Leben des Christen im Gehorsam gegen die Sünde bewährt werden muss, wobei das Gericht nach den Werken die ethische Orientierung mahnt.
Schlüsselwörter
Paulus, Rechtfertigung, Glaube, Gericht nach den Werken, Gnade, Ethik, Eschatologie, Heilsgewissheit, Sünde, Christus, Bibel exegese, Apostolat, Korintherbrief, Römerbrief, Partizipation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der theologischen Spannung bei Paulus zwischen der Rechtfertigung allein durch den Glauben und der Ankündigung eines göttlichen Gerichts, das den Menschen nach seinen Taten beurteilt.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Rechtfertigungslehre, die paulinische Eschatologie, die Bedeutung christlicher Ethik und das Verständnis von Glauben als Lebensvollzug.
Was ist die Forschungsfrage?
Die Kernfrage lautet: „Inwiefern kann das Gericht nach den Werken der Maßstab der christlichen Ethik sein?“
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die historisch-kritische Exegese neutestamentlicher Texte sowie eine theologische Analyse und Diskussion bestehender Forschungsmeinungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine exegische Untersuchung der relevanten Bibelstellen und eine anschließende systematische Analyse der Forschungsdebatte und des paulinischen Glaubensbegriffs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Rechtfertigung, Gericht, Glaube, Paulus, Gnade und christliche Ethik sind die maßgeblichen Begriffe dieser theologischen Untersuchung.
Wie unterscheidet der Autor zwischen der vertikalen und horizontalen Dimension des Glaubens?
Die vertikale Dimension beschreibt die persönliche Gottesbeziehung und das Geschenk der Rechtfertigung, während die horizontale Dimension das konkrete christliche Handeln gegenüber Mitchristen und der Gemeinde thematisiert.
Welche Bedeutung kommt dem Ansatz von E.P. Sanders zu?
Sanders liefert mit seinem Konzept des „getting in“ (Eintritt in das Heil) und „staying in“ (Bewährung im Heil) ein wichtiges Modell, um das Gericht nach den Werken ohne Widerspruch zur Rechtfertigungslehre zu verstehen.
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- Paula Svoboda (Author), 2010, Das Gericht nach den Werken als Maßstab der christlichen Ethik, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/160577