Eine vollständige Erfassung des Phänomens „Stottern“ ist unter anderem aufgrund ungeklärter Hypothesen zur Entstehung und der Vielseitigkeit des Auftretens, nicht möglich. Um dennoch theoretisches und praktisches Vorgehen zu ermöglichen, wurden Theorien über den Gegenstand des Stotterns entwickelt, beispielsweise über seine Ursachen, seine Verbreitung oder über Möglichkeiten das Phänomen zu verändern. Letztere Theorien, die das Stottern zu verändern versuchen, unterscheiden sich in der Literatur durch ihre Sicht auf das Phänomen, sowie ihre formulierten Ziele und Abläufe. Dadurch entstanden Fragen bezüglich der theoretischen Fundierung verschiedener Therapieformen sowie deren praktischer Ausgestaltung. [...]
Die theoretischen Hintergründe einer Therapie, und vor allem ihre konkreten Auswirkungen, sollen im Verlauf der Arbeit verdeutlicht und bewertet werden. Dazu sollen zunächst die Begrifflichkeiten des kindlichen Stotterns und des Menschenbildes geklärt werden, bevor die Darstellung zweier unterschiedlicher Therapieformen folgt. Abschließend wird versucht, die Frage nach den Auswirkungen theoretischer Annahmen in der Praxis der kindlichen Stottertherapie zu klären.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffliche Klärung
2.1 Stottern – eine Sprechstörung
2.1.1 Kindliches Stottern
2.1.2 Symptomatik des kindlichen Stotterns
2.2 Annahmen über den Menschen
2.2.1 Theorie und Menschenbild
2.2.2 Der handelnde Mensch
2.2.3 Der Mensch als Objekt seiner Umwelt
3. Darstellung zweier Stottertherapien
3.1 Stottertherapie
3.2 Der lokale Ansatz – Stottermodifikation
3.3 Der globale Ansatz – Fluency Shaping
4. Das Menschenbild und seine Auswirkungen
4.1 Der Mensch in der Praxis der lokalen Stottertherapie
4.1.1 Voraussetzungen des Patienten
4.1.2 Therapeut-Patienten Verhältnis
4.1.3 Therapeutische Mittel
4.1.4 Bewertung des lokalen Ansatzes hinsichtlich seines Menschenbildes
4.2 Der Mensch in der Praxis der globalen Stottertherapie
4.2.1 Voraussetzungen des Patienten
4.2.2 Therapeut-Patienten Verhältnis
4.2.3 Therapeutische Mittel
4.2.4 Bewertung des globalen Ansatzes hinsichtlich seines Menschenbildes
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss theoretischer Menschenbilder auf die praktische Ausgestaltung der kindlichen Stottertherapie. Dabei wird analysiert, wie unterschiedliche Auffassungen vom Menschen — als handelndes Subjekt oder als reaktives Objekt seiner Umwelt — die therapeutische Vorgehensweise, das Verhältnis zwischen Therapeut und Patient sowie die Wahl der therapeutischen Mittel determinieren.
- Vergleich zwischen dem lokalen Ansatz (Stottermodifikation) und dem globalen Ansatz (Fluency Shaping).
- Analyse der zugrunde liegenden Menschenbildannahmen (Handelns- und Verhaltenseinheit).
- Bewertung der therapeutischen Praxis hinsichtlich Stärken und Schwächen der implizierten Menschenbilder.
- Untersuchung der Anforderungen an Patienten und Therapeuten im therapeutischen Alltag.
- Diskussion der Bedeutung von Reflexivität und Eigenverantwortung in der Stottertherapie.
Auszug aus dem Buch
2.2.2 Der handelnde Mensch
Bei der Handelnseinheit wird der Mensch unter anderem als reflexions-, kommunikations- , handlungs- und rationalitätsfähiges Wesen dargestellt. Theorien dieser Einheit, wie das Forschungsprogramm Subjektive Theorien von Groeben, Wahl, Schlee und Scheele (1988), beschäftigen sich mit dem Denken und Fühlen des bewusstseinsfähigen Menschen. Im Vergleich zu anderen Menschenbildannahmen besteht beim epistemologischen Subjektmodell (eine Bezeichnung dieses Menschenbildes) eine Parallelität zwischen dem Forscher beziehungsweise Therapeuten, und dem Erforschten.
