Der Mythos um den wunderbaren Vogel Phoenix, der sein Leben immer wieder nach Ablaufen einer bestimmten Zeitspanne auf einem Scheiterhaufen verbrennt und aus seiner Asche neu entsteht, verdeutlicht grundlegende Sehnsüchte der Menschen. Das Überwinden von zeitlichen Grenzen, das Erlangen einer zweiten Chance oder das Leben noch einmal neu beginnen zu dürfen, wie es schon der bekannte Ausdruck „wie ein Phoenix aus der Asche“ andeutet. Seit jeher schwirren diese Vorstellungen in den Köpfen der Menschen und umso leichter konnte sich der Mythos des Phoenix verbreiten und entwickeln. Sucht man in den Werken griechischer und römischer Autoren, stößt man auf eine Vielzahl von Erwähnungen, in denen der ägyptische Vogel „als Sinnbild des sich durch den Tod erneuernden Lebens“ übernommen wurde. Wie der Name Phoenix im Griechischen genau zu verstehen war, ist schwierig, da er drei verschiedene Bedeutungen hat: „Purpur, Phönikier, Dattelpalme“ ; so kann er sich beispielsweise aus überlieferten Elementen des Mythos erschlossen haben. Als grundlegendes klassisches Zeugnis des Vogels gilt dessen Darstellung in seinen Historien des Herodot, der selbst ein Bild des Vogels in Heliopolis gesehen haben will und hierauf die Aussagen der Einwohner (wj Hliopolitai legousi) schildert: Der Vogel käme alle 500 Jahre aus Arabien, wenn sein Vater stirbt (foitan de tote fasi, epean oi apoqanh o pathr); diesen bringe er eingehüllt in einem Ei aus Myrrhe zur Bestattung in das Heiligtum des Helios (qaptein en tou Hliou tw irw). In seiner Gestalt sei er wohl einem Adler am ähnlichsten sowie von roter und goldener Farbe (Hdt. 73). Seinem Bericht folgten im Großen und Ganzen nachfolgende Schriftsteller, die sich mit dem Phoenix befassten; Details des Mythos wurden aber immer wieder verändert und neu ausgestaltet. Hierzu zählen unter anderem Autoren wie Tacitus, Plinius der Ältere, Pomponius Mela, Ovid und Philostratus.
In meiner Arbeit werden ich mich mit zwei spätantiken Gedichten über den Phoenix befassen, PHOENIX von Claudius Claudianus (c.m. 27) sowie DE AVE PHOENICE von L. Caelius Firmianus Lactantius, an dem sich Claudian wohl orientiert hat. Inwieweit es sich hier um eine imitatio oder aemulatio - oder gar um beides - handelt, oder ob sich Claudian bewusst von seinem Vorbild distanziert, wird im Folgenden ersichtlich werden. Neben der Frage, wie diese den Mythos ausgearbeitet haben, werde ich besonders auf den Phoenix als Allegorie eingehen.
Inhaltsverzeichnis
1. EINFÜHRUNG
2. STAND DER FORSCHUNG
3. DE AVE PHOENICE VON LAKTANZ
3.1 Gliederung und Paraphrase
3.2 Gattungsmerkmale
4. PHOENIX VON CLAUDIAN
4.1 Gliederung und Paraphrase
4.2 Gattungsmerkmale
5. VERGLEICH IN DER AUSGESTALTUNG EINZELNER ELEMENTE
5.1 Die Heimat des Phoenix
5.2 Der Vogel Phoenix
5.3 Sterben und Wiedergeburt
5.4 Die Sonnensymbolik
6. DER PHOENIX ALS ALLEGORIE
6.1 Laktanz
6.1.1 Die Entwicklung christlicher lateinischer Literatur
6.1.2 Betonung der Gottesnähe und der Verehrung
6.1.3 Christliche Aspekte des Sterbens und der Auferstehung
6.1.4 Der Phoenix als christliche Allegorie
6.2 Claudian
6.2.1 Politische Aspekte
6.2.2 Die Metamorphose als Übertragung der dicio
6.2.3 Der Phoenix als Allegorie für das Imperium Romanum
6.2.4 Die Beständigkeit und Vormacht Roms
7. FAZIT: CLAUDIANS GEDICHT ALS AEMULATIO
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht und vergleicht die zwei spätantiken Gedichte De ave Phoenice von Laktanz und Phoenix von Claudian. Ziel ist es, die unterschiedlichen Intentionen, die poetische Ausgestaltung sowie die spezifische Funktion des Phönix-Mythos als Allegorie im christlichen Kontext bei Laktanz und im politisch-panegyrischen Kontext bei Claudian herauszuarbeiten.
- Mythologische Überlieferung und Rezeption des Phönix in der Antike.
- Vergleichende Analyse der poetischen Struktur und Gattungsmerkmale beider Gedichte.
- Untersuchung der Allegorisierung als christliches Sinnbild der Auferstehung und Askese (Laktanz).
- Analyse der politischen Instrumentalisierung des Mythos für kaiserliche Ideologie und das Imperium Romanum (Claudian).
Auszug aus dem Buch
5.1 Die Heimat des Phoenix
Beide Dichter beginnen mit dem Wohnort des Vogels. Es wird ein locus amoenus geschildert, der sich fern ab der bevölkerten Welt befindet.
