In der hier vorliegenden Hausarbeit wird die Koedukation thematisiert. Speziell wird der Kern der bekannten Koedukationsdebatte, also das Geschlecht an sich, behandelt. Es wird der Versuch unternommen, eine Erklärung zu finden, wie Menschen unserer Gesellschaft ihr soziales Geschlecht erlangen und wie die damit verbundenen geschlechtsspezifischen Unterschiede entstehen. In diesem Zusammenhang werden vier verschiedene Sozialisationstheorien vorgestellt, welche die geschlechtspezifische Sozialisation thematisieren. Im Einzelnen handelt es sich hierbei um die Sozialisationstheorie von Dorothy Dinnerstein, Carol Hagemann-White, Nancy Chodorow und Carol Gilligan. Alle vier Feministinnen haben gemeinsam, dass sie sich unabhängig voneinander im Vorfeld mit der Psychoanalyse von Sigmund Freud beschäftigten, diese kritisierten und auf der Basis dieser Kritik ihre Sozialisationstheorien entwickelten. Aufgrund dieser Tatsache soll Freuds Psychoanalyse in ihren Grundzügen ebenfalls in dieser Hausarbeit aufgeführt werden. Über die Erklärung der geschlechtsspezifischen Sozialisation hinaus werden in diesen vorzustellenden Ansätzen auch verschiedene Lösungsvorschläge für eine mögliche Überwindung der geschlechtspezifischen Unterschiede aufgeführt. Carol Gilligans Thesen zur weiblichen Moral werden im weiteren Verlauf intensiver behandelt, ehe im abschließenden Fazit die neuen Erkenntnisse in Beziehung zur Koedukationsdebatte gesetzt werden.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Feministische Kritik an der Freudschen Psychoanalyse
3 Feministische Theorien der Gender-Sozialisation
3.1 Sozialisationstheorie nach Dinnerstein
3.2 Sozialisationstheorie nach Hagemann-White
3.3 Sozialisationstheorie nach Chodorow
3.4 Sozialisationstheorie nach Gilligan
3.4.1 Vorstellung der Sozialisationstheorie
3.4.2 Kritik an Gilligans Theorie zur weiblichen Moral
4 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Entstehung geschlechtsspezifischer Unterschiede in der Gesellschaft und analysiert zu diesem Zweck vier zentrale feministische Sozialisationstheorien, die als Kritik an der Freudschen Psychoanalyse entwickelt wurden. Ziel ist es, diese theoretischen Ansätze mit der aktuellen Koedukationsdebatte in Beziehung zu setzen und deren heutige Relevanz zu hinterfragen.
- Psychoanalytische Grundlagen und deren feministische Kritik
- Sozialisationstheorien nach Dinnerstein, Hagemann-White, Chodorow und Gilligan
- Moralentwicklung und geschlechtsspezifische Sozialisationsprozesse
- Analyse der Zweigeschlechtlichkeit als kulturelle Konstruktion
- Diskurs über Koedukation im Kontext heutiger gesellschaftlicher Realitäten
Auszug aus dem Buch
3.4.1 Vorstellung der Sozialisationstheorie
Carol Gilligan, die ihre Gedanken über die geschlechtsspezifische Sozialisation 1982 veröffentlichte, konzentrierte sich sehr stark auf die weibliche Moralentwicklung. Ausgangspunkt für ihre Theorie ist das Stufenmodell der moralischen Entwicklung nach Lawrence Kohlberg, welches die moralische Entwicklung von Jugendlichen und jungen Erwachsenen hierarchisch in sechs Stufen einteilt.
Gilligan geht in ihrem Ansatz von der Grundthese aus, dass moralische Gefühle und Urteile das Produkt von Beziehungsmustern aus der Kindheit sind (vgl. Wendel, 2003, S. 69). Hierbei lassen sich, laut Gilligan zwei grundlegende moralische Positionen unterscheiden: die Position der Gerechtigkeit und die der Fürsorge. Beiden Positionen gehen frühkindliche Erfahrungen voraus, der Erfahrung der Ungleichheit und der Erfahrung der Verlassenheit. Gilligan zu Folge ruft erfahrene Ungleichheit den Wunsch nach Gerechtigkeit und Gleichheit hervor und führt zu Scham- und Schuldgefühlen. Erfahrene Verlassenheit führt hingegen zu dem Wunsch nach sozialen Bindungen, Schutz und Fürsorge und weckt Gefühle der Liebe und des Leids (vgl. Wendel, 2003, S.69). Das moralische Verhalten, so führt Gilligan weiter aus, ist grundsätzlich nicht vom biologischen Geschlecht abhängig. Weder müsse die Fürsorgemoral für alle Frauen charakteristisch sein, noch sind alle Männer unfähig zur Fürsorge (vgl. Wendel, 2003, S. 71).
