Eines der bisher ungelösten Rätsel der Antike, die piktografische Inschrift auf dem Diskos von Phaistos, ist jetzt entziffert und ins Deutsche übersetzt.
Immer wieder haben Gelehrte und andere Autoren unter zum Teil komplizierten, fantastischen oder ganz abwegigen Aspekten Deutungen angeboten. Einige kamen der richtigen Deutung recht nahe, wurden dann aber von ihrer eigenen Theorie ins Abseits verleitet.
Trotz mehrerer noch vorhandener Lücken in der Entschlüsselung ergab sich zweierlei: Der Text hat, wie aus der Struktur erkennbar ist, mythischen oder religiösen Inhalt und er ist in einer, wenn auch sehr frühen griechischen Sprache abgefasst.
Ich lade Sie nun ein, mit mir Schritt für Schritt den Weg zur Übersetzung nachzuvollziehen und nur mithilfe eines griechisch-deutschen und ergänzend mit einem etymologischen Wörterbuch zu erleben, wie sich der Inhalt des Textes mit allbekannten Topoi zum Ganzen fügt, sodass an der Richtigkeit der Deutung kein Zweifel bleibt.
Über den Autor:
Helmut Jürgen Pitsch, geboren am 6. August 1934 in Berlin-Lichterfelde-West. Abitur am Kant-Gymnasium in Berlin-Spandau, dann Studium in Berlin und Tübingen: Germanistk, Klassische Philologie, Alte Geschichte. Staatsexamen, Studienreferendariat in Reutlingen und Rottenburg bis zum Assessor. Danach Studium der Ägyptologie in Tübingen, Arbeiten an einer Dissertation und wissenschaftliche Publikationen in Fachzeitschriften. Während der Zeit Reiseführungen in Ägypten, Teilnahme an Ausgrabung in Luxor/Ägypten, außerdem an einer Grabung in Rottenburg a. Neckar.
I. Deutungskriterien für den Diskos von Phaistos
5.1 Eigene Methode mit formalen und sachlichen Kriterien
5.2 Eigene Methode mit konkreten Ergebnissen zur Übersetzung
6. Nach diesen
7. Wiedergabe grammatischer Formantien
8. Zum Seitentausch contra Godart
II. Teil: Der Text des Diskos von Phaistos
I. Analyse des Textes.
1. Entsprechung von (Godarts) Zahlencode und Silben
2. Bisher erschlossene und unerschlossene Silbenzuweisungen
3. Pictogramme und Lautung
III. Teil: Anmerkungen
IV. Teil: Anhang
I Das Fragment eines Diskos aus Vladikavkaz
II. Zeilen mit Sela (Insgesamt 18, A=9, B=9)
III. Szenerie des Rituals
V. Teil: Abbildungsverzeichnis
1. Abbildungen
2. Herkunft der Abbildungen
I. Deutungskriterien für den Diskos von Phaistos
1. Einleitung
Nachdem im Jahre 1908 das Grabungsteam des Archäologen Pernier in einem älteren Teil des minoischen Palastes von Phaistos eine runde, mit eingestempelten Piktogrammen versehene Tonscheibe gefunden hatte, wurde immer wieder versucht, die Zeichen dieses ‚Diskos von Phaistos‘ zu dechiffrieren und die von ihnen vermittelte Botschaft zu entschlüsseln. Das geschah auf unterschiedlichsten Wegen mit zum Teil intellektuell aufwendigen, gelegentlich aber auch recht phantasievollen und abwegigen Hypothesen. Sogar eine Dissertation mit einer Deutung wurde über den Diskos verfasst1
Zu den am ehesten noch als wahrscheinlich zu erachtenden Deutungen gehört zum Beispiel die von Kjell Aartun, der davon überzeugt war, dass dem Text eine semitische Sprache zugrunde liege2 Er las die Zeichenfolgen rückwärts und gewann damit grammatische Formantien, die ihm zu einer lückenlosen Übersetzung verhalfen, die allerdings einen ziemlich abstrusen Inhalt ergab.
In letzter Zeit hat dann Gareth Alun Owens3 Silben der Linear A Schrift für die Pictogramme eingesetzt und mit seinem Ergebnis, das er öffentlich vortragen ließ, viel Zuspruch geerntet. Eine Übersetzung hat er jedoch nicht angeboten.
