Während die betriebswirtschaftliche Definition des Verrechnungspreises als Wertmaßstab für unternehmensinterne Leistungen zwischen verschiedenen Bereichen eines Unternehmens im Laufe der Zeit kaum Änderungen erfuhr, gewann die Verwendung des Verrechnungspreises als betriebswirtschaftliches Gestaltungsinstrument immer weiter an Bedeutung. So trugen insbesondere die organisationstheoretischen Neuerungen, die seit Mitte des 20. Jahrhunderts die Unternehmensstrukturen dahingehend änderten, dass sich immer mehr Unternehmen in dezentralen Einheiten organisierten, dazu bei, dass die Verrechnungspreise verstärkt in den Fokus wirtschaftswissenschaftlicher Auseinandersetzung rückten. Heutzutage gehört die zielorientierte Verrechnungspreisgestaltung aufgrund der vielseitigen Funktionen zu einer der zentralen Aufgaben des Controllings.
Während Verrechnungspreise aus betriebswirtschaftlicher Sicht vor allem durch die zunehmende Dezentralisation und Arbeitsteilung der organisatorischen Unternehmensbereiche an Bedeutung gewannen, rückte die Verrechnungspreisthematik im Zuge der zunehmenden Globalisierung und der damit einhergehenden Internationalisierung der Märkte auch aus steuerrechtlicher Sicht immer weiter in den Fokus. Die Unternehmen sehen sich heutzutage nicht mehr nur einem regionalen, sondern einem internationalen Markt gegenüber. Um diesem internationalen Markt gerecht zu werden, haben sich zunehmend internationale Unternehmensstrukturen ausgebildet. So wuchs die Zahl internationaler Unternehmen von 1980 bis 2004 weltweit von 17.000 auf 70.000. Gerade die rechtliche Selbstständigkeit der Konzerngesellschaften führt dazu, dass sich die Verrechnungspreisproblematik nicht mehr nur ausschließlich auf betriebswirtschaftliche Sphären beschränkt, sondern sich auch auf steuerrechtliche Belange ausweitet. Hierbei dient der Verrechnungspreis aus steuerrechtlicher Sicht vor allem der korrekten Gewinnermittlung aber auch der Gewinnverlagerung.
Die Bedeutung des steuerrechtlichen Ansatzes von Verrechnungspreisen sowohl für den Konzern als auch für die Finanzverwaltungen zeigt sich insbesondere anhand von Schätzungen der UNCTAD, wonach ein Drittel des Welthandels konzernintern und somit auf Basis von Verrechnungspreisen abgewickelt wird.
Im Zentrum dieser Arbeit stehen die unterschiedlichen Funktionen, die Verrechnungspreisen in einem internationalen Konzern zum einen aus betriebswirtschaftlicher und zum anderen aus steuerrechtlicher Sicht zuzuschreiben sind.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Verrechnungspreise aus betriebswirtschaftlicher Sicht
2.1 Funktionen von Verrechnungspreisen
2.1.1 Erfolgsermittlungs- und Motivationsfunktion
2.1.2 Koordinations- und Lenkungsfunktion
2.1.3 Abrechnungs- und Bilanzierungsfunktion
2.1.4 Funktionen im Rahmen der Kostenrechnung
2.1.4.1 Kalkulations- und Planungsfunktion
2.1.4.2 Vereinfachungsfunktion
2.1.4.3 Kontrollfunktion
2.1.5 Spezielle Funktionen in Verbindung mit grenzüberschreitenden Leistungsbeziehungen
2.1.5.1 Zollwertbemessung
2.1.5.2 Risikominderung
2.1.6 Zwischenergebnis
2.2 Betriebswirtschaftliche Formen der Verrechnungspreisbildung
2.2.1 Marktorientierte Verrechnungspreise
2.2.2 Kostenorientierte Verrechnungspreise
2.2.2.1 Ist- versus Plankostenansatz
2.2.2.2 Verrechnungspreise auf Vollkostenbasis
2.2.2.3 Grenzkostenorientierte Verrechnungspreise
2.2.3 Verhandelte Verrechnungspreise
2.2.4 Zwischenergebnis
3 Verrechnungspreise aus steuerrechtlicher Sicht
3.1 Steuerrechtliche Funktionen von Verrechnungspreisen
3.1.1 Erfolgsermittlungsfunktion
3.1.2 Erfolgsverlagerung
3.2 Gesetzliche Rahmenbedingungen steuerrechtlicher Verrechnungspreisbildung
3.2.1 Der Fremdvergleichsgrundsatz
3.2.1.1 Tatsächlicher Fremdvergleich
3.2.1.2 Hypothetischer Fremdvergleich
3.2.2 Verdeckte Gewinnausschüttung
3.2.3 Verdeckte Einlage
3.2.4 Nationale Mitwirkungspflichten und Sanktionsvorschriften
3.2.5 Zwischenergebnis
3.3 Steuerrechtliche Verrechnungspreismethoden
3.3.1 Standardmethoden
3.3.1.1 Preisvergleichsmethode
3.3.1.2 Wiederverkaufspreismethode
3.3.1.3 Kostenaufschlagsmethode
3.3.2 Gewinnorientierte Methoden
3.3.2.1 Geschäftsvorfallbezogene Gewinnaufteilungsmethode
3.3.2.2 Geschäftsvorfallbezogene Nettomargenmethode
3.3.3 Methodenauswahl
4 Konflikte zwischen den Verrechnungspreisfunktionen
4.1 Zielkonflikte innerhalb der betriebswirtschaftlichen Sichtweise
4.2 Zielkonflikte innerhalb der steuerrechtlichen Sichtweise
4.3 Zielkonflikte zwischen betriebswirtschaftlichen und steuerrechtlichen Verrechnungspreisfunktionen
4.3.1 Steuerliche Erfolgsermittlung versus betriebswirtschaftliche Koordination
4.3.2 Steuerliche Erfolgsverlagerung versus betriebswirtschaftliche Erfolgsermittlung
4.3.3 Steuerliche Erfolgsverlagerung versus betriebswirtschaftliche Koordination
4.4 Zwischenergebnis
5 Lösungsansätze
5.1 Zwei-Kreis-System
5.2 Globale formelhafte Gewinnaufteilung
6 Fazit
Zielsetzung & Themen
Das Hauptziel dieser Arbeit ist es, die vielfältigen Funktionen von Verrechnungspreisen in internationalen Konzernen zu untersuchen, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der Differenzierung und dem Konfliktpotenzial zwischen betriebswirtschaftlicher Steuerung und steuerrechtlicher Gewinnabgrenzung liegt.
