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Die Identitätsfindung und kollektive Gewalt jugendlicher Migranten in Paris und Berlin

Wie es zu den Ausschreitungen in Paris 2005 kam und warum es in Berlin vergleichsweise ruhig ist

Titel: Die Identitätsfindung und kollektive Gewalt jugendlicher Migranten in Paris und Berlin

Masterarbeit , 2009 , 82 Seiten , Note: 1,5

Autor:in: Vivian Ebert (Autor:in)

Soziologie - Wohnen und Stadtsoziologie

Leseprobe & Details   Blick ins Buch
Zusammenfassung Leseprobe Details

Die brennenden Autos bei gewalttätigen Ausschreitungen in Pariser Vororten erregten 2005 viel Aufmerksamkeit über die Grenzen Frankreichs hinweg, denn die randalierenden Franzosen mit Migrationshintergrund schienen die Grundwerte der Republik, die stolz ist auf ihre Ideale der Universalität und Gleichheit, in Frage zu stellen. Als die Ausschreitungen in Paris im November 2005 ausbrachen, stellten Berichte über das Thema häufig die Frage an Politiker und Kriminologen, ob solche massiven Krawalle auch in Deutschland vorkommen könnten. Viele Befragte waren der Meinung,
dass es sicherlich das Potenzial und mögliche Auslöser für solche Ausschreitungen gäbe, denn die zunehmende Frustration unter arbeits- und ausbildungslosen Jugendlichen in den sozialen Brennpunkten schien ganz ähnlich wie in Paris. Der ehemalige innenpolitische Sprecher der CDU-Bundestagsfraktion Wolfgang Bosbach zum Beispiel beurteilte die Situation kritisch: „Auch wenn die gesellschaftliche Realität bei uns anders ist, sollten wir uns nicht der Illusion hingeben, dass so etwas wie in Frankreich bei uns nicht geschehen könnte“ (zitiert in Frankfurter Allgemeine, 5. November 2005). Politiker in Deutschland wie der ehemalige Innenminister Brandenburgs Jörg Schönbaum (CDU) kritisierten, dass die Integration für eine zu lange Zeit nicht ernst genommen wurde, was zu Gettoisierung und zusätzlicher Gewalt führte (ebd.). Bis heute sind gewalttätige Ausschreitungen jugendlicher Migranten in der Form wie in Paris auf Berliner Straßen allerdings nicht zu sehen gewesen. Wie Ottersbach und Zitzmann (2009) schreiben: „Die Bilder aus Frankreich von Straßenschlachten, Verfolgungsjagden und brennenden Autos haben bisher nach wie vor für Deutsche eher einen exotischen Charakter“ (S.10). Die Krawalle zwischen türkischen Jugendlichen und Berliner Polizisten im Kreuzberger Wrangelkiez 2006 sind eins der wenigen vergleichbaren Ereignisse, doch sie hielten nur einen Tag an und blieben auf den Stadtteil beschränkt. Der wichtigste Grund für den Vergleich sind die Integrationsmodelle in Deutschland und Frankreich, die sich in ihrer Prägung durch die traditionellen Nationalbilder stark unterscheiden. Da die Lebenssituation der Jugendlichen mit Migrationshintergrund in den beiden Städten im Grunde genommen ähnlich ist, muss der Unterschied im Mobilisierungspotenzial für Krawalle wohl im Feindbild liegen, das die Ausschreitungen motiviert hat.

Leseprobe


Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung

II. Die urbanen Ausschreitungen in Paris und Krawalle in Berlin

III. Definitionen und Konzepte der Jugendgewalt

IV. Nationales Selbstverständnis und Einwanderungspolitik in Frankreich und Deutschland

V. Die Konstruktion der Selbst- und Kollektividentität im Zusammenhang mit der Fremdheit, dem städtischen Raum und der Staatsangehörigkeit

V.1. Zwischen Identität und Alterität – Exklusion und Inklusion

V.2. Die Medien und Stigmatisierung

V.3. Die kollektive Wahrnehmung der Andersartigkeit

V.4. Identitätsspannungen zwischen der Einheimischen- und Herkunftskultur im städtischen Raum

