Der eigene Tod stellt im Gegensatz zu der Erfahrung, dass ein geliebter Mensch stirbt, ein Erlebnis dar, was sich nicht wiederholen wird. Egal, mit welchen Haltungen der Einzelne sich hinsichtlich des Umgangs mit Sterben und Tod identifizieren kann, der Tod ist und bleibt ein pulsierendes Thema. Wenn jedoch dem Tod existentiell eine so hohe Bedeutung in unserem Leben beigemessen wird, warum wurde dann der Friedhof, dessen Existenzgrundlage, bisher so vernachlässigt? Die Veränderungen im Umgang mit dem Tod haben auch Auswirkungen auf die Art und Weise, was mit den Toten geschieht. Das Ziel dieser Arbeit ist, zu hinterfragen, welche psychologischen Schlussfolgerungen sich über den Menschen durch den Friedhof, seiner Entwicklungsgeschichte, Bedeutung und Funktion für den Menschen ableiten lassen. Es besteht die Frage, welche Aufgaben der Friedhof neben der Beherbergung menschlicher Überreste oder des klassischen Sinnbildes für die Trauer noch übernimmt. Die These ist, dass die Friedhofs-, Bestattungs-, und Trauerkultur eine Bestandsaufnahme hinsichtlich der Normen und Werte in einer Gesellschaft bilden und zum Menschsein dazu gehören. Methodisch stützt sich die Arbeit auf eine Literaturrecherche zu den Themen Entwicklungsgeschichte des Friedhofs sowie seiner Grabstätten und Grabskulpturen, der Bestattungs- und Trauerkultur. Die vorliegende Arbeit argumentiert, dass ein Wandel nicht gleichzusetzen ist mit einer Verdrängung des Todes aus der Gesellschaft. Sie versteht diesen Wandel nicht als Desinteresse, sondern als Entwicklung neuer Ausdrucksformen in den Bereichen Tod und Sterben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der Friedhof und seine Bedeutung
2.1. Der Friedhof und seine Entwicklung
2.2. Entsorgung der Toten im 18. und 19. Jahrhundert
3. Gräber - Zeichen der Menschwerdung
3.1. Gräber für die Trauerarbeit?
4. Die Bestattung und ihre Entwicklung
4.1 Bestattungsriten in der Gegenwart als Zeichen unserer Lebenswelt
5. Bedeutung und Funktion der Trauerkultur
6. Grabskulpturen- zeitlose Ideale als Abbilder der Liebe und Erotik
7. Der Tod ein beständiger Begleiter
7.1. Tabuthema oder nicht?
7.2. Der Tod im 21. Jahrhundert zwischen Sprachlosigkeit und Dauerpräsenz
8. Fazit
9. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Bachelorarbeit untersucht die psychologische Bedeutung, Funktion und Entwicklungsgeschichte des Friedhofs in der westlichen Kultur. Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, welche psychologischen Schlussfolgerungen über den Menschen und sein Verhältnis zum Tod durch den Friedhof sowie die damit verbundene Trauer- und Bestattungskultur abgeleitet werden können, insbesondere vor dem Hintergrund eines sich wandelnden Todesverständnisses.
- Entwicklungsgeschichte von Friedhöfen, Grabstätten und Grabskulpturen
- Die psychologische Funktion der Trauer und Trauerarbeit
- Soziale Konstruktionen von Tod und Bestattung im Wandel der Zeit
- Vergleich zwischen traditionellen Riten und modernen alternativen Bestattungsformen
Auszug aus dem Buch
3. Gräber und Grabstätten- Zeichen der Menschwerdung
„Das Grab ist auch eine Art Tempel, ein geheiligter Ort, an dem man die Messe zelebrieren kann. Später wird man sagen: Kapelle“ (Aries, 1980, S. 54)
Den zentralen Aspekt eines Friedhofes bilden die Grabstätten. Lehmann (2005) schreibt ihnen eine hohe sozial-, kultur-, und religionsgeschichtliche Bedeutung zu. Der jüdische Philosoph Hans Jonas war der Auffassung, dass das Werkzeug, das Bild und das Grab den Menschen vom Tier unterscheiden würden: „Das Grab ist ein exzellentes menschliches Phänomen, dass die Artefakte von Werkzeug und Bild übersteigt und auf die Glaubensvorstellungen und Metaphysik verweist“(Jonas zitiert nach Globokar, 2002, S. 314). Das Grab hatte für Jonas eine besondere Bedeutung und er sieht es als eine Auseinandersetzung des Menschen mit seiner Herkunft. Für Schmied (2002) sind Gräber Spiegel vergangener und gegenwärtiger Kulturen. Sie bringen nicht nur die Vorstellungen von Leben und Tod zum Ausdruck, sondern „generell das menschliche Schicksal“ (S. 7). Sie sind nicht nur Zeichen eines grundsätzlich vorhandenen Interesses am Tod, sondern verraten konkrete Unterschiede über die Menschen (Lehmann, 2005).
Für Lehmann (2005) ist das Grab eine Ruhestätte und ein sicherer Aufenthaltsort der Toten, da es vor Leichenschändung, schädigenden irdischen Einflüssen, wie Tiere oder Naturkatastrophen und überirdischen Einflüssen wie Dämonen und Geister schützen soll. Allerdings soll es auch die Lebenden vor den Toten schützen, indem der Tote das Grab nicht mehr verlassen kann und durch seine Wiederkehr die Lebenden stören könnte (Lehmann, 2005; Feldmann, 2004). „Ein Grab ist doch immer die beste Befestigung wider die Stürme des Schicksals.“ (Lichtenberg, 1958, S. 152). Im Gegensatz zu anderen Lebewesen, bestattet nur der Mensch seine Toten und sorgt dafür, dass sie auch nach Eintritt des Todes nicht in Vergessenheit geraten (Lehmann, 2005; Steuer, 1998). Steuer (1998) entschlüsselt das Grab als ein Endergebnis der Bestattung und sieht es als einen Ausschnitt bestimmter Verhaltensweisen der Menschen an, die es ermöglichen, den Einzelnen und Gruppen greifbar zu machen. Das Grab wird als ein wichtiges Mittel angesehen,
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die entwicklungspsychologische Perspektive auf den Tod und Darlegung der Zielsetzung, den Bedeutungswandel des Friedhofs zu untersuchen.
