Nicht zuletzt durch die ernüchternden Ergebnisse der großen Schulleistungsstudien wie z.B. PISA (Programme for International Student Assessment) oder TIMSS (Third International Mathematics and Science Study) ist das bestehende Schulsystem mit den ausführenden Kräften, den Lehrpersonen, in die Diskussion geraten, sei es nun in der Politik oder im Bereich der Bildungsforschung. Das relativ schlechte Abschneiden deutscher Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich war besonders für Deutschland, dessen Bildungssystem in den 1970er Jahren noch von skandinavischen Lehrkräften studiert wurde, besonders erschreckend. Die Ergebnisse machten den längst überfälligen Handlungsbedarf in deutschen Schulen erstmals öffentlich und klar erkennbar. Seitdem sind Bildungsforscher, Theoretiker wie Praktiker, verstärkt daran interessiert, die Unterrichtsqualität an deutschen Schulen nachhaltig zu verbessern. Dazu wurden in der Vergangenheit eine Vielzahl von Studien angestellt (u.a. auch die TIMSS), die auf verschiedene Weise ausgewertet wurden.
Diese Arbeit beschäftigt sich primär nicht mit der Frage, was Unterrichtsqualität bedeutet und wird auch nur blickpunktartig auf einige der Studien eingehen können. Im Vordergrund steht das Interesse herauszufinden, welche Forschungsmethode bzw. Art der Auswertung von Daten besonders für die Praxis aussagekräftige Ergebnisse liefert. Neben hoch- und niedrig-inferenten Auswertungsverfahren wird der Ansatz der Unterrichtsskripts vor kulturvergleichendem Hintergrund thematisiert. Dies bietet sich wegen der ausführlichen Vergleichsstudien zwischen Deutschen und deutschsprachigen Schweizer Lehrkräften und Schülern an.
Zunächst wird einführend allgemein auf den kulturvergleichenden Aspekt und die videogestützte Arbeit eingegangen, beziehen sich doch viele der damit zusammenhängenden Aussagen auf derartige Analysen. Daraufhin werden spezielle Beispiele bezogen auf praktische Forschung nach Unterrichtsskripts bzw. der Auswertung nach hoch- und niedrig-inferenten Methoden angeschlossen. Im letzten Teil der Arbeit sollen dann die Vor- und Nachteile der beschriebenen Forschungsansätze resümiert werden, um am Ende eventuell feststellen zu können, welcher Forschungsansatz sich für Praktiker besonders eignet.
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung
II. Hauptteil
II.1 Unterrichtsqualität / Videoforschung
II.2 Kulturvergleichende Unterrichtsforschung
II.2.1 Warum Kulturvergleich?
II.2.2 Unterrichtsskripts
II.3 Niedrig und hoch-inferente Beobachtungsinstrumente
II.3.1 Anwendung niedrig-inferenter Bewertung
II.3.2 Anwendung hoch-inferenter Bewertung
III. Fazit
IV. Quellen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht verschiedene Forschungsmethoden zur Analyse von Unterrichtsqualität, mit einem besonderen Fokus auf den Vergleich zwischen Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz. Ziel ist es, zu identifizieren, welche Auswertungsverfahren — spezifisch Unterrichtsskripts sowie niedrig- und hoch-inferente Beobachtungsinstrumente — für die Schulpraxis die aussagekräftigsten Ergebnisse liefern.
