„Ich lebe in einer Wissensgesellschaft!“ – das liest und hört sich angenehm neutral und verführerisch fortschrittlich, zwingend technologisch und fern jedes politischen oder instrumentellen Interesses an. Doch warum leben wir heute in einer Wissensgesellschaft? Wo sind ihre Wurzeln zu suchen? Was verbindet uns Heutige mit ihrer Evolution, was hängt uns an, was hängt uns im negativen Sinne nach? Das sind Fragen, mit denen sich ein Hauptseminar zur Erfindung der Wissensgesellschaft in der Frühen Neuzeit im Wintersemester 2006/2007 auseinanderzusetzen hatte.
Im Folgenden werden in einer Art Retrospektive zwei bis heute äußerst wirksame Bestimmungsstücke, Wissenschaftsgläubigkeit und Nützlichkeitsdenken, im Verlauf der Seminarinhalte verfolgt. Das heißt, nur die Kernaussagen der einzelnen Seminarsitzungen können hier herausgestellt werden, vieles musste wegfallen, manches kann nur gestreift werden. Diesem Vorhaben ist auch die eher essayistische Form und die Anlage der Arbeit geschuldet. Sowohl eine inhaltliche als auch eine chronologische Komponente enthalten die Überschriften. Dagegen zielen die ihnen nachfolgenden, kursiv gesetzten Fragen auf die Schwerpunkte der jeweiligen Seminarsitzung und werden in den entsprechenden Abschnitten beantwortet. Sicherlich ungewöhnlich, aber in der Erarbeitung des Gesamtstoffes des Seminars für den Verfasser didaktisch extrem hilfreich. Insgesamt soll mit diesem Aufbau verdeutlicht werden, dass die Wurzeln der Wissensgesellschaft bis tief in das europäische Hochmittelalter zurückreichen und ihr Entstehen in einem Prozess zu suchen ist, der noch keineswegs seinen Abschluss gefunden hat – der Durchdringung der Welt mit Wissen. Stark rekurriert wird dabei auf die Bedeutung des Schauens und Sehens als einen konstruierenden Vorgang für die „Produktion, Organisation und Kommunikation von Wissen“ , waren doch Mittelalter und Frühe Neuzeit ausgesprochen visuell geprägt. Dem Bild kommt dabei eine wichtige Mittlerfunktion zwischen illiterater und literater Fachkultur zu. Bilder vermitteln Informationen affektiver, detailreicher und anschaulicher sowie nachhaltiger als Texte, dies macht jedoch auch ihren Nachteil aus. Der Inhalt von Bildern, ihre Wahrheit, ist Verhandlungssache. Das Bild selbst ist eine „Partitur für gemeinsame Deutungsarbeit“ – Ausgangspunkt für die Wissensproduktion, -organisation und -kommunikation.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Konzeptionelle Grundlagen
2.1 Konzept einer Wissensgesellschaft
2.2 Wissensformen und Technik als angewandte Wissenschaft
3 Wurzeln im Mittelalter
3.1 Das Verhältnis von Wissenschaft und Technik in Antike und Mittelalter
3.2 Entdeckung der Natur im Hochmittelalter
3.3 Technisches Wissen im Mittelalter. Fallbeispiel: Gotische Kathedralen – Hightech des Mittelalters?
4 Aufbruch – Die Schwellenzeit der Renaissance. Künstleringenieure, Humanisten, gelehrte Dilettanten – Anfänge eigentlicher Naturwissenschaft sowie wissenschaftliche und literarische Entdeckung der Technik
5 Wissenschaftliche Revolution – Ansätze, Institutionen, Strukturen nützlicher Wissenschaften in der Frühen Neuzeit
5.1 Programmatische Konstruktion der wissenschaftlich-technischen Moderne – Fortschrittsglaube und Wandel der Leitbilder von Wissensproduktion
5.2 Die Erfindung der modernen Naturwissenschaft im 17. Jahrhundert
5.3 Erfindung der technischen Experten: Ingenieure – Entstehungskontexte und Institutionalisierungsformen
5.4 Konkurrierende technische Wissenschaftsprojekte und ihre Kontexte
5.4.1 Naturwissenschaftliche Lösungsversuche technischer Probleme
5.4.2 Frühneuzeitliche Technologie
5.4.3 Erfindung genuiner Technikwissenschaften – Motivation, Ansätze, Akteure
5.5 Technisches Wissen im Spiegel der technischen Fachliteratur
5.6 Technische Praxis – Fallbeispiele
6 Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die historischen Wurzeln der heutigen Wissensgesellschaft und analysiert, wie sich das Wechselspiel zwischen wissenschaftlicher Erkenntnis und technischer Praxis seit dem Mittelalter und besonders in der Frühen Neuzeit entwickelte. Ziel ist es, die Entstehung des modernen Fortschrittsglaubens, des Nützlichkeitsdenkens und der Verwissenschaftlichung von Technik kritisch zu beleuchten.
- Die historische Evolution des Verhältnisses von Wissenschaft und Technik.
- Die Rolle von Expertenkulturen und die Professionalisierung der Ingenieure.
- Der Einfluss von Wissenschaftsgläubigkeit auf gesellschaftliche Leitbilder.
- Visualisierung und Wissensrepräsentation als Mittel zur Legitimierung von Technik.
- Der Übergang von handwerklichem Erfahrungswissen zur wissenschaftlich fundierten Bauingenieurkunst.
