Der Begriff der Modernisierung ist omnipräsent im alltäglichen Sprachgebrauch. Bezugnehmend auf diesen Prozess wird innerhalb der Soziologie vielfach davon ausgegangen, dass wir uns seit Ende der 1960er Jahre gesellschaftlich bereits in einer zweiten Phase der Modernisierung, der "Spätmoderne" befinden. Was ist kennzeichnend für den Prozess der Modernisierung im sozialwissenschaftlichen Sinn und welche Folgen ergeben sich hierbei für das Individuum? Dieser Frage soll mithilfe der folgend vorgestellten Grundprozesse sozialen Wandels nachgegangen werden. Unter sozialem Wandel wird hierbei die "Veränderung von Strukturen menschlichen Zusammenlebens" verstanden.
Zuerst ist der Prozess der Rationalisierung zu benennen. Van der Loo/Van Reijen definieren diese als "das Ordnen und Systematisieren der Wirklichkeit mit dem Ziel, sie berechenbar und beherrschbar zu machen". Als besonders kennzeichnend gilt hier eine Neuordnung der Weltanschauung: Sinnbildungen mithilfe von Mythen, Religion und Göttern verlieren an Bedeutung und werden durch Erklärungen basierend auf Wissenschaft, Politik und empirisch nachweisbaren Fakten ersetzt. Dem Individuum wird hierdurch sowohl die natürliche Umwelt als auch das Handeln von Akteuren zugänglich gemacht. Van der Loo/Van Reijen definieren dies als Erforschung der „wahrnehmbaren Welt“, um die Erkenntnis der Wahrheit zu erlangen, anstatt sich auf propagierte Mutmaßungen zu stützen. Mythen und der Glaube an waltende Götter seien immer von Ängsten der Menschen geprägt, während sich durch den Prozess der Rationalisierung die "Vernunft" gegen diese Weltanschauung durchgesetzt habe.
Weiter soll auf die Theorie der gesellschaftlichen Differenzierung eingegangen werden. Hierbei wird die Annahme verfolgt, dass die Gesellschaft in verschiedene Teilbereiche mit eigenen Aufgaben und Zwecken gegliedert ist. Diese Teilbereiche seien zudem recht deutlich voneinander zu unterscheiden, aber dennoch miteinander verbunden und wechselseitig voneinander abhängig. Feldhaus und Huinink gehen hierbei auf eine Typisierung Luhmanns ein, nach welcher unterschiedliche Grade der Differenzierung zu unterscheiden sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Empirische Gruppenarbeit: statistischer Anstieg psychischer Erkrankungen
3. Grundprozesse sozialen Wandels angewandt auf den statistischen Anstieg psychischer Erkrankungen
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert kritisch den statistischen Anstieg psychischer Erkrankungen in Deutschland und untersucht, inwieweit dieser Anstieg eher auf veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen und eine gestiegene Inanspruchnahme psychologischer Hilfsangebote als auf eine tatsächliche Zunahme psychischer Krankheiten zurückzuführen ist.
- Prozesse der Modernisierung und Rationalisierung in der Spätmoderne
- Soziologische Betrachtung des Gesundheits- und Krankheitsbegriffs
- Die Rolle der Individualisierung bei der Wahrnehmung psychischer Bedürfnisse
- Einfluss gesellschaftlicher Strukturen auf das psychologische Berufsfeld
- Kritische Diskussion zu Zivilisationstheorien und dem "Selbstthematisierungszwang"
Auszug aus dem Buch
3. Grundprozesse sozialen Wandels angewandt auf den statistischen Anstieg psychischer Erkrankungen
Aufgrund der zuvor skizzierten Untersuchungsergebnisse geht diese Arbeit vorrangig auf die benannten veränderten Rahmenbedingungen im psychologischen Umfeld ein. Außerdem soll der Frage nachgegangen werden, welche personenbezogenen Indikatoren im Zuge des sozialen Wandels zu einer erhöhten Inanspruchnahme psychologischer Behandlungen geführt haben könnten.
