S-Bahnhof Donnersbergerbrücke in München. Zwei Jugendliche zwischen 17 und 18 Jahren bepöbeln und bedrohen zwei Jungen im Alter von 14 und 15 Jahren sowie zwei 13 und 14 Jahre alte Mädchen. Ein 50-jähriger Fahrgast bemerkt die Situation und versucht, nachdem er per Handy die Polizei alarmiert hat, zu vermitteln. Da seine Bemühungen nicht ausreichend erscheinen, bietet er den Kindern an, mit ihnen zusammen am Bahnhof Solln auszusteigen, um sie im Zweifelsfalle beschützen zu können. Am Ausstiegsbahnhof eskaliert die Situation jedoch, da die Angreifer erneut auf die Kinder losgehen wollen. Während der Mann den ersten Angriff noch abwehren kann, ist er im weiteren Geschehen den beiden Jugendlichen unterlegen. Sie treten und prügeln derart heftig auf ihn ein, dass er bewusstlos zu Boden geht und später seinen schweren Verletzungen erliegt. Der beschriebene Vorgang ereignete sich im September vergangenen Jahres und sorgte für deutschlandweites Aufsehen. Er war Ausgangspunkt für eine Debatte über selbstloses, uneigennütziges und couragiertes Handeln in unserer Gesellschaft. Denn so mutig und ehrenhaft das Verhalten Dominik Brunners war, so fragwürdig erscheint die Tatsache, das eine Vielzahl an beistehenden Passanten, dem brutalen Geschehen tatenlos beiwohnten.
Der folgende Essay versucht das Verhalten der Beteiligten aus einem wissenschaftlichen Blickwinkel zu betrachten und zu reflektieren, indem das zugrundeliegende Phänomen analysiert wird. Denn das couragierte und selbstlose Eingreifen von Dominik Brunner wird in seiner idealtypischen Ausgestaltung als Altruismus bezeichnet. Ausgangspunkt ist im Weiteren die Frage, ob es in unserem menschlichen Wesen eine fest verankerte Instanz gibt, die darüber bestimmt, wie wir uns in einer solchen Situation verhalten oder ob ausschließlich extrinsische Einflüsse handlungsleitend sind. Ist der Mensch überhaupt in der Lage uneigennützig zu handeln oder wirken immer mehr oder weniger sichtbare egoistische Motive? Die Anthropologie und die Sozialpsychologie bietet für die Analyse dieses speziellen Handlungstyps ein umfangreiches Sammelsurium von Theorien an.
Im Folgenden soll zunächst einmal der Begriff des Altruismus bzw. des prosozialen Verhaltens genauer definiert werden. In einem zweiten Schritt werden dann die Erklärungsansätze beider wissenschaftlicher Disziplinen vorgestellt. Abschließend erfolgt die Gegenüberstellung beider Wissenschaftspositionen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Was versteht man eigentlich unter Altruismus?
3. Der anthropologische Ansatz
4. Der sozialpsychologische Ansatz
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das Phänomen des Altruismus aus einer wissenschaftlichen Perspektive, um zu ergründen, ob selbstloses Handeln in der menschlichen Natur verankert ist oder ob stets egoistische Motive zugrunde liegen. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie anthropologische und sozialpsychologische Erklärungsansätze das prosoziale Verhalten des Menschen definieren und interpretieren.
- Grundlagen und Definition des Begriffs Altruismus
- Der anthropologische Blickwinkel auf evolutionäre Wurzeln und Moral
- Die sozialpsychologische Perspektive auf kognitive Prozesse und soziale Normen
- Theorien zur Unterlassung von Hilfeleistung (Diffusion der Verantwortung, pluralistische Ignoranz)
- Komplementarität der verschiedenen wissenschaftlichen Erklärungsmodelle
Auszug aus dem Buch
3. Der anthropologische Ansatz
Der Begriff der Anthropologie hat seinen etymologischen Ursprung in den griechischen Wörtern ánthropos für „Mensch“ sowie logos für „Wort, Rede, Kunde“. Erstmalig erwähnt wurde er von dem Leipziger Philosophen und Theologen Magnus Hundt im 15. Jahrhundert und bedeutet wortwörtlich übersetzt die Wissenschaft vom Menschen. Heutzutage versteht man darunter die Lehre vom Menschen in natur- und geisteswissenschaftlicher Sicht in Geschichte und Gegenwart. Die Anthropologie vereint und integriert dabei unterschiedliche Aspekte verschiedener wissenschaftlicher Disziplinen, wie z.B. Soziologie, Biologie, Philosophie und versucht damit u.a. die Frage zu beantworten, welche Eigenschaften des Menschen natürlich vererbt und angeboren sind und welche er erst im Laufe seiner Sozialisation erwirbt. Die Anthropologie widmet ihre Aufmerksamkeit von daher auch der Analyse altruistischen Verhaltens bei Menschen.
