Im Rahmen eines Seminars, das ich im Sommersemester 2008 am urund
frühgeschichtlichen Institut der Universität Wien besuchte, wurde
multiperspektivisch und interdisziplinär durch die kulturhistorischen
Wissenschaftsdisziplinen das Thema des Erinnerns am Ort des Währinger
Jüdischen Friedhofs behandelt. Der besseren Lesbarkeit wegen sind die
Personen geschlechtsneutral angesprochen. Die Ergebnisse des
Seminares werden zurzeit in Form einer Posterausstellung2 in
verschiedenen Institutionen und Ländern einer breiten Öffentlichkeit
zugänglich gemacht. Aus Sicht der Europäischen Ethnologie stellte sich
für mich die Frage nach der Perspektive der Bewohner im angrenzenden
Gemeindebau, die zwar ihr Wohnhaus straßenseitig betreten, deren
Wohnräume jedoch zu einem großen Teil friedhofsseitig liegen. Richtet
man den Blick aus den in Richtung Westen gelegenen Fenstern, so
erfasst man entweder eine Mauer und Stacheldraht, wie es im
Erdgeschoß und in den unteren Stockwerken des Hauses der Fall ist, oder
es ist eine Grünfläche zu erkennen, die - lediglich durch einige verstreut
liegende Grabsteine unterbrochen – mit dem Grünwuchs am Horizont mit
dem Himmel scheinbar eins wird.3 Wie wirkt dieses Gegenüber auf die
Menschen des Schnitzlerhofes? Wer von den zu Befragenden hat je den
Friedhof betreten, der nicht frei zugänglich ist? Erst in den letzten Jahren
hat dieser Friedhof durch das Engagement der Historikerin Tina Walzer
und den Wiener Grünen4 mehr Öffentlichkeit erfahren. Was wird oder
wurde gewusst und was wird vergessen oder nicht gewusst? Wie wird das
Gegenüber der Grabstätte im Alltag der Bewohner wahrgenommen bzw.
integriert?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Der Arthur-Schnitzler-Hof, ein Gemeindebau
Der Wahrnehmungsspaziergang als Methode
WAHRNEHMUNGSSPAZIERGANG TEIL I
Mauer – Grenze – Stacheldraht – Glassplitter
WAHRNEHMUNGSSPAZIERGANG TEIL II
Methoden und Vorgehen
WAHRNEHMUNGSSPAZIERGANG TEIL III
Die Gespräche in den Wohnungen
Zugang zum Arthur-Schnitzler-Hof
Erzählrichtungen
Analyse der Erzählrichtungen
Gewusstes Wissen – nicht gewusstes Wissen
Analyse der Repräsentation des Wissens
Blickrichtungen auf den Jüdischen Friedhof Währing
Der Akteursblick auf das Gräberfeld
Der Blick der Forscherin – mit den Augen, mit der Kamera
Das Bild, die Fotografie als Instrument
Der Friedhof als Forschungsfeld
Der Friedhof Währing als historischer Ort
Raumaneignung
Zusammenfassende Analyse
Die Bewohner und deren Rezeption
Rezeption der Forscherin
Wahrnehmungsspaziergang
Erinnern und Vergessen
Resümee
Zielsetzung und Themen
Die Diplomarbeit untersucht die Alltagswahrnehmung der Bewohner des Arthur-Schnitzler-Hofes in Wien, eines Gemeindebaus, der 1959 auf einem Teil des ehemaligen Währinger Jüdischen Friedhofs errichtet wurde, und analysiert, wie diese Menschen mit der historischen und symbolischen Präsenz des Friedhofs in ihrem Lebensumfeld umgehen.
- Multisensorische Feldforschung durch Wahrnehmungsspaziergänge entlang der Friedhofsgrenzen.
- Untersuchung der Wohnqualität und Raumerfahrung aus der Bewohnerperspektive.
- Analyse narrativer Interviews zu Wissen und Nichtwissen über den historischen Ort.
- Diskussion der Bedeutung von Erinnerung, Verdrängung und kollektivem Gedächtnis im städtischen Raum.