- Vergleich von Unterrichtskulturen anhand von Videodaten
- Analyse von Unterrichtsskripts als routinierte Handlungsmuster
- Gegenüberstellung von niedrig-inferenten (objektiv-deskriptiven) und hoch-inferenten (interpretativen) Bewertungsmethoden
- Diskussion der Vor- und Nachteile dieser Forschungsansätze für die praktische Anwendung
Auszug aus dem Buch
II.2.2 Unterrichtsskripts
Im Folgenden wird die erste Forschungsmethode, die nach spezifischen Unterrichtsskripts sucht und dabei auch zusätzlich kulturvergleichend vorgeht, genauer analysiert. Es bleibt zuvor festzustellen, dass die Ausführungen keinerlei Anspruch erheben, komplette Studien in ihrer gesamten Breite abzudecken oder auf alle relevanten Daten Bezug zu nehmen. Die Studien, die ausschnittsweise aufgegriffen werden, dienen primär als Forschungsbeispiele an Hand derer die Suche nach einer möglichst praxisdienlichen Forschungsmethode oder -richtung unterstützt werden soll. In den meisten Fällen wird der Schwerpunkt daher nicht auf der technischen Durchführung der Studien sondern auf deren Ergebnissen liegen. Erst im Abschnitt zu niedrig- oder hoch-inferenten Auswertungsmöglichkeiten werden die Instrumente genauer berücksichtigt. Der Kulturvergleich dient auf Grund seiner hohen Aussagekraft oftmals als thematischer Hintergrund der Ausführungen.
Dieser Forschungsansatz stellt also die Frage, ob Lehrerinnen und Lehrer vorgefestigte, an bestimmte Unterrichtssituationen gebundene Unterrichtsskripts besitzen. Wäre dies der Fall, müssten diese in verschiedenen Ländern und Unterrichtskulturen ebenfalls vorfindbar und eventuell verschieden sein, so dass sich durch die jeweiligen Unterschiede u.U. kulturspezifische Unterrichtsskripts identifizieren ließen.
Die Videostudien, die im Rahmen von TIMSS durchgeführt wurden, geben anhand der Analysen von aufgezeichneten Mathematikstunden in Deutschland und der deutschsprachigen Schweiz Hinweise auf derartige Skripts für den Mathematikunterricht. Dieses Fach bietet sich dabei besonders an, da Mathematik über die verschiedenen Kulturen hinweg nicht derart kontextgebunden ist, wie bspw. der Sprachunterricht, und somit verschiedene Vorgehensweisen besser verglichen werden können. Die bereits erwähnten Unterrichtsskripts verstehen wir im Folgenden „[...] als routinierte Handlungsmuster – quasi als „Drehbücher für Unterricht“ – [...], die im Verlauf der Ausbildung und des beruflichen Handelns erworben werden.“
Zusammenfassung der Kapitel
I. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den Handlungsbedarf zur Verbesserung der Unterrichtsqualität in Deutschland, der durch internationale Leistungsstudien wie PISA und TIMSS deutlich wurde, und erläutert die Zielsetzung der Arbeit.
II. Hauptteil: Der Hauptteil analysiert verschiedene methodische Ansätze der Unterrichtsforschung, konkret Unterrichtsskripts sowie niedrig- und hoch-inferente Beobachtungsinstrumente, und vergleicht dabei deutsche und schweizerische Unterrichtskulturen.
II.1 Unterrichtsqualität / Videoforschung: Dieses Unterkapitel definiert Unterrichtsqualität als Prozessqualität und erörtert den Nutzen der Videografie als modernes, technisches Hilfsmittel zur Unterrichtsanalyse.
II.2 Kulturvergleichende Unterrichtsforschung: Das Kapitel diskutiert die Relevanz des Kulturvergleichs, um Mechanismen erfolgreichen Unterrichts durch den Blick über nationale Grenzen hinweg zu identifizieren.
II.2.1 Warum Kulturvergleich?: Hier wird die Notwendigkeit erläutert, durch den Vergleich mit anderen Bildungssystemen Schwachstellen der eigenen Unterrichtspraxis aufzudecken.
II.2.2 Unterrichtsskripts: Dieses Kapitel definiert Unterrichtsskripts als mentale, situationsgebundene Handlungsmuster und untersucht deren Ausprägung im Mathematikunterricht.
II.3 Niedrig und hoch-inferente Beobachtungsinstrumente: Es erfolgt eine grundlegende Begriffsbestimmung zur Abgrenzung von niedrig-inferenten (deskriptiven) und hoch-inferenten (interpretativen) Bewertungsmethoden.
II.3.1 Anwendung niedrig-inferenter Bewertung: Anhand der TIMSS 1999 Videostudie wird die Anwendung von niedrig-inferenten Kodiersystemen zur quantitativen und objektiven Unterrichtsanalyse dargestellt.
