Inhaltlich geben die Filmemacher vor, historisch belegt den rasanten gesellschaftlichen Aufstieg des Frankfurter Bankiers Jud Süß Oppenheimer (geboren Ende des 17. Jahrhunderts, gestorben am 4.02.1738) am Hof des Herzogs Karl Alexander von Württemberg zum Finanzminister bis hin zu seinem Tod am Galgen nach zu zeichnen. Die Ausarbeitung und Gestaltung des gesamten Films gibt sich hierbei von den Machern gewollt große Mühe, an Hand der Figurenzeichnungen den Antisemitismus des nationalsozialistischen (im Folgenden: NS-) Regimes nachvollziehbar und sympathisch als einzig vernünftige Reaktion auf die „Gefahren des Weltjudentums“ und der „Rassenschande“ aufzuzeigen.
Sämtliche Frauenfiguren in „Jud Süß“ dienen vornehmlich einer Flankierung und Bestätigung der handelnden männlichen Figuren in ihren Rollenbildfunktionen. Sie alle begünstigen und ermöglichen durch Naivität, Verführbarkeit und ihren fehlenden antisemitischen Instinkt den schnellen und für die Stuttgarter Bevölkerung unerfreulichen Aufstieg des Bankiers Jud Süß Oppenheimer zum Finanzminister am Hofe Karl Alexanders, der sich auf Kosten der „einfachen Leute“ massiv bereichert, den Herzog manipuliert, die Landstände auflösen lässt und sich mal mit Schmeicheleien, mal mit Gewalt die arischen Frauen Württembergs sexuell gefügig macht oder dem Herzog als Zuhälter zuführt. Alle diese Figuren, selbst die Komparsenfiguren, werden von Männern gelenkt und gemaßregelt.
Als weibliche Hauptfigur verkörpert Dorothea Sturm durch ihre Fehler und Schwächen - die die Geschichte zu ihrem dramatischen Höhepunkt (ihrem Selbstmord, der die Revolution voll ausbrechen lässt) führen - das Bild einer Frau, wie die vorbildliche arische Deutsche im Dritten Reich nicht zu sein habe, da ihr sonst der Untergang droht und sie durch ihr Fehlverhalten die Situation verschlimmert und aufrechte Deutsche ins Verderben stürzen kann. Tragisch wird dieses Verhalten umso mehr, da sie alle Tugenden einer vorbildlichen arischen Frau besitzt, nur fehlen ihr der antisemitische Instinkt und die bedingungslose Bereitschaft, sich passiv gegenüber dem ihr zugeordneten Mann zu verhalten.
Um dies zu untermauern, werde ich im Folgenden den Propaganda-Apparat des NS-Regimes, die Funktion des Films als Propagandamittel und die beabsichtigte Erziehung der Masse beschreiben, um dann an Hand einer detaillierten und szenenchronologischen Inhaltsangabe die Figur der Dorothea Sturm zu analysieren und meine These zu bestätigen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der antisemitische Spielfilm als Propagandamittel im Dritten Reich
2.1 Was ist NS-Propaganda und wie funktioniert sie im speziellen als Filmpropaganda?
2.2 Propaganda und Volkserziehung
3. Detaillierte und szenenchronologische Inhaltsangabe von „Jud Süß“
3.1 Analyse und Interpretation der Figur Dorothea Sturm an Hand der Figurenzeichnung und – entwicklung
4. Fazit - Der propagandistische Wert der Figur Dorothea Sturm in „Jud Süß“
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht die Charakteristik und Funktion der Frauenfigur Dorothea Sturm im NS-Propagandafilm „Jud Süß“, um deren propagandistischen Wert vor dem Hintergrund der antisemitischen Ideologie des Nationalsozialismus zu analysieren und aufzuzeigen, wie die Figur als Erziehungsmittel für das zeitgenössische Publikum instrumentalisiert wurde.
- Strukturelle Analyse der NS-Filmpropaganda und ihrer Wirkmechanismen.
- Untersuchung der Rolle der Frau im nationalsozialistischen Frauenbild.