Auszug aus dem Buch
3.3 Technisches Wissen im Mittelalter. Fallbeispiel: Gotische Kathedralen – Hightech des Mittelalters?
Von der entdeckten Natur zum technischen Wissen im Mittelalter. Thematisiert wurde dieses am Fallbeispiel der gotischen Kathedralen, einem Hightech-Bereich des Mittelalters. Ein neuer Baumeistertypus kommt auf, eine erste „Expertenkultur“. Handwerker, die über wenig explizites, gelehrtes Wissen verfügten, dafür aber auf einen umso größeren Erfahrungsschatz an impliziten Wissen – erarbeitet in Jahren der Handwerksausübung – zurückgreifen konnten. Wissensproduktion und -reproduktion erfolgte über ihre Kunst der Zeichnungsfähigkeit (Geometrie), über Bauhüttenbücher und Bauhütten selbst, die technisches Wissen akkumulierten, konservierten und fortbildeten. Hier taucht die Frage auf, ob von den Bauhütten nicht schon als halbinstitutionalisierten Stätten der Wissensproduktion und -reproduktion gesprochen werden kann? Geometrie als Bestandteil der artes liberales fungierte als Mittlerin zwischen Gelehrten und Handwerkern, wie die Baumeister selbst zu Mittlern zwischen Literalität und Iliteralität wurden.
Das Augenmerk ist hier auf die Baupläne und die Schablonen zur Vorfertigung von Bauteilen zu richten. Verwiesen sei auch auf das hohe Sozialprestige, das die Baumeister erlangten. In einem Vergleich ausgedrückt: Gott als Bauherr der Welt, die Baumeister als Bauherrn des realen Vorscheins der himmlischen Gottesstadt Jerusalem. Hier war das in der Bibel verhießene Land bereits im irdischen Leben zu schauen und die „Ankunft des neuen Herrn der Welt“ vorauszudeuten.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Einleitung reflektiert den Begriff der Wissensgesellschaft und skizziert die Retrospektive auf die historischen Wurzeln von Wissenschaftsgläubigkeit und Nützlichkeitsdenken.
2 Konzeptionelle Grundlagen: Dieses Kapitel definiert den Wissensgesellschaftsbegriff als heuristisches Modell und untersucht verschiedene Wissensformen sowie die Verwissenschaftlichung von Technik.
3 Wurzeln im Mittelalter: Der Abschnitt beleuchtet die aristotelische Trennung von artes liberales und artes mechanicae sowie die wachsende Bedeutung der Naturbeobachtung und des technischen Wissens im Bauwesen.
4 Aufbruch – Die Schwellenzeit der Renaissance. Künstleringenieure, Humanisten, gelehrte Dilettanten – Anfänge eigentlicher Naturwissenschaft sowie wissenschaftliche und literarische Entdeckung der Technik: Es wird der Einfluss der Medienrevolution des Buchdrucks und der Entstehung von Künstleringenieuren auf die Verwissenschaftlichung von Technik analysiert.
5 Wissenschaftliche Revolution – Ansätze, Institutionen, Strukturen nützlicher Wissenschaften in der Frühen Neuzeit: Dieses Kapitel behandelt die Programmatik von Bacon und Descartes, die Etablierung moderner Ingenieursprofessionen und konkurrierende Wissenschaftsprojekte.
6 Schlussbetrachtung: Das Fazit fasst die langfristige Entwicklung der Technikwissenschaften zusammen und warnt vor den Risiken einer unkritischen Wissenschafts- und Fortschrittsgläubigkeit in der modernen Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Wissensgesellschaft, Frühe Neuzeit, Wissenschaftsgläubigkeit, Nützlichkeitsdenken, Technikgeschichte, Ingenieurwesen, artes mechanicae, Verwissenschaftlichung, Bauhütten, Naturphilosophie, Expertenkultur, Wissenschaftsrepräsentation, technisches Wissen, Fortschrittsglaube, Wissensproduktion.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die historischen Wurzeln und die Evolution der heutigen Wissensgesellschaft, mit einem Fokus auf das Zusammenspiel von Wissenschaft und Technik seit dem Mittelalter.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Themen umfassen das Nützlichkeitsversprechen der Wissenschaft, die Institutionalisierung des Ingenieurwesens und die gesellschaftliche Funktion von Expertenkulturen.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, den Ursprung des modernen Wissensverständnisses in der Frühen Neuzeit zu finden und aufzuzeigen, wie Wissenschaft und Technik als interdependenter Prozess zusammengewachsen sind.
Welche wissenschaftliche Methode verwendet der Autor?
Der Autor wählt einen essayistischen, retrospektiven Ansatz, der chronologische und inhaltliche Komponenten verbindet, um die Kernaussagen historischer Entwicklungen zu identifizieren.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Wandel von handwerklichem Erfahrungswissen hin zu institutionalisierten Technikwissenschaften, inklusive Fallbeispielen wie den gotischen Kathedralen oder der Wasserförderanlage von Marly.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Wissensgesellschaft, Technikgeschichte, Verwissenschaftlichung, Nützlichkeitsdenken und Ingenieurwesen charakterisiert.
Warum spielt die Geometrie im Barock eine so zentrale Rolle für Ingenieure?
Geometrie fungierte im Barock als zentrale Ordnungskategorie und als Mittel, um einen wissenschaftlichen Geltungsanspruch der Ingenieure gegenüber den alten Gelehrteneliten symbolisch zu untermauern.
Welche Rolle spielten "Analphabeten" in der frühen Technikentwicklung?
Der Autor zeigt anhand von Beispielen wie Rennequin Sualem, dass bahnbrechende technische Projekte oft auf praktischem Erfahrungswissen basierten, selbst wenn Gelehrte und Akademien bei der theoretischen Durchdringung scheiterten.
- Arbeit zitieren
- Matthias Rekow (Autor:in), 2007, Die Wurzeln der Wissensgesellschaft - Wissenschaft in der Technik, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/155366