Brecht exponiert den historischen Fortschritt als überpersönlichen Vorgang, der nach den „Gesetzen einer materialistischen Dialektik“ abläuft, und dekonstruiert damit den Mythos des geschichtsmächtigen Subjekts. In der Montage unterschiedlicher Perspektiven ermöglicht Brecht in der Form eines Erkenntnisaktes die Auseinandersetzung mit den herkömmlichen Methoden der Geschichtswissenschaft und offeriert gleichsam fruchtbare Möglichkeiten diese zu revidieren: Das Offenlegen des Erkenntnisaktes ermöglicht den Nachvollzug desselben sowie eine kritische Selbstprüfung des Forschenden. Die Darstellung der Geschichte in der Form eines Forschungsberichtes, der die Quellen herausgibt, verweist auf die Unzulänglichkeit der biographischen Erzählung, die von der Persönlichkeit des Subjekts als Triebfeder historischer Prozesse ausgeht und Sinnstiftung naturgemäß durch „emplotment“ und Narration unternimmt. Darüber hinaus verweist das Scheitern der kohärenten Biographie, der fragmentarische Charakter des dokumentierten Erkenntnisprozesses auf die Unmöglichkeit geschlossene Aussagen über die Vergangenheit zu machen. Die daraus folgende Konsequenz, die Zersplitterung der großen Metaerzählungen in unendliche Diskurse, die „neue Unübersichtlichkeit“, welche Jürgen Habermas bemerkt, bedeutet für Brecht freilich nicht das Ende der Geschichte, das etwa in der postmodernen Debatte der vergangenen Jahrzehnte proklamiert wurde. Es geht Brecht darum, Geschichte als Ideologie zu entlarven, die Voraussetzungen zu ergründen, welche die Forschungsdisziplin bestimmen und zudem die Möglichkeiten und Grenzen historiographischer Erkenntnis auszuloten, etwa hinsichtlich des Mediums der Sprache. „Geschichte gegen den Strich bürsten“ genügt Brecht nicht. Vielmehr fokussiert er die erkenntnistheoretischen Aprioris selbst.
Inhaltsverzeichnis
1. Geschichte „gegen den Strich bürsten“?
2. Brechts Interesse am Caesar-Stoff
3. Das geschichtsmächtige Subjekt – Ein Mythos des historischen Diskurses
4. Dekonstruktion des Mythos und Kritik der Historiographie
5. Fiktion des Faktischen? – Im Diskurs mit Hayden White
6. Die Ironie des historischen Denkens
7. Literaturverzeichnis
7.1. Quellen
7.2. Sekundärliteratur
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Bertolt Brechts Romanfragment „Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar“ unter Einbeziehung der geschichtsphilosophischen Konzepte Hayden Whites. Ziel ist es, aufzuzeigen, wie Brecht durch eine multiperspektivische Erzählweise und eine ironische Brechung des historischen Diskurses den Mythos des „geschichtsmächtigen Subjekts“ dekonstruiert und die Historiographie selbst als eine Form von ideologischer Sinnstiftung kritisiert.
- Analyse von Brechts Caesar-Roman im Kontext der Exilliteratur.
- Dekonstruktion des historiographischen Heroen-Kults des 19. Jahrhunderts.
- Diskursives Verhältnis zwischen wirtschaftlichen Strukturen und politischer Macht.
- Anwendung postmoderner Theorien (Hayden White) auf die Brecht'sche Erzählpoetik.
- Untersuchung der Sprache als konstruktives Element historischer Erkenntnis.