Ein Kernsatz der Linguisten lautet: Ohne zu wissen, welche Sprache zugrunde liegt, lässt sich kein Text entziffern. „Die Faszination des Diskosrätsels führte zu zahllosen Bemühungen, sein Geheimnis zu lüften. Eine Schrift kann jedoch unmöglich zufällig durch Ausprobieren entziffert werden. Würde zum Beispiel entsprechend Linear B von mindestens sechzig verschiedenen Silbenwerten ausgegangen, so ergäben sich bereits über 10 verschiedene Zuordnungsmöglichkeiten von Silbenwerten zu den 45 Diskoszeichen“4.
Deshalb konnte bis jetzt keine überzeugende Lösung angeboten werden. Es gab zwar Vermutungen, die in die richtige Richtung wiesen. Der wahre Inhalt des Textes ist aber bis heute ein Rätsel geblieben.
Dennoch kann manchmal gründliche Kenntnis des Kontextes, ein weitgefächertes Hintergrundwissen (in Archäologie, Geschichte, Mythologie und Sprachen), letztlich auch eine zündende Intuition von Nutzen sein, womit von vorn herein allzu Abwegiges ausgeschlossen wird, um den richtigen Einstieg zu finden.
Da Pernier selbst bei der Entdeckung des Diskos nicht zugegen war, musste jedoch auch in Betracht gezogen werden, dass es sich bei dem Artefakt um eine Fälschung handeln könne, zumal es aus dem Altertum bis zu seiner Zeit kein vergleichbares zweites Exemplar dieser Art gab.
2. Vergleichsobjekte
Jetzt aber scheint ein vergleichbares Objekt gefunden worden zu sein. In einer der letzten Folgen der Luwian Studies5 ist das Fragment eines Diskos in einer Umzeichnung abgebildet. Auch eine Abbildung des Fragments habe ich im Internet gefunden, allerdings ohne Quellenangabe der Publikation. Auf diesem Fragment finden sich nicht nur einzelne gleiche Pictogramme wie auf dem Diskos von Phaistos, sondern sogar gleiche Sequenzen, allerdings nicht gestempelt. sondern eingeritzt und von nur mäßiger Genauigkeit.
Seltsamerweise aber ist dieses unmittelbare Parallelobjekt dessen Pictogramme nicht nur weitaus ähnlicher sind als etwa die Zeichen auf der Axt von Arkalochori6, sondern geradezu identisch mit den Zeichen auf dem Diskos von Phaistos, meines Wissens bisher keiner Beurteilung unterzogen worden, außer vielleicht in einer kürzlich erschienenen Publikation, die mir als Ganzes leider gegenwärtig nicht zugänglich ist. Zu dieser Arbeit gibt es als Anhang B zu einer Abhandlung des Autors Thomas Berres ein Abstrakt über dieses Diskosfragment7
Ob oder in wie weit Berrer dazu Stellung genommen hat, ist mir unbekannt, und wieso das Fundstück anderweitig kein Echo hinterlassen hat, mag vielleicht daran liegen, dass es aus aus Vladikavkaz in Nordossetien/Alanien stammt, aus einer Gegend, die weit entfernt ist von Kreta und seinem kulturellen Umfeld. Immerhin kann dieses Parallelstück ein Beleg dafür sein, dass der Diskos von Phaistos keine moderne Fälschung ist; denn warum sollte man eine Fälschung kopieren? Um ihn zu kopieren, musste dieser Diskos bereits vorhanden gewesen sein. Er selbst könnte allenfalls eine bereits in der Antike angefertigte Fälschung sein, es sei denn man wolle den Archäologen Pernier verdächtigen. Meine von mir im weiteren Verlauf dieser Abhandlung vorgenommene Analyse und Übersetzung des Diskostextes aber wird ergeben, dass ein solcher Verdacht unbegründet ist.