- Szenenchronologische Aufarbeitung der Filmhandlung von „Jud Süß“.
- Interpretation der Frauenfigur Dorothea Sturm als ideologisches Identifikations- und Warnbild.
- Ermittlung des propagandistischen Nutzens der Figurengestaltung für das NS-Regime.
Auszug aus dem Buch
3.1 ANALYSE UND INTERPRETATION DER FIGUR DOROTHEA STURM AN HAND DER FIGURENZEICHNUNG UND – ENTWICKLUNG
Durch die Besetzung der Rolle der Dorothea Sturm mit der Schauspielerin Kristina Söderbaum ist das Profil der Figur bereits vorgegeben: jung, blond, hübsch, naiv mit starker Tendenz zum Opfertod. Kristina Söderbaum hatte während ihrer Karriere so viele Figuren gespielt, die sich in selbstmörderischer Absicht ertränkten, dass sie im Volksmund als „Reichswasserleiche“ betitelt wurde, ebenso bezeichnen Kritiker sie als „rührend“ und „jungmädchenhaft“. Ihrer Figur der Dorothea werden „einfacher Sinn und ein Sentiment, dass allen Tücken preisgegeben ist“ sowie „weibliche Süße und gute Sitte in einem Bild von feinem Reiz und Zauber“ zugeschrieben. Schon bei ihrem ersten Auftritt zeigt Dorothea Sturm Hingebung und unschuldige Liebe im Duett mit ihrem Verlobten Faber am Klavier, Keuschheit vor der Ehe durch das Abbrechen des Kusses mit Faber als ihr Vater ruft, Hausfraulichkeit durch das Kochen und Servieren des Essens sowie ihren Anspruch an die Qualität des Bratens und schließlich politische Unerfahrenheit und Lenkbarkeit, die sie beim Trinkspruch offenbart, als sie zuerst auf ihren Verlobten anstoßen will (was Loyalität zu Faber ausdrückt), aber dann von ihrem Vater sanft belehrt wird, dass heute ein besonderer Tag sei und Dorothea beschämt sagt, dass sie auf den Herzog trinken wollen.
Bereits in dieser ersten Szene wird Dorothea voll als zeitgenössisches Idealbild der deutschen Braut eines Kämpfers (wie Faber einer ist) dargestellt: Sie folgt ihren Männern (dem Vater und dem Verlobten), weiß sich unterzuordnen und bezieht ihr Glück aus diesem loyalen Dienen und Umsorgen. In Dorotheas zweiter Szene nimmt sie den gerade mit der Kutsche verunglückten Jud Süß in ihrer Kutsche mit nach Stuttgart hinein. Sie ahnt nicht, dass der nette und weltgewandte Mann, der sie mit der Aufzählung seiner Reisen beeindruckt, ein „assimilierter“ Jude ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema des NS-Propagandafilms „Jud Süß“ ein, definiert den historischen Kontext sowie die Zielsetzung der Arbeit, die Frauenfigur Dorothea Sturm unter dem Aspekt der propagandistischen Instrumentalisierung zu untersuchen.
2. Der antisemitische Spielfilm als Propagandamittel im Dritten Reich: Das Kapitel erläutert die Strukturen der nationalsozialistischen Filmkontrolle durch das RMVP, die Verstaatlichung der Filmindustrie und die rechtlichen Rahmenbedingungen der Zensur zur ideologischen Ausrichtung der Produktion.
2.1 Was ist NS-Propaganda und wie funktioniert sie im speziellen als Filmpropaganda?: Hier werden die theoretischen Grundlagen der NS-Propaganda, basierend auf Le Bon und Hitler, dargelegt, wobei der Fokus auf emotionaler Lenkung, Wiederholung und der Maxime liegt, dass Propaganda als solche nicht erkennbar sein darf.
2.2 Propaganda und Volkserziehung: Dieses Kapitel beschreibt den Anspruch des NS-Regimes, das Volk durch Filme als „Erziehungsmittel“ zu formen, indem Unterhaltungsfilme genutzt wurden, um latent nationalsozialistische Ideologien und Verhaltensmuster zu etablieren.
