Im Rahmen der Epistemologie bzw. Erkenntnistheorie wird üblicherweise selbstverständlich von einem Typ von Erkenntnis ausgegangen: Erkennen bedeutet, Wissen über einen Gegenstand zu erwerben. Diese Auffassung geht zurück auf den Begriff von Theorie der antiken Philosophie, verstanden als Anschauung oder Anblick der strukturierten Ordnung des Kosmos bzw. der Natur oder Welt. Demnach bezieht sich der Mensch als erkennendes, beobachtendes Subjekt kognitiv auf die Welt als Objekt, über das er Erkenntnisse erlangen kann.
So geht auch beispielsweise Kant – um einen bedeutenden neuzeitlichen Philosophen und Erkenntnistheoretiker zu nennen – im Hinblick auf seine Untersuchung der Bedingungen der Möglichkeit (empirischer) Erkenntnis in der Kritik der reinen Vernunft davon aus, dass kognitive, d.h. erkenntnismäßige Aktivitäten ausschließlich in dieser Subjekt-Objekt-Beziehung stattfinden.
Besteht jedoch nicht die Möglichkeit, dass im Rahmen bisheriger Erkenntnistheorie ein weiterer Grundtyp von Erkenntnis übersehen wurde bzw. wird? Oder anders: Ist der menschliche, durch die Evolution ausgestattete, kognitive Apparat wirklich nur auf eine Dimension kognitiven Verhaltens ausgerichtet?
Diese Thematik bildet den Ausgangspunkt der vorliegenden Arbeit, welche sich daher zentral mit folgender Fragestellung befasst: Kann neben Erfahrung in der Subjekt-Objekt-Relation ein weiterer Grundtyp kognitiven Verhaltens unterschieden werden und wenn ja, in welchem Verhältnis steht dieser zu jenem Grundtyp von Erkenntnis?
Um diese Frage zu beantworten, wird wie folgt vorgegangen: Zunächst soll ein weiterer Grundtyp von Erkenntnis vorgestellt und von der Erfahrung in der Subjekt-Objekt-Relation abgegrenzt werden. Zu diesem Zweck wird daher unterschieden zwischen Erkenntnis in der Subjekt-Objekt-Relation und Erkenntnis in der Subjekt-Subjekt-Relation, um darauf aufbauend zu erörtern, in welchem Verhältnis diese zwei Typen kognitiven Verhaltens zueinander stehen. Textgrundlage bildet dabei der Aufsatz Zur logischen Struktur hermeneutischen Verstehens (1996) von Wolfgang Kuhlmann.
Anschließend erfolgt eine kritische Beurteilung, die sich zum Ziel setzt, einen entscheidenden Aspekt in der Kuhlmann’schen Argumentation kritisch zu hinterfragen bzw. sprachphilosophisch zu untermauern.
Schließlich endet die Untersuchung mit einer Schlussbetrachtung im vierten Kapitel, im Rahmen welcher im Rekurs auf die zentrale Fragestellung die generierten Resultate resümiert werden.
Inhaltsverzeichnis
1 EINLEITUNG
2 GRUNDTYPEN DER ERKENNTNIS
2.1 ERKENNTNIS IN DER SUBJEKT-OBJEKT-RELATION VS. ERKENNTNIS IN DER SUBJEKT-SUBJEKT-RELATION
2.2 ZUM VERHÄLTNIS KOGNITIVEN VERHALTENS IN DER SUBJEKT-OBJEKT-RELATION UND KOGNITIVEN VERHALTENS IN DER SUBJEKT-SUBJEKT-RELATION
3 KRITISCHE BEURTEILUNG
4 SCHLUSSBETRACHTUNG
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht, ob neben der traditionellen Erkenntnis in der Subjekt-Objekt-Relation eine eigenständige Dimension kognitiven Verhaltens in der Subjekt-Subjekt-Relation existiert und wie sich diese beiden Typen zueinander verhalten. Das Ziel ist es, die wechselseitige Abhängigkeit dieser Erkenntnisformen aufzuzeigen und sprachphilosophisch zu fundieren.
- Epistemologie und Erkenntnistheorie
- Unterscheidung von Subjekt-Objekt- und Subjekt-Subjekt-Relation
- Die Rolle der Intersubjektivität bei der Erkenntnisgewinnung
- Kritik an der Möglichkeit einer Privatsprache nach Wittgenstein
- Wechselseitiges Voraussetzungsverhältnis kognitiver Bemühungen
Auszug aus dem Buch
2.1 Erkenntnis in der Subjekt-Objekt-Relation vs. Erkenntnis in der Subjekt-Subjekt-Relation
Wolfgang Kuhlmann unterscheidet in seinem Aufsatz Zur logischen Struktur hermeneutischen Verstehens neben der Erkenntnis in der Subjekt-Objekt-Relation, welche für die Naturwissenschaften (insbesondere die Physik) charakteristisch ist, einen weiteren, für die hermeneutischen Geisteswissenschaften (z.B. Philosophiegeschichte, Literaturwissenschaften) charakteristischen, fundamentalen Typ kognitiven Verhaltens: Erkenntnis in der Subjekt-Subjekt-Relation.4 Worin unterscheiden sich diese beiden Erkenntnistypen?
