In "Der Ausflug der toten Mädchen" erzählt Anna Seghers die Geschichte einer vor den Nazis ins Exil geflohenen Ich-Erzählerin, welche sich zu Beginn der Erzählung in Mexiko befindet. Während einer Wanderung durch die Wüste erinnert diese sich an einen lange vergangenen, vor den Weltkriegen stattfindenden Schulausflug in ihrer Heimat Mainz.
Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit der Darstellung von Kindheit und Erinnerungen in dieser Erzählung. Zuerst werden hierbei die formalen Aspekte beleuchtet. Danach wird der These nachgegangen, dass die Kenntnisse der Rahmenerzählerin die Kindheitserinnerungen beeinflussen und es zu einer Fokusverschiebung kommt. Hierbei legt die Analyse einen Schwerpunkt auf die Beziehung zwischen Marianne und Leni und die Beschreibung der Figuren Fräulein Mees und Fräulein Sichel innerhalb der Binnenhandlung (des Schulausfluges).
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Formale Analyse
2.1 Erzählerin und Autorin
2.2 Rahmen- und Binnenhandlung
3. Figurendarstellung
3.1 Marianne - Leni
3.2 Fräulein Mees
3.3 Fräulein Sichel
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Wechselwirkung zwischen Kindheitserinnerung und dem Wissen der erwachsenen Ich-Erzählerin in Anna Seghers' Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“ sowie die daraus resultierende Verzerrung der Perspektive.
- Autobiographische Elemente und die Rolle der Rahmenerzählerin
- Struktur von Rahmen- und Binnenhandlung
- Einfluss von Zukunftswissen auf die Kindheitserinnerung
- Analyse der Figurendarstellung (Marianne, Leni, Fräulein Mees, Fräulein Sichel)
- Phänomen der Fokusverschiebung als zentrales narratives Element
Auszug aus dem Buch
3.2 Fräulein Mees
Auch das Verhalten gegenüber ihrer Lehrerin Fräulein Mees verändert sich durch das Wissen, welches die Erzählerin nun hat. Ohne ihre Kenntnisse über die Zukunft hätte sie sich über den „Entengang“ (Seghers, S.72) ihrer Lehrerin amüsiert. Das Wissen darüber, dass Fräulein Mees ihr Kreuz und damit ihren Glauben und ihre Ideale nie abgelegt hat, erfüllt sie mit solcher Achtung, dass sie keinerlei Belustigung verspürt (vgl. Seghers, S.57).
Auch in diesem Fall wird die Beschreibung des Ausflugs durch das Wissen über zukünftige Ereignisse beeinflusst. Noch besser ist dies an folgender Stelle zu erkennen:
„Wir schämten uns, weil die Knabenklasse beobachtete, wie man uns aufmarschieren ließ, und weil sich alle über den schiefen wackligen Entengang unserer Lehrerin belustigten. Nur bei mir milderte sich der Spott durch die Achtung vor ihrer immer gleich gebliebenen Haltung […]“ (Seghers, S.72)
In diesem Ausschnitt wird beschrieben, was damals bei dem Schulausflug geschehen ist. Die Erzählerin gibt eigentlich eine Erinnerung wieder. Allerdings ist diese verfälscht, da sie davon spricht, dass sich bei ihr der Spott milderte. In der Realität hat sie sich aber wahrscheinlich genauso wie die anderen über ihre Lehrerin amüsiert, da sie nicht von dem Wissen über die Zukunft davon abgehalten wurde. Bei der Aussage „Nur bei mir milderte sich der Spott“ (Seghers, S.72) handelt es sich also um eine Verzerrung der Wahrheit, welche durch die Vermischung des Wissens der Erzählerin und ihrem Kindheits-Ich zustande kommt. Mit ihrem heutigen Wissen würde sie nicht mehr über Fräulein Mees lachen, ihr Kindheits-Ich handelte allerdings anders.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit führt in die Erzählung ein, erläutert die Ausgangslage der im Exil lebenden Ich-Erzählerin und definiert die Untersuchung der Darstellung von Kindheit und Erinnerung.
2. Formale Analyse: Dieser Teil beleuchtet die Erzählweise, die biographischen Parallelen zu Anna Seghers sowie die strukturelle Abgrenzung und Verschränkung der Rahmen- und Binnenhandlung.
3. Figurendarstellung: Hier wird analysiert, wie das Wissen der Rahmenerzählerin über spätere Lebenswege die Charakterisierung von Marianne, Leni, Fräulein Mees und Fräulein Sichel beeinflusst und verzerrt.
4. Fazit: Die Analyse schließt mit der Erkenntnis, dass keine klare Trennung zwischen erlebendem und erzählendem Ich existiert, sondern die Erinnerung durch das spätere Wissen permanent überschrieben wird.
Schlüsselwörter
Anna Seghers, Der Ausflug der toten Mädchen, Exilliteratur, Kindheit, Erinnerung, Rahmenerzählung, Binnenhandlung, Fokusverschiebung, Autobiographik, Identität, NS-Zeit, Literaturanalyse, Erzähltheorie, Prolepse, Kindheitserinnerung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Hausarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Erzählung „Der Ausflug der toten Mädchen“ von Anna Seghers unter dem Aspekt, wie erwachsenes Wissen die Darstellung von Kindheitserinnerungen beeinflusst.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Im Zentrum stehen die narrativen Strukturen, die Rolle der Ich-Erzählerin im Exil sowie die Auswirkungen von Zukunfts- und Todeswissen auf die Wahrnehmung der Figuren aus der Kindheit.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Es soll aufgezeigt werden, dass die Erinnerungen in der Erzählung nicht objektiv sind, sondern durch die zeitliche Distanz und das Wissen der Erzählerin über die NS-Zeit verzerrt oder neu geformt werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die insbesondere auf narratologische Konzepte wie Fokalisierung und die Trennung von Rahmen- und Binnenhandlungsräumen zurückgreift.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine formale Untersuchung der Erzählsituation sowie eine detaillierte Analyse spezifischer Figurenbeziehungen und -beschreibungen unter Berücksichtigung von Prolepsen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Exilliteratur, Erinnerungskultur, Fokusverschiebung, Prolepse und die Analyse der autobiographischen Züge in Seghers' Werk beschreiben.
Wie beeinflusst das Wissen über das Schicksal der Mädchen die Erzählung?
Da die Erzählerin weiß, dass die meisten Mädchen den Krieg nicht überlebt haben, betrachtet sie Details wie Frisuren oder Charakterzüge mit einer Schwere und Aufmerksamkeit, die sie als Kind beim damaligen Ausflug so nicht empfunden hat.
Warum wird im Fazit von „einem erneuten Durchleben“ statt „Zurückblicken“ gesprochen?
Die Arbeit kommt zu dem Schluss, dass die Erzählerin ihre Erinnerung nicht neutral betrachtet, sondern die Vergangenheit durch ihr heutiges Wissen und ihre emotionale Betroffenheit aktiv verändert und neu erlebt.
- Quote paper
- Hannah Auer (Author), 2023, Die Darstellung von Kindheit und Erinnerung in Anna Seghers "Der Ausflug der toten Mädchen", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1561980