Diese Hausarbeit erklärt, was unter dem Begriff Ethopoiie zu verstehen ist und warum sie für den Redner von großer Bedeutung ist. Zudem wird dargelegt, in welchem Zusammenhang die Ethopoiie mit dem Ethos des Redners steht und weshalb dies entscheidend für den Erfolg einer Rede ist.
Das griechische Volk in der Antike hatte schon früh die Rhetorik zu einer hohen Kunst erhoben. Schon in den homerischen Gedichten wird der Kunst der Rede ein besonderer Stellenwert eingeräumt. In der archaischen Zeit hatten bereits die jugendlichen Aristokraten die Fähigkeiten erworben, Reden zu halten. Rhetorik war für den Dichter Hesiod eine Gabe der Götter an die Herrschenden, die ihnen zur Ausübung ihrer Macht diente. Dies nicht zuletzt, weil in Hesiods Zeit (um 700 v. Chr.) die Rechtsprechung in den Händen der Aristokratie lag.
Spätestens nach den Reformen des Kleisthenes (um 510 v.Chr.) wurde die Rede in Athen zunehmend wichtig, da ab diesem Zeitpunkt demokratische Gremien die Rechtsprechung übernommen hatten. Mit Rede und Gegenrede waren dort zwei gegnerische Parteien gegeneinander angetreten. Dabei war es ncht wichtig, sich an die Wahrheit zu halten. Das Eikós, die Wahrscheinlichkeit des Dargestellten, war akzeptiert und hatte – vorausgesetzt, dass die Argumente überzeugend vorgebracht wurden – für eine Urteilsfindung ausgereicht. Logographen waren hauptberufliche Redenschreiber, die Anklage- und Verteidigungsreden ausgefeilt formulierten, den Redestil an den jeweiligen Sprecher anpassten und ihn so glaubhaft und sympathisch erscheinen ließen.
In der klassischen Rhetorik bedeutet „Ethopoeia“, sich in die Situation eines anderen zu versetzen, um beide zu verstehen und dessen Gefühle lebhafter ausdrücken zu können.
Inhaltsverzeichnis
1. Die Macht der Rede im antiken Griechenland
2. Von Sympathie und Glaubhaftigkeit
2.1 Laien als Kläger
2.2 Eine Frage der Glaubwürdigkeit: Die Ethopoiie
2.3 Übung macht den Meister: Die Progymnasmata
3. Das Ethos des Redners
3.1 Dem Gesagten Vertrauen schenken
3.2 Die Attribute des Redners stärken
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historische Bedeutung der Ethopoiie und des Redner-Ethos in der antiken Rhetorik, um zu ergründen, warum diese Konzepte essenziell für die Überzeugungskraft und den Erfolg einer Rede sind.
- Bedeutung der Rhetorik im antiken Athen
- Rolle der Logographen bei der Erstellung maßgeschneiderter Reden
- Definition und Funktion der Ethopoiie als Anpassung an das Naturell des Sprechers
- Einfluss rhetorischer Übungen (Progymnasmata) auf die rhetorische Ausbildung
- Aristotelische Grundlagen des Ethos als Element der Glaubwürdigkeit
Auszug aus dem Buch
2.2 Eine Frage der Glaubwürdigkeit: Die Ethopoiie
Logographen, die hauptberuflichen Redenschreiber, waren im antiken Griechenland darauf spezialisiert, den weniger geübten Rednern ihre jeweiligen Anklage- oder Verteidigungsreden rhetorisch ausgefeilt zu formulieren. Dennoch war es laut Riemer (2017, S. 21) auch die Aufgabe des Logographen, den Redestil an den jeweiligen Sprecher anzupassen, um ihn auf diese Weise glaubhaft und auch sympathisch erscheinen zu lassen. Riemer (22017, S. 98 ff.) erläutert dazu, dass es für das Gelingen eines Vortrages unabdingbar sein, einen gut formulierten Text vorzubereiten. Vielmehr müsse auch auf das Naturell des Redners eingegangen werden.