- Betriebswirtschaftliche Funktionen (Erfolgsermittlung, Koordination, Kostenrechnung)
- Steuerrechtliche Anforderungen und gesetzliche Rahmenbedingungen
- Analyse von Zielkonflikten innerhalb und zwischen den Sichtweisen
- Evaluation von Lösungsansätzen zur Harmonisierung der Verrechnungspreispolitik
Auszug aus dem Buch
2.2.1 Marktorientierte Verrechnungspreise
Eine Form von Verrechnungspreisen, die aus betriebswirtschaftlichen Zwecken heraus Verwendung in Konzernunternehmen findet, stellen die marktorientierten Verrechnungspreise dar. Zur Bewertung konzerninterner Leistungen wird von der Konzernführung hierbei auf den für diese Leistungen am Markt feststellbaren Preis zurückgegriffen.
Der entscheidende Vorteil des Ansatzes von Marktpreisen ist wohl darin zu sehen, dass sich diese durch die Ableitung aus Marktdaten intersubjektiv nachprüfen lassen und somit einer geringen Manipulationsmöglichkeit unterliegen. So bleiben beispielsweise Informationsvorsprünge der Tochtergesellschaften, die diese bei anderen Verrechnungspreisformen ggf. für opportunistische Zwecke nutzen können, bei einem Einsatz von marktorientierten Verrechnungspreisen ohne Wirkung. Dies trägt wesentlich dazu bei, dass diese Form von Verrechnungspreisen von den einzelnen Konzerngesellschaften als weitestgehend gerecht akzeptiert wird.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung von Verrechnungspreisen als Steuerungs- und Gestaltungsinstrument in internationalen Konzernen ein und umreißt die Struktur der Arbeit.
2 Verrechnungspreise aus betriebswirtschaftlicher Sicht: Dieses Kapitel analysiert die verschiedenen betriebswirtschaftlichen Funktionen von Verrechnungspreisen und stellt unterschiedliche Methoden der Preisbildung sowie deren Vor- und Nachteile dar.
3 Verrechnungspreise aus steuerrechtlicher Sicht: Hier werden die steuerlichen Aspekte erläutert, insbesondere der Fremdvergleichsgrundsatz und die gesetzlichen Anforderungen sowie Methoden zur Ermittlung steuerkonformer Preise.
4 Konflikte zwischen den Verrechnungspreisfunktionen: Dieses Kapitel identifiziert und analysiert die Zielkonflikte, die sich bei der gleichzeitigen Verfolgung von betriebswirtschaftlichen und steuerrechtlichen Zielen innerhalb eines Konzerns ergeben.
5 Lösungsansätze: In diesem Kapitel werden Ansätze wie das Zwei-Kreis-System und die globale formelhafte Gewinnaufteilung als Strategien zur Bewältigung der identifizierten Zielkonflikte diskutiert.
6 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bewertet kritisch die Herausforderung, eine ausgewogene Verrechnungspreispolitik zu implementieren, die sowohl betriebswirtschaftliche als auch steuerliche Anforderungen erfüllt.
Schlüsselwörter
Verrechnungspreise, Internationaler Konzern, Erfolgsermittlung, Koordination, Steueroptimierung, Fremdvergleichsgrundsatz, Verdeckte Gewinnausschüttung, Verdeckte Einlage, Standardmethoden, Gewinnorientierte Methoden, Zielkonflikte, Betriebswirtschaft, Steuerrecht, Gewinnverlagerung, Transferautonomie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht die unterschiedlichen und teils widersprüchlichen Funktionen, die Verrechnungspreise in einem internationalen Konzern erfüllen müssen, wenn sie gleichzeitig betriebswirtschaftlichen Steuerungszwecken und steuerrechtlichen Gewinnabgrenzungsvorgaben dienen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themenfelder sind die betriebswirtschaftliche Steuerung (Koordination und Erfolgsermittlung), die steuerrechtliche Konformität (Fremdvergleichsgrundsatz), die Methoden der Verrechnungspreisbildung und die daraus resultierenden Zielkonflikte.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die systemimmanenten Konflikte zwischen dem Wunsch nach einer effizienten internen Steuerung und den gesetzlichen Anforderungen an eine steuerlich korrekte Gewinnermittlung aufzuzeigen und mögliche Lösungsansätze für Konzerne zu diskutieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine analytische Arbeit, die auf einer fundierten Literaturrecherche und formal-theoretischen Analysen basiert, wobei die Zielkonflikte anhand von Fallbeispielen illustriert und mathematisch sowie betriebswirtschaftlich interpretiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der betriebswirtschaftlichen sowie