Diese Arbeit behandelt Siri Hustvedts Roman The Blindfold. Den theoretischen Rahmen dazu bieten die Ideen des Konstruktivismus. Obwohl der Roman durchtränkt ist von Themen, die mit der Theorie des Konstruktivismusˈ untersucht werden könnten, erzwingt der Rahmen dieser Hausarbeit eine Auswahl. Aus diesem Grund wurden vor allem das erste und dritte Kapitel (Irisˈ Anstellung bei Mr. Morning und der Krankenhausaufenthalt) im Hinblick auf folgende These untersucht:
Die im Roman dargestellte Wirklichkeit ist die Konstruktion eines kognitiven Organismusˈ.
Die Ausführungen werden auf drei Aspekte bezogen: Objekte, Sprache und psychische Erkrankung. Diese Aspekte werden mit der Wirklichkeit in Relation gesetzt beziehungsweise wird es zu zeigen sein, dass sie zur Konstruktion eben jener Wirklichkeit führen.
Inhaltsverzeichnis
1. Hinführung
1.1 Der Konstruktivismus: Wissen und Wirklichkeit
1.2 Der Konstruktivismus: Erkennen und Wissen
1.3 Siri Hustvedts Roman The Blindfold: eine konstruktivistische Lesart
2. Objekte, Sprache und Wirklichkeit
2.1 Mr. Morning und das Ding an sich
2.2 Die Unzulänglichkeit der Sprache
3. Psychische Erkrankung und Wirklichkeit
3.1 Gesund in kranker Umgebung
3.2 In der Ausweglosigkeit: Mrs. O.
3.3 Verrückt durch die Umgebung: Iris
4. Abschließende Überlegungen
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Siri Hustvedts Roman "The Blindfold" vor dem theoretischen Hintergrund des Konstruktivismus. Das primäre Ziel ist es, nachzuweisen, dass die im Roman dargestellte Wirklichkeit nicht als objektive Realität, sondern als subjektive Konstruktion des kognitiven Organismus der Hauptfigur Iris zu verstehen ist.
- Grundlagen des radikalen Konstruktivismus und Erkenntnistheorie
- Die Rolle von Sprache und Objekten bei der Konstruktion von Wirklichkeit
- Analyse psychiatrischer Klassifizierungen als Wirklichkeitserzeugung
- Psychische Prozesse der Identitäts- und Realitätsbildung im Roman
- Die Viabilität als Leitbegriff für erfolgreiches Handeln
Auszug aus dem Buch
2.1 Mr. Morning und das Ding an sich
Mr. Morning stellt Iris für ein Forschungsprojekt ein, in dem es ihm darum geht, „the very essence of the inanimate world“ zu ergründen. Iris’ Arbeit besteht darin, alltägliche Gegenstände einer verstorbenen jungen Frau zu beschreiben und diese Beschreibungen auf eine Kassette zu flüstern. Geflüstert werden müssen die Worte deshalb, weil Mr. Morning der Ansicht ist, dass Flüstern keinen Charakter habe, anonym sei und somit „the purity of the object won’t be blocked from coming through, from displaying itself in its nakedness.“
Was Mr. Morning erwartet, ist tatsächlich dies, dass Iris eine Beschreibung der Objekte liefert, die mit der ontologischen Wirklichkeit übereinstimmen, das heißt, wie das Ding an sich ist. Er vertritt die Meinung, dass Objekte mittels Sprache in ihrer tatsächlichen Art erfasst werden können, wozu aber Unvoreingenommenheit eine der Voraussetzungen ist, das heißt also, keine Zuschreibung von Bedeutung und Kontext. In diesem konkreten Fall bedeutet es, dass Iris nichts über die Verstorbene wissen darf, weil sie dann eben nicht mehr voreingenommen wäre:
„I hired you precisely because you know nothing. I hired you to see what I cannot see, because you are who you are. […] When you look at the things I give you, when you write and then speak about them, your words and voice may be the catalysts of some undiscovered being. Knowledge of her will only distract you from your work.”
