Der prävalente Organmangel induziert tagtäglich Rationierungsentscheidungen mit dramatischen Opportunitätskosten, die sich bisweilen im Tod der unausweichlich nicht bedachten, konkurrierenden Organempfänger manifestieren. Allein aus ethischer Perspektive heraus erscheint die Implementierung von Maßnahmen zur Erhöhung des Transplantataufkommens obligatorisch. Darüber hinaus ist, komplementär zu den therapeutischen Vorzügen, zusätzlich regelmäßig eine signifikant höhere Kosteneffektivität von Transplantationen zu konstatieren, die angesichts eines ausufernden Gesundheitsetats eine Erhöhung des Organaufkommens auch unter finanziellen Gesichtspunkten erstrebenswert macht. Aus ökonomischer Perspektive ist der konstatierte Organmangel primär als Zeichen der Ineffizienz der gegenwärtigen Ordnung zu werten, der es nicht gelingt, Spender und Empfänger erfolgreich zusammenzuführen. Folgerichtig wurden in der jüngeren Vergangenheit vermehrt Ansätze zur Erhöhung des Organaufkommens diskutiert, die bis hin zu der Etablierung eines Marktes für Organe reichen. Die vorliegende Arbeit fokussiert aus dem mannigfaltigen Maßnahmenportfolio die sog. „Club-Lösung“, die auch als Reziprozitätslösung Eingang in die Literatur gefunden hat. In diesem Kontext werden zunächst die grundlegenden Konzepte für die Generierung von Organen vorgestellt, um nachfolgend die Implikationen des in Deutschland geltenden Gewinnungs- und Zuteilungsmechanismus für das Organaufkommen zu verdeutlichen. Daraufhin erfolgt die Vorstellung der „Club-Lösung“ mit ihren spezifischen Vorteilen als alternativem Allokationssystem, während im weiteren Verlauf der Schwerpunkt auf der Diskussion ausgewählter potentieller Hemmnisse liegt, die der selbstregulatorischen Konstituierung einer privaten Cluborganisation potentiell entgegenstehen. Zielsetzung dieser Arbeit ist es letztlich, die Frage zu beantworten, inwieweit es sich bei der vorgestellten Club-Lösung sowohl aus ethischen als auch ökonomischen Gesichtspunkten heraus um ein geeignetes Modell für die nachhaltige Erhöhung des Organaufkommens handelt. Dabei gilt es, insbesondere die Optionen einer staatlichen und privaten Trägerschaft der Cluborganisation gegeneinander abzuwägen. In Anbetracht der politischen Brisanz des Themas wird zusätzlich ein modifizierter reziprozitätswahrender Ansatz vorgestellt, der eine höhere Konsensfähigkeit vermuten lässt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Organmangel in Deutschland
2.1 Basiskonzeptionen der Generierung von Organressourcen
2.2 Organaufkommen als Allmendegut
3 Organallokation in Clubs als Ausweg aus dem Allmendedilemma
3.1 Grundspezifikation einer privaten Clublösung
3.2 Elementare Vorzüge einer privaten Clublösung
3.3 Potentielle Hemmnisse für die Konstituierung privater Cluborganisationen
3.3.1 Durchsetzungsprobleme bei der priorisierten Organallokation
3.3.2 Generationenkonflikte
3.3.3 Selbstbindung
3.3.3 Adverse Selektion, potentielle Reziprozität und moral hazard
4 Praktikabilität der Clublösung
4.1 Private vs. öffentliche Trägerschaft
4.2 Bonusmodell als konsensfähiger Kompromiss
5 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht den gravierenden Organmangel in Deutschland aus ökonomischer Perspektive und analysiert die „Club-Lösung“ als alternatives Allokationssystem. Ziel ist es zu beurteilen, inwieweit dieses Modell – auch in modifizierter Form als Bonusmodell – ethisch und ökonomisch geeignet ist, das Spenderaufkommen nachhaltig zu erhöhen und dabei Gerechtigkeitsprinzipien zu wahren.
- Analyse des Organmangels als Allmendedilemma.
- Evaluation des Club-Modells zur Sicherstellung von Reziprozität.
- Diskussion von Hemmnissen wie Durchsetzungsproblemen, Generationenkonflikten und moral hazard.
- Vergleich von privater und öffentlicher Trägerschaft der Cluborganisation.
- Bewertung des Bonusmodells als konsensfähiger Kompromiss unter Berücksichtigung von Gerechtigkeitsvorstellungen.
Auszug aus dem Buch
Organaufkommen als Allmendegut
Allen der bis dato konturierten Konzeptionen zur Regelung der Organentnahme ist gemein, dass der Gesamtvorrat der postmortal gewonnenen Organe als „common pool ressource“ (CPR) behandelt wird, auf die potentielle Empfänger nach prädefinierten institutionellen Regeln zugreifen können. CPR werden auch als Allmendegüter bezeichnet und zählen zu den Mischgütern. Sie sind dadurch zu charakterisieren, dass sie wie rein private Güter im Konsum rivalisieren, jedoch, wie rein öffentliche Güter, kostenlos zur Verfügung gestellt werden, so dass niemand von ihrer Nutzung ausgeschlossen wird. Tatsächlich ist es gegenwärtig so, dass potentielle Spender kompensationslos zur Akkumulation eines Bestandes an Organen beitragen, an dem jeder Bürger, auch bei explizitem Verweigern des Erklärens der eigenen Spendebereitschaft, im Bedarfsfall einen gesetzlich kodifizierten Anspruch geltend machen kann.