Das Fragment von Vladikavkaz andererseits aber wirkt wie eine schlechte Fälschung, worauf auch die merkwürdigen Fundumstände und das letztliche Verschwinden des Objekts schließen lassen. Wie nämlich in dem erwähnten Abstrakt mitgeteilt ist, wurde das Fragment 1992 im Keller eines Hauses in Vladikavkaz gefunden. Es besteht aus hellbraun gefärbtem Ton, das ergänzt eine Scheibe von 10 cm im Durchmesser ergeben würde. Im Gegensatz zur Phaistos-Scheibe, die auf beiden Seiten mit gestempelten Zeichen versehen ist, wurde das Vladikavkaz-Fragment von Hand und nur auf einer Seite graviert. Auf der unbeschrifteter Rückseite sei dagegen, wie in dem Abstrakt beschrieben, noch der Abdruck einer ‘Planke‘ sichtbar. Dieser Abdruck könnte offenbar von der Unterlage stammen, auf der das Stück geformt wurde. ein Hinweis darauf, dass das Objekt kein Pendent ist, sondern als Kopie angefertigt wurde. Dieses anscheinend als historisches Artefakt betrachtete Objekt sei dann von seinem anonymen Entdecker in das Museum der Republik Nordossetien gebracht worden, wo es aber seit 2001 verschwunden ist. Diese Umstände sind für mich ein Beleg dafür, dass es sich nicht um ein antikes Fundstück, auch nicht um eine Kopie, sondern um eine schlechte Fälschung handelt, die nach dem Vorbild des Diskos von Phaistos absichtlich in dem jetzigen Zustand als Fragment angefertigt wurde, vielleicht um es als originales Pendent oder als Souvenir zu verkaufen.
Gefunden wurde dort ebenfalls ein Ring auf dem eine genaue verkleinerte Kopie einer der beiden Seiten des Diskos von Phaistos eingeritzt ist. Auch dieser Ring wurde offenbar erst in heutiger Zeit nach dem Vorbild angefertigt8. Beide Objekte, das Diskosfragment und der Ring sind also wohl moderne Artefakte, hergestellt von einem Menschen, der das Original im Museum von Heraklion gesehen hat. Die Inschrift des Fragments weist Pictogrammsequenzen auf die mit denen auf dem Phaistosdiskos identisch sind, jedoch keinen sinnvollen Zusammenhang haben.
3. Zeitliche Einordnung
Auf Grund des archäologischen Kontextes wurde vermutet, dass der Diskos in der Zeit von 1650 bis 1600 v. Chr. angefertigt wurde.
Vier bildliche Parallelen aber grenzen den Zeitraum ein.
Da ist zunächst das Pictogramm des Männerkopfes mit der Stachelfrisur zu nennen. Was diese Stacheln wiedergeben sollen, ist wohl bisher nicht geklärt. Es könnten Federn sein wie an den Hauben der Indianerhäuptlinge, oder Rosshaare, wie die Helmbüsche bei den klassischen Griechen, oder auch nur gebündeltes und gefestigtes Haupthaar. Parallelen dafür soll es bei den Lykiern gegeben haben. Bildlich Vergleichbares findet sich in den Darstellungen der Seevölker, speziell der Philister im Totentempel Ramses III. zu Medinet Habu9. Allerdings tragen diese Krieger einen Helm, nicht aber das Pictogramm oder das ähnliche Zeichen auf der Axt von Arkalochori. Gemeint zu sein scheint hierbei eher eine Stachelfrisur. Trotzdem könnte sie aus dem gleichen kulturellen und zeitlichen Umfeld stammen und die Scheibe daher in der Zeit der Seevölker, also um 1200 entstanden sein.
Einen deutlicheren Hinweis zur zeitlichen Einordnung kann außerdem das Pictogramm eines kahlköpfigen Mannes mit einem merkwürdigen Tatoo unterhalb des Ohres in Form einer Acht geben. Es erinnert an Daratellungen auf griechischen Vasen, einen Wandfries im Palast von Knossos, oder an die Umrandung auf dem Sarkophag von Agia Triada. Sowie die achtförmigen Schilde mykenischer Krieger10. Der Diskos dürfte folglich, obwohl der Fundort einer früheren Epoche angehört, aus der Zeit des neuen Palastes, also aus der Zeit nach der Zerstörung der minoischen Bauten, nach 1450 stammen. Im Übrigen gehört der Mann wohl derselben Bevölkerungsgruppe an wie die Stachelköpfe, nämlich den Philistern; denn im Alten Testament der Bibel heißt es, dass die Philister aus Kaphthor (Kreta) stammen11.
Ein weiteres Pictogramm findet sein Pendent in der recht ähnlichen Form einer Darstellung auf der schmalen Fußseite am Sarkophag des Ahiram aus Byblos12. Dort sind als Relief vier Frauen dargestellt, von denen zwei die Arme zum Klagegestus erhoben haben. Sie gleichen dem Pictogramm einer Frau auf dem Diskos, unterscheiden sich jedoch von diesen durch ihre Haarfrisur. Die stilistische Ähnlichkeit besagt sicherlich nichts über die Herkunft des Diskos, weist aber auf einen epochalen Rahmen der Entstehung, nämlich um 1000 vor unserer Zeitrechnung.
