Individuen sind zunehmend aufgefordert, ihre persönlichen Kompetenzen eigenverantwortlich und kontinuierlich zu aktualisieren und zu erweitern. Lebenslanges Selbstgesteuertes Lernen – darin sind sich Politik, Bildung und Wirtschaft einig – etabliert sich zur gesellschaftlichen und individuellen Notwendigkeit. Mit der Ausdehnung des Lernbegriffs in die private Verantwortung des Individuums, markiert Selbstgesteuertes Lernen jedoch eine bildungspolitische Programmatik, die zu tiefgreifenden Veränderungen in der Erwachsenenbildung führt. Die erwachsenenpädagogische Fundierung des Konzepts ist vor allem auf den systemisch-konstruktivistischen Paradigmenwechsel zurückzuführen, mit dem die Aneignung gegenüber den Kategorien des Lehrens oder Vermittelns in der didaktischen Theorieentwicklung an Bedeutung gewonnen hat. Problematisch erscheint allerdings, dass damit ein grundlegender Legitimationsverlust didaktischen Handelns sowie des Selbst- und Aufgabenverständnisses der Lehrenden einhergeht, da dieser Ansatz pädagogische Interventionen prinzipiell infrage stellt und didaktisches Handeln als zentraler Aspekt erwachsenenpädagogischer Professionalität in einem unauflösbaren Handlungswiderspruch mündet. Vor diesem Hintergrund zeichnet sich, bei schwindender disziplinärer Stabilität, ein wachsender Problemdruck für die Wissenschaftsdisziplin der Erwachsenenbildung ab. Die aufgespannte Problematik wird im Rahmen der vorliegenden Arbeit aus der poststrukturalistisch geprägten Theorieperspektive der Gouvernementalität im Anschluss an Michel Foucault reflektiert. Das Konzept der Gouvernementalität rückt nicht nur die mit dem pädagogischen Selbstverständnis ‚scheinbar‘ unvereinbare Gegensätzlichkeit von Selbstbestimmung und Fremdsteuerung in ein anderes Licht, es eröffnet zudem eine differenzierte Theorieperspektive, die eine kritische Auseinandersetzung mit verschiedenen Begründungslogiken Selbstgesteuerten Lernens und der damit verbundenen spezifischen gesellschaftlichen Funktion der Erwachsenenbildung ermöglicht. Es wird gezeigt, wie sich unterschiedlichen theoretischen Zugänge (Systemtheorie und Konstruktivismus, Poststrukturalismus und Bildungstheorie) ergänzend in die wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung um Selbstgesteuertes Lernen einordnen und begründen lassen. Mit dem Konzept des Selbstsorgenden Lernens wird ein erwachsenenpädagogischer Ansatz zum Selbstgesteuerten Lernen vorgestellt, der beide Perspektiven in die didaktische Konkretisierung einbezieht.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Selbstgesteuertes Lernen als erwachsenenpädagogisches Paradigma
2.1 Lebenslanges Selbstgesteuertes Lernen
2.2 Zur Problematik der begrifflichen Bestimmung
2.3 Aktueller Diskussions- und Forschungsstand
2.3.1 Systemisch-konstruktivistische Grundlagen
2.3.2 Bedingungen Selbstgesteuerten Lernens
2.3.3 Selbststeuerung als didaktische Dimension
2.3.4 Selbststeuerung als gesellschaftspolitische Dimension
2.4 Definitorische Eingrenzung
2.5 Zusammenfassung
3 Selbstgesteuertes Lernen im fachwissenschaftlichen Diskurs
3.1 Wissenschaftstheoretische Auseinandersetzung
3.2 ‚Bildung‘ als Orientierungskategorie didaktischen Handelns
3.3 Grenzen konstruktivistischen Erklärungspotentials
3.4 Zusammenfassung
4 Selbstgesteuertes Lernen aus gouvernementalitätstheoretischer Perspektive
4.1 Zum Begriff der Gouvernementalität
4.2 Genealogischer Zugang und gouvernementalitätstheoretische Perspektive
4.2.1 Das begriffliche Analyseinstrumentarium Foucaults
4.2.2 Die Geschichte der Gouvernementalität
4.3 Weiterbildung und Selbstgesteuertes Lernen im Kontext der Gouvernementalität
