Mit zum bedeutsamsten Typ von UN-Missionen gehören die Peacekeeping-Operationen, welche zeitnah nach Beilegung des Konflikts und im Einvernehmen mit den Konfliktparteien zur Aufrechterhaltung des Waffenstillstandes sowie der Schaffung langfristigen Friedens beitragen sollen und sich dabei militärischen, polizeilichen und zivilen Instrumenten bedienen. Maßgebliches Dokument für diesen Bereich ist die so genannte Capstone-Doktrin, welche 2008 durch das Department of Peacekeeping Operations der UN veröffentlicht wurde und den Anspruch hat, die Peacekeeping-Erfahrungen der letzten sechs Jahrzehnte in einer übergeordneten Leitlinie für alle bestehenden und folgenden Peacekeeping-Operationen zu bündeln.
Aus konstruktivistischer Perspektive kann die Capstone-Doktrin jedoch kaum die soziale Realität, sondern lediglich ein selbstgeschaffenes Abbild derselben wiedergeben, welches durch die spezifische Art und Weise der eigenen Beobachtung determiniert ist. Wirklichkeit ist in diesem Sinne das konstruierte Resultat von Wahrnehmungen und verhält sich so, wie sie beobachtet wird. Die durch Beobachtungen vorgenommenen Unterscheidungen und deren kollektive Anerkennung implizieren regelmäßig Unterschiede in den Machtverhältnissen und setzen Regeln, welche sich dann in der Sprache abbilden. Folglich ist anzunehmen, dass sich aus der Capstone-Doktrin nicht nur eine Legitimierung von Peacekeeping-Operationen ergibt, sondern dass sich übergeordnet eine UN-eigene Konstruktion der Wirklichkeit aufzeigen lässt, welche erst die maßgeblichen Prämissen bereitstellt, um die Legitimität der Interventionen logisch zu schlussfolgern.
Vor diesem Hintergrund lautet die zentrale Fragestellung dieser Arbeit, wie die UN in der Capstone-Doktrin in Bezug auf die Legitimierung von Peacekeeping-Operationen und insbesondere in Bezug auf den Einsatz von Gewalt Wirklichkeit konstruiert. Maßgeblich sind
hier unter anderem wertende Unterscheidungen zwischen verschiedenen Akteuren, sowie der Maßstab anhand dessen diese Unterscheidungen getroffen werden.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. THEORETISCH-METHODISCHE VORBEMERKUNGEN
2.1 KONSTRUKTIVISMUS
2.2 INHALTSANALYTISCHE KATEGORIEN
3. CAPSTONE-KONSTRUKTIONEN
3.1 DIE KONSTRUKTION VON AKTEURSPOSITIONEN
3.1.1 DIE ANDEREN
3.1.2 DIE UN IN DER SELBSTDARSTELLUNG
3.2 DIE LEGITIMIERUNG VON GEWALT
3.3 DAS STAATSIDEAL DER UN
4. FAZIT
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, wie die Vereinten Nationen durch die „Capstone-Doktrin“ Wirklichkeit konstruieren, um Peacekeeping-Operationen und den Einsatz von Gewalt zu legitimieren. Dabei wird analysiert, wie durch die Zuschreibung spezifischer Akteurspositionen und eines bestimmten Staatsideals ein Narrativ geschaffen wird, das UN-Einsätze als notwendig und moralisch geboten erscheinen lässt.
- Konstruktivistische Analyse der Capstone-Doktrin
- Konstruktion von Akteurspositionen (UN vs. "die Anderen")
- Legitimierung von Gewalteinsätzen im Rahmen von Friedensmissionen
- Das westlich geprägte Staatsideal als Handlungsmaßstab
- Untersuchung der Identitätskonstruktion der UN
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Die Anderen
Als preferierter Anderer dienen der UN in der Capstone-Doktrin die staatlichen Institutionen des Landes, in dem interveniert werden soll.
„Many of these conflicts take place in the world’s poorest countries where state capacity may be weak, and where belligerents may be motivated by economic gain, as much as ideology or past grievances.“ (UN 2008: 21/22)
Es handelt sich also hauptsächlich um sehr arme Staaten, deren Institutionen aufgrund der Armut logischerweise schwach ausgebildet sind und wo die Flucht aus der Armut zusätzlich als Motivation für die Konfliktparteien in Frage kommt.
