Die vorliegende Arbeit will Anregungen zur Verbesserung des Zusammenwirkens von Massenmedien und politischen Entscheidungsprozessen geben – der Fokus liegt also auf der Makroebene gesellschaftlicher Prozesse.
Auch wenn der Begriff der Verbesserung hier zunächst allgemein gehalten ist, führt er zum Problem der Norm und damit in das Spannungsverhältnis von analytischer Medientheorie und normativer Gesellschaftstheorie. Woran können Verbesserungen oder Verschlechterungen festgemacht sowie ihre Intensivität gemessen werden?
Das Problem wird nicht darin gesehen, dass gesellschaftlicher Wandel nicht in eine bestimmte, vom Autor bevorzugte Richtung stattfindet, sondern dass ein solcher nicht diskutiert wird und nicht einmal diskutiert werden kann. Die Möglichkeit der Stellung einer bestimmten Forderung hängt von einem Grundkonsens ab, der in der jeweiligen historisch-spezifischen Situation nicht hinterfragt werden kann. Dies soll am Beispiel der Kapitalismusdebatte gezeigt werden, in deren Verlauf der Grundkonsens des liberalistischen Kapitalismus erst von realpolitischen Ereignissen erschüttert werden konnte.
Mit vielen Kommentatoren der Qualitätszeitungen ist zu behaupten, dass die Finanzkrise eine realpolitisches Ereignis ist, dessen Auswirkungen den Grundkonsens Liberalismus und Deregulierung modifizieren wird, der spätestens seit Ende des Systemkonflikts 1989/90 die Wirtschaftspolitik der Welt dominierte und somit auf Grund des Primats der Wirtschaftspolitik die Lebenssituation von Millionen von Menschen in vielfältiger Weise beeinflusste. Somit kann die Analyse dieser Debatten herausarbeiten, inwiefern gesellschaftliche Probleme rechtzeitig erkannt und tragfähige Lösungsvorschläge angeboten worden sind.
Hier interessiert besonders der für die Massenmedien essentielle Operationsmodus der Selektion. Dabei liegt das primäre Erkenntnisinteresse dieser Arbeit nicht im Warum oder im Wer der Selektion, nicht zentral im Wie der Selektion, sondern in den Konsequenzen der Selektion. Welche Charakteristika weißt die von den Massenmedien gezeichnete Realität auf?
Inhalt
I. Einleitung
II. Produktive Ausschließung – die Herleitung der Fragestellung
2.1 Warum Foucault?
2.2 Die methodischen Grundschritte
2.3 Diskurse und Subjekte
2.4 Diskursive und dispositive Einschränkungen
III. Die heutigen Strukturen – die Analyse der Elemente der Fragestellung
3.1 Zur Komplementarität der Perspektiven Foucaults und Luhmanns
3.2 Die Grundprinzipien der Demokratie
3.3 Faktoren gesellschaftlichen Wandels
3.4 Die Medien in der Demokratie - Öffentlichkeit
3.5 Akteure und Prozesse der Politischen Kommunikation
3.5.1 Zentrale politische Akteure
3.5.2 Periphere politische Akteure
3.5.3 Ausgewählte Prozesse politischer Kommunikation
3.6 Aktuelle Entwicklungen
IV. Bestimmung der Norm
4.1 Überblick über die Funktionen des Mediensystems
4.2 Deliberale Öffentlichkeitstheorie
4.3 Ein Modell zur Messung demokratischer Medienperformanz
4.3.1 Objektivität
4.3.2 Kritik
4.3.3 Strukturierung
4.3.4 Vielfalt
V. Verzerrung
5.1 Nachrichtenwerttheorie
5.2 Der Framing-Ansatz
5.2.1 Begründung der Auswahl des Framing-Ansatzes
5.2.2 Definition Framing
5.2.3 Grundbegriffe und Hauptaussagen
5.2.4 Zur Methodik des Framing-Ansatzes
5.2.5 Der Framing-Ansatz und andere Konzepte der Selektions- und Verzerrungsforschung
5.2.6 Framing und Konsonanz
5.2.7 Die Qualitäten des Framing-Ansatzes
5.2.8 Der Status des Framing-Ansatz
VI. Empirische Analyse
6.1 Die Kapitalismusdebatte
6.2 Erläuterung der gewählten Methodik