Das heißt, beide sprechen sich die eben aufgeführten Attribute zu. Geistige Fähigkeiten werden bei dieser Menschenbildannahme besonders betont. Daher wird der Mensch in dieser Einheit auch als „Wissenschaftler“ bezeichnet. Aufgrund der für sie zentralen geistigen Eigenschaften des Menschen empfehlen Vertreter dieser Richtung für Therapien die Methoden des Interviews und des Dialogs.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik einer vollständigen Erfassung des Stotterns ein und begründet das Ziel, den Zusammenhang zwischen theoretischen Menschenbildern und der therapeutischen Praxis zu untersuchen.
2. Begriffliche Klärung: Es erfolgt eine deskriptive Definition des Stotterns als Sprechstörung und eine theoretische Einführung in die verschiedenen Menschenbildannahmen der Handelnseinheit und Verhaltenseinheit.
3. Darstellung zweier Stottertherapien: Die methodischen Ansätze der Stottermodifikation (lokaler Ansatz) und des Fluency Shaping (globaler Ansatz) werden detailliert beschrieben.
4. Das Menschenbild und seine Auswirkungen: In diesem Hauptteil werden die beiden Therapieansätze kritisch hinsichtlich ihrer Voraussetzungen, der Therapeut-Patienten-Beziehung und der therapeutischen Mittel auf Basis des jeweiligen Menschenbildes bewertet.
5. Fazit: Das Fazit stellt fest, dass beide Ansätze ihre Berechtigung haben, da sie unterschiedliche Stärken aufweisen, und plädiert für eine individuelle Wahl der Therapieform basierend auf den Fähigkeiten der einzelnen Person.
Schlüsselwörter
Stottern, Stottertherapie, Menschenbild, Kindliches Stottern, Stottermodifikation, Fluency Shaping, Handelnseinheit, Verhaltenseinheit, Therapeutische Praxis, Sprachheilpädagogik, Sprechflüssigkeit, Sekundärsymptomatik, Symptomorientierung, Therapeut-Patient-Verhältnis, Reflexivität.
Häufig gestellte Fragen
Was ist das grundlegende Thema dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht, wie verschiedene theoretische Menschenbilder die therapeutische Behandlung von stotternden Kindern beeinflussen und prägen.
Welche zentralen Therapieansätze werden thematisiert?
Es werden der lokale Ansatz (Stottermodifikation) und der globale Ansatz (Fluency Shaping) gegenübergestellt.
Welches primäre Ziel verfolgt die Autorin?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Annahmen über das Wesen des Menschen (als Subjekt oder als Objekt/Maschine) die konkrete therapeutische Praxis bestimmen.
Welche wissenschaftliche Methode liegt der Arbeit zugrunde?
Die Arbeit basiert auf einer theoretischen Analyse und Gegenüberstellung von fachwissenschaftlicher Literatur zu Stottertherapien unter Berücksichtigung psychologischer Menschenbildannahmen.
Was umfasst der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil analysiert die Auswirkungen von Menschenbildern auf spezifische Kriterien wie die Voraussetzungen des Patienten, die Therapeut-Patienten-Beziehung und die gewählten therapeutischen Mittel.
Welche Schlagworte charakterisieren diese Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Stottermodifikation, Fluency Shaping, Menschenbild, Reflexivität und sprachheilpädagogische Therapieansätze.
Warum wird der "lokale Ansatz" als Stottermodifikation bezeichnet?
Er fokussiert auf die Modifikation einzelner Sprechunflüssigkeiten und die Veränderung von Reaktionen auf das Stottern, anstatt das gesamte Sprechverhalten global zu verändern.
Wie unterscheidet sich das Menschenbild des globalen Ansatzes von dem des lokalen Ansatzes?
Der globale Ansatz, basierend auf der Verhaltenseinheit, sieht den Menschen primär steuerbar durch Reize (Black-Box), während der lokale Ansatz den Patienten als bewusst handelndes und reflexionsfähiges Wesen (Handelnseinheit) begreift.
Welche Rolle spielen Eltern bei der Behandlung stotternder Kinder?
Eltern fungieren insbesondere im Lidcombe-Programm als Co-Therapeuten, die flüssiges Sprechen durch positive Verstärkung unterstützen sollen.
Zu welcher Schlussfolgerung kommt die Autorin bezüglich der Therapiewahl?
Die Autorin gelangt zu dem Schluss, dass kein Konzept generell überlegen ist, sondern die individuellen Fähigkeiten und Voraussetzungen der Person maßgeblich für die Wahl der Therapieform sein sollten.
- Arbeit zitieren
- Alexander Weiland (Autor:in), 2014, Auswirkungen verschiedener Menschenbilder in der kindlichen Stottertherapie, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1563425