Schon der Ausdruck Gelsenkirchener Barock lässt auf schwere und ausladende Formen schließen. Und tatsächlich war ein Möbel dieses Stils insbesondere in den 50er Jahren, in dem es sich recht großer Beliebtheit erfreute, ein Wiederaufgreifen eines bereits sichtlich überkommenen Repräsentationsstils des Bürgertums.
Wo Designer und Werkbund bemüht waren, eine zweckdienliche, praktische und zeitgemäße Einrichtung zu vermitteln, welche sich in den Wohnungstypus einer zeitgenössischen Arbeiterwohnung integrieren ließ, stieg der Absatz von üppigem Mobiliar der Marke Gelsenkirchener Barock im ersten Jahrzehnt der Nachkriegszeit bei den breiten Massen wieder entschieden an.
Die Möbel trugen zunehmend das Etikett kleinbürgerliches Bergarbeitermöbel und wurden zum Inbegriff von unzeitgemäßem Kitsch und schlechtem Geschmack.
Dennoch wurden bis zu drei Monatsöhne gezahlt um die eigenen vier Wände mit einem typischen Schrank des Gelsenkirchener Barock für die Wohnküche oder später das Wohnzimmer auszustatten.
Innerhalb der Arbeit soll die Entstehung des Begriffes und die damit in Zusammenhang stehende Produktion im Hintergrund von Mechanisierung und dem Einsatz neuer Holzwerkstoffe aufgezeigt werden. Weiterhin sollen an ausgewählten Beispielen die Motive der Beliebtheit und auch die Argumente für die Missbilligung dieser Möbel erörtert werden.
Da die Forschungsliteratur zu diesem Thema leider sehr spärlich ist, hat mir der 1991 erschienene Ausstellungskatalog zu der Ausstellung „Gelsenkirchener Barock“ im Städtischen Museum Gelsenkirchen als wesentliche Quelle gedient.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wohnungseinrichtung in den 50er Jahren – Leitbilder und Vorlieben
3. Zum Begriff Gelsenkirchener Barock
4. Luxuriös wirkende Bauch- und Glanzmöbel durch maschinelle Produktion
5. Der Wohnküchenschrank - Jahrzehnte Ausdruck gediegener Küchengemütlichkeit
5.1 Von der Wohnküche zur Einbauküche
5.3 Mit und ohne Barfach
6. Musik versteckt in einem Schrank
7. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen des "Gelsenkirchener Barock" als Ausdruck kleinbürgerlicher Lebensvorstellungen und Statussymbole im Kontext der Nachkriegsmoderne, wobei die Diskrepanz zwischen funktionalen Designidealen und dem tatsächlichen Konsumverhalten der Bevölkerung im Vordergrund steht.
- Entstehung und Bedeutung des Begriffs "Gelsenkirchener Barock"
- Einfluss der maschinellen Möbelproduktion auf Design und Materialität
- Die soziokulturelle Bedeutung des Wohnküchenschranks als Statussymbol
- Integration moderner Unterhaltungselektronik in traditionelle Wohnformen
- Auseinandersetzung zwischen bürgerlichem Kitschverständnis und dem Wunsch nach häuslicher Gemütlichkeit
Auszug aus dem Buch
3. Zum Begriff Gelsenkirchener Barock
Was versteht man nun eigentlich unter dem Begriff Gelsenkirchener Barock und wie ist er entstanden?
Heute werden mit diesem Ausdruck oft Assoziationen wie Kitsch, Fünfziger Jahre, Bergarbeitermöbel und vor allem schlechter Geschmack verbunden. Er wird gern gebraucht um unechtes, kitschiges und kleinbürgerliches abwertend zu bezeichnen. Man möchte meinen, es handele sich primär um ein Schimpfwort.
Kaum eine andere Stadt wird mit solchen Gedankengängen in Verbindung gebracht wie Gelsenkirchen. Geht man aber heute auf die Internetpräsenz der Stadt, welche den Besucher mit dem Slogan „Herz im Revier voll Kraft und Zauber“ begrüßt, und sucht explizit nach dem Stichwort, so erscheint lediglich der Verweis der bereits in der Einleitung erwähnten Ausstellung des Städtischen Museums.
Auch in der meist im Ruhrgebiet erschienenen Forschungsliteratur zu dem Thema wird deutlich, wie sehr die Region bemüht ist, sich von diesen Assoziationen zu befreien und aufzuklären.
„Es ist an der Zeit, diesem sprachlichen und begrifflichen Wildwuchs Einhalt zu gebieten, um den Gelsenkirchener Barock auf seine Ursprünge zurückzuführen.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in das Phänomen des Gelsenkirchener Barock als konservativer Einrichtungsstil in der Nachkriegszeit und Erläuterung der Zielsetzung der Arbeit.