V.5. Die Rolle der Staatsangehörigkeit bei der Identitätskonstruktion

VI. Die Sozialisierung der jugendlichen Migranten in der Schule

VI.1. Der schulische Raum in der Sozialisierung, Identifizierung und Diskriminierung von Jugendlichen

VI.2. Das Nationalbild in Struktur und Mission der Schule

VI.3. Die institutionelle Diskriminierung in der Schule

VI.4. Vermittlung der Nationalbilder in den Schulen

VI.5. Der schulische Misserfolg in der Vermittlung von Perspektivlosigkeit und Frustration

VII. Der Zusammenhang zwischen der Schule, dem Nationalbild und der Identitätskonstruktion

VIII. Zusammenfassung

Zielsetzung & Themen

Die Arbeit untersucht die Ursachen für die unterschiedliche Mobilisierungsdynamik jugendlicher Migranten bei gewalttätigen Ausschreitungen in Paris und Berlin. Dabei wird analysiert, wie nationale Integrationsmodelle und schulische Sozialisierungsprozesse die Identitätskonstruktion junger Menschen mit Migrationshintergrund prägen und warum das Potenzial für großflächige Unruhen in den beiden Städten unterschiedlich bewertet wird.

  • Vergleich der Integrationsmodelle in Frankreich und Deutschland
  • Einfluss nationaler Identitätsbilder auf die Wahrnehmung von Fremdheit
  • Die Rolle der Schule als Ort der Vermittlung von Staatsidealen
  • Auswirkungen sozioökonomischer Benachteiligung und Diskriminierungserfahrungen
  • Entwicklung von Hybrididentitäten als Bewältigungsstrategie

Auszug aus dem Buch

V.2. Die Medien und Stigmatisierung

Die Medien spielen eine leitende Rolle für die negative gesellschaftliche Wahrnehmung der Minderheit. Laut Butterwegge (2007):

Massenmedien filtern für die Meinungsbildung wichtige Information und beeinflussen auf diese Weise das Bewusstsein der Menschen, für die sich die gesellschaftliche Realität zunehmend über die Rezeption von Medien erschließt. (…) Wenn ethnische Differenzierung als Vorraussetzung der Diskriminierung und Mechanismus einer sozialen Schließung gegenüber Migrant(inn)en charakterisiert wird, treiben die Medien den Ausgrenzungsprozess voran, indem sie als Motoren und Multiplikatoren der Ethnisierung wirken (S.72).

Da politische und institutionelle Akteure Teil der Gesellschaft sind, können sich solche Stigmatisierungen auch auf ihre Arbeit übertragen. Die Klage der Jugendlichen bei den Pariser Ausschreitungen und den Wrangelkiez-Krawallen gegenüber der Polizei, dass sie sie diskriminiere und ständige Ausweiskontrollen vor allem bei ihnen durchführe, mag insofern der Realität entsprechen. Es ist allerdings immer schwer, diese Diskriminierung zu messen, weil man sie schlecht direkt belegen kann.

Zusammenfassung der Kapitel

I. Einleitung: Einführung in die Thematik der Pariser Unruhen von 2005 im Vergleich zur relativen Ruhe in Berlin, unter Darstellung der zentralen Forschungsfrage und Motivation.

II. Die urbanen Ausschreitungen in Paris und Krawalle in Berlin: Überblick über den Ablauf und die Hintergründe der Unruhen in den Pariser Vororten sowie der Krawalle im Berliner Kreuzberger Wrangelkiez.

III. Definitionen und Konzepte der Jugendgewalt: Theoretische Herleitung des Gewaltbegriffs sowie Darstellung von Entstehungsprozessen bei jugendlicher kollektiver Gewalt.

IV. Nationales Selbstverständnis und Einwanderungspolitik in Frankreich und Deutschland: Analyse der historisch gewachsenen Unterschiede in den Integrationsmodellen von Frankreich und Deutschland.

V. Die Konstruktion der Selbst- und Kollektividentität im Zusammenhang mit der Fremdheit, dem städtischen Raum und der Staatsangehörigkeit: Untersuchung, wie gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Identitätsentwürfe die Selbstwahrnehmung von Migranten beeinflussen.