Auszug aus dem Buch
3. Das geschichtsmächtige Subjekt – Ein Mythos des historischen Diskurses
Der Historiker Theodor Mommsen etwa sieht Caesar in seinem monumentalen Werk „Römische Geschichte“, als „das einzige schöpferische Genie, das Rom, und das letzte, das die alte Welt hervorgebracht […] hat“. Er unternimmt es, Caesar zu einem vollkommenen Staatsmann zu verklären:
„Wie der Künstler alles malen kann, nur nicht die vollendete Schönheit, so kann auch der Geschichtsschreiber, wo ihm alle tausend Jahre einmal das Vollkommene begegnet, nur darüber schweigen […] Uns bleibt nichts, als diejenigen glücklich zu preisen, die dies Vollkommene schauten, eine Ahnung desselben aus dem Abglanz zu gewinnen, der auf den von dieser Natur geschaffenen Werken unvergänglich ruht.“
Gleich dem Künstler, der „alles malen“ könne, nicht aber die „vollendete Schönheit“, so sei es auch dem Geschichtsschreiber nicht möglich, das „Vollkommene“ darzustellen, sondern lediglich „eine Ahnung desselben aus dem Abglanz“ zu erlangen, welcher auf den „geschaffenen Werken“ des Vollkommenen ruhe. Das Wesentliche einer solchen Geschichtsauffassung ist, dass ein vollkommenes, ein geschichtsmächtiges Individuum und schöpferisches Genie durch außergewöhnliche Taten die historischen Vorgänge bestimmt, die Geschichte durchwirkt. Auch Friedrich Nietzsche, der, wie in den meisten kulturellen Belangen des 19. Jahrhunderts so auch in der Geschichtsschreibung, einen intellektuellen Wendepunkt verkörpert, wird von einem „Verlangen nach Wiederherstellung des Heroismus in einem Zeitalter der Mittelmäßigkeit und des kulturellen Rückschritts“ getrieben. Er schreibt über Caesar als den Heros:
„Die Mittel, mit denen Julius Cäsar sich gegen Kränklichkeit und Kopfschmerz verteidigte: ungeheure Märsche, einfachste Lebensweise, ununterbrochener Aufenthalt im Freien, beständige Strapazen – das sind, ins große gerechnet, die Erhaltungs- und Schutzmaßregeln gegen die extreme Verletzlichkeit jener subtilen und unter höchstem Druck arbeitenden Maschine, welche Genie heißt.“
Zusammenfassung der Kapitel
1. Geschichte „gegen den Strich bürsten“?: Einführung in das Thema, wobei Brechts Roman als Kritik an der Historiographie und der idealistischen Geschichtsschreibung positioniert wird.
2. Brechts Interesse am Caesar-Stoff: Analyse der Entstehungsbedingungen des Romans im Exil und der Einordnung in Brechts zeitgenössische Romanpoetik.
3. Das geschichtsmächtige Subjekt – Ein Mythos des historischen Diskurses: Untersuchung der bürgerlichen Heldengeschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts am Beispiel Mommsens und Nietzsches.
4. Dekonstruktion des Mythos und Kritik der Historiographie: Darstellung, wie Brecht durch die fiktive Figur eines Historikers und die Quellenarbeit den Mythos Caesars entlarvt.
5. Fiktion des Faktischen? – Im Diskurs mit Hayden White: Theoretische Auseinandersetzung mit der Narratologie und der sprachlichen Konstruiertheit von Geschichte nach Hayden White.
6. Die Ironie des historischen Denkens: Zusammenführende Betrachtung der ironischen Struktur des Romans als Mittel zur Ideologiekritik und zur Reflektion über historische Erkenntnis.
Schlüsselwörter
Bertolt Brecht, Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar, Hayden White, Historiographie, Historischer Roman, Ideologiekritik, Dekonstruktion, geschichtsmächtiges Subjekt, Metahistory, historische Erkenntnis, narrative Modellierung, Ironie, Epik, Exilliteratur, ökonomische Strukturen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie Bertolt Brecht in seinem Caesar-Roman die traditionellen Methoden der Geschichtsschreibung hinterfragt und als ideologisch geprägt dekonstruiert.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die Kritik am Mythos des „großen Mannes“, die ökonomische Bedingtheit historischer Akteure und das Verhältnis zwischen Literatur und historischer Faktenfindung.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit geht der Frage nach, wie Brecht durch formale Strategien wie die multiperspektivische Montage und Ironie die Unmöglichkeit einer objektiven Geschichtsschreibung aufzeigt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse des Caesar-Romans angewandt, ergänzt durch die geschichtsphilosophische Methodik von Hayden White zur Untersuchung narrativer Strukturen.
Was steht im inhaltlichen Hauptteil im Fokus?
Der Hauptteil behandelt die Entzauberung des Caesar-Bildes durch verschiedene Erzählperspektiven und die theoretische Verknüpfung dieser literarischen Gestaltung mit postmoderner Historiographiekritik.
Welche Schlagworte charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Ideologiekritik, Dekonstruktion, Historiographie, narrative Modellierung und Brechtsche Epik charakterisieren.
Warum spielt die Figur des jungen Historikers eine so zentrale Rolle?
Der Historiker dient als Identifikationsfigur für den Leser, dessen Scheitern beim Versuch, eine „wahre“ Biographie Caesars zu schreiben, die erkenntnistheoretische These des Autors veranschaulicht.
Welche Funktion hat die „Seeräuber-Anekdote“ im Text?
Die Anekdote dient als Exempel dafür, wie wirtschaftliche Interessen (Sklavenhandel) hinter einer heroischen Fassade verschleiert werden, und illustriert Brechts radikale Entmythologisierung.
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- Daniel Bohnert (Autor:in), 2010, Die Ironie des historischen Denkens, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/154717