6.2.1Auswahl der Mediengattung und der Publikationsorgane
6.2.2. Auswahl der Zeiträume: die Schlüsselereignisse
6.2.3Generierung und Darstellung des Datenkorpus: Auswahl der Artikel
6.2.4Anlage der Framing-Analyse
6.2.5Details zur Vorgehensweise der Analyse auf Frame-Elemente
6.3 Präsentation und Diskussion der Ergebnisse
6.3.1. Die Heuschreckendebatte vor dem Schlüsselereignis (17.03.-17.04.2005)
6.3.2 Heuschreckendebatte nach Schlüsselereignis (18.04.-17.05.2005)
6.3.3 Die Homogenität des Framing-Prozesses in der Heuschreckendebatte
6.3.4. Finanzmarktkrise vor dem Schlüsselereignis (15.08.-15.09.2008)
6.3.5. Finanzmarktkrise nach dem Schlüsselereignis (16.09.-15.10.2008)
6.3.6 Die Homogenität des Framing-Prozesses in der Debatte um die Finanzmarktkrise
6.4 Erkenntnisse zu Framing-Prozessen in der Kapitalismusdebatte
VII. Fazit
VIII. Literatur
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie mediale Selektionsprozesse politische Diskurse beeinflussen und inwiefern diese Prozesse eine informierte gesellschaftliche Problemlösung behindern, wobei der Fokus auf der Analyse der Kapitalismusdebatte liegt.
- Analytische Medientheorie im Kontext normativer Gesellschaftstheorie
- Wechselwirkung zwischen politischen Akteuren und Mediensystem
- Empirische Framing-Analyse von Kapitalismusdebatten
- Herausforderungen für deliberative Öffentlichkeit
- Rolle von Selektionsroutinen bei der Thematisierung gesellschaftlicher Probleme
Auszug aus dem Buch
2.4 Diskursive und dispositive Einschränkungen
In seiner berühmten Antrittsvorlesung am Collège de France präsentiert Foucault seine Typologie der Einschränkungsmechanismen – die Ordnung des Diskurses. Sie bestimmten die in einem Diskurs thematisierbaren Gegenstände, einnehmbaren Positionen, verwendbaren Begriffe und anwendbaren Strategien. Foucault unterscheidet verschiedene Klassen dieser Prozeduren:
Zunächst könnten die Prozeduren der Ausschließung gewisse Gegenstände und Vorgänge zu einem Tabu erklären oder es könnten durch Rituale des Umstandes manche Sprecher vom Diskurs ausgeschlossen werden. Beispielsweise wird ein akademischer Abschluss und werden bestimmte sprachliche Anforderungen verlangt, um im Wissenschaftsdiskurs zu publizieren. Parlamentsdebatten sind ein Beispiel für besonders hochgradig geregelte Diskurse mit minutiös zugestandenen Redezeiten für die einzelnen ausgewählten Sprecher.
Die wirkungsmächtigste Ausschließungsprozedur stellt der Wille zum Wissen bzw. der Wille zur Wahrheit dar. So bezeichnet Foucault die Entscheidung über die Akzeptanz einer Aussage auf Grund der Unterscheidung wahr/falsch. Das Schicksal Galileis verdeutlicht, was gemeint ist: Im damaligen Weltbild war es schlichtweg falsch, dass die Erde sich um die Sonne drehte. Der argumentative Beweis war vom ersten Satz an vergebliche Liebesmüh. Hier blitzt ein erstes Mal das Problem der Konsonanz auf: etwas ist so, weil alle es so sehen. Dabei tendiert der Wille zum Wissen dazu, sich über die anderen Ausschließungsmechanismen zu erheben: beispielsweise wird jemand ausgeschlossen, weil er eine unkonventionelle These.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Arbeit thematisiert das Spannungsfeld zwischen der analytischen Medientheorie und normativen Gesellschaftstheorie, um Verbesserungen im Zusammenwirken von Medien und Politik zu identifizieren.
II. Produktive Ausschließung – die Herleitung der Fragestellung: Dieses Kapitel begründet den Einsatz der Foucaultschen Diskurstheorie als Werkzeug zur Untersuchung von Machtverhältnissen und Selektionspraktiken.