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Arbeit führt in die Koedukationsdebatte ein und erläutert die Relevanz der geschlechtsspezifischen Sozialisation sowie die geplante Untersuchung von vier feministischen Theorien.
2 Feministische Kritik an der Freudschen Psychoanalyse: Es wird dargelegt, warum frühe Frauenforscherinnen Freuds psychoanalytische Konzepte zur Geschlechterdifferenz als unzureichend und biologistisch kritisierten.
3 Feministische Theorien der Gender-Sozialisation: Dieser Abschnitt analysiert detailliert die Ansätze von Dinnerstein, Hagemann-White, Chodorow und Gilligan bezüglich der Entstehung geschlechtsspezifischer Identitäten.
4 Fazit: Die Ergebnisse der theoretischen Analyse werden mit dem Status Quo der Koedukation verknüpft, wobei die anhaltende Relevanz der Theorien kritisch reflektiert wird.
Schlüsselwörter
Koedukation, Geschlecht, Sozialisation, Psychoanalyse, Feminismus, Dorothy Dinnerstein, Carol Hagemann-White, Nancy Chodorow, Carol Gilligan, Moralentwicklung, Gerechtigkeitsmoral, Fürsorgemoral, Zweigeschlechtlichkeit, soziale Konstruktion, Patriarchat.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der Entstehung geschlechtsspezifischer Rollenbilder und der Kritik an der Koedukation durch die Analyse feministischer Sozialisationstheorien.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder umfassen die psychoanalytische Kritik, Theorien zur Gender-Sozialisation sowie die moralpsychologische Entwicklung unter geschlechtsspezifischen Aspekten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Ursachen für geschlechtsspezifische Unterschiede aufzudecken und zu prüfen, inwieweit diese Theorien zum Verständnis der heutigen Koedukationsdebatte beitragen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Autorin nutzt eine theoretische Analyse, bei der existierende feministische Sozialisationstheorien in den Kontext einer aktuellen soziologischen Fragestellung gesetzt und kritisch hinterfragt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Kritik an Sigmund Freud sowie die detaillierte Darstellung und kritische Auseinandersetzung mit den Modellen von Dinnerstein, Hagemann-White, Chodorow und Gilligan.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Koedukation, Sozialisation, Geschlechterrolle, feministische Theorie und Moralentwicklung charakterisiert.
Warum wird die Freudsche Psychoanalyse in dieser Arbeit aufgeführt?
Sie dient als notwendige Basis, da alle behandelten feministischen Theoretikerinnen ihre Ansätze primär als kritische Antwort auf die Psychoanalyse Sigmund Freuds entwickelten.
Was kritisiert Gertrud Nunner-Winkler an Carol Gilligan?
Sie kritisiert, dass Gilligan moralische Positionen unzulässig als geschlechtsspezifisch markiert, während es sich tatsächlich um eine sozialisationsbedingte Rollenmoral handelt, die von der jeweiligen Betroffenheit abhängt.
Zu welcher Erkenntnis kommt das Fazit im Bezug auf die Koedukation?
Das Fazit schlussfolgert, dass die Diskussion über Mono- oder Koedukation zweitrangig bleibt, da das grundlegende Problem in der gesellschaftlichen Konstruktion der Zweigeschlechtlichkeit liegt.
Wie bewertet die Autorin die Anwendbarkeit der Theorien heute?
Die Autorin stellt fest, dass die teilweise über dreißig Jahre alten Theorien auch auf die heutige Gesellschaft zutreffen, da grundlegende patriarchale Strukturen weiter fortbestehen.
- Quote paper
- Stefan Kruse (Author), 2009, Feministische Theorien der Gender-Sozialisation, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/156184