Laktanz lokalisiert ihn im fernen Osten als einen Ort nahe dem Himmelstor - und somit auch nahe dem Sonnenaufgang - voller ewigem Frühling (in primo oriente remotus, ... patet aeterni maxima porta poli, ... qua so verno fundit ab axe diem, VV. 1- 5). Des Weiteren wird er als Höhe vorgestellt (nostros montes ... eminet, VV. 7- 8), der unter anderem schon bei dem Propheten Jesaja (XIV, 13) als Berg der Götterversammlung Anklang fand und als „ein Merkmal der insbesondere in orientalischen Traditionen geläufigen Götter- und Paradiesberge“15 verstanden wird.16 Erst im Folgenden beschreibt er den solis nemus (V. 9), der sich dort befindet (perpetuae frondis honore virens, V. 10) und die Beschreibung wie ein Rahmen umfasst (nemus, V. 31). Die Ferne des Ortes wird zusätzlich noch betont, da dieser als einziger von vergangenen Katastrophen (... Phaethoneis flagrasset ab ignibus axis, V. 11; Deucalioneas exsuperavit aquas, V. 14), mögen sie auch die gesamte Menschheit betroffen haben, stets verschont blieb (inviolatus, V. 12). Laktanz fügt epische Bausteine mit ein; nur einer sei hier näher beschrieben: Durch den Rückgriff auf Vergils Aeneis charakterisiert er den gesegneten Ort (locus felix, V. 1), indem er die Beschreibung der Unterwelt des sechsten Buches einfach umgedreht verwendet:17
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINFÜHRUNG: Einführung in den antiken Mythos des Phönix sowie Vorstellung der beiden zu untersuchenden Gedichte von Laktanz und Claudian.
2. STAND DER FORSCHUNG: Diskussion der Verfasserschaft des Laktanz-Gedichtes und der literarischen Abhängigkeit Claudians von seinem Vorbild.
3. DE AVE PHOENICE VON LAKTANZ: Analyse der Gliederung und der gattungsspezifischen Merkmale des Gedichtes von Laktanz.
4. PHOENIX VON CLAUDIAN: Analyse der Gliederung und der gattungsspezifischen Merkmale des Gedichtes von Claudian.
5. VERGLEICH IN DER AUSGESTALTUNG EINZELNER ELEMENTE: Detaillierter Vergleich von Heimat, Phönix-Gestalt, Sterbeprozess/Wiedergeburt und der Sonnensymbolik in beiden Werken.
6. DER PHOENIX ALS ALLEGORIE: Untersuchung der allegorischen Bedeutung des Phönix als christliches Symbol (Laktanz) und als politisches Machtsymbol (Claudian).
7. FAZIT: CLAUDIANS GEDICHT ALS AEMULATIO: Zusammenfassende Bewertung des Verhältnisses der beiden Gedichte und der jeweiligen Intentionen der Dichter.
Schlüsselwörter
Phönix, Laktanz, Claudian, Spätantike, Allegorie, Christentum, Auferstehung, Imperium Romanum, Sonnensymbolik, Aemulatio, Mythos, Literaturwissenschaft, Stilicho, Kult, Sol Invictus.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert zwei spätantike Gedichte über den Phönix-Mythos, um aufzuzeigen, wie unterschiedliche Autoren den gleichen Stoff für ihre jeweils eigene Intention – christliche Theologie bei Laktanz und politische Panegyrik bei Claudian – nutzten.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Mittelpunkt?
Die Untersuchung konzentriert sich auf die Rezeption des Phönix als Allegorie, die vergleichende Analyse der poetischen Strukturen sowie die historische und religiöse Einordnung in das 4. Jahrhundert n. Chr.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, nachzuweisen, dass Claudian sein Gedicht als aemulatio (bewusste künstlerische Überbietung/Umgestaltung) im Verhältnis zu Laktanz verfasst hat, um den Mythos für seine politischen Zwecke zu instrumentalisieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine philologisch-vergleichende Methode, die den Textbestand der Gedichte analysiert und in den historischen sowie literarischen Kontext der Spätantike einbettet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen detaillierten Vergleich einzelner Motive (Heimat, Sterben, Wiedergeburt) und eine tiefgehende Analyse der allegorischen Funktion, unterteilt in christliche Aspekte und politische Machtideologie.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Wichtige Begriffe sind: Phönix-Mythos, De ave Phoenice, Claudian, aemulatio, Allegorie, Christliche Poesie, Imperium Romanum und Politische Panegyrik.
Wie unterscheidet sich die allegorische Deutung bei Laktanz von der bei Claudian?
Während Laktanz den Phönix als Symbol der christlichen Auferstehung und asketischen Lebensführung deutet, verwendet Claudian den Mythos, um die Beständigkeit Roms und die Führungspersönlichkeit des Feldherrn Stilicho zu legitimieren.
Warum spielt die Sonnensymbolik eine so große Rolle für den Phönix?
Die Sonne dient in beiden Werken als lebensspendendes, göttliches Prinzip, das sowohl den rituellen Charakter des Phönix-Daseins als auch die Verbindung zum orientalischen und römischen Mysterienkult (Sol Invictus) unterstreicht.
Was bedeutet der Begriff "aemulatio" im Kontext der Arbeit?
Aemulatio bezeichnet hier den künstlerischen Wettbewerb, bei dem Claudian zwar das Vorbild des Laktanz erkennt und nutzt, dieses jedoch durch eine eigene, politisch motivierte Gestaltung übertrifft und in einen völlig neuen Bedeutungskontext setzt.
- Arbeit zitieren
- Barbara Bauer (Autor:in), 2010, Der Phönix im Vergleich zweier spätantiker Gedichte und seine Funktion als Allegorie, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/159188