In der deutschen Sprachwissenschaft wurde der Bilinguismus und der Multilinguismus lange nicht beachtet. Die Psychologie und auch die Pädagogik verurteilten die individuelle Zweisprachigkeit als schädlich für die Persönlichkeitsentwicklung und Charakterbildung.
Der Sozialforscher Izhac Epstein nannte sie 1915: “plaie sociale, soziale Wunde“ (Epstein 1915, S. 210). Erst am Anfang des 20. Jahrhunderts begann man sich mit dem Thema näher auseinander zu setzen. Man zweifelte sowohl an der Ausdrucksfähigkeit der Sprecher in den jeweiligen Sprachen, als auch an der Intelligenz der Betroffenen. Man war der Meinung, sie verlangsame das Denken und habe einen negativen Einfluss auf die Entwicklung. Es wurde sogar von einem gespaltenen Bewusstsein, einer Schizophrenie bilingualer Sprecher ausgegangen (vgl. Kremnitz, 1994). Erst ab den 60er Jahren wurde die bilinguale Erziehung, aufgrund zahlreicher Untersuchungen, in einigen Aspekten als vorteilhaft angesehen. Es trat nun ein größeres Bewusstsein für Sprachunterschiede, mehr Motivation und Lernfähigkeit, interkulturelle Kompetenz, ein besseres Kulturverständnis und sogar höhere Intelligenz als positive Aspekte des Bi- und Multilinguismus in den Vordergrund. Einer der ersten Vertreter dieser Auffassung war der kanadische Universitätsprofessor Wallace E. Lambert. In vergleichenden Untersuchungen zur Intelligenz von Bi-und Monolingualen in Kanada kam Lambert zu positiven Ergebnissen zugunsten von Zweisprachigkeit. Heutzutage ist anerkannt, dass Zweisprachigkeit oder Mehrsprachigkeit zahlreiche Vorteile für die Menschen mitbringt, die sie beherrschen. Trotz vieler Vorteile haben diese Menschen aber auch mit zahlreichen Schwierigkeiten zu kämpfen und sehen sich enormen Herausforderungen gegenüber. Ich möchte zunächst eine Definition und damit gleichzeitig eine Abgrenzung der Begriffe „Bilinguismus“ und „Multilinguismus“ geben. Danach möchte ich mich intensiver auf die verschiedenen Varianten des Bilinguismus konzentrieren, um mich in das Thema einzuarbeiten und mich mit der Thematik vertraut zu machen. Insgesamt ist es mein Ziel einen kurzen Überblick über das Thema Bilinguismus zu geben.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition und Abgrenzung: Multilinguismus – Bilinguismus
2.1 Definitionen des Bilinguismus
2.1.1 Der individuelle Bilinguismus
2.1.2 Der kollektive Bilinguismus
3. Erstsprache und Zweitsprache
3.1 Unterscheidung zwischen Erstsprache, Zweitsprache und Muttersprache
3.2 Die Erstsprache und ihre Bedeutung
3.3 Strategien des Zweitsprachenerwerbs
3.4 Die Arten des Zweitsprachenerwerbs
3.5 Auswirkungen der Zweisprachigkeit
3.5.1 Das Code Switching
3.5.2 Die Sprachmischung
3.5.3 Die Sprachverweigerung
3.5.4 Die Sprachinterferenz
3.6 Negative und positive Aspekte von Zweisprachigkeit
3.6.1 Studien vor 1960
3.6.2 Studien nach 1960
3.7 Vorteile und Nachteile der Zweisprachigkeit
4. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit gibt einen strukturierten Überblick über das Themenfeld Bilinguismus und Multilinguismus. Dabei liegt der Fokus auf der Definition und Abgrenzung der Begriffe, den verschiedenen Formen des Spracherwerbs sowie der wissenschaftlichen Debatte um die Auswirkungen von Zweisprachigkeit auf die kognitive Entwicklung des Individuums.
