Nach Meinung der EU-Kommission ist die Wettbewerbs-und Strompreissituation auf den
europäischen Strommärkten gänzlich unbefriedigend. Den Grund hierfür sieht sie vor allem
im Bereich der Stromübertragungsnetze. In einigen Staaten der EU sind diese nach wie vor
im Eigentum von Verbundunternehmen d.h. Unternehmen, die zeitgleich auch in der Stromerzeugung
und im Stromhandel aktiv sind. Deshalb hat die Kommission nach zähem Ringen
mit Parlament und Nationalstaaten einen dritten Anlauf unternommen, die Strommärkte weiter
zu entflechten. Das dritte Richtlinienpaket zum Elektrizitätsbinnenmarkt muss bis März
2011 in nationales Recht umgesetzt werden und stellt drei Optionen zur Auswahl. Die erste
Variante (Ownership Unbundling) sieht einen Zwangsverkauf der Übertragungsnetze sofern
sich diese in der Hand eines Verbundunternehmens befinden an einen unabhängigen Dritten
vor. Dies ist das von der EU-Kommission favorisierte Modell. Die zweite Möglichkeit (Independent
System Operator ISO) belässt die Übertragungsnetze im Besitz der Verbundunternehmen,
allerdings müssen diese einen unabhängigen Betreiber einsetzen. Variante drei
(Independent Transmission Operator ITO) belässt die Übertragungsnetze in den Verbundunternehmen,
fordert aber eine Verschärfung der gesellschaftsrechtlichen Entflechtung.
Diese Arbeit zeigt unter Einbezug der geschichtlichen Entwicklung, der Liberalisierungsentwicklung
und der Wertschöpfungsstufen die Struktur und die Problematik des deutschen
Strommarktes auf und untersucht die drei EU-Modelle dahingehend, welches der Verfahren
für Deutschland am geeignetsten erscheint, mehr Wettbewerb und sinkende Strompreise zu
ermöglichen. Das Ergebnis ist eine Empfehlung zur vorläufigen Anwendung des ITO-Modells
unter Einbezug einer strikten Regulierung. Die Gründe hierfür sind vielfältig und werden in
der Arbeit detailliert dargelegt.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Thematische Einführung
1.2 Vorgehensweise und Aufbau der Arbeit
2 Die Geschichte des deutschen Strommarktes
2.1 Von den Anfängen bis 1945
2.2 Die Nachkriegszeit bis zur Wiedervereinigung
2.2.1 Die Elektrizitätswirtschaft in der Bundesrepublik
2.2.2 Die Elektrizitätswirtschaft der DDR
2.3 Deutschland 1990 bis heute
2.3.1 Die Integration der neuen Bundesländer
2.3.2 Erste Liberalisierungsansätze
2.3.3 Liberalisierung 1998 und die Entstehung der großen Vier
2.3.3.1 Die EnBW AG
2.3.3.2 Die E.ON Energie AG
2.3.3.3 Die RWE AG
2.3.3.4 Die Vattenfall Europe AG
2.3.4 Weitere Liberalisierungsanläufe nach 1998
3 Der Strommarkt heute: Strukturen, Probleme und Regulierungsmöglichkeiten
3.1 Die drei Stufen der Wertschöpfung
3.1.1 Stromerzeugung
3.1.2 Stromtransport
3.1.2.1 Struktur und Charakteristika der Stromübertragung
3.1.2.2 Struktur und Charakteristika der Stromverteilung
3.1.2.3 Kostencharakteristika des Stromtransports
3.1.3 Stromhandel
3.1.3.1 Der Großhandelsmarkt für Strom
3.1.3.2 Der Endkundenmarkt für Strom
3.2 Liberalisierung und Re-Regulierung der Stromwirtschaft
3.3 Liberalisierungsmodelle für die Stromwirtschaft
3.3.1 Der Monopolschutz
3.3.2 Das Alleinabnehmermodell
3.3.3 Das Modell spezifischer Durchleitungsrechte
3.3.4 Das Pool-Modell
3.3.5 Das Common-Carrier-Modell
3.3.6 Einordnung und Bewertung der Modelle
3.4 Modelle zur Regulierung von Netznutzungsentgelten
3.4.1 Kostenregulierung
3.4.2 Rate-of-Return-Regulierung
3.4.3 Price-Cap-Regulierung
3.4.4 Revenue-Cap-Regulierung
3.4.5 Yardstick- Competition
3.4.6 Einordnung und Bewertung der Modelle