„The State’s capacity to provide security to its population and maintain public order is often weak, and violence may still be ongoing in various parts of the country. Basic infrastructure is likely to have been destroyed and large sections of the population may have been displaced. Society may be divided along ethnic, religious and regional lines and grave human rights abuses may have been committed during the conflict, further complicating efforts to achieve national reconciliation.“ (UN 2008: 22)
Die schwache Staatlichkeit der betreffenden Staaten wir quasi gleichgesetzt mit Sicherheitsdefiziten, d. h. Sicherheitsproduzent hat in erster Linie der Staat zu sein. Andere Akteure werden zunächst ausgeschlossen. Zudem scheinen den betreffenden Staaten folgende negative Attribute anzuhaften: Infrastructure destroyed, population displaced, society divided, human rights abuses comitted. Das alles ergibt eine Situation, die eine Aussöhnung erheblich erschwert und externe Hilfe notwendig erscheinen lässt. Auffällig bei diesem Zitat ist die hohe Anzahl des Wortes „may“, welches impliziert, dass das konstruierte Bild im Einzelfall nicht notwendigerweise mit der Realität übereinstimmen muss. Dennoch bleibt die Konstruktion der schwachen Anderen für die weitere Argumentation erhalten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung umreißt die Ausgangslage der UN-Friedensmissionen und führt in die konstruktivistische Forschungsfrage ein, wie die Capstone-Doktrin Wirklichkeit zur Legitimierung von Einsätzen produziert.
2. THEORETISCH-METHODISCHE VORBEMERKUNGEN: Hier werden die konstruktivistischen Grundlagen sowie die inhaltsanalytischen Kategorien dargelegt, die als Instrumentarium für die Untersuchung der UN-Dokumente dienen.
3. CAPSTONE-KONSTRUKTIONEN: Dieser Hauptteil analysiert, wie die Doktrin Akteurspositionen konstruiert, den Einsatz von Gewalt rechtfertigt und ein spezifisches, modern-liberales Staatsideal als Maßstab etabliert.
4. FAZIT: Das Fazit fasst zusammen, dass die UN durch eine negative Konstruktion der Einsatzländer und eine positive Selbstbeschreibung der eigenen Rolle ein legitimierendes Narrativ erzeugt, das auf einem liberalen Paradigma basiert.
Schlüsselwörter
Vereinte Nationen, Peacekeeping-Operationen, Capstone-Doktrin, Konstruktivismus, Legitimität, Wirklichkeitskonstruktion, Gewaltmonopol, Staatlichkeit, Friedensmissionen, Akteurspositionen, Identitätskonstruktion, liberales Paradigma, Interventionismus, Sicherheitspolitik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die sprachliche und inhaltliche Konstruktion von Wirklichkeit in der UN-Capstone-Doktrin von 2008.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Legitimierung von militärischen und zivilen Peacekeeping-Einsätzen, die Abgrenzung zwischen UN und lokalen Akteuren sowie die Verbreitung eines westlichen Staatsverständnisses.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch bestimmte Kategorisierungen und Narrative die Notwendigkeit von UN-Interventionen und Gewalteinsätzen als logische Konsequenz dargestellt wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen regelorientierten konstruktivistischen Ansatz sowie eine qualitative Inhaltsanalyse der Capstone-Doktrin.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Konstruktion von Akteurspositionen, die Rechtfertigung von Gewaltanwendung („robust peacekeeping“) und das angestrebte Staatsideal in den Zielländern der Missionen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben Begriffen wie „Peacekeeping“ und „Konstruktivismus“ stehen „Legitimität“, „Wirklichkeitskonstruktion“ und „Staatsideal“ im Zentrum der Analyse.
Was bedeutet das im Text erwähnte "robust peacekeeping"?
Der Begriff bezieht sich auf die Befugnis der UN, in bestimmten Situationen aktiv Gewalt anzuwenden, um das Mandat zu schützen, Zivilisten zu verteidigen oder den Friedensprozess abzusichern.
Inwiefern ist das Bild der "Anderen" laut Autor ein Konstrukt?
Der Autor argumentiert, dass die UN durch die wiederholte Verwendung von Begriffen wie „may“ oder „likely“ ein negatives Bild von Zielländern zeichnet, das primär der eigenen Legitimationsbedürfnisse dient, statt notwendigerweise die tatsächliche soziale Realität abzubilden.
- Arbeit zitieren
- Dipl. Verwaltungswirt (FH) Hendrik Thurnes (Autor:in), 2010, Interventionismus-Konstruktionen der UN, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/159019