- Grundlagen und Definitionen von Bilinguismus und Multilinguismus
- Differenzierung von Erst-, Zweit- und Muttersprache
- Strategien und Arten des Zweitsprachenerwerbs
- Phänomene wie Code Switching, Sprachmischung und Sprachinterferenz
- Wandel der wissenschaftlichen Wahrnehmung von Zweisprachigkeit (vor vs. nach 1960)
Auszug aus dem Buch
3.5.1 Das Code Switching
Die zweisprachige Erziehung nimmt eine Sonderstellung in der Sozialisation ein und ist problemanfällig. Eine mögliche Auswirkung von Zweisprachigkeit ist das sogenannte „Code Switching“ (Grosjean 1982, S.145). „Switchen“ ist der fließende Übergang von einer Sprache in eine andere im Laufe eines Sprechaktes (vgl.ebd.). Das „Switchen“ kann mehrere Wörter, Sätze oder Satzteile betreffen und sich auch in der Mimik, Gestik und im Sprachrhythmus äußern. Grosjean bezeichnet das Phänomen des „Code Switching“ als den Gebrauch von zwei oder mehreren Sprachen in ein und derselben Konversation (vgl.ebd.).
Bei verschiedenen Befragungen hat sich herausgestellt, dass die die Einstellung gegenüber dem Phänomen des Codeswitching von den Bilingualen negativ ist. Die Befragten behaupten, dass es sich beim Codeswitching oft um Faulheit handelt, Sprachen nicht nutzen zu wollen (Grosjean 1961, S.150). Ein anderer Grund könnte aber auch die mangelnde Kenntnis der Sprache sein. Dann wäre das Codeswitchen ein Ausweichen auf andere Sprachen, in denen die Sprecher sicherer sind (vgl.ebd.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einführung beleuchtet den historischen Wandel in der Wahrnehmung bilingualer Menschen, von der anfänglichen Stigmatisierung bis hin zur heutigen Anerkennung als vorteilhaftes Phänomen.
2. Definition und Abgrenzung: Multilinguismus – Bilinguismus: Das Kapitel definiert die Begriffe Multilinguismus und Bilinguismus im soziolinguistischen Kontext und erarbeitet eine Typologie zur Einordnung.
3. Erstsprache und Zweitsprache: Hier werden die Grundlagen des Spracherwerbs, verschiedene Lernstrategien und die Auswirkungen von Zweisprachigkeit auf das Individuum, einschließlich negativer und positiver Studienbefunde, analysiert.
4. Zusammenfassung: Die Arbeit schließt mit einer Rekapitulation der wichtigsten Erkenntnisse über die Komplexität und die individuelle Ausprägung des Phänomens Zweisprachigkeit.
Schlüsselwörter
Bilinguismus, Multilinguismus, Zweisprachigkeit, Erstsprache, Zweitsprache, Code Switching, Sprachmischung, Sprachinterferenz, Sprachverweigerung, Spracherwerb, Kognition, Sprachplanung, Sprachkontakt, Linguistik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit bietet einen Überblick über das Phänomen der Zwei- und Mehrsprachigkeit, beleuchtet historische Forschungsansätze und analysiert aktuelle Sichtweisen auf die Auswirkungen dieses Phänomens auf das Individuum.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Kernpunkten zählen die terminologische Abgrenzung, die Mechanismen des Zweitsprachenerwerbs sowie die Vor- und Nachteile von Zweisprachigkeit in kognitiver und sozialer Hinsicht.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, den wissenschaftlichen Diskurs um den Bilinguismus nachzuvollziehen und einen fundierten Überblick über Erscheinungsformen und die wissenschaftliche Einordnung des Themas zu geben.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine Literaturanalyse, indem sie verschiedene theoretische Ansätze und historische Studien zur Bilinguismusforschung zusammenführt und vergleicht.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsdefinitionen, die Analyse der Erst- und Zweitsprache sowie die detaillierte Untersuchung von Phänomenen wie Code Switching und den Wandel der Bewertung von Zweisprachigkeit über die Jahrzehnte.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Bilinguismus, Sprachmischung, kognitive Entwicklung und Zweitsprachenerwerb charakterisiert.
Warum wurde Zweisprachigkeit vor 1960 als negativ bewertet?
Frühere Studien assoziierten Zweisprachigkeit häufig mit kognitiven Defiziten, einer verlangsamten Denkleistung und sogar psychischen Störungen, da sie von einem Modell ausgingen, nach dem das menschliche Gehirn primär einsprachig angelegt sei.
Was ist der entscheidende Unterschied zwischen Studien vor und nach 1960?
Während ältere Studien methodische Mängel aufwiesen und Zweisprachigkeit negativ bewerteten, zeigten Untersuchungen nach 1960 durch verbesserte Methodik signifikante Vorteile wie erhöhte Flexibilität und sprachliche Kompetenz bei Bilingualen auf.
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- Annika Friese (Author), 2010, Bilinguismus und Multilinguismus - Ein Überblick, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/157330