Der vorletzte Text in Cervantes’ Novellensammlung Novelas ejemplares wird häufig als Einleitung der letzten Novelle, El coloquio de los perros, angesehen. Bereits der Schlusssatz von El casamiento engañoso legt eine solche Interpretation nahe, indem hier die folgende Novelle explizit in den Erzählrahmen eingeordnet wird.
Wie genau ist dieser offensichtliche Zusammenhang einzuschätzen? Was bedeutet es, die Novelle als Einleitung der folgenden Novelle zu lesen? Ist es möglich, die vorletzte Novelle der Sammlung anhand ihrer konstitutiven Charakteristika auf El coloquio de los perros zu beziehen und daraufhin beide Texte in ihrem Zusammenwirken auf die Novellensammlung als Ganzes?
Im ersten, ausführlicheren Teil dieser Arbeit soll eine intensive Textanalyse die Bearbeitung dieser Fragestellung ermöglichen. El casamiento engañoso wird so in Hinblick auf seine Erzählstruktur und dabei insbesondere auf die Organisation durch unterschiedliche Erzählerfiguren betrachtet. Als zentral fällt hierbei der thematische Aspekt der Täuschung ins Auge, dessen poetologische Bedeutungsdimension aufgezeigt werden soll. Indem so die strukturell und thematisch konstitutiven Eigenschaften der Novelle herausgearbeitet werden sollen, wird die Basis dafür geschaffen, die Novelle in einem zweiten Teil dieser Arbeit einerseits als Hinleitung auf die Folgenovelle verstehen zu können und anderseits das Zusammenspiel beider Texte in seiner funktionalen, nicht nur formalen Dimension zu erschließen.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Struktur, Thematik und Struktur als Thematik in El casamiento engañoso
1. Struktur des Erzählten
2. Tektonik der Täuschung
3. Eine poetologische Lesart
III. El casamiento engañoso im Zusammenspiel mit El coloquio de los perros
1. Strukturelle Einbindung
2. Sein und Schein als Thema beider Novellen
3. Die Selbstreflexion der Novelas ejemplares
IV. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Zusammenspiel zwischen den Novellen "El casamiento engañoso" und "El coloquio de los perros" in Miguel de Cervantes' Sammlung "Novelas ejemplares", wobei die Hypothese verfolgt wird, dass erstere als Einleitung zur letzteren fungiert. Im Zentrum steht dabei die Analyse der Erzählstruktur sowie des durchgängigen Themas von Sein und Schein als poetologischer Kommentar zum literarischen Schaffen.
- Analyse der Erzählstruktur und Erzählerfiguren
- Die Tektonik der Täuschung in "El casamiento engañoso"
- Wechselwirkung zwischen den Novellen durch gemeinsame Erzähler und Rezipienten
- Sein und Schein als konstitutives Motiv und Gattungskritik
- Poetologische Reflexion über Wahrheit, Fiktion und die Mittelbarkeit des Erzählens
Auszug aus dem Buch
1. Struktur des Erzählten
Die Erzählstruktur das Casamiento ist geprägt durch den hohen Stellenwert, der dem Bericht Campuzanos zukommt. In diesem Sinn findet sich eine relativ lange Textpassage, in der Campuzano, als Erzähler seiner eigenen Geschichte, schildert, wie er Estefanía kennenlernt, wie er um sie wirbt, wie schließlich die Hochzeit und letzten Endes die Aufdeckung des Umstandes erfolgt, von Estefanía betrogen worden zu sein. Diese Textpassage, die aus einem reinen Monolog Campuzanos besteht, geht über in einen Teil, in welchem Peralta, der Zuhörer und Gesprächspartner Campuzanos, diesen immer wieder unterbricht. Hierbei findet eine Reflexion der erzählten Ereignisse statt, indem der Betrug selbst zum Thema gemacht wird und in dessen Bestandteile des Betrügens und Betrogen Werdens aufgeschlüsselt wird. Des Weiteren schildert Campuzano den Grund für seinen Krankenhausaufenthalt, der damit als Pointe seiner Binnenerzählung aufgefasst werden kann.