3.5 Netznutzungsentgelte und die Rolle der Bundesnetzagentur
3.6 Politische Sonderlasten
3.7 Strompreisbildung und Entwicklung
3.8 Neueste Entwicklungen: die Vorgaben der EU
4 Entflechtungsmodelle nach den Vorgaben der EU
4.1 Ownership Unbundling - eigentumsrechtliche Entflechtung
4.1.1 Modelle für ein Ownership Unbundling
4.1.1.1 Eine private Netz AG
4.1.1.2 Eine staatliche Netz AG
4.1.1.3 Mehrere private Netzbetreiber
4.1.2 Argumente für ein Ownership Unbundling
4.1.3 Argumente gegen ein Ownership Unbundling
4.1.4 Die realisierte Trennung: Erfahrungen aus anderen europäischen Ländern
4.1.4.1 England und Wales
4.1.4.2 Schweden
4.1.4.3 Die Niederlande
4.1.5 Bewertung des Ownership-Unbundling-Modells
4.2 Independent System Operator ISO
4.2.1 Das Modell
4.2.2 Erfahrungen aus anderen Ländern
4.2.2.1 Irland
4.2.2.2 Schweiz
4.2.3 Bewertung des ISO-Modells
4.3 Independent Transmission Operator ITO
4.3.1 Das Modell
4.3.2 Bewertung des ITO-Modells
5 Gesamtbetrachtung und Schlussfolgerung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Gründe für den mangelnden Wettbewerb auf dem deutschen Strommarkt und analysiert, welche der drei von der EU vorgegebenen Verfahren zur Entflechtung der Übertragungsnetze (Ownership Unbundling, ISO oder ITO) am besten geeignet ist, die Wettbewerbsintensität zu erhöhen und die Strompreise zu senken. Besonderer Fokus liegt dabei auf der Bewertung, ob eine vollständige eigentumsrechtliche Entflechtung für Deutschland sinnvoll ist.
- Struktur des deutschen Strommarktes und historische Entwicklung
- Analyse des natürlichen Monopols im Stromtransport
- Wettbewerbliche Probleme durch vertikale Integration der großen Energiekonzerne
- Vergleich der EU-Entflechtungsmodelle unter Berücksichtigung internationaler Erfahrungen
- Bewertung der Rolle der Bundesnetzagentur und der Anreizregulierung
Auszug aus dem Buch
3.1.2.3 Kostencharakteristika des Stromtransports
Im Folgenden soll nun, wie bereits angekündigt, die Wertschöpfungsstufe Stromtransport auf ein natürliches Monopol untersucht bzw. dieses belegt werden. Dieses wird anhand der Kostencharakteristika erfolgen. Im Bereich der Stromübertragung entstehen Größenvorteile teilweise als lang- und kurzfristige Komplementärerträge. Skalenerträge liegen vor, wenn durch steigende Stromtransportmengen die Kosten einzelner Leitungen sinken. Komplementärerträge liegen vor, da Stromdienstleistungen nicht als homogene Produkte anzusehen sind. Beim Stromtransport kommt es auf die Richtung des einzelnen Transports an, die steigende oder sinkende Kosten bei steigendem Transportvolumen bedingen. Nehmen wir an, 100 MW würden von A nach B transportiert werden. Dabei entstünde ein Transportverlust von 5% d.h. also 5 MW. Wird nun gleichzeitig über die gleiche Leitung von B nach A ebenfalls 100 MW transportiert, sinkt die tatsächlich netto transportierte Strommenge (Netto-Transportvolumen) auf null. Es wird in diesem Fall nun kein Strom mehr transportiert, wodurch auch die Transportverluste nicht mehr existieren. Technisch gesehen wird der Verbraucher an Ort A vom Einspeiser an Ort A versorgt, an Ort B vollzieht sich der gleiche Prozess. Es wäre zwar durchaus möglich Strom exklusiv in eine Richtung von einem Erzeuger zu einem Verbraucher zu schicken, es macht jedoch aus den oben genannten Gründen keinen Sinn. Es ist für die Stromindustrie also weitaus wirtschaftlicher einen Stromverbund durch Parallelschaltung vieler Abnehmer und Einspeiser zu betreiben und die Komplementär- und Skalenerträge auszunutzen.