Zusammenfassung der Kapitel
1. Hinführung: Einführung in die erkenntnistheoretischen Grundlagen des Konstruktivismus und Erläuterung der Zielsetzung, den Roman "The Blindfold" aus dieser theoretischen Perspektive zu betrachten.
2. Objekte, Sprache und Wirklichkeit: Untersuchung der Unmöglichkeit, eine objektive "Welt an sich" durch Sprache und Beobachtung zu erfassen, illustriert am Projekt des Charakters Mr. Morning.
3. Psychische Erkrankung und Wirklichkeit: Analyse, wie psychiatrische Diagnosen und die klinische Umgebung als machtvolle Konstrukte fungieren, die das Erleben und Verhalten der Figuren Iris und Mrs. O. maßgeblich formen.
4. Abschließende Überlegungen: Synthese der Ergebnisse, die bestätigt, dass "Dinge an sich" für den Menschen nicht zugänglich sind und erfolgreiches Handeln stets eine subjektive, "viable" Konstruktion der Wirklichkeit darstellt.
Schlüsselwörter
Radikaler Konstruktivismus, Wirklichkeitskonstruktion, Siri Hustvedt, The Blindfold, Erkenntnistheorie, Viabilität, Ding an sich, Sprache, Psychische Erkrankung, David Rosenhan, Objektivität, Subjektivität, Sinnzuschreibung, Kognitiver Organismus, Klassifizierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Siri Hustvedts Roman "The Blindfold" aus der Perspektive des radikalen Konstruktivismus und untersucht, wie Wirklichkeit durch kognitive Prozesse konstruiert wird.
Welche thematischen Schwerpunkte werden behandelt?
Die Schwerpunkte liegen auf der erkenntnistheoretischen Unmöglichkeit objektiver Erkenntnis, der Unzulänglichkeit von Sprache bei der Objektbeschreibung sowie dem Einfluss psychiatrischer Klassifizierungen auf die Wahrnehmung.
Was ist die zentrale Forschungsfrage der Untersuchung?
Die Forschungsfrage lautet, inwiefern die im Roman dargestellte Wirklichkeit als eine spezifische Konstruktion des kognitiven Organismus der Protagonistin Iris verstanden werden kann.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse durchgeführt, die theoretische Konzepte des Konstruktivismus (insb. von Ernst von Glasersfeld) und systemtheoretische Ansätze mit der Textanalyse kombiniert.
Was umfasst der Hauptteil der Arbeit?
Der Hauptteil gliedert sich in zwei analytische Bereiche: die Problematik der Objektbeschreibung (Ding an sich) und die Analyse von Krankenhausaufenthalten als Prozesse der Wirklichkeitskonstruktion durch Diagnosen.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Inhalt charakterisieren?
Zentrale Begriffe sind Radikaler Konstruktivismus, Viabilität, Wirklichkeitskonstruktion, Identitätsbildung, Systemtheorie und die Auseinandersetzung mit der "Welt an sich".
Wie beeinflusst die Figur des Mr. Morning die Wahrnehmung der Protagonistin?
Mr. Morning verlangt von Iris, Gegenstände ohne Kontext und Bedeutung zu beschreiben, was sie in ein epistemologisches Dilemma stürzt und die Unmöglichkeit objektiver Erkenntnis verdeutlicht.
Welche Rolle spielt der Klinikaufenthalt für die Konstruktion der Wirklichkeit?
Der Aufenthalt zeigt, dass die psychiatrische Diagnose ("verrückt") als fremddefinierte Wirklichkeit fungiert, die das Verhalten der Patienten so stark prägt, dass sie das Konstrukt als ihre eigene Realität akzeptieren.
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- Aljona Merk (Author), 2009, Wirklichkeitskonstruktionen in Siri Hustvedts "The Blindfold", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/154627