Die damit in aller Kürze paraphrasierte Erzählung Campuzanos ist eingerahmt von einer Erzählebene, auf welcher die Begegnung Campuzanos mit Peralta verhandelt wird. Vor dem längeren Monolog Campuzanos wird dieser Rahmen gestaltet, indem die Novelle mit dem Szenario einsetzt, dass ein Soldat aus dem Krankenhaus kommt und auf seinen Freund trifft. Darauf folgt ein Dialog zwischen Campuzano und Peralta auf der Straße, woraus eine Einladung zum Essen hervorgeht. Campuzano nimmt diese an, doch zuerst gehen die beiden in die Kirche. Am Ende der Novelle wird dieser Rahmen geschlossen, indem nach dem geschilderten Monolog Campuzanos und der Reflexion seiner Erlebnisse durch die Einschübe Campuzanos erneut ein Dialog beider Figuren steht, der sich von der Binnenerzählung abgrenzt. Es erfolgt dort eine Ankündigung des Gesprächs zwischen den Hunden Cipión und Berganza, also der Verweis auf einen von Campuzano selbst geschriebenen Text.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Darstellung der Ausgangslage, dass die vorletzte Novelle als Einleitung der letzten fungiert, und Vorstellung der Fragestellung zur funktionalen Verknüpfung der Texte.
II. Struktur, Thematik und Struktur als Thematik in El casamiento engañoso: Intensive Textanalyse der Erzählstruktur, der Täuschungsthematik und der poetologischen Implikationen in der Novelle.
III. El casamiento engañoso im Zusammenspiel mit El coloquio de los perros: Untersuchung der strukturellen und thematischen Verbindung beider Novellen sowie deren Reflexion über das Erzählen selbst.
IV. Schlussbetrachtung: Zusammenfassung der Ergebnisse, die das Werk als poetologischen Kommentar zur Literatur und zur Rolle von Autor und Leser bestätigt.
Schlüsselwörter
Cervantes, Novelas ejemplares, El casamiento engañoso, El coloquio de los perros, Erzählstruktur, Täuschung, Sein und Schein, unzuverlässiger Erzähler, poetologische Lesart, Novela picaresca, Mittelbarkeit, Literaturtheorie, Binnenerzählung, Rezeptionsästhetik, Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die funktionale Verknüpfung zwischen den beiden letzten Novellen in Cervantes' "Novelas ejemplares".
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen Erzählstrukturen, das Motiv der Täuschung sowie die Reflexion über Wahrheit und Schein in der Literatur.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Es soll geklärt werden, wie die vorletzte Novelle als Einleitung für die letzte fungiert und welche poetologischen Aussagen sich aus deren Zusammenspiel ableiten lassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine intensive Textanalyse unter Einbeziehung narratologischer Begriffe (wie Erzählebenen und unzuverlässiges Erzählen) durchgeführt.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine detaillierte Analyse der Binnenstruktur von "El casamiento engañoso" und eine Untersuchung der intertextuellen sowie poetologischen Verbindung zum "Coloquio de los perros".
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe umfassen Cervantes, Erzählstruktur, Täuschung, Sein/Schein, poetologische Lesart und Novela picaresca.
Warum spielt der Begriff "Tektonik der Täuschung" eine Rolle?
Dieser Begriff beschreibt das System der wechselseitigen Täuschungen im Text, die sowohl handlungskonstitutiv als auch komisch wirken.
Wie wird die Beziehung zwischen Campuzano und Peralta gedeutet?
Ihre Kommunikation wird als Metapher für das Verhältnis zwischen Erzählinstanz und Rezipienten im literarischen Prozess verstanden.
Welche Rolle spielt die "Novela picaresca" in der Analyse?
Sie dient als Hintergrundfolie, deren Konventionen durch die Figur des Berganza im "Coloquio" ironisiert und kritisch hinterfragt werden.
- Arbeit zitieren
- Andreas Schuster (Autor:in), 2008, "El casamiento engañoso" als Einleitung zu "El coloquio de los perros", München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/156114