Einen vierten deutlichen Beleg sehe ich dagegen in einer Parallele zu dem Pictogramm eines fliegenden Raubvogels. Ein ebenso gestalteter Vogel ist auf dem Schild des dreileibigen Geryon, gegen den Herakles in einer mythologischen Szene kämpft, auf einer attischen Vase abgebildet13. Diese Darstellung stammt aus der Zeit der griechischen Klassik um 500 vor unserer Zeitrechnung.
Im Gegensatz zu Godart,14 der zu dem Ergebnis gelangt ist, dass der Diskos „chronologisch in die Zeit zwischen 1550 v. Chr. und dem Ende des 13. Jahrhunderts v. Chr. einzuordnen ist“, meine ich aufgrund der genannten Argumente, dass sich die Entstehung des Diskos auf die Zeit zwischen 1000 und etwa 900 eingrenzen lässt, und zwar auf einen griechisch geprägten Raum, jedoch bevor die griechische Alphabettschrift in Gebrauch kam.
4. Entschlüsselung
4a. Sittigs erste Annahme
Meine erste Begegnung mit den rätselhaften Bildzeichen auf der runden Tonscheibe vermittelte mir das Sachbuch, ‚Göttlich aber war Kreta‘ von Hans Pars15. Darin erwähnt der Autor Pars die Erschließungsversuche des Altphilologen Ernst Sittig,16 die dieser im Jahre 1955 kurz vor seinem Tode unternommen hatte, seine Arbeit jedoch nicht mehr vollenden und somit auch seine Erkenntnisses nicht mehr publizieren konnte. Sittig hatte vermutet, dass die zu Grunde liegende Sprache Griechisch sei. Durch die Entzifferung nach der von ihm angewandten Methode, seien, wie Pars schreibt, „von insgesamt 45 Silbenzeichen 32 lesbar geworden“. Was die Sprache betrifft, so war ich schon damals der Meinung, dass Sittigs Vermutung die einzig richtige sei, um zu einer Lösung zu gelangen. Einige seiner Wortdeutungen dagegen überzeugten mich aber gar nicht.
Trotzdem versuchte ich mit Hilfe seiner wenigen gedeuteten Passagen selbst Wörter zu erschließen. Ich ging dabei von derselben Voraussetzung aus wie Sittig, der viele Täfelchen mit Linear B Texten übersetzt hatte, deren Sprache bereits von Michael Ventris17 definitiv als ein Griechisch aus mykenischer Zeit identifiziert worden war. Da der Diskos im Palast von Phaistos auf Kreta gefunden worden war, konnte Sittig vermuten, dass der Text auf dem Diskos die gleiche Sprache enthalte, nämlich ein Uralt-Griechisch, zumindest aber die gleiche Struktur aufweise.
Die Struktur der Schrift aber stammt aus einer nicht-indoeuropäischen Sprache. Unmittelbares strukturelles Vorbild dafür bietet die Schreibweise sumerischer und akkadischer Texte, nämlich eine Silbenschrift18,, bei der jeweils ein Konsonant mit einem Vokal verbunden ist, wie ebenso nach Sittigs Erkenntnis auch der Text auf dem Diskos, nur eben in Form von Bildzeichen.
4b. Sittigs zweite Annahme
Außerdem aber war Sittig der Meinung, dass die ersten Buchstaben der den Pictogrammen zugrundeliegenden Begriffe als Akrophone für die Silbenlaute verwendet wurden. Nur Karl Decker19 hat später, soweit mir bekannt ist, die Gedanken Sittigs wieder aufgegriffen und angeregt durch dessen Verfahren versucht, den Text mit Hilfe der Akrophonien zu erschließen, ein Unternehmen, das sein Neffe Burkhard Schmanck fortführte aber keine Übersetzung daraus gewinnen konnte.