4.4 Pädagogik und Macht
4.5 Kritische Betrachtung des erwachsenenpädagogischen Diskurses um Selbstgesteuertes Lernen
4.6 Zusammenfassung
5 Konsequenzen für das erwachsenenpädagogische Professionalitätsverständnis
5.1 Bildungstheoretische Reflexion im Anschluss an Foucault
5.2 Selbstsorge als berufsethischer Anspruch
5.3 Didaktische Konsequenzen am Beispiel Selbstsorgenden Lernens
5.3.1 Veränderte didaktische Steuerungslogik
5.3.2 Aufbau der Selbstlernarchitekturen
5.4 Zusammenfassung
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Konzept des selbstgesteuerten Lernens in der Erwachsenenbildung kritisch aus einer gouvernementalitätstheoretischen Perspektive (im Anschluss an Michel Foucault). Ziel ist es, aufzuzeigen, wie das oft unkritisch idealisierte Paradigma des selbstgesteuerten Lernens als Instrument einer neoliberalen Regierungsrationalität fungiert, die Individuen auf Eigenverantwortung und Selbstoptimierung verpflichtet, und welche Konsequenzen dies für das professionelle Selbstverständnis der Erwachsenenbildung hat.
- Kritische Analyse des Paradigmas "selbstgesteuertes Lernen" in der Erwachsenenbildung.
- Gegenüberstellung systemisch-konstruktivistischer und poststrukturalistischer (gouvernementalitätstheoretischer) Theorieperspektiven.
- Untersuchung der "neoliberalen Subjektivierung" und der Rolle des "Selbstunternehmers".
- Entwicklung eines didaktischen Konzepts der "Selbstsorge" als professionsethischer Antwort auf diese Herausforderungen.
Auszug aus dem Buch
4.1 Zum Begriff der Gouvernementalität
Foucaults diskurstheoretische Forschungsarbeiten changieren an der Schnittstelle zwischen Sozialwissenschaften, Philosophie und Geschichte und untersuchen mittels der kritisch-analytischen Methode der Genealogie die Relationen zwischen ‚Subjekt‘, ‚Macht‘ und ‚Wahrheit‘ innerhalb gegenwärtiger gesellschaftlicher Verhältnisse. Das Konzept der Gouvernementalität gründet in Foucaults spezifischer Auffassung von Subjektivität, welche einer veränderbaren und diskursiv hervorgebrachten Form entspricht und daher den Ansatzpunkt strategischen Regierungshandelns markiert. Gegenstand von Foucaults Untersuchungen sind die spezifischen Relationen zwischen Subjektivität, Macht und Wissen. Beide Konzepte stehen im wechselseitigen Bedingungsverhältnis zueinander, so dass im Sinne Foucaults Macht nicht gegen, sondern durch Subjektivierung arbeitet. In der poststrukturalistisch geprägten und historisch begründeten Perspektive Foucaults entsteht menschliche Realität innerhalb eines Geflechts diskursiver Praktiken und Machtverhältnisse, in denen das Subjekt „als ein Produkt vielfältiger Machttechniken [erscheint], dessen ‚Seele‘ und vermeintliche ‚Identität‘ Ergebnis differenziert unterwerfender diskursiver und körperlicher Praktiken ist“ (Lüders 2007, S. 73). Das Konzept der Gouvernementalität ermöglicht es, die Beziehungen zwischen ‚Wahrheit‘, ‚Macht‘ und ‚Subjekt‘ kritisch und differenziert zu untersuchen, so dass die Techniken der Subjektivierung, durch die Individuen sich den formierenden Bedingungen von Machtverhältnissen und diskursiven Regulationsmechanismen unterwerfen, erkennbar werden. In seinen Forschungsarbeiten untersucht Foucault, wie sich die Regierungsmentalität während der Modernisierung der Gesellschaftsstrukturen verändert hat, wobei er verschiedenen Formen des Regierens durch Individualisierung rekonstruiert.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung motiviert die Problematik des selbstgesteuerten Lernens im Kontext gesellschaftlichen Wandels und postuliert die Notwendigkeit einer gouvernementalitätstheoretischen Reflexion.