II.3.2 Anwendung hoch-inferenter Bewertung: Dieses Kapitel zeigt am Beispiel einer binationalen Vergleichsstudie, wie hoch-inferente Ratings komplexe Qualitätsmerkmale interpretativ erfassen können.
III. Fazit: Das Fazit resümiert die Stärken und Schwächen der betrachteten Ansätze und empfiehlt für die Praxis eine Kombination aus verschiedenen Forschungsmethoden.
IV. Quellen: Auflistung der verwendeten Literatur und Internetquellen.
Schlüsselwörter
Unterrichtsqualität, Videoforschung, Kulturvergleich, Unterrichtsskripts, TIMSS, niedrig-inferente Bewertung, hoch-inferente Bewertung, Mathematikunterricht, Lehrkompetenz, Schulentwicklung, Beobachtungsinstrumente, Instruktionseffizienz, Schülerorientierung, Unterrichtsanalyse, Bildungssysteme
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht verschiedene wissenschaftliche Ansätze zur Erforschung der Unterrichtsqualität, um zu beurteilen, wie diese Methoden Erkenntnisse für die schulische Praxis liefern können.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind der internationale Vergleich von Unterrichtskulturen (Deutschland vs. Schweiz), die Analyse von routinierten Handlungsmustern (Unterrichtsskripts) und die methodische Unterscheidung zwischen niedrig- und hoch-inferenten Beobachtungsverfahren.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, Vor- und Nachteile verschiedener Forschungsmethoden gegenüberzustellen, um festzustellen, welcher Ansatz für Lehrkräfte am besten geeignet ist, um die eigene Unterrichtsgestaltung zu reflektieren und zu verbessern.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Arbeit stützt sich auf die Auswertung und Synthese von Ergebnissen aus Videostudien (insbesondere TIMSS und IGLU) sowie auf die theoretische Auseinandersetzung mit Kodiersystemen und Ratingverfahren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Unterrichtsskripts, die Definition und Anwendung niedrig-inferenter Beobachtungsinstrumente (objektive Beschreibung) sowie hoch-inferenter Bewertungsinstrumente (interpretative Beurteilung) in der Unterrichtspraxis.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird maßgeblich durch Begriffe wie Unterrichtsqualität, Videoforschung, Kulturvergleich, Unterrichtsskripts sowie niedrig- und hoch-inferente Bewertung charakterisiert.
Was unterscheidet niedrig-inferente von hoch-inferenten Beobachtungsmethoden?
Niedrig-inferente Methoden konzentrieren sich auf direkt beobachtbare, objektiv kodierbare Ereignisse mit geringem Interpretationsspielraum. Hoch-inferente Methoden hingegen erfordern von den Beobachtern komplexe Schlussfolgerungen und Interpretationen, um ganzheitliche Qualitätsmerkmale zu beurteilen.
Warum spielt der Kulturvergleich eine so wichtige Rolle in der Arbeit?
Der Kulturvergleich dient als Werkzeug, um die "Methoden-Monokultur" oder Routinen innerhalb eines nationalen Schulsystems durch den Kontrast zu anderen, erfolgreicheren Unterrichtskulturen sichtbar und damit hinterfragbar zu machen.
Welches Fazit zieht der Autor in Bezug auf die Praxis?
Der Autor kommt zu dem Schluss, dass für die Praxis der hoch-inferente Ansatz von großem Vorteil ist, da er sich des menschlichen Verstandes zur Interpretation von Handlungen bedient, empfiehlt jedoch, in größeren Studien beide Ansätze zu kombinieren.
Welche Bedeutung haben Unterrichtsskripts für den Lehrer?
Unterrichtsskripts fungieren als routinierte "Drehbücher", die Lehrkräften helfen, komplexe Situationen zu bewältigen. Die Identifikation dieser Skripts ermöglicht es Lehrern, sich hinderlicher Routinen bewusst zu werden und diese aktiv zu verändern.
- Quote paper
- Daniel Valente (Author), 2007, Vergleich verschiedener Forschungsmethoden vor dem Hintergrund kulturvergleichender Unterrichtsforschung, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/154904