VI. Die Sozialisierung der jugendlichen Migranten in der Schule: Detaillierte Analyse der schulischen Rolle bei der Vermittlung nationaler Ideale und der institutionellen Diskriminierung.

VII. Der Zusammenhang zwischen der Schule, dem Nationalbild und der Identitätskonstruktion: Zusammenführung der Ergebnisse zur schulischen Prägung der Identitätsfindung und den daraus resultierenden Auswirkungen auf das Gewaltpotenzial.

VIII. Zusammenfassung: Synthese der Kernergebnisse bezüglich der unterschiedlichen Identitätsprozesse und deren Bedeutung für das Risiko kollektiver Gewalt.

Schlüsselwörter

Jugendgewalt, Identitätskonstruktion, Migration, Integration, Paris, Berlin, Schulsocialisierung, institutionelle Diskriminierung, Banlieues, Nationalbild, Laizismus, Staatsangehörigkeit, Frustration, kollektive Gewalt, Hybrididentität

Häufig gestellte Fragen

Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?

Die Arbeit vergleicht die Hintergründe und Ursachen von gewalttätigen Ausschreitungen in Paris mit der Situation in Berlin, um zu verstehen, warum jugendliche Migranten in den beiden Städten unterschiedlich auf ihre soziale Lage reagieren.

Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?

Die Schwerpunkte liegen auf Integrationsmodellen, Identitätskonstruktion, schulischer Sozialisierung und den Auswirkungen sozioökonomischer Benachteiligung sowie Medienberichterstattung.

Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?

Ziel ist es zu erklären, warum es in Paris zu massiven Ausschreitungen kam, während es in Berlin vergleichsweise ruhig blieb, obwohl die sozioökonomische Lebenssituation der Jugendlichen in beiden Städten ähnlich prekär ist.

Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?

Es handelt sich um eine vergleichende Analyse, die auf soziologischen Theorien (wie Inklusion/Exklusion nach Luhmann, Integrationsmodelle) sowie einer Auswertung bestehender Studien und Berichterstattungen basiert.

Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?

Der Hauptteil analysiert die unterschiedlichen nationalen Selbstbilder von Frankreich und Deutschland, deren Vermittlung durch das Bildungssystem sowie die Auswirkungen dieser Modelle auf die Identitätsbildung und das Mobilisierungspotenzial für Gewalt.

Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?

Die wichtigsten Begriffe sind Jugendgewalt, Identitätskonstruktion, Migration, Integration, Laizismus, institutionelle Diskriminierung und Hybrididentität.

Welche Rolle spielt die Schule bei der Identitätsbildung in Paris?

In Paris fungiert die Schule als Bastion der republikanischen Werte, die durch den Laizismus geprägt ist und keinen Raum für kulturelle oder religiöse Besonderheiten lässt, was bei Migranten oft zu Spannungen zwischen privater Identität und öffentlicher Anpassung führt.

Wie unterscheidet sich die Identitätskonstruktion in Berlin?

Berlin bietet aufgrund des Fehlens einer homogenen Leitkultur und durch eine multikulturell geprägte Stadtidentität mehr Raum für die Ausbildung von Hybrididentitäten, was den Druck zur Assimilation mildert und die Mobilisierung für großflächige Gewalt erschwert.

Ende der Leseprobe aus 82 Seiten  - nach oben

Details

Titel
Die Identitätsfindung und kollektive Gewalt jugendlicher Migranten in Paris und Berlin
Untertitel
Wie es zu den Ausschreitungen in Paris 2005 kam und warum es in Berlin vergleichsweise ruhig ist
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Berlin Graduate School of Social Sciences (BGSS))
Note
1,5
Autor
Vivian Ebert (Autor:in)
Erscheinungsjahr
2009
Seiten
82
Katalognummer
V159789
ISBN (eBook)
9783640734795
ISBN (Buch)
9783640734986
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Migration Jugendgewalt Nationale Identität Staatsangehörigkeit Bildungssysteme Stadtsoziologie
Produktsicherheit
GRIN Publishing GmbH
Arbeit zitieren
Vivian Ebert (Autor:in), 2009, Die Identitätsfindung und kollektive Gewalt jugendlicher Migranten in Paris und Berlin, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/159789
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Leseprobe aus  82  Seiten
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