2 Selbstgesteuertes Lernen als erwachsenenpädagogisches Paradigma: Das Kapitel systematisiert den aktuellen Diskussionsstand, die systemisch-konstruktivistischen Grundlagen und die Bedingungen für selbstgesteuerte Lernprozesse.
3 Selbstgesteuertes Lernen im fachwissenschaftlichen Diskurs: Hier wird die Herausforderung für die Disziplin Erwachsenenbildung diskutiert und Bildung als notwendige Orientierungskategorie gegen die Begrenztheit des konstruktivistischen Ansatzes verteidigt.
4 Selbstgesteuertes Lernen aus gouvernementalitätstheoretischer Perspektive: Das Kapitel führt Foucaults Konzepte der Macht, der Gouvernementalität und der Selbsttechnologien ein, um selbstgesteuertes Lernen als neoliberale Subjektivierungspraktik zu dekonstruieren.
5 Konsequenzen für das erwachsenenpädagogische Professionalitätsverständnis: Es werden didaktische Konsequenzen für die Professionalität abgeleitet und das Konzept der "Selbstsorge" als kritische, professionsethische Haltung für Lehrende eingeführt.
6 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und unterstreicht die Notwendigkeit, eine kritische, nicht-oppositionale Haltung in der Erwachsenenbildung zu etablieren, um der Instrumentalisierung entgegenzuwirken.
Schlüsselwörter
Selbstgesteuertes Lernen, Erwachsenenbildung, Gouvernementalität, Michel Foucault, Neoliberalismus, Subjektivierung, Selbstsorge, Professionalität, Konstruktivismus, Macht, Wissen, Didaktik, Lebenslanges Lernen, Selbstunternehmer, Bildungskritik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Diplomarbeit befasst sich mit dem Konzept des selbstgesteuerten Lernens in der Erwachsenenbildung und hinterfragt dessen unkritische Idealisierung durch eine machtkritische, poststrukturalistische Brille.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die erwachsenenpädagogische Theoriebildung, die gouvernementalitätstheoretische Analyse von Lernprozessen sowie die Reflexion über das professionelle Selbstverständnis von Erwachsenenbildnern.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es aufzudecken, wie selbstgesteuertes Lernen als Instrument einer neoliberalen Regierungsrationalität dient, das Individuen zur Selbstoptimierung verpflichtet, und wie eine reflektierte "Selbstsorge" dem entgegengesetzt werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt schwerpunktmäßig die kritisch-analytische Methode der Genealogie im Anschluss an Michel Foucault sowie eine diskursanalytische Betrachtungsweise.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert erst das Konstrukt der Selbststeuerung aus systemisch-konstruktivistischer Sicht, um dann in einem zweiten Schritt die Perspektive der Gouvernementalitätstheorie einzunehmen und die damit verbundenen Machteffekte zu dekonstruieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Selbstgesteuertes Lernen, Gouvernementalität, Neoliberalismus, Subjektivierung, Selbstsorge, Erwachsenenbildung und Macht.
Warum reicht der systemisch-konstruktivistische Ansatz laut Autorin nicht aus?
Der Ansatz sensibilisiert zwar für die Eigenlogik von Lernprozessen, vernachlässigt jedoch die gesellschaftliche Vermitteltheit des Lernsubjekts und bietet keine Handlungsoptionen für die kritische Reflexion von Machtverhältnissen.
Was bedeutet "Selbstsorge" als didaktisches Konzept?
In der Arbeit wird Selbstsorge als eine professionsethische Haltung verstanden, die es Lehrenden ermöglicht, Machteffekte in Lernarrangements kritisch zu reflektieren, statt sich naiv als "jenseits von Macht" zu verorten.
- Arbeit zitieren
- Anika Schmidt (Autor:in), 2008, Selbstgesteuertes Lernen als ambivalentes Konzept der Erwachsenenbildung, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/155201