Die Brüder Grimm sammelten ihre Kinder- und Hausmärchen (KHM) im 19. Jahrhundert, wobei ihr großer Erfolg vor dem kulturhistorischen Hintergrund jener Zeit gesehen werden muss. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Bedeutung und Herkunft der Handarbeitsmotive in den KHM. Anhand ausgewählter Erzählungen, in denen die Heldinnen textile Arbeiten verrichten, soll zum einen veranschaulicht werden, wo diese als typisch weibliche geltende Beschäftigungen ihren Ursprung haben und zum anderen erörtert werden, wie dadurch das vorherrschende Frauenbild des 19.Jahrhundert in den Märchen widergespiegelt wird. So wird zunächst die Entstehungsgeschichte der KHM betrachtet und die Entwicklung zum Erziehungsbuch skizziert, um dann die Frau, als vorrangige Rezipientin der Märchen, und ihr entsprechendes Rollenbild im 19. Jahrhundert zu erörtern. Nachdem die Bedeutung der Handarbeit in der Mädchenerziehung jener Zeit betrachtet wurde, werden verschiedene Märchen angeführt, in denen diese Formen der textilen Beschäftigungen eine große Rolle spielen. Dabei stößt man auf mythologische Ursprünge der Handarbeitsmotive und die verschiedenen Bedeutungen dieser Tätigkeiten sowohl im Märchen als auch die überragende Bedeutung für die Rezipierenden. Schließlich kann man den großen Erfolg der KHM damit begründen, dass das Lesepublikum Parallelen zwischen Realitätselementen im Märchen und ihrer eigenen Lebenswirklichkeit herzustellen vermochten. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm
2.1 Definition des Begriffs Märchen
2.2 Entstehungsgeschichte und Erfolg der KHM
2.3 Die pädagogische Bedeutung der KHM
3. Die handarbeitende Frau im 19. Jahrhundert
3.1 Frauenbild in der der bürgerlichen Gesellschaft
3.2 Bedeutung der Handarbeit als typisch weibliche Tätigkeit
3.3 Mädchenerziehung- Erziehung durch Handarbeiten
4. Die Handarbeitsmotive in den Märchen der Brüder Grimm
4.1 Ursprung und Wesen des Spinnens und Webens
4.2 Bedeutung und Funktion des Spinnens und Webens in den KHM
4.3 Mythologische Vorbilder und übernatürliche Spinnhelfer
5. Wirkung der Märchen
6. Zusammenfassung
7. Literaturverzeichnis
8. Anhang Märchentexte
8.1 KHM 9: Die zwölf Brüder
8.2 KHM 14: Die drei Spinnerinnen
8.3 KHM 24: Frau Holle
8.4 KHM 37: Daumesdick
8.5 KHM 49: Die sechs Schwäne
8.6 KHM 50: Dornröschen
8.7 KHM 53: Sneewittchen
8.8 KHM 55: Rumpelstilzchen
8.9 KHM 63: Die drei Federn
8.10 KHM 65: Allerleirauh
8.11 KHM 67: Die zwölf Jäger
8.12 KHM 79: Die Wassernix
8.13 KHM 105: Märchen von der Unke
8.14 KHM 156: Die Schlickerlinge
8.15 KHM 128: Die faule Spinnerin
8.16 KHM 161: Schneeweißchen und Rosenroth
8.17 KHM 179: Die Gänsehirtin am Brunnen
8.18 KHM 180: Die ungleichen Kinder Evas
8.19 KHM 181: Die Nixe im Teich
8.20 KHM 188: Spindel, Weberschiffchen und Nadel
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Bedeutung und Herkunft von Handarbeitsmotiven (insbesondere Spinnen und Weben) in den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm, um den Zusammenhang zwischen diesen erzählerischen Elementen und dem Frauenbild sowie den Erziehungsvorstellungen des 19. Jahrhunderts aufzuzeigen.
- Kulturhistorische Untersuchung des Frauenbildes im 19. Jahrhundert.
- Die Rolle der Handarbeit als "typisch weibliche" Tugend und Erziehungsmittel.
- Analyse von Spinn- und Webmotiven als Metaphern für Reifeprozesse und soziale Mobilität.
- Mythologische Wurzeln und die Funktion übernatürlicher Helferfiguren.
- Die Identifikation der damaligen Leserschaft mit den Märchenheldinnen.
Auszug aus dem Buch
4.1 Ursprung und Wesen des Spinnens und Webens
Da die meisten Naturfasern, wie Wolle oder Baumwolle nur wenige Zentimeter lang sind, Muss man sie zunächst zu langen Fäden zusammenzwirbeln, wenn man damit nähen oder Stoffe weben will (Ballhausen und Kleinelümern 2008, S. 64). Dieser als „Spinnen“ (Abb. 4) bezeichnete Vorgang ist, wie das „Weben“, eine der ältesten Techniken der Menschheit (Kohl 1858; Volkmann 2008, S.109; Wikipedia 2010a).
