„Warum traten Sie 1969 in die KP ein, obwohl man von Stalins Gulags bereits wusste?“3
Diese Frage wurde vor kurzem dem portugiesischen Literaturnobelpreisträger und überzeugten Kommunisten José Saramago4 in einem Interview gestellt.
Obwohl seine Antwort ausweichend ist, erscheint sie dennoch verständlich:
„Da könnten Sie auch fragen: Wieso wird jemand Katholik nach der Inquisition?“5
Nicht ganz so einfach ist Octavio Paz, mexikanischer Dichter, Schriftsteller und politischer Analytiker, die Antwort auf eine ähnliche Frage erschienen.
Vor allem mit der in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts in der Intellektuellenszene aufkommenden Polemik über die Politik der Sowjetunion, die mit dem Hitler-Stalin-Pakt 1943 einen weiteren Impuls erhalten hatte, beschäftigt sich der Mexikaner intensiv.
Die Frage, ob man Befürworter oder Gegner der sowjetischen Politik wäre, sollte die Intellektuellen- und Schriftstellergesellschaft spalten, oder wie Paz es ausdrückt:
„Im 20. Jahrhundert wurde die Spaltung ein naturgemäßer Zustand: wir waren wirklich gespaltene Wesen in einer gespaltenen Gesellschaft.“ 6
Im Folgenden wird der politische Werdegang Octavio Paz´ anhand einiger Beispiele näher untersucht und vor allem auf sein Verhältnis zur Politik der Sowjetunion und ihrer Agitatoren, unter denen auch zahlreiche bekannte Schriftsteller gewesen sind, eingegangen, um die von Octavio Paz gestellte Frage zu beantworten: Wie war die Sowjetunion in Wirklichkeit?
Die meisten Textstellen und Zitate sind aus Octavio Paz Werk Itinerario7 entnommen, das 1993, drei Jahre nachdem Paz den Literaturnobelpreis erhalten hatte, erschienen ist.
[...]
3 Evelyn Finger: Ach was, ich habe ein dickes Fell!- Die Zeit, Seite 61, Nr.44, 23.10.2008.
4 José Saramago (*1922), portugiesischer Schriftsteller,1998 Nobelpreis für Literatur, 2004 Kandidatur bei den
Europawahlen für die kommunistische Partei Portugals.
5 Evelyn Finger: Ach was, ich habe ein dickes Fell!- Die Zeit, Seite 61, Nr.44, 23.10.2008.
6 Octavio Paz: Itinerarium, S.15, Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 1996.
7 deutsche Ausgabe: Itinerarium- kleine politische Autobiographie, Suhrkamp Verlag, 1996
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Familie Paz: Eine politische Familie Mexikos
3. Paz´ Kindheit und Jugend: Die ersten Begegnungen mit der Politik
4. Die 1930er: Jahre des Zweifelns
5. Schriftstellerkongress in Valencia 1937- Die Verurteilung André Gides
6. Bruch mit den Kommunisten
7. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den politischen Werdegang des mexikanischen Schriftstellers Octavio Paz und analysiert kritisch seine Haltung gegenüber dem Kommunismus sowie der sowjetischen Politik im 20. Jahrhundert. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie Paz trotz anfänglicher Sympathien zu einer distanzierten und kritischen Position gelangte.
- Politisches Erbe und Familieneinfluss auf Paz
- Der Einfluss der Mexikanischen Revolution
- Intellektuelle Auseinandersetzungen in den 1930er Jahren
- Der Internationale Kongress zur Verteidigung der Kultur in Valencia
- Die kritische Reflexion des sowjetischen Systems
Auszug aus dem Buch
5. Der Schriftstellerkongress in Valencia 1937 - Die Verurteilung André Gides
1935 wird unter der Leitung von André Gide und André Malraux der erste Internationale Kongress zur Verteidigung der Kultur in Paris einberufen. Ein Jahr später, durch den, seit 1936 zwischen der Volksfront-Regierung und den von den faschistischen Staaten unterstützten konservativen Kräften unter General Franco herrschenden Bürgerkrieg, sieht sich die intellektuelle Schriftstellerszene zum Handeln gezwungen und organisiert unter der Leitung von Rafael Albertí und dem chilenischen Dichter Pablo Neruda 1937 den zweiten Internationalen Kongress zur Verteidigung der Kultur in Valencia. Ziel der Teilnehmer ist, die Unterstützung bekannter Intellektueller für die Sowjetunion zu sichern und infolgedessen den Faschismus und seine Anhänger zu bekämpfen. Auch der in Schriftstellerkreisen bis dato unbekannte Octavio Paz wird zu dem Kongress eingeladen. Pablo Neruda erinnert sich in seinen Memorias (deutsch: Memoiren) an die Einladung des jungen Mexikaners: „Ich war irgendwie stolz ihn [Paz] hergebracht zu haben. Er hatte ein einziges Buch veröffentlicht, das ich zwei Monate zuvor erhalten hatte und das mir einen wahren Kern zu enthalten schien. Damals kannte ihn niemand.“
Für Paz, zu dieser Zeit 22 Jahre alt und jüngster Teilnehmer des Kongresses, ist die Einladung der Höhepunkt einer bis zu diesem Ereignis unspektakulären jungen Schriftstellerkarriere. Neben ihm ist nur ein weiterer mexikanischer Schriftsteller in Valencia anwesend: Carlos Pellicer. Beide sind zwar Sympathisanten der kommunistischen Bewegung, jedoch keine Parteimitglieder. Octavio Paz ist begeistert von der Idee mit vermeintlich Gleichgesinnten für eine gemeinsame Sache zu kämpfen, doch ein Ereignis während des Kongresses veranlasst ihn die Anschauungen der kommunistischen Schriftsteller nochmals zu überdenken, um sich schließlich von ihnen zu distanzieren. Die Verurteilung André Gides.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die zentrale Fragestellung ein, wie Octavio Paz zu seiner kritischen Haltung gegenüber der Sowjetunion gelangte und warum das Thema für Intellektuelle im 20. Jahrhundert von so großer Bedeutung war.