Insgesamt lassen sich drei Unterschiede aufzählen, die Kuhlmann an folgendem Beispiel illustriert: Zunächst erläutert er Erfahrung in der Subjekt-Objekt-Relation anhand eines Physikers, welcher Vermutungen über Verhältnisse in der Natur entwickelt mit dem Ziel, schließlich zu – und das ist entscheidend – endgültigen Hypothesen über sein jeweiliges Objekt x zu gelangen. Kognitives Bemühen in der Subjekt-Subjekt-Relation hingegen wird veranschaulicht an einem Biophysiker, der, um auf seinem Untersuchungsgebiet y voranzukommen, eben dieses Wissen über x benötigt und sich daher mit den entsprechenden Schriften bzw. mit den in Texten artikulierten Hypothesen über x des besagten Physikers befasst.
Vor dem Hintergrund dieses Beispiels kann nun dargelegt werden, dass die beiden Erkenntnisdimensionen nach Kuhlmann „[…] fundamental verschieden sind […] sowohl hinsichtlich der Struktur ihrer Gegenstände, wie der Erkenntnisziele, wie auch der Verfahren.“6 Die Gegenstände der beiden Dimensionen kognitiven Verhaltens unterscheiden sich insofern, dass sich kognitives Verhalten in der Subjekt-Objekt-Relation auf bloße stumme Gegenstände (d.h. natürliche Verhältnisse oder Prozesse) bezieht, während sich kognitive Bemühungen im Zuge der Subjekt-Subjekt-Relation auf sprachliche Äußerungen, Überzeugungen, Gedanken bzw. typischerweise auf fremdes Wissen über einen Gegenstand beziehen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die epistemologische Fragestellung ein und hinterfragt die ausschließliche Fixierung auf die Subjekt-Objekt-Relation als Erkenntnistyp.
2 GRUNDTYPEN DER ERKENNTNIS: Dieses Kapitel differenziert zwischen Erkenntnis in der Subjekt-Objekt- und der Subjekt-Subjekt-Relation und begründet deren wechselseitiges Voraussetzungsverhältnis.
3 KRITISCHE BEURTEILUNG: Hier wird Kuhlmanns Argumentation durch Wittgensteins Privatsprache-Argument kritisch hinterfragt und damit die Notwendigkeit der Intersubjektivität gestützt.
4 SCHLUSSBETRACHTUNG: Das Kapitel fasst die zentralen Erkenntnisse zusammen und bestätigt die untrennbare Verbindung beider Erkenntnisdimensionen.
Schlüsselwörter
Epistemologie, Erkenntnistheorie, Subjekt-Objekt-Relation, Subjekt-Subjekt-Relation, Kuhlmann, Intersubjektivität, Privatsprache, Wittgenstein, Erkenntnisinteresse, Hermeneutik, Sprachphilosophie, Kognition, Kommunikation, Aneignung, Objektivierung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der erkenntnistheoretischen Untersuchung der Frage, ob neben der klassischen Subjekt-Objekt-Erkenntnis eine eigenständige Form der Erkenntnis in der Subjekt-Subjekt-Relation existiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen sind Epistemologie, die logische Struktur hermeneutischen Verstehens, sprachphilosophische Argumente zur Intersubjektivität und das Verhältnis von kognitiven Aktivitäten.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist zu klären, ob ein weiterer Grundtyp kognitiven Verhaltens existiert und in welchem logischen Abhängigkeitsverhältnis dieser zum bisher bekannten Erkenntnistyp steht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf eine philosophische Analyse und Interpretation von Fachliteratur, insbesondere des Aufsatzes von Wolfgang Kuhlmann, ergänzt durch eine kritische Prüfung mittels Wittgensteins Argumentation.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Vorstellung der beiden Erkenntnistypen bei Kuhlmann, die Untersuchung ihres Verhältnisses sowie eine kritische sprachphilosophische Überprüfung mittels des Privatsprache-Arguments.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Erkenntnistheorie, Subjekt-Objekt-Relation, Subjekt-Subjekt-Relation, Intersubjektivität, Hermeneutik und Privatsprache.
Wie unterscheidet Kuhlmann die Erkenntnisziele?
Er unterscheidet zwischen dem Erwerb von Wissen über stumme Objekte (primäre Objektivierung) und der Aneignung von bereits vorhandenem Wissen in sprachlichen Äußerungen (sekundäre Objektivierung).
Warum spielt die Intersubjektivität eine so wichtige Rolle?
Sie ist entscheidend, da sie die Möglichkeit des sich-etwas-über-etwas-sagen-Lassens begründet und somit die These stützt, dass Erkenntnis nicht rein privat oder intrasubjektiv erfolgen kann.
- Arbeit zitieren
- Christian Reimann (Autor:in), 2010, Grundtypen der Erkenntnis, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/158002