Das Spinnen ist eine alte Handwerkskunst und bereits seit 9000 v. Chr. bekannt. Von Hand gesponnen wurde in Europa bereits um 6000 v. Chr., darauf verweisen die Spinnwirtel (Spindelringscheibe) der Sesklo-Kultur im frühneolithischen Griechenland (Wikipedia 2010a).
Nach Volkmann (2008, S.9) ist Spinnen ein Handwerk, mit dem man Unordnung in Ordnung bringt. Die Autorin beschreibt, dass diese Handarbeit „aus einer wirren Menge Grundmaterial einen „gezähmten“, zur Weiterverarbeitung aufbereiteten Faden“ herstellt. Somit gelingt es „ungestaltetes Naturmaterial zu einem nutzbaren Produkt“ zu veredeln (Volkmann 2008, S.9).
Das Spinnen war demnach eine der frühesten kulturstiftenden Leistungen der Menschheit und kam von Anfang an den Frauen zu (Volkmann 2008, S.13). Das Alte Testament berichtet im Buch Genesis davon, wie die Urfrau (Eva) vom Teufel in Form einer Schlange verführt wird, die verbotene Frucht vom Baum der Erkenntnis zu essen (Die Bibel, Gen 3,1-16). Gott bestraft sie und Adam für dieses Vergehen, indem er sagt: „Viel Mühsal bereite ich dir, sooft du schwanger wirst. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Du hast Verlangen nach deinem Mann; er aber wird über dich herrschen“ (Die Bibel, Gen 3,16).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Forschungsfrage bezüglich der Bedeutung von Handarbeitsmotiven im Kontext des Frauenbildes des 19. Jahrhunderts.
2. Die Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm: Analyse der Entstehung und der pädagogischen Intentionen hinter der KHM-Sammlung.
3. Die handarbeitende Frau im 19. Jahrhundert: Untersuchung der bürgerlichen Erziehungsideale, der häuslichen Arbeit und der sozialen Funktionen weiblicher Handarbeit.
4. Die Handarbeitsmotive in den Märchen der Brüder Grimm: Detaillierte Betrachtung der symbolischen und mythologischen Aspekte des Spinnens und Webens in ausgewählten Märchen.
5. Wirkung der Märchen: Erörterung der Identifikationsmöglichkeiten für die Rezipientinnen und Kritik an der Passivität weiblicher Rollenbilder.
6. Zusammenfassung: Synthese der Ergebnisse, die die Märchenheldinnen als Spiegelbilder zeitgenössischer Erwartungen an die weibliche Lebenswirklichkeit darstellt.
Schlüsselwörter
Handarbeitsmotive, Kinder- und Hausmärchen, Brüder Grimm, Spinnen, Weben, Mädchenerziehung, 19. Jahrhundert, Frauenbild, Tugendhaftigkeit, Schicksalsgöttinnen, Hausfleiß, Identifikation, Sozialer Aufstieg, Symbolik, bürgerliche Moral.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die symbolische und soziale Bedeutung von Handarbeitsmotiven, primär Spinnen und Weben, in den Märchen der Brüder Grimm vor dem historischen Hintergrund des 19. Jahrhunderts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen das bürgerliche Frauenbild, die Mädchenerziehung durch Handarbeit sowie die kulturhistorische und mythologische Symbolik textiler Tätigkeiten.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist aufzuzeigen, wie Märchen dazu dienten, das zeitgenössische Rollenbild der Frau (als häuslich, fleißig und tugendhaft) zu vermitteln und warum sich das bürgerliche Lesepublikum mit diesen Charakteren identifizieren konnte.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine kulturhistorische und literaturwissenschaftliche Analyse, ergänzt durch psychologische Deutungsansätze und Vergleiche mit mythologischen Quellen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des historischen Frauenbildes, die technische und symbolische Einordnung von Spinnen und Weben sowie die Analyse der Erlösungsmärchen und deren mythologischem Bezug.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Handarbeitsmotive, Mädchenerziehung, bürgerliches Frauenbild, Spinnen, Weben und die Identifikation mit Märchenheldinnen.
Welche Rolle spielt die "faule Spinnerin" in der Analyse?
Sie dient als Gegenbeispiel zum Idealbild, wobei die Arbeit untersucht, wie diese Figuren durch Listigkeit oder übernatürliche Hilfe das soziale Ideal der fleißigen Hausfrau zu umgehen versuchen.
Inwiefern beeinflussten "Schicksalsgöttinnen" die Handarbeitsmotive?
Die Arbeit vergleicht die Märchenfiguren mit antiken Schicksalsgöttinnen (Moiren, Parzen, Nornen), die den Lebensfaden spannen, und zeigt, wie diese Rolle in den Grimmschen Märchen in eine domestizierte Form überführt wird.
- Arbeit zitieren
- Manuela Käßmair (Autor:in), 2010, Bedeutung und Funktion der Handarbeitsmotive in den Märchen der Brüder Grimm, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/155040