2. Familie Paz: Eine politische Familie Mexikos: Dieses Kapitel beleuchtet den Einfluss der liberalen und revolutionären familiären Prägung auf das politische Interesse von Octavio Paz.
3. Paz´ Kindheit und Jugend: Die ersten Begegnungen mit der Politik: Der Autor beschreibt hier die ersten politischen Berührungspunkte von Paz sowie seine Anfänge im literarischen und studentischen Umfeld.
4. Die 1930er: Jahre des Zweifelns: Hier wird der intellektuelle Konflikt zwischen ästhetischen Überzeugungen und politischem Dogmatismus in den 1930er Jahren analysiert.
5. Schriftstellerkongress in Valencia 1937- Die Verurteilung André Gides: Dieses Kapitel behandelt das Schlüsselerlebnis der Verurteilung André Gides während des Kongresses, das maßgeblich zur Entfremdung von Paz gegenüber dem Kommunismus beitrug.
6. Bruch mit den Kommunisten: Das Kapitel dokumentiert den endgültigen Bruch von Paz mit der kommunistischen Bewegung nach dem Hitler-Stalin-Pakt und seine spätere Reflexion über das sowjetische System.
7. Fazit: Das Fazit fasst zusammen, dass Octavio Paz durch eine konsequente, intellektuelle Unabhängigkeit und ein gesundes Misstrauen gegenüber Ideologien eine kritische Haltung bewahrte, die ihn von vielen seiner Zeitgenossen abhob.
Schlüsselwörter
Octavio Paz, Kommunismus, Sowjetunion, Intellektuelle, Schriftstellerkongress in Valencia, André Gide, Stalinismus, Politische Ideologien, Mexikanische Geschichte, Literatur, Unabhängigkeit, Kulturpolitik, Faschismus, Revolution, Kritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das politische Verhältnis des Schriftstellers Octavio Paz zum Kommunismus und der Sowjetunion im Laufe seines Lebens.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die Familiengeschichte, die politische Radikalisierung in den 1930er Jahren, die Rolle der Intellektuellen und die kritische Auseinandersetzung mit autoritären politischen Systemen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den Entwicklungsweg von Paz nachzuvollziehen, der ihn von anfänglichen Sympathien mit der Linken zu einer kritischen Distanz gegenüber dem sowjetischen System führte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer biografisch-analytischen Methode, wobei vorwiegend auf primäre Quellen, insbesondere Paz' Werk "Itinerario", zurückgegriffen wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die politische Prägung durch das Elternhaus, die Erfahrungen in den 1930ern, den konkreten Konflikt während des Kongresses in Valencia und den endgültigen Bruch mit der kommunistischen Partei.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist gekennzeichnet durch Begriffe wie Kommunismus, intellektuelle Freiheit, Stalinismus, politische Enttäuschung und die Rolle des Schriftstellers in der Gesellschaft.
Warum war der Kongress in Valencia 1937 ein Wendepunkt für Octavio Paz?
Er erlebte dort die aggressive Verurteilung von André Gide durch kommunistische Funktionäre, was bei Paz tiefe Zweifel an der intellektuellen Redlichkeit und Toleranz dieser Bewegung auslöste.
Wie bewertet Paz das "Paradies" Sowjetunion im Rückblick?
Paz erkennt in seinen späteren Essays, dass das vermeintliche Ideal eines sozialen Paradieses eine Schimäre war, die für grausame Verbrechen und die Unterdrückung von Menschen instrumentalisiert wurde.
- Arbeit zitieren
- Sebastian Knoth (Autor:in), 2008, Octavio Paz´ Verhältnis zum Kommunismus, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/156474