2. Wohnungseinrichtung in den 50er Jahren – Leitbilder und Vorlieben: Analyse der Spannung zwischen dem funktionalistischen Architekturideal der 50er Jahre und den tatsächlichen Wohnbedürfnissen der arbeitenden Bevölkerung.
3. Zum Begriff Gelsenkirchener Barock: Historische Herleitung des Begriffs, der sich von einem spöttischen Schlagwort für Fassadenarchitektur zu einer Bezeichnung für spezifisches Möbeldesign entwickelte.
4. Luxuriös wirkende Bauch- und Glanzmöbel durch maschinelle Produktion: Untersuchung der technischen Fertigungsmethoden und des Einsatzes neuer Holzwerkstoffe, die eine kostengünstige Imitation handwerklicher Pracht ermöglichten.
5. Der Wohnküchenschrank - Jahrzehnte Ausdruck gediegener Küchengemütlichkeit: Detaillierte Betrachtung des Wohnküchenschranks als zentrales Möbelstück, das sowohl als Aufbewahrungsort als auch als Repräsentationsfläche diente.
5.1 Von der Wohnküche zur Einbauküche: Untersuchung des Wandels vom traditionellen Gemeinschaftsraum Küche hin zur funktionalen "Laborküche" und den Widerständen der Bewohner gegen diese Umstellung.
5.3 Mit und ohne Barfach: Fallstudien zu verschiedenen Modellen des Wohnküchenschranks und deren Ausstattung mit technischen Raffinessen wie Kühlfächern oder Barfächern.
6. Musik versteckt in einem Schrank: Analyse der Integration von Unterhaltungselektronik wie Radios und Phonoschränken, die in traditionelle Gehäuse verpackt wurden, um modernste Technik in das vertraute Wohnbild einzupassen.
7. Schlussbemerkung: Zusammenfassende Einordnung des Gelsenkirchener Barock als Kitschphänomen, das jedoch für seine Besitzer Ausdruck von Status, Sicherheit und traditioneller Behaglichkeit war.
Schlüsselwörter
Gelsenkirchener Barock, 50er Jahre, Möbeldesign, Wohnküchenschrank, Kitsch, Industriegeschichte, Nachkriegsmoderne, Statussymbole, Arbeiterwohnung, Unterhaltungselektronik, Funktionalismus, Holzwerkstoffe, Wohnkultur, Identität, Inneneinrichtung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Phänomen des "Gelsenkirchener Barock" – ein populärer Einrichtungsstil in den 1950er Jahren, der durch üppige Formen und glänzende Oberflächen gekennzeichnet war und einen Kontrast zu den modernen Designidealen der Zeit darstellte.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die Entstehung des Begriffs, der Einfluss der industriellen Fertigung, die soziologische Bedeutung des Wohnens für Arbeiterfamilien sowie die Integration neuer technischer Geräte in traditionelle Möbelformen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, warum diese Möbel trotz der Kritik von Designern und Wohnexperten bei den breiten Massen einen derart hohen Stellenwert genossen und welche psychologischen und sozialen Funktionen sie erfüllten.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kultur- und designgeschichtliche Analyse, die Forschungsliteratur, Ausstellungskataloge und zeitgenössische Quellen auswertet, um das Design und die Rezeption der Möbel einzuordnen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil erörtert die technischen Produktionsbedingungen der Möbel, die Entwicklung des Wohnküchenschranks als zentrales Element und die Rolle der Unterhaltungselektronik im Wohnzimmer der Nachkriegszeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Typische Begriffe sind Gelsenkirchener Barock, 50er Jahre, Statussymbol, Kitsch, Industriedesign, Arbeiterkultur und Wohnküchenschrank.
Warum lehnte die Bevölkerung das moderne Einbaumöbelkonzept ab?
Für viele Menschen wirkten moderne Einbaumöbel zu kühl, "leer" und unpersönlich. Sie assoziierten damit eine "Wand vor einer Wand", während sie nach einem präsenten, "schönen" und handwerklich wirkenden Möbel verlangten, das Wohlstand und Tradition signalisierte.
Welche Rolle spielte der Wohnküchenschrank?
Er fungierte als Prestigeobjekt und als wichtiges Bindeglied zur "guten Stube". Er ermöglichte es Arbeitern, ihren neu gewonnenen bescheidenen Wohlstand durch ein prunkvolles Möbelstück sichtbar zu machen und bot gleichzeitig Platz für das "Sonntagsgeschirr".
Wie wurde die Integration von Radio und Technik gelöst?
Die Technik wurde oft in aufwendige, traditionell gestaltete Holzgehäuse versteckt. Das Aufklappen der Geräte wurde dabei fast rituell inszeniert, was den Gegensatz zwischen der modernen Technik und dem konservativen Wohnumfeld abmilderte.
- Arbeit zitieren
- Nanni Harbordt (Autor:in), 2009, Gelsenkirchener Barock - Illusion bürgerlichen Wohlstands, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/157576