Somit bewirkt letztlich nur die Knappheit der Organe einen de facto-Ausschluss und bedingt die prävalente Rationierung nach dem Prioritätsprinzip anhand von vorwiegend medizinischen Kriterien. In der Vergangenheit wurde hinlänglich belegt, dass bei CPR grundsätzlich die Tendenz besteht, „sich die Vorteile des Ressourcenzugangs anzueignen ohne sich zugleich an den Lasten zu beteiligen.“ Analog konstituiert die aktuelle Praxis der Organallokation eine Anreizstruktur, die als dominante Strategie ein Trittbrettfahrerverhalten induziert, bei dem sich rationale, eigennutzenmaximierende Individuen ausschließlich als potentielle Organempfänger positionieren, ohne simultan die eigene Spendebereitschaft zu erklären. Bei den für die eingangs skizzierte Divergenz zwischen der bevölkerungsintern evozierten hohen Spendebereitschaft und dem diametral geringen Aufkommen an expliziten Spendeerklärungen ursächlichen Bereitstellungskosten für die CPR handelt es sich im wesentlichen um psychische Kosten, die den Unwillen der Individuen reflektieren, sich mit dem eigenen Tod zu beschäftigen. Schließlich gehört die Erklärung der Spendebereitschaft zur Gattung der diffizilen und unliebsamen Entscheidungen, denen Menschen gerne ausweichen. Daher ist unter den derzeitigen Umständen die Erklärung der eigenen Spendebereitschaft ausschließlich altruistischen Motiven geschuldet. Die Erfahrung hat jedoch gezeigt, dass Menschen nahezu jegliche Form von Kosten – und somit auch die angeführten psychischen Kosten – tragen, sofern diesen eine angemessene Kompensationsleistung gegenübersteht. Folglich ist das den gegenwärtigen Organmangel konstituierende Allmendedilemma nicht vorrangig den individuellen psychischen Barrieren der potentiellen Spender geschuldet, sondern liegt in erster Linie in der fehlenden Gegenleistung für das Durchbrechen selbiger begründet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des akuten Organmangels in Deutschland ein und stellt die Relevanz einer ökonomischen Analyse für das Allokationssystem vor.
2 Organmangel in Deutschland: Das Kapitel erläutert die bestehenden Modelle der Organspende und definiert den Organmangel als ökonomisches Allmendedilemma.
3 Organallokation in Clubs als Ausweg aus dem Allmendedilemma: Hier wird das Konzept der Club-Lösung vorgestellt und auf potenzielle Herausforderungen und Hemmnisse bei deren Umsetzung untersucht.
4 Praktikabilität der Clublösung: Dieses Kapitel diskutiert die institutionelle Trägerschaft von Clubs und präsentiert ein Bonusmodell als praxisnahe Alternative.
5 Fazit: Das Fazit fasst die ökonomische und ethische Bewertung der diskutierten Modelle zusammen und ordnet das Bonusmodell als realistischen Kompromiss ein.
Schlüsselwörter
Organspende, Organmangel, Allmendegut, Allmendedilemma, Club-Lösung, Reziprozität, Prioritätslösung, Trittbrettfahrerverhalten, Rationierung, Bonusmodell, Transplantationsgesetz, institutionelle Arrangements, Transplantation, Anreizstruktur, Gerechtigkeit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Problem des Organmangels in Deutschland aus einer ökonomischen Perspektive und prüft, ob die Etablierung privater „Clubs“ von Organspendern zur Lösung beitragen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Zentrale Themen sind die ökonomische Theorie der Rationierung, das Konzept der „Common Pool Resources“ (Allmendegüter), das Reziprozitätsprinzip bei Organspenden sowie ethische Aspekte der Organallokation.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das primäre Ziel ist es, die Eignung der „Club-Lösung“ als alternatives Allokationssystem zur Erhöhung des Organaufkommens sowohl aus ethischer als auch aus ökonomischer Sicht zu bewerten.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor verwendet eine ökonomische Analyse, die insbesondere auf Ansätzen der Neuen Institutionenökonomik basiert, um Anreizstrukturen und das Verhalten von Akteuren bei der Organvergabe zu untersuchen.
Welche Aspekte werden im Hauptteil der Arbeit detailliert behandelt?
Im Hauptteil werden die Spezifikationen und Vorzüge der Club-Lösung, potenzielle Umsetzungshemmnisse (wie moral hazard oder Generationenkonflikte) sowie die Trägerschaftsmodelle und das Bonusmodell intensiv diskutiert.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Die Arbeit ist maßgeblich durch Begriffe wie Reziprozität, Allmendedilemma, Prioritätslösung und Bonusmodell geprägt.
Wie unterscheidet sich das Bonusmodell von der klassischen Club-Lösung?
Das Bonusmodell schwächt die exklusive Anreizstruktur der Club-Lösung ab, indem es die Spendebereitschaft als ein Kriterium in ein bestehendes staatliches Zuteilungssystem integriert, um die politische Konsensfähigkeit zu erhöhen.
Warum wird eine private Trägerschaft für Clubs kritisch hinterfragt?
Die private Trägerschaft birgt das Risiko der Zersplitterung, hohe Transaktionskosten und ethische Dilemmata, weshalb der Autor diskutiert, ob eine öffentlich-rechtliche Trägerschaft als monopolistischer Solidarverein sinnvoller wäre.
- Arbeit zitieren
- Andreas Werner (Autor:in), 2010, Die Allokation von Organtransplantaten durch Clubs, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/159748