Auszug aus dem Buch
Mauer – Grenze – Stacheldraht – Glassplitter
Es ist ein frischer, etwas windiger Frühlingstag. Um 9 Uhr früh nähere ich mich mit dem Schreibblock von Westen her durch den Währingerpark dem Schnitzlerhof. Mein Rundgang beginnt an der Ecke Peezgasse/ Fickertgasse (Wegpunkt 1). Ein mächtiger Gemeindebau aus dem Jahre 1924/25, der Klose-Hof, bestimmt kasernenhaft das Gesicht der Fickertgasse linker Hand. Er ist dreistöckig, mit in vier Reihen angeordneten Fenstern, die meisten geschlossen. Kein Mensch sieht an diesem Morgen aus dem Fenster. 108 von mir gezählte Fenster. Ab dem ersten Stock kann man gegenüber in den Jüdischen Friedhof blicken. Die Geschlossenheit wirkt verstärkt durch die rechterhand verlaufende Friedhofsmauer, die etwa drei Meter hoch ist. Die Mauerdicke ist nur zu ahnen. Verdorrte Äste und wucherndes, grünes Blätterwerk lehnen sich gleichsam über die Mauer. Kleine grüne Pflänzchen und gelbe Blüten sprießen aus den Mauerritzen hervor. Hinter der Mauer ragen hohe, alte Nadel- und Laubbäume in den Himmel. Ein zweireihiger Stacheldraht verstärkt den strengen Eindruck der Ziegelmauer. Gut gespannt, wirkt er beängstigend, beunruhigend. Bis zu zehn Zentimeter hohe Glassplitter auf dem Mauersims vermitteln ein HALT, STOPP. Hier ist kein Herüberkommen möglich, denke ich mir unverwandt und werfe die Frage auf, wer denn nun beim Überwinden des Hindernisses behindert, begrenzt, verletzt werden soll. Von außen nach innen oder von innen nach außen? Wird etwas eingesperrt, oder etwas beschützt vor den außen Seienden?
Ich versuche vorerst die Mauer als solche auf mich wirken zu lassen. Die Mauer ist ziegelrot, durch Alter und Witterung in verschieden farbiges Rot getaucht. Die aus roten Ziegeln angedeuteten Bögen an der Mauerfront weisen auf eine Idee, eine Funktion hin. Stand hier ein Haus, ein Kellergewölbe?
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in die Thematik der Außenwirkung des Währinger Jüdischen Friedhofs und des angrenzenden Arthur-Schnitzler-Hofes.
Der Arthur-Schnitzler-Hof, ein Gemeindebau: Darstellung der Entstehungsgeschichte des Gemeindebaus im Kontext der Wiener Wohnbaupolitik der Nachkriegszeit.
Der Wahrnehmungsspaziergang als Methode: Erläuterung des methodischen Ansatzes der multisensorischen ethnografischen Feldforschung.
WAHRNEHMUNGSSPAZIERGANG TEIL I: Protokollierung der Begehung und Beobachtung der Grenzmauern sowie der atmosphärischen Wirkungen des Ortes.
Mauer – Grenze – Stacheldraht – Glassplitter: Detaillierte Analyse der physischen Abgrenzung zwischen Lebens- und Totenraum.
WAHRNEHMUNGSSPAZIERGANG TEIL II: Fortsetzung der Feldbeobachtung im urbanen Raum mit Fokus auf akustische und olfaktorische Reize.
Methoden und Vorgehen: Reflexion über das Forschungsinstrumentarium, insbesondere die Rolle der teilnehmenden Beobachtung und des Interviews.
WAHRNEHMUNGSSPAZIERGANG TEIL III: Abschluss des Spaziergangs und erste Befragung von Passanten zu deren Wissen über den Friedhof.
Die Gespräche in den Wohnungen: Analyse der qualitativen Interviews mit den Bewohnern über deren Wahrnehmung und Wohnsituation.
Zugang zum Arthur-Schnitzler-Hof: Beschreibung des Prozesses der Kontaktaufnahme zu den Bewohnern und Überwindung von Hürden.
Erzählrichtungen: Untersuchung der narrativen Strategien der Gesprächspartner in Bezug auf den sensiblen Forschungsgegenstand.
Analyse der Erzählrichtungen: Auswertung der individuellen Erzählweisen von Herrn T., Frau L. und Frau R.
Gewusstes Wissen – nicht gewusstes Wissen: Reflexion über die Wissensbestände der Bewohner in Bezug auf Geschichte und Entstehung des Wohnortes.
Analyse der Repräsentation des Wissens: Untersuchung, wie Wissen narrativ konstruiert und durch persönliche Erfahrung beeinflusst wird.