Für die Betrachtung von Altruismus rückt insbesondere die Beziehung des Menschen zu ihm nahestehenden Tierformen in den anthropologischen Blickpunkt, um dadurch die Existenz und Genese dieser besonderen Verhaltensweise zu erklären. Der niederländische Zoologe und Verhaltensforscher Frans de Waal beschäftigt sich seit Anfang der 1970er Jahre mit den Verhaltensweisen verschiedener Affenarten, wobei insbesondere das Sozialverhalten im Fokus seines Forschungsinteresses steht. In einem zweiten Schritt leitet er aus seinen Studien Schlussfolgerungen für den Menschen ab, so z.B. dass die „die Bausteine moralischen Verhaltens evolutionär uralt“ (de Waal, 2006, S. 24) sind. Demnach hat es nie einen Zeitpunkt gegeben von dem an der Mensch sozial war, sondern als Nachkommen höchst sozialer Vorfahren hat er schon immer und notwendigerweise in Gruppen gelebt. Somit hat es auch nie den freien und gleichberechtigten Einzelnen gegeben, da von jeher wechselseitige Abhängigkeiten und Bindungen bestanden (Vgl. de Waal, 2006, S. 22). Die Herausbildung altruistischer Verhaltensweisen und Moralität lässt sich deswegen nach Meinung de Waals auch als das Resultat von Evolutionsprozessen begreifen, die wir von unseren Vorfahren übernommen haben. Es handelt sich also nicht um eine einzigartige kulturelle Innovation des Menschen, wie es die Vertreter der Fassadentheorie gern beschreiben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Anhand des Falls Dominik Brunner wird die Debatte um couragiertes Handeln in der Gesellschaft eingeleitet und die wissenschaftliche Fragestellung nach dem Ursprung von Altruismus entwickelt.
2. Was versteht man eigentlich unter Altruismus?: Dieses Kapitel widmet sich der etymologischen Herleitung und der wissenschaftlichen Definition des Begriffs Altruismus sowie den kritischen Einwänden, etwa durch Thomas Hobbes.
3. Der anthropologische Ansatz: Hier wird der evolutionäre Ursprung moralischen Verhaltens beleuchtet, wobei Frans de Waals Studien an Primaten als Beleg für die biologische Verankerung von Empathie dienen.
4. Der sozialpsychologische Ansatz: Dieses Kapitel stellt zentrale Theorien der Sozialpsychologie vor, darunter die Empathie-Altruismus-Hypothese von Batson sowie Modelle zur Hemmung von Hilfsbereitschaft.
5. Fazit: Die Arbeit schließt mit einer Synthese der beiden Ansätze, die als komplementär verstanden werden und die Komplexität der menschlichen Motivlage unterstreichen.
Schlüsselwörter
Altruismus, Prosoziales Verhalten, Anthropologie, Sozialpsychologie, Empathie, Evolution, Fassadentheorie, Reziprozität, Verantwortungsbewusstsein, Hilfsbereitschaft, Soziale Normen, Motivsystem, Diffusion der Verantwortung, Pluralistische Ignoranz, Dominik Brunner.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das menschliche Handeln im Kontext von Altruismus und analysiert, ob dieses aus rein uneigennützigen Beweggründen erfolgt oder ob egoistische Motive oder evolutionäre Mechanismen eine Rolle spielen.
Welche wissenschaftlichen Disziplinen stehen im Zentrum?
Der Fokus liegt auf der Anthropologie, welche die evolutionären Wurzeln des Verhaltens betrachtet, und der Sozialpsychologie, die kognitive Prozesse und situative Einflüsse auf das Verhalten untersucht.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist ein theoretischer Vergleich der anthropologischen und sozialpsychologischen Ansätze, um zu klären, wie Altruismus als Handlungsweise begründet und in der Wissenschaft definiert werden kann.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Es handelt sich um einen wissenschaftlichen Essay, der eine Literaturanalyse sowie eine Zusammenführung und Reflexion bestehender theoretischer Diskurse und Studien durchführt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Begriffsdefinition, die Analyse evolutionär-anthropologischer Erklärungsansätze und die sozialpsychologische Untersuchung von Hilfsbereitschaft sowie deren Hemmfaktoren.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit am stärksten?
Die zentralen Charakteristika sind Altruismus, Empathie, evolutionäre Moral, prosoziales Verhalten und soziale Verantwortung.
Welche Rolle spielt die Empathie bei Frans de Waal?
Nach de Waal bildet Empathie eine evolutionär verankerte emotionale Basis, die es Individuen ermöglicht, sich in das Gegenüber einzufühlen, und somit den entscheidenden Handlungsimpuls für moralisches Verhalten liefert.
Wie unterscheidet die Sozialpsychologie zwischen egoistischer und altruistischer Motivation?
Die Sozialpsychologie betrachtet den Regulator des Mitgefühls; C. Daniel Batson formuliert hierzu die Hypothese, dass ein altruistisch motivierter Helfer Hilfe leistet, ungeachtet von Fluchtmöglichkeiten, während egoistisch motivierte Akteure eher Kosten-Nutzen-Abwägungen treffen.
Was versteht man unter der "Theorie der Diffusion der Verantwortung"?
Diese Theorie beschreibt das Phänomen, dass die Hilfsbereitschaft in einer Notsituation abnimmt, wenn mehrere Personen anwesend sind, da sich das individuelle Verantwortungsgefühl auf die Gruppe verteilt.
- Arbeit zitieren
- Stefan Lippmann (Autor:in), 2010, Die Betrachtung von Altruismus aus verschiedenen Perspektiven, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/155446