III. Die heutigen Strukturen – die Analyse der Elemente der Fragestellung: Hier wird mittels Systemtheorie analysiert, wie Medien und Politik als Teilsysteme interagieren und gesellschaftlichen Wandel beeinflussen.
IV. Bestimmung der Norm: Basierend auf der deliberativen Öffentlichkeitstheorie werden Kriterien für die Leistung eines demokratischen Mediensystems entwickelt.
V. Verzerrung: Durch die Zusammenführung von Nachrichtenwerttheorie und Framing-Ansatz wird theoretisch begründet, wie Selektionsprozesse die Realitätswahrnehmung beeinflussen.
VI. Empirische Analyse: In diesem Hauptteil wird die Kapitalismusdebatte mittels einer Framing-Analyse quantitativ und qualitativ auf ihre demokratische Performanz untersucht.
VII. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, wonach die Dominanz zentraler Akteure und eine homogene Berichterstattung die Problemlösungsfähigkeit der Gesellschaft beeinträchtigen.
Schlüsselwörter
Politische Kommunikation, Mediensystem, Diskursanalyse, Framing-Ansatz, Systemtheorie, Kapitalismusdebatte, Öffentlichkeitstheorie, Medienperformanz, Selektion, Agenda-Setting, Demokratie, Partizipation, Finanzkrise, Machtverhältnisse, Nachrichtenfaktoren.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Diplomarbeit primär?
Die Arbeit analysiert, wie Massenmedien durch ihre Selektionsmechanismen politische Diskurse strukturieren und ob sie damit die demokratische Problemlösungsfähigkeit der Gesellschaft eher fördern oder einschränken.
Welche wissenschaftlichen Theorien bilden das Fundament?
Die Arbeit stützt sich primär auf die Diskurstheorie von Michel Foucault sowie die Systemtheorie nach Niklas Luhmann, ergänzt durch die deliberative Öffentlichkeitstheorie nach Jürgen Habermas.
Was ist das zentrale Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, Schwachstellen im Zusammenwirken von Mediensystem und Politik aufzudecken, die eine rechtzeitige Identifikation gesellschaftlicher Krisen verhindern, und Anregungen für eine demokratischere Kommunikation zu geben.
Welche Forschungsmethode wird empirisch angewandt?
Der Autor verwendet eine selbst entwickelte, vergleichende quantitative Inhaltsanalyse, die Framing-Elemente (Problemdefinition, Ursachenzuschreibung, Lösungsvorschlag) auf die Kapitalismusdebatte anwendet.
Was wird im empirischen Teil schwerpunktmäßig behandelt?
Es werden zwei spezifische Ausschnitte der Kapitalismusdebatte untersucht: die sogenannte Heuschreckendebatte um 2005 und die internationale Finanzmarktkrise rund um die Lehman-Insolvenz 2008.
Welche Rolle spielen "Schlüsselereignisse" in der Analyse?
Schlüsselereignisse dienen als methodische Ankerpunkte, um zu untersuchen, ob und wie sich journalistische Selektionskriterien und die Berichterstattung in krisenhaften Phasen schlagartig ändern.
Was sind die wichtigsten Erkenntnisse zur Rolle von Parteien?
Die Analyse zeigt eine erdrückende Präsenz der Regierungs- bzw. Zentrumsakteure und eine starke Unterrepräsentation peripherer Akteure, was die These der strukturellen Homogenität stützt.
Welche Bedeutung haben Journalisten im Framing-Prozess?
Journalisten werden nicht als neutrale Vermittler, sondern als aktive Akteure verstanden, die durch ihre eigene Deutungshoheit maßgeblich zur Framing-Struktur beitragen und eigene Positionen in den Diskurs einbringen.
Wie bewertet der Autor die Auswirkungen auf die Demokratie?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass die systembedingte Homogenität der Medienberichterstattung wichtige Lösungsalternativen ausblendet und so das Vertrauen in die Problemlösungsfähigkeit demokratischer Prozesse untergraben kann.
- Quote paper
- Patrick Fink (Author), 2009, Zur medialen Selektion politischer Diskurse , Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/159333