3. Detaillierte und szenenchronologische Inhaltsangabe von „Jud Süß“: Eine chronologische Zusammenfassung der filmischen Handlung von der Ankunft Süß' in Stuttgart bis hin zu den Ereignissen, die zum Tod der Figur Dorothea Sturm und zur Verurteilung von Jud Süß führen.
3.1 Analyse und Interpretation der Figur Dorothea Sturm an Hand der Figurenzeichnung und – entwicklung: In diesem Teil wird die Figur der Dorothea Sturm detailliert analysiert, wobei ihr Verhalten als tugendhaftes, aber naives Idealbild und dessen tragische Konsequenzen im Kontext der nationalsozialistischen Ideologie beleuchtet werden.
4. Fazit - Der propagandistische Wert der Figur Dorothea Sturm in „Jud Süß“: Das Fazit fasst zusammen, dass die Figur Dorothea Sturm als explizites Erziehungsinstrument dient, indem sie einerseits das Idealbild der arischen Frau verkörpert und andererseits durch ihre vermeintliche Fehlbarkeit eine deutliche Warnung vor der Abkehr von diesem Ideal vermittelt.
Schlüsselwörter
NS-Propaganda, Jud Süß, Dorothea Sturm, antisemitische Filmpropaganda, Nationalsozialismus, Joseph Goebbels, Film als Erziehungsmittel, arisches Frauenbild, Rassenpolitik, Frauenfiguren im NS-Film, Ideologie im Film, Filmgeschichte, NS-Zensur, Kristina Söderbaum, NS-Rollenbilder.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse der Frauenfigur Dorothea Sturm im nationalsozialistischen Propagandafilm „Jud Süß“ und untersucht, wie die filmische Gestaltung dieser Figur dazu genutzt wurde, die antisemitische Ideologie und das Frauenbild des NS-Regimes zu transportieren.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Propagandamechanismen des Dritten Reiches, die staatliche Kontrolle der Filmwirtschaft, die Funktion des Films als Erziehungsinstrument sowie die ideologische Einordnung spezifischer Frauenrollen im NS-Kino.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den propagandistischen Wert der Figur Dorothea Sturm zu ermitteln, indem aufgezeigt wird, wie sie sowohl als zeitgenössisches Idealbild einer deutschen Frau als auch als Warnung vor naiven, eigenmächtigen Handlungen fungiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine filmwissenschaftliche und historisch-analytische Methode, basierend auf einer szenenchronologischen Inhaltsanalyse sowie der Auswertung zeitgenössischer Quellen und filmtheoretischer Literatur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Untersuchung der NS-Propagandastrukturen, eine detaillierte Zusammenfassung der Filmhandlung von „Jud Süß“ und eine spezifische Interpretation der Charakterzeichnung von Dorothea Sturm.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind NS-Propaganda, Jud Süß, ideologische Figurengestaltung, arisches Frauenbild, Antisemitismus im Film und nationalsozialistische Erziehungspolitik.
Inwiefern beeinflusst die Besetzung der Rolle mit Kristina Söderbaum die Wahrnehmung der Figur?
Durch die Besetzung mit Söderbaum, die für ihre Rollen mit Hang zum Opfertod bekannt war, war das Publikum bereits auf eine spezifische Interpretation der Dorothea als „unschuldiges, aber gefährdetes“ Opfer eingestimmt, was die ideologische Lesart der Figur verstärkte.
Warum wird Dorotheas „aktives“ Handeln im Film als negativ bewertet?
Aus Sicht der NS-Ideologie, wie sie im Film umgesetzt wird, ist das aktive Handeln einer Frau außerhalb der familiären oder beschützten Rolle ein Bruch mit dem Ideal; Dorotheas Eigenmächtigkeit führt in der filmischen Logik zwangsläufig zu ihrem eigenen Untergang und zum Leid der Gemeinschaft.
- Arbeit zitieren
- Carola Boßler (Autor:in), 2009, Der propagandistische Wert der Figur Dorothea Sturm im NS-Film „Jud Süß“, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/158104