Blickrichtungen auf den Jüdischen Friedhof Währing: Analyse der verschiedenen Perspektiven der Bewohner auf den Friedhof in Abhängigkeit von der Wohnlage.
Der Akteursblick auf das Gräberfeld: Darstellung der subjektiven Wahrnehmung der Wohnqualität im Kontext des Friedhofblicks.
Der Blick der Forscherin – mit den Augen, mit der Kamera: Reflexion über die Rolle der Dokumentation durch Fotografie im Forschungsprozess.
Das Bild, die Fotografie als Instrument: Theoretische Auseinandersetzung mit der Fotografie als forschungsleitendes Instrument in der Volkskunde.
Der Friedhof als Forschungsfeld: Einbettung des Währinger Friedhofs in historische und kulturelle Zusammenhänge.
Der Friedhof Währing als historischer Ort: Chronologische Übersicht der Geschichte und der Zerstörungen während der NS-Zeit.
Raumaneignung: Theoretische Diskussion über die Entstehung und Bedeutung von Grenzen und Raumaneignung im sozialen Kontext.
Zusammenfassende Analyse: Synthese der Forschungsergebnisse zur Wechselwirkung von Bewohnerrezeption und Friedhofspräsenz.
Die Bewohner und deren Rezeption: Zusammenfassung der individuellen Haltungen der befragten Personen zum Lebensumfeld.
Rezeption der Forscherin: Reflexion über die eigene Rolle und Wahrnehmung als forschende Kulturwissenschaftlerin.
Wahrnehmungsspaziergang: Resümee des methodischen Erkenntnisgewinns durch die Begehung.
Erinnern und Vergessen: Analytische Reflexion über die Prozesse des Gedenkens und Verdrängens am Ort der Geschichte.
Resümee: Zusammenfassende Betrachtung der Ergebnisse und Ausblick auf zukünftige Forschungsnotwendigkeiten.
Schlüsselwörter
Währinger Jüdischer Friedhof, Arthur-Schnitzler-Hof, Wahrnehmungsspaziergang, Ethnographie, Alltagswahrnehmung, Raumaneignung, Erinnerungskultur, Nationalsozialismus, Gemeindebau, Qualitative Feldforschung, Visuelle Anthropologie, Wiener Stadtgeschichte, Identität, Grenze, Gedächtnis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit untersucht die Alltagswahrnehmung von Bewohnern eines Gemeindebaus, der teilweise auf dem historischen Boden des Währinger Jüdischen Friedhofs errichtet wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit verknüpft Themen wie Raumaneignung, Erinnerungskultur, die Geschichte der jüdischen Bestattungskultur, nationalsozialistische Zerstörung und die subjektive Wohnraumwahrnehmung.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist es herauszufinden, wie Bewohner die Anwesenheit des Friedhofs in ihrem Alltag wahrnehmen und ob und wie sie dieses Wissen in ihre Lebenswelt integrieren oder verdrängen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt einen "Wahrnehmungsspaziergang" als ethnografische Methode sowie leitfadenorientierte, narrative Interviews und dokumentarische Fotografie, um multisensorische Daten zu erheben.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Beobachtung des räumlichen Umfelds mittels Spaziergängen, die Analyse von Bewohnerinterviews und die Reflexion über die Rolle der Forscherin und ihrer Instrumente (Kamera, Notizblock).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Währinger Jüdischer Friedhof, Arthur-Schnitzler-Hof, Wahrnehmungsspaziergang, Erinnerungskultur, Raumaneignung und Qualitative Feldforschung.
Wie unterscheidet sich die Wahrnehmung der Bewohner je nach Wohnetage?
Die Wahrnehmung variiert stark: Während Bewohner in niedrigen Etagen eher die physische Mauer und Grabmale wahrnehmen, genießen Bewohner höherer Etagen einen Weitblick, der den Friedhof als grüne Kulisse erscheinen lässt.
Welche Rolle spielt die nationalsozialistische Vergangenheit in den Gesprächen?
Die Bewohner zeigen eine latente Abwehr gegenüber der Thematisierung von Tod, Jüdischer Geschichte und Nationalsozialismus, was sich oft durch Ablenkungshandlungen in den Interviews äußert.
- Arbeit zitieren
- Andrea Klabach (Autor:in), 2010, Tod und Leben am selben Ort - Der Währinger Jüdische Friedhof und der Arthur-Schnitzler-Hof, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/158746