Die Kostenstruktur des Stromtransports kann in variable und fixe Kosten unterteilt werden. Diese werden zunächst getrennt und dann zur Identifizierung des natürlichen Monopols gemeinsam betrachtet.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Beschreibt die Ausgangslage des deutschen Strommarktes nach der ersten EG-Binnenmarktrichtlinie und die Problemstellung des mangelnden Wettbewerbs.
2 Die Geschichte des deutschen Strommarktes: Zeichnet die Entwicklung von den Anfängen der Elektrifizierung über die deutsche Teilung bis zur großen Liberalisierung 1998 nach.
3 Der Strommarkt heute: Strukturen, Probleme und Regulierungsmöglichkeiten: Analysiert die Wertschöpfungsstufen, das natürliche Monopol im Netzbereich und verschiedene Regulierungsverfahren.
4 Entflechtungsmodelle nach den Vorgaben der EU: Untersucht detailliert die drei EU-Optionen zur Netzregulierung (Ownership Unbundling, ISO, ITO) anhand theoretischer Modelle und internationaler Praxisbeispiele.
5 Gesamtbetrachtung und Schlussfolgerung: Fasst die Ergebnisse zusammen und spricht eine Empfehlung für das ITO-Modell unter strikter Regulierung aus.
Schlüsselwörter
Strommarkt, Deutschland, Ownership Unbundling, Independent System Operator, Independent Transmission Operator, Entflechtung, Wettbewerb, Regulierung, Strompreis, Netznutzungsentgelte, Energieversorgungsunternehmen, Bundesnetzagentur, natürliche Monopole, Stromtransport, Stromerzeugung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Wettbewerbssituation auf dem deutschen Strommarkt und der regulatorischen Herausforderung, die Übertragungsnetze effizient von den Erzeugungs- und Handelsaktivitäten der großen Energiekonzerne zu trennen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die historische Entwicklung des Strommarktes, die Analyse der Wertschöpfungsstufen (Erzeugung, Transport, Handel), die Identifikation des natürlichen Monopols im Netz sowie der Vergleich der von der EU vorgeschlagenen Entflechtungsmodelle.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage ist, welches der drei von der EU vorgeschlagenen Verfahren (Ownership Unbundling, ISO oder ITO) am besten geeignet ist, um auf dem deutschen Strommarkt mehr Wettbewerb zu ermöglichen und die Strompreise langfristig zu senken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historisch-deskriptive Methode zur Herleitung der Ausgangslage, kombiniert mit einer struktur-analytischen Betrachtung der Strommarktökonomie und einer rechts- sowie modellvergleichenden Analyse der EU-Vorgaben.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des natürlichen Monopols im Stromtransport, die Analyse verschiedener Regulierungsmodelle für Netznutzungsentgelte (wie Price-Cap oder Revenue-Cap) und die detaillierte Bewertung der drei EU-Optionen anhand von Fallbeispielen aus dem europäischen Ausland.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit ist durch Begriffe wie Ownership Unbundling, Strommarktliberalisierung, natürliche Monopole, Anreizregulierung und vertikale Entflechtung charakterisiert.
Warum wird das Ownership Unbundling in der Arbeit kritisch hinterfragt?
Die Arbeit hinterfragt das Ownership Unbundling kritisch, da empirische Nachweise fehlen, dass eine vollständige eigentumsrechtliche Trennung zwingend zu sinkenden Strompreisen führt, während gleichzeitig hohe rechtliche Risiken und Umstellungskosten bestehen.
Welche Empfehlung gibt der Autor für Deutschland?
Der Autor empfiehlt für Deutschland die vorläufige Anwendung des ITO-Modells, da es die Vorteile einer verschärften gesellschaftsrechtlichen Entflechtung bietet, ohne die verfassungsrechtlich problematische Zwangsenteignung der Übertragungsnetze vollziehen zu müssen.
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- Dipl.-Volkswirt Florian Beck (Author), 2010, Der deutsche Strommarkt im Umbruch - Ownership Unbundling zur Wettbewerbssteigerung?, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/155320