4c. Meine Begrenzung
Ich wälzte deshalb mein zerschlissenes (alt)griechisch-deutsches Wörterbuch von Jakobitz und Seiler20 auf der Suche nach Begriffen für die in den pictographischen Wortsequenzen dargestellten Bilder und Zeichen. Doch die Ergebnisse waren enttäuschend. Immer wieder stimmten Bild und der als Akrophon benützte Begriff nicht überein. Viele der von mir und anderen Autoren ermittelten, aber auch einige der schon von Sittig angegebenen Silbenlaute entsprachen nicht den Lautwerten der Begriffe für die dargestellten Menschen, Tiere und Gegenstände. Sollte dem Text doch nicht Griechisch, sondern eine andere Sprache zugrunde liegen? Sollten daher zumindest die Laute der Begriffe nicht aus dem Griechischen stammen, sondern aus einer anderen Sprache übernommen, etwa pelasgischer oder luwischer Herkunft sein?
Deshalb hatte ich damals meine Versuche, den Text zu entschlüsseln aufgegeben, zumal ich mit der anscheinend schlüssigen Übersetzung von Kjell Aartun21 bekannt wurde. Seine Entzifferung war mir so pausibel erschienen, dass ich jeden anderen Ansatz für verschwendete Zeit und vergeblich investierte Mühe erachtete.
Da der Sinn des Textes unbekannt war, beschränkte ich mich darauf, zunächst seine Komposition einer gründlichen formalen Analyse zu unterziehen und stellte, wie auch einige andere Autoren fest, dass es sich um eine kunstvolle Struktur handelt. Ein prosaischer Inhalt, wie der eines Vertrages, einer Aufzählung von Landesteilen, einer Liste oder dergleichen, wie einige vermutet hatten, konnte von vornherein ausgeschlossen werden22. Zugrunde liegen musste, wie sich erkennen ließ, ein poetischer Inhalt in Form von Versen mit Rhythmen, Alliterationen, Rückbezügen in der Wortwahl und vielleicht sogar mit einer Metrik, wie sie uns in den Chören der griechischen Tragödie, überliefert ist, etwa mit den Stasima in der Antigone des Sophokles. Zumindest die mit A bezeichnete Seite des Textes weist die Form eines Hymnos23 auf, die Seite B dagegen eine episch erzählende Form.
Allein die Struktur des Textes, ohne vom Inhalt etwas zu verstehen, weist auf einen kultischen Text, etwa ein Ritual, das vielleicht psalmudiert oder sogar mit Musikbegleitung gesungen wurde. Darauf deuten anscheinend die schrägen Strichmarkierungen am Fuß einiger Pictogramme, die mit dem hebräischen Wort ’Sela‘ in den Psalmen, einem Kennzeichen für den Einsatz von Flöten- oder Harfenbegleitung, verglichen worden sind24.
Ich habe damals das Beziehungsgeflecht in einer Tabelle mit Verbindungslinien und verschiedenen Farben angefertigt. Eine strukturelle Untersuchung bildet jedoch ein eigenes Thema für eine umfänglichere Abhandlung. In der vorliegenden Abhandlung dagegen ist es mein Ziel, zunächst eine glaubhafte Übersetzung zu liefern.
Erst, als mir im Jahr 2021 bei Recherchen zufällig als ein vergleichbares Objekt, das Fragment eines Diskos aus Vladikavkaz in Nordossetien/Alanien25 begegnete, nahm ich meine Beschäftigung mit der Erschließung des Diskos von Phaistos wieder auf.
5. Eigene Methode
5.1 Eigene Methode mit formalen und sachlichen Kriterien
Im Unterschied zu der Methode Sittigs, nämlich zu versuchen, mit Hilfe akrophoner Silben, mit Silben also, die den Anlaut der in den Pictogrammen dargestellten Begriffe wiedergeben, zu versuchen, auf induktivem Wege Wörter zu finden, und zwar in Analogie zu der syllabaren Schreibweise von Linear B und deren Vorbild in sumerisch-akkadischen Texten, habe ich, ohne die Bezeichnung der dargestellten Begriffe zu berücksichtigen, deduktiv mit Hilfe des von Godart den einzelnen Silben zugewiesenen Zahlencodes, Silben, wie bei einem Zahlenrätsel, in die von Sittig und anderen Autoren bereits erschlossenen Silben eingesetzt und damit in alternierendem Verfahren Wörter gewonnen, die ich unter Berücksichtigung der Entwicklung, wie sie in der späteren alphabetischen griechischen Lautschrift hin zur klassischen Lautung vollzogen wurde, im Griechischen Wörterbuch aufsuchte. Dabei ergaben sich zu meinem Erstaunen Motive aus dem Demetermythos, wodurch die Annahme, dass die zu Grunde liegende Sprache griechisch sei, eine weitere Bestätigung fand. Zur Überprüfung meiner Ergebnisse zog ich aber zusätzlich das ‘Griechische Etymologische Wörterbuch‘ von Hjalmar Frisk26 zu Rate.
