Traditionell wurde die Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen als interner Prozess rund um den Bereich Forschung und Entwicklung verstanden. Aufgrund sich verändernder Umweltbedingungen ist jedoch seit einigen Jahren sowohl in der wissenschaftlichen Literatur als auch in der unternehmerischen Praxis ein Paradigmenwechsel zu beobachten. Dieser hat zur Folge, dass sich Unternehmen immer mehr gegenüber externen Quellen öffnen, um von deren Wissen und Erfahrungen zu profitieren. Insbesondere die systematische Einbindung von Kunden in den Innovationsprozess wird in diesem Zusammenhang in neuester Zeit intensiv untersucht. Um eine erfolgreiche Integration von Kunden zu realisieren, ist als Voraussetzung allerdings nicht nur essenziell, dass sich ein Unternehmen vom traditionellen Innovationsprozess löst und sich für Kunden öffnet, sondern auch, dass optimale organisatorische, kulturelle, finanzielle und kommunikationstechnische Voraussetzungen geschaffen werden. Bei Betrachtung der Motive für eine Einbindung von Kundenerfahrung wird deutlich, dass diese auf Seiten von Unternehmen grundsätzlich äußerst heterogen sein können. Zudem zeigt sich, dass auch auf Seiten von Kunden die Beweggründe, Wissen – zum Teil sogar unentgeltlich – bereitzustellen, unterschiedlich sein können. In der Praxis zeigt sich die Tendenz, dass die verschiedenen Motive, sowohl bei Unternehmen als auch bei Kunden, dabei jedoch nicht zwingend getrennt voneinander auftreten müssen.
Grundsätzlich konnte inzwischen in zahlreichen empirischen Studien nachgewiesen werden, dass durch eine frühzeitige Integration von Kunden in den betrieblichen Entwicklungsprozess der Erfolg von Innovationen gesteigert werden kann. In der praktischen Umsetzung von Kundenintegrationsprojekten bestehen jedoch zumeist Schwierigkeiten hinsichtlich der Wahl eines geeigneten Instruments sowie dessen adäquater Anwendung. Prinzipiell lassen sich die verschiedenen Instrumente zur Kundenintegration in bestehende und neuere Methoden unterteilen, die in der Praxis nicht zwingend voneinander getrennt genutzt werden können. Während bei klassischen Ansätzen vor allem die passive Integration von Kunden in eine späte Phase des Innovationsprozesses im Vordergrund stand, ist heutzutage, insbesondere aufgrund neuer Informations- und Kommunikationstechniken, zunehmend eine aktive Integration von Kunden in eine frühe Phase des Innovationsprozesses zu erkennen.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Begriffsdefinitionen
2.1 Innovation
2.2 Innovationsprozess
2.3 Kundenerfahrung
3 Kundenintegration als neuer Innovationsansatz
3.1 Der Paradigmenwechsel: Von Closed- zu Open Innovation
3.1.1 Die klassische Denkweise
3.1.2 Auslöser des Paradigmenwechsels
3.1.3 Die neue Denkweise der Open Innovation
3.2 Kundenintegration im Innovationsprozess
3.3 Unternehmerische Rahmenbedingungen
3.3.1 Organisatorische Voraussetzungen
3.3.2 Kulturelle Voraussetzungen
3.3.3 Finanzielle Voraussetzungen
3.4 Kommunikationstechnische Voraussetzungen
3.5 Risiken und Grenzen der Kundenintegration
4 Motive zur Integration von Kunden in den Innovationsprozess
4.1 Motive des Unternehmens
4.1.1 Reduzierung der Time-to-Market
4.1.2 Reduzierung der Cost-to-Market
4.1.3 Steigerung des Fit-to-Market
4.1.4 Erhöhung des New-to-Market
4.1.5 Steigerung der Kundenbindung
4.2 Motive der Nutzer
4.2.1 Extrinsische Motive
4.2.2 Intrinsische Motive
4.2.3 Soziale Motive
5 Methoden und Instrumente zur Nutzung von Kundenerfahrung im Innovationsprozess
5.1 Bestehende Methoden und Instrumente
5.1.1 Marktforschung
5.1.2 Lead-User-Methode