2. Der Friedhof und seine Bedeutung: Analyse der vielfältigen Funktionen des Friedhofs als Ort der Trauer, hygienisches Relikt, ökologisches Biotop und kulturhistorisches Dokument.
2.1. Der Friedhof und seine Entwicklung: Überblick über die historische Entwicklung von Friedhofsanlagen seit der Antike und die religiös motivierte Bedeutung von Begräbnisplätzen.
2.2. Entsorgung der Toten im 18. und 19. Jahrhundert: Darstellung des technokratischen Wandels durch Leichenhallen und die Einführung der modernen Feuerbestattung.
3. Gräber - Zeichen der Menschwerdung: Untersuchung der soziokulturellen Bedeutung von Grabstätten als Ausdruck menschlicher Auseinandersetzung mit Sterblichkeit und Identität.
3.1. Gräber für die Trauerarbeit?: Diskussion darüber, inwieweit Gräber als Orte der Trauerbewältigung fungieren und welche psychologische Bedeutung sie für Hinterbliebene haben.
4. Die Bestattung und ihre Entwicklung: Betrachtung der Geschichte der Bestattungsriten und deren Wandel in der Bedeutung für das gesellschaftliche Leben.
4.1 Bestattungsrituale in der Gegenwart als Zeichen unserer Lebenswelt: Analyse aktueller Bestattungsrituale und des Trends hin zu individuellen, oft mediatisierten Abschiedsformen.
5. Bedeutung und Funktion der Trauerkultur: Erörterung der psychologischen Funktion von Trauerkulturen zur Stabilisierung des sozialen Systems und Bewältigung von Verlusterfahrungen.
6. Grabskulpturen- zeitlose Ideale als Abbilder der Liebe und Erotik: Untersuchung der ästhetischen Gestaltung von Gräbern als Ausdruck von romantisierten Todesvorstellungen im 18. und 19. Jahrhundert.
7. Der Tod ein beständiger Begleiter: Historische Einordnung des Todesverständnisses anhand des Werkes von Philippe Ariès.
7.1. Tabuthema oder nicht?: Kritische Auseinandersetzung mit der These der Verdrängung des Todes in der modernen Gesellschaft.
7.2. Der Tod im 21. Jahrhundert zwischen Sprachlosigkeit und Dauerpräsenz: Analyse des Spannungsfeldes zwischen medialer Überpräsenz des Todes und der gleichzeitigen individuellen Sprachlosigkeit.
8. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Ausgangsfragen und Reflexion über die Bedeutung des Erhalts einer Trauerkultur für die Zukunft.
9. Literatur: Verzeichnis der verwendeten fachübergreifenden Quellen und Werke.
Schlüsselwörter
Friedhof, Bestattungskultur, Trauerarbeit, Grabskulpturen, Lebensspannperspektive, Entwicklungspsychologie, Tod, Sterben, Rituale, Grabgestaltung, Jenseitsvorstellungen, Trauerbewältigung, Mediatisierung des Todes, kultureller Wandel, Identitätswahrung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit setzt sich mit der kulturhistorischen und psychologischen Bedeutung des Friedhofs sowie dem Wandel der Bestattungs- und Trauerkultur in der westlichen Gesellschaft auseinander.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Geschichte des Friedhofs, die psychologische Funktion von Grabstätten, die Entwicklung von Bestattungsriten sowie die aktuelle gesellschaftliche Debatte um die vermeintliche Verdrängung des Todes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, zu hinterfragen, welche psychologischen Schlussfolgerungen sich über den Menschen durch den Friedhof und seine Funktionen ableiten lassen und wie sich der Wandel der Bestattungskultur bewerten lässt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich methodisch auf eine tiefgehende Literaturrecherche, wobei kulturhistorische und psychologische Werke unterschiedlicher Fachdisziplinen interdisziplinär ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Friedhöfen und deren Entwicklung, die Analyse von Grabmalen und Skulpturen sowie die theoretische Auseinandersetzung mit Trauerprozessen und dem modernen Umgang mit dem Tod.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Friedhof, Trauerkultur, Bestattungsrituale, Trauerarbeit, Grabskulpturen, Identität und der kulturelle Wandel im Umgang mit dem Tod.
Wie bewertet die Autorin den "Verfall" der traditionellen Friedhofskultur?
Die Autorin betrachtet den Wandel der Bestattungskultur kritisch, sieht darin jedoch nicht zwangsläufig einen Verfall, sondern vielmehr die Entwicklung neuer Ausdrucksformen und eine zunehmende individuelle Selbstbestimmung im Umgang mit dem eigenen Tod.
Welche Rolle spielen Kinder im Zusammenhang mit dem Tod in dieser Arbeit?
Die Arbeit beleuchtet die Schwierigkeiten von Erwachsenen, Kindern das Thema Tod sprachlich zu vermitteln, und betont die Notwendigkeit, Kinder in Trauerprozesse einzubeziehen, um ihnen ein gesundes Verständnis und den Umgang mit Verlusterfahrungen zu ermöglichen.
- Arbeit zitieren
- Yvonne Kohl (Autor:in), 2010, Entwicklungskontext Friedhof, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/160016