Die Lautung der Pictogramme, so erwies sich aber dabei, konnte nicht von Begriffen in griechischer Sprache stammen, sondern musste von Begriffen aus einer fremden, etwa der luwischen oder einer anderen aegaeischen Sprache übernommen worden sein, ebenso, wie die gesamte Phonetik, die letztlich semitischer Herkunft ist.
Die Entzifferung der Pictogramme ergab, wie bereits gesagt27 eine Silbenschrift, in der jeweils ein Konsonant mit einem Vokal verbunden ist, wie in sumerischen und akkadischen aber auch in Linear B-Texten, deren Sprache bereits als ein Griechisch aus mykenischer Zeit identifiziert worden war.
Die Silben der Pictogramme geben zwar den grammatischen Wechsel des Stammvokals eines Wortes wieder, nicht aber die eigentliche Endung. Der Sinnzusammenhang bleibt daher defektiv. Syntaktische Bezüge eines Geschehens sind nicht unmittelbar erkennbar, weil Genitiv- und Akkusativ-Endungen fehlen, womit die grammatikalischen Beziehungen definiert werden, aber auch, weil der Text vorwiegend, besonders auf der mit A bezeichneten Seite, nicht aus fortlaufenden Sätzen besteht, sondern aus Epiklesen, die in der Form mit dem apostolischen Glaubensbekenntnis28 vergleichbar sind. Erst im Gesamtzusammenhang wird daher deutlich, ob eine Person aktiv in einem Geschehen handelt oder passiv von dem Geschehen betroffen ist.
Trotz verbleibender Rätsel, was die Akrophonie betrifft, und obwohl sogar der Lautwert einiger Zeichen noch ganz unbekannt ist und andere unsicher sind, wie aus der Zeichenliste zu sehen ist29, trotz verbleibender Zweifel daher an der Genauigkeit oder sogar Richtigkeit der Übersetzung und einiger ungelöster Passagen, ist eines unwiderlegbar sicher: der Text ist in griechischer Sprache verfasst, allerdings in einer Frühform. Fast alle Wörter konnte ich im Wörterbuch des klassischen Griechisch wiederfinden. Ein Teil des erschlossenen Textes, so zeigte sich, bezieht sich auf den griechischen Demetermythos. Als Protagonistin wird jedoch nicht Demeter genannt, sondern Atana. Atana, das ist die spätere Athene der klassischen Epoche.
Atana aber war in ihren Aspekten weit umfassender als die spätere Athene. Sie war Atana potnia, die Herrin Atana, wie sie in einen Linear B Text genannt wird30, und sie war Gebärerin der Demeter, der Grünenden, Mutter Erde, Aja oder Gaia, die Urschöpferin Erde. Sie umfasste die Eigenschaften dere späteren Göttinnen Athene, Artemis, Hekate, Aphrodite. Sie war gewiss die auf Kreta verehrte, in aufgefundenen kleinen Plastiken dargestellte Göttin, die je eine Schlange in er rechten und in der linken Hand hält. Merkwürdigerweise findet sich gerade die wichtige Zeichensequenz ‘Atana mekara’31 auch wohlerhalten auf dem Diskosfragment
Die Scheibe von Phaistos diente offenbar, wie das Messbuch in der katholischen Kirche oder eben auch das erwähnte Glaubensbekenntnis als liturgischer Standardtext für die Rezitation in einer Kulthandlung32. Deshalb wohl wurde der Text für wiederholten oder sogar dauerhaften Gebrauch mit unverwischbaren Lettern auf eine Tonscheibe gestempelt und anschließend gebrannt33. Sie enthält allem Anschein nach einen Sakraltext, der in einer Frühlings-Zeremonie als Beschwörung des Wiedererwachens der Natur von einem Priester vorgetragen wurde, Das war offenbar die Frühform der Demetermysterien. Diese Kulthandlung fand aber wahrscheinlich nicht nur in Eleusis statt, sondern im gesamten griechisch beeinflussten, möglicherweise auch im vorderasiatischen Kulturbereich und stammt sicherlich noch aus vorgriechischer Zeit; denn etymologisch reicht der Name Atana und daher auch ihre Verehrung weit über Kreta hinaus.