Der starke Zuwachs von Psychologie-Studierenden sowie der verzeichnete Anstieg von Erwerbstätigen im psychologischen Umfeld lässt auf einen Interessens- und Wissenszuwachs im benannten Feld schließen. Infolgedessen erscheint es als sinnvoll, den statistischen Anstieg psychischer Erkrankungen im Kontext der Rationalisierungstheorie zu betrachten. Erst durch die Abkehr von mythischen oder göttlichen Erklärungen der Umwelt wird es vorstellbar, der Existenz von psychischen Erkrankungen und der Notwendigkeit ihrer Behandlung Raum zu geben. So wurde zu Beginn dieser Arbeit bereits die von Habermas erläuterte Personifizierung der Natur im mythischen Weltverständnis erwähnt.
Weiter sei „das Böse […] mit dem Schädlichen konzeptuell ebenso verwoben wie das Gute mit dem Gesunden und dem Vorteilhaften“ (Habermas 1985: 80). Daraus lässt sich das vormoderne Gesundheitsverständnis deuten. Menschen mit (psychischen) Erkrankungen wären demnach von der Natur gestraft. Als charakteristisch für ein mythisches Weltverständnis gelte nach Habermas schließlich die Überinterpretation der Natur. So würde diese als Akteur verstanden, der richtend über das Wohl der Menschen entscheidet (Habermas 1985: 78). Ein rationaler sachlicher Umgang mit psychischen Erkrankungen scheint somit ausgeschlossen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in das Thema des sozialen Wandels und der Modernisierung ein und stellt das Ziel der Arbeit vor, den statistischen Anstieg psychischer Erkrankungen soziologisch zu hinterfragen.
2. Empirische Gruppenarbeit: statistischer Anstieg psychischer Erkrankungen: Dieses Kapitel präsentiert die Ausgangslage und Datenbasis, die auf eine Zunahme diagnostizierter psychischer Erkrankungen hinweisen und führt die Hypothese einer veränderten Behandlungsinanspruchnahme ein.
3. Grundprozesse sozialen Wandels angewandt auf den statistischen Anstieg psychischer Erkrankungen: Hier werden theoretische Ansätze wie Rationalisierung, Differenzierung und Individualisierung genutzt, um zu erklären, warum Menschen heute eher psychologische Hilfe in Anspruch nehmen.
4. Fazit: Das Fazit bestätigt, dass der Anstieg der Diagnosen maßgeblich durch veränderte gesellschaftliche Rahmenbedingungen und eine höhere Bereitschaft zur Selbstthematisierung statt durch eine rein faktische Zunahme von Erkrankungen erklärt werden kann.
Schlüsselwörter
Sozialer Wandel, Modernisierung, Spätmoderne, Rationalisierung, Individualisierung, Psychische Erkrankungen, Diagnostik, Medizinisierung, Selbstthematisierungszwang, Gesellschaftliche Differenzierung, Identität, Gesundheitswesen, Inanspruchnahme, Lebensverläufe, Soziologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht soziologisch, wieso die Statistiken der letzten Jahrzehnte eine Zunahme psychischer Krankheiten zeigen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind Prozesse des sozialen Wandels, die Professionalisierung psychologischer Hilfe sowie die sich verändernde Rolle der Identität in der Spätmoderne.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, den statistischen Anstieg psychischer Diagnosen zu relativieren, indem gesellschaftliche Rahmenbedingungen als Haupttreiber identifiziert werden.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Analyse, in der soziologische Konzepte (z.B. nach Habermas, Rosa, Luhmann) zur Interpretation statistischer Daten herangezogen werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil verknüpft Theorien zur Rationalisierung und Individualisierung mit dem wachsenden psychologischen Berufsfeld, um zu verstehen, warum Menschen heute bereitwilliger psychologische Hilfe suchen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Hauptbegriffe sind Sozialer Wandel, Rationalisierung, Individualisierung und Medizinisierung.
Warum spielt das "mythische Weltverständnis" eine Rolle für die moderne Psychologie?
Es wird genutzt, um den Kontrast zur heutigen rationalen Sichtweise auf Gesundheit zu verdeutlichen, in der Krankheit nicht mehr als Schicksal, sondern als behandelbarer Zustand gilt.
Was besagt die These des "Selbstthematisierungszwangs"?
Sie beschreibt, dass Individuen in der modernen Gesellschaft dazu gedrängt werden, sich ständig mit ihrer eigenen Identität auseinanderzusetzen, was psychologische Behandlungen als "Ventil" attraktiv macht.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2017, Grundprozesse sozialen Wandels. Was ist kennzeichnend für den Prozess der Modernisierung im sozialwissenschaftlichen Sinn und welche Folgen ergeben sich hierbei für das Individuum?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1554921