5.1.2.1 Grundlagen der Lead-User-Methode
5.1.2.2 Die vier Phasen der Lead-User-Methode
5.1.2.2.1 Phase 1: Projektinitiierung
5.1.2.2.2 Phase 2: Trendanalyse
5.1.2.2.3 Phase 3: Identifizierung von Lead Usern
5.1.2.2.4 Phase 4: Konzeptdesign in Lead-User-Workshops
5.2 Neue Methoden und Instrumente
5.2.1 Toolkits
5.2.1.1 Anforderungen an Toolkits
5.2.1.2 Arten von Toolkits
5.2.4 Online Communities
5.2.4.1 Merkmale von Online Communities
5.2.4.2 Arten der Kooperation mit Online Communities
5.2.4.2.1 Netnographie
5.2.4.2.2 Community Based Innovation
5.2.4.2.3 Innovation Community
5.2.5 Virtuelle Welten
5.2.6 Ideenwettbewerbe
6 Umsetzungsbeispiele von Kundenintegrationsprojekten in der Praxis
6.1 Kundenintegration bei BMW: Customer Innovation Lab
6.1.1 Ausgangssituation
6.1.2 Umsetzung
6.1.2.1 Grundidee
6.1.2.2 Aufbau
6.1.2.3 Umsetzung in der Praxis
6.1.3 Bewertung
6.1.4 Weiterentwicklung der Kundenintegration: Virtuelle Innovations Agentur
6.2 Kundenintegration bei Tchibo: Tchibo ideas
6.2.1 Ausgangssituation
6.2.2 Umsetzung
6.2.2.1 Grundidee
6.2.2.2 Funktionsweise der Community
6.2.2.3 Mehrstufiger Ideenwettbewerb
6.2.2.4 Umsetzung in der Praxis
6.2.3 Bewertung
7 Zusammenfassung und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, wie Unternehmen durch die systematische Einbindung von Kundenerfahrung in den Innovationsprozess den Innovationserfolg steigern und sich besser an veränderte Umweltbedingungen anpassen können. Dabei wird insbesondere analysiert, welche organisatorischen, kulturellen und technologischen Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integration notwendig sind und wie verschiedene Instrumente – von klassischen Methoden bis hin zu neuen internetbasierten Ansätzen – in der unternehmerischen Praxis angewendet werden.
- Paradigmenwechsel von „Closed Innovation“ zu „Open Innovation“
- Unternehmens- und nutzerseitige Motive für die Kundenintegration
- Methoden und Instrumente wie Lead-User-Ansatz, Toolkits und Online Communities
- Analyse praktischer Umsetzungsbeispiele (BMW Customer Innovation Lab, Tchibo ideas)
- Risiken, Grenzen und Erfolgsfaktoren bei der Implementierung
Auszug aus dem Buch
3.1.1 Die klassische Denkweise
In der Vergangenheit war die Forschung und Entwicklung neuer Produkte vor allem auf die interne Infrastruktur eines Unternehmens beschränkt. Dieses traditionelle Vorgehen ist auf die tayloristischen Leitsätze des Scientific Managements zurückzuführen, bei denen Neuentwicklungen in den allermeisten Fällen allein durch unternehmenseigene – zumeist hermetisch abgeschottete – Forschungs- und Entwicklungsabteilungen (F&E-Abteilungen) generiert und zur Marktreife weiterentwickelt wurden. Nach dieser Denkweise bildet die F&E-Abteilung mit ihren Experten den think tank des Unternehmens. Im Extremfall solcher geschlossener Innovationen (Closed Innovation) ist eine F&E-Abteilung weder darauf ausgerichtet aus angrenzenden Bereichen wie Beschaffung, Marketing und Vertrieb noch von außerhalb des Unternehmens Informationen zu beziehen und für sich zu nutzen. Auch auf den Einsatz von internen bereichsübergreifenden Innovationsteams oder die Einrichtung eines betrieblichen Vorschlagswesens wird im Extremfall der Closed Innovation verzichtet. Die Interaktion mit der Unternehmensumwelt beschränkt sich lediglich auf den Zukauf von Konkurrenten, das Eingehen von Partnerschaften sowie das Erwerben von Lizenzen. Innerhalb der klassischen Denkweise nimmt der Kunde eine passive Rolle als Wertschöpfungsempfänger bzw. Wertevernichter ein und wird dabei durch das Unternehmen lediglich befragt oder beobachtet („speaking only when spoken to“).