Atana, das war die im gesamten östlichen Mittelmeerraum verehrte Erdmutter und Ur-Schöpfungsgöttin. In Ägypten war sie die Ni.t34 oder Neith, nach griechischer Aussprache. In Karthago hieß sie Ta-nit, mit dem femininen Artikel ta, phönizisch Anat mit einem a-Vorschlag für die deutlichere Aussprache, der auf die minoisch-mykenische Göttin Atana übertragen wurde. Sie war eine weibliche Schöpfer-und Liebesgöttin, bewaffnete Krieggsgöttin, Göttin des Handwerks mit dem Epitheton Ergane, speziell zuständig für die Webkunst, weswegen Neith ein Weberschiffchen als Emblem auf dem Kopf trägt. Sie war ebenfalls die kretische Schlangengöttin, die wie die Schlangen Beziehung zum schöpferischen Urgrund Erde hatte und als Urmutter Aja identisch war mit einer universalen Mutter Erde der Frühzeit, die schließlich jedoch vor allem zur Stadtgöttin Athens wurde.
Zum Diskos von Phaistos sind bisher so viele und zum Teil gänzlich abwegige Deutungen fabriziert worden.
Kürzlich jedoch hat, wie bereits oben erwähnt, Gareth Owens eine durchaus diskutable Hypothese zur Entzifferung des Diskos vertreten und damit spektakulären Publikumserfolg erzielt. Er hat aber gar nicht erst versucht, eine Übersetzung anzubieten.
Gemeinsam mit dem Linguisten Coleman ging Owens davon aus, dass der Linear A Schrift und den Pictogrammen des Diskos dieselbe Sprache zugrunde liege, nämlich Minoisch und dass beide Schriften etwa um 1550 entstanden seien. Später seien dann die Linear B Zeichen aus den Linear A Zeichen entstanden und deren Lautung übernommen worden. Diese Silben, soweit sie bereits dechiffriert sind, haben die beiden Forscher dann für die entsprechenden Pictogramme eingesetzt und so einen sprechbaren Text erhalten, den man zwar lesen aber nicht verstehen kann35. Sittigs Ansatz dagegen scheint Owens, obwohl er Altphilologe ist und es für ihn nahe gelegen hätte, zunächst das Griechische in Betracht zu ziehen, entweder nicht gekannt oder nicht zur Kenntnis genommen zu haben.
Das Naheliegendste aber ist oft das Einfachste und oft auch das Richtige.
Wie ich oben erwähnt habe, hat nur Karl Decker meines Wissens den Gedanken Sittigs aufgegriffen, allerdings auch den, dass alle Zeichen des Diskos Akrosticha seien. Sein Neffe Burkhard Schmanck schrieb in seiner Abhandlung36: „In der von meinem Onkel, Dr. Karl Decker, hinterlassenen Textfassung fehlte eine systematische Darstellung der akrophonischen Deutung der einzelnen Bildzeichen. Diesen Teil seiner Entzifferung des Diskus hatte er wohl nicht mehr selbst ausführen können. Anhand zahlreicher Notizen auf Zetteln und der zitierten Deutung von Sittig habe ich die folgende Tabelle zusammengestellt“. Aber Schmanck konnte keine Übersetzung liefern. Was das historisch kulturelle Umfeld betrifft, hatte dagegen Ernst Sittig bereits 1955 den richtigen Weg gezeigt. Karl Decker war der Lösung also bereits sehr nahe.
Andere Autoren hat offenbar in letzter Zeit der Mut verlassen, eine Übersetzung anzubieten; denn ähnlich wie das Thema ’Atlantis‘ ist auch die Entschlüsselung des Diskos zu einem so heißen Eisen geworden, dass kein seriöser Wissenschaftler sich damit seinen Ruf ruinieren möchte. Ich dagegen bin nicht
mehr im Wissenschaftsbetrieb eingebunden. Deshalb konnte ich es wagen zu behaupten, dass mein Weg zu einer Übersetzung des Textinhalts zu gelangen, sich nicht nur als zielführend, sondern auch richtig erwiesen hat. Dafür kann ich Belege bieten, die ich im Folgenden kurz darlegen werde.