Riemer führt dazu aus: „Nicht jeder Mensch kann jede Rede halten. Ein Publikum spürt immer, ob die Sätze zu der Person des Redners passen oder nicht; auch andersherum sollte es stimmen: Der Redner muss in der Lage sein, das, was er vorträgt, authentisch vorzutragen.“ Riemer (2017, S. 99)
Um eine entsprechende Glaubwürdigkeit des Vortragenden und seiner Rede zu erzielen, war es für den Logographen also notwendig, seinen geschliffenen Text an das Naturell des Vortragenden anzupassen. Letztlich muss die Rede, wenn sie vorgetragen wird, authentisch sein. In der klassischen Rhetorik bedeutet „Ethopoeia“, sich in die Situation eines anderen zu versetzen, um beide zu verstehen und dessen Gefühle lebhafter ausdrücken zu können. Die Gestaltung der Rede im Sinne der spürbaren Einheit von Sprecher und Gesprochenem definiert Riemer (2017, S. 99) als „Ethopoiie“ – als die Übereinstimmung von Rede und Person. Wogegen die klassische Definition des Hermogenes die Ethopoiie als „die Nachahmung des Charakters einer zugrundeliegenden Person“ beschreibt (Hunger, 1978, S. 108). Aus der Sicht eines Redenschreibers betrachtet Murphy (2014) die Ethopoiie und bemerkt, das sie aus dieser Sichtweise die Fähigkeit bedeutet, „die Ideen, Wörter und den Stil der Übermittlung zu erfassen, die für die Person geeignet sind, für die die Rede geschrieben wurde.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Die Macht der Rede im antiken Griechenland: Dieses Kapitel skizziert die historische Entwicklung der Rhetorik im antiken Athen und ihre zentrale Bedeutung für die demokratische Rechtsprechung.
2. Von Sympathie und Glaubwürdigkeit: Hier wird die Notwendigkeit erläutert, Reden durch Logographen an das Naturell des Sprechers anzupassen, wobei die Ethopoiie und die rhetorische Ausbildung durch Progymnasmata detailliert beleuchtet werden.
3. Das Ethos des Redners: Der Fokus liegt auf der aristotelischen Trias der Überzeugungsmittel, wobei das Ethos als notwendige Basis für die Glaubwürdigkeit und authentische Selbstpräsentation des Redners analysiert wird.
Schlüsselwörter
Rhetorik, Antike, Griechenland, Ethopoiie, Ethos, Redenschreiber, Logograph, Glaubwürdigkeit, Überzeugung, Progymnasmata, Aristoteles, Rhetorische Wirkung, Authentizität, Sprecher-Identität, Gerichtsrede.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die grundlegenden rhetorischen Konzepte der Antike, insbesondere die Ethopoiie und das Ethos des Redners.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Im Zentrum stehen die antike Rhetorik, die Rolle von professionellen Redenschreibern (Logographen) und die Kunst, eine Rede authentisch an den Charakter eines Sprechers anzupassen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, den Zusammenhang zwischen der Ethopoiie, dem Ethos des Redners und dem Erfolg einer Rede in der antiken griechischen Gesellschaft zu analysieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Literaturanalyse und der Aufarbeitung historischer Quellen zur antiken Rhetorik.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Bedeutung der Rede in der Antike, die Praxis der Logographen, den Einsatz der Ethopoiie und die philosophische Fundierung des Ethos durch Aristoteles.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Rhetorik, Ethos, Ethopoiie, Logograph, Glaubwürdigkeit und Authentizität definiert.
Was versteht man konkret unter einem "Logographen"?
Logographen waren professionelle Redenschreiber im antiken Griechenland, die für Laien, die vor Gericht auftreten mussten, rhetorisch geschulte Verteidigungs- oder Anklagereden verfassten.
Warum war das Konzept der "Progymnasmata" für Redner wichtig?
Die Progymnasmata waren eine Sammlung rhetorischer Vorübungen, die Schülern halfen, ihre Ausdrucksfähigkeit schrittweise zu entwickeln und die Kunst der Überzeugung systematisch zu erlernen.
Welche Bedeutung hatte das "Eikós" in antiken Prozessen?
Das Eikós bezeichnete die Wahrscheinlichkeit des Dargestellten, die oft ausreichte, um Richter von einer Argumentation zu überzeugen, selbst wenn die absolute Wahrheit nicht zweifelsfrei bewiesen war.
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- Michael Brück (Author), 2021, Was versteht man unter Ethopoiie?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1599924