Grundsätzlich werden in der klassischen Sichtweise Kunden als Ort der Bedürfnisinformation und Hersteller als Ort der Lösungsinformation angesehen. Von Hippel bezeichnet dieses klassische Schema der unternehmerbezogenen, autonomen Wertschöpfung, in der eine auf Kunden ausgerichtete Produktidee entwickelt wird, als manufacturing-active paradigm (MAP).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Beleuchtet die Relevanz von Innovationen für den langfristigen Unternehmenserfolg und diskutiert die Herausforderungen bei hohen Flopraten sowie die Bedeutung von Kundenwissen.
2 Begriffsdefinitionen: Definiert die zentralen Fachbegriffe Innovation, Innovationsprozess und Kundenerfahrung als Grundlage für die weiterführende Analyse.
3 Kundenintegration als neuer Innovationsansatz: Analysiert den Paradigmenwechsel zu Open Innovation sowie die notwendigen organisatorischen, kulturellen und technischen Rahmenbedingungen.
4 Motive zur Integration von Kunden in den Innovationsprozess: Untersucht die verschiedenen Beweggründe von Unternehmen und Nutzern, um die Triebfedern für eine aktive Kundenintegration zu identifizieren.
5 Methoden und Instrumente zur Nutzung von Kundenerfahrung im Innovationsprozess: Stellt eine Vielzahl an Instrumenten vor, darunter klassische Marktforschung, die Lead-User-Methode, Toolkits und moderne Online Communities.
6 Umsetzungsbeispiele von Kundenintegrationsprojekten in der Praxis: Präsentiert und bewertet die praktischen Ansätze der Unternehmen BMW (Customer Innovation Lab) und Tchibo (Tchibo ideas).
7 Zusammenfassung und Ausblick: Führt die wesentlichen Erkenntnisse zusammen und diskutiert die zukünftige Bedeutung sowie Herausforderungen der Kundenintegration.
Schlüsselwörter
Open Innovation, Kundenintegration, Innovationsprozess, Kundenerfahrung, Lead-User-Methode, Toolkits, Online Communities, Ideenwettbewerbe, Produktentwicklung, Manufacturing-active paradigm, Customer-active paradigm, Wissensmanagement, Unternehmenskultur, User Innovation, Marktakzeptanz.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelor-Thesis grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert, wie Unternehmen externe Kundenerfahrungen und Wissen in ihre Innovationsprozesse integrieren können, um den Erfolg neuer Produkte zu steigern und sich dem wachsenden Innovationsdruck anzupassen.
Welche sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zu den Kernbereichen zählen der Wandel von geschlossenen zu offenen Innovationsprozessen, die Analyse von Beweggründen für Kunden und Unternehmen sowie die praktische Evaluation verschiedener Instrumente wie Toolkits und Communities.
Was ist das primäre Ziel der Forschung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, mit welchen Ansätzen Unternehmen Kunden effizient in ihre Entwicklungsaktivitäten einbinden können, um langfristiges Wachstum und eine höhere Marktakzeptanz zu erreichen.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer fundierten Literaturanalyse und nutzt zwei detaillierte Fallstudien (BMW und Tchibo), um die Anwendung und Herausforderungen der theoretischen Konzepte in der Praxis zu verdeutlichen.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der detaillierten Beschreibung und Bewertung verschiedener Instrumente, von klassischen Ansätzen wie der Marktforschung bis hin zu modernen Methoden wie Online Communities und Ideenwettbewerben.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren diese Ausarbeitung?
Die wichtigsten Schlagworte sind „Open Innovation“, „Kundenintegration“, „Lead-User-Ansatz“, „Toolkits“ und „Co-Creation“.
Warum ist die „Fuzzy Front End“-Phase laut Autor so wichtig?
Weil in dieser frühen Phase bereits der Großteil der Produktlebenskosten sowie zentrale Parameter eines Produkts festgelegt werden, wodurch Entscheidungen hier eine enorme Hebelwirkung auf den späteren Markterfolg haben.
Welche spezifischen Schwierigkeiten werden bei der Integration von Kunden bei BMW und Tchibo identifiziert?
Bei BMW wird die Begrenzung des Lösungsraums sowie die mangelnde Möglichkeit zum Trial-and-Error kritisiert; bei Tchibo wird vor allem auf die Herausforderung hingewiesen, Kundenbeiträge zu vermarkten und relevante Ideen in der Fülle an Inhalten zu identifizieren.
- Arbeit zitieren
- Christian Bach (Autor:in), 2010, Einbindung von Kundenerfahrung in den Innovationsprozess, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/157174