5.2 Eigene Methode mit konkreten Ergebnissen zur Übersetzung
a. Zunächst kam es darauf an, bereits erschlossene Silben zu sammeln, in den von Godart erstellten Zahlencode einzusetzen und in die bereits erwähnte Silbenzeichenliste37 einzutragen, um festzustellen, welche Zeichen noch nicht entschlüsselt sind und welche andererseits fehlerhaft doppelt besetzt wurden. Diese Aktion wäre ohne die von Ernst Sittig geleistete Vorgabe nicht möglich gewesen, hätte einem Schwedenrätsel geglichen, einem Kreuzworträtsel, das nichts vorgibt, außer Zahlenkästchen mit jeweils unterschiedlicher Länge.
In dieser Situation befand sich Sittig zu Beginn seiner Dechiffrierung. Trotz dieser Gegebenheit hat er dann mit seiner Methode einige akrophone Silben richtig erschlossen.
„Für das Bildzeichen eines Schiffes war Sittig auf rein rechnerischem Wege“ , so hat Pars geschrieben38 zu dem Silbenwert Na gelangt.; dies Na ist aber zugleich der Anlaut des griechischen Wortes Naus (Schiff). Für das Bild eines Tierfelles, das er als Stierfell erklärte, bestätigte sich der Anlaut des Wortes Tauros (Stier) als Ta, und für das Bildzeichen eines Manneskopfes mit einem Federbusch (Archos Aner - Fürst) das anlautende A. Diese drei Silben ergeben in der linksläufigen Reihenfolge den Namen Atana, der sich mit den drei folgenden Silben zu Atana mekala [ = große Athene ] vervollständigt. Diese verblüffende Lesung war … allein auf dem Wege statistischer Errechnung erzielt worden.“
Sittig hatte also folgende akrophone Silben erschlossen: a = archos aner: Fürst, aja = gaia: Erde, ta =- tauros: Stier, na = naus: Schiff, ferner ko-r/lo-ja = Chloe: Grünende, Beiname der Demeter. Weiterhin erschlossen hat er: a-ku-jo ka-to = agyiokato: an den unteren Gliedern , ke-b/pha-r/la-ta = kefalata: Köpfige, Kopfgeborene, ma-te(r)-ra = materra: Gebärerin, pe-to = meta: mit und Atana mekar/la = Athenä megalä: große Athene.
Von anderen Autoren erschlossen wurde danach: ka-r/la-ko[n] ra/la-jo[n] = das umzäunte Saatfeld ; ru-te(r = lyte[r]: Befreier, Erlöser; später z.B von mir: mo-r/lo-ji = moroi: Schicksalbringende; i = ichthys: Fisch, u.a.m.
Als Ganzes ist der Text jedoch bisher vor mir noch nicht entschlüsselt worden. Wichtig nämlich für das Sinnverständnis sind die grammatischen Bezüge und die Syntax.
b. In einem zweiten Schritt kam es deshalb darauf an, die mittels der erschlossenen Silben gewonnenen Wörter im griechischen Wörterbuch aufzusuchen und als griechische Wörter zu verifizieren die zusammen bereits einen bestimmten Sinngehalt erkennen inhaltlichen Zusammenhang erkennen ließen. Danach galt es in ein syntaktisches Verhältnis Sinngehalt dann in einen sinnvollen syntaktischen Zusammenhang zu bringen, indem ich die Worttorsen mit grammatischen Endungen ergänzte, sodass ein plausibler Sinnzusammenhang entstand. So erhielt ich meine ersten Übersetzungsergebnisse.
Ein Aha-Erlebnis war es für mich, als ich ein erstes Wort erschließen konnte, und zwar a-ri-ka-ne, in dem ich den Begriff erganä vermutete, ein Epitheton der Athene, die als Atana auf der anderen Seite der Diskosacheibe (Seite A nach Godart) genannt ist. Danach ergab sich das Wort pe-ri-po-na, das offenbar Persephone bedeutete, ferner das Wort sa-i-te, Hades39„. Es handelte sich in auffälliger Weise jedes Mal nicht nur um Namen, sondern um Namen aus einem bestimmten mythischen Umkreis. Hierzu gehörte dann sicher auch ko-ro-jo, Kore, wie Persephone auch bezeichnet wurde, das Mädchen, das von Hades geraubt und dem Mythos zufolge von ihm in sein Unterweltreich entführt worden war. Alle diese ermittelten Namen gehören in den Bereich des Demetermythos.
- Quote paper
- Helmut Pitsch (Author), 2024, Rätsel des Diskos von Phaistos gelöst. Der Text des Diskos von Phaistos als Regenerationsritual und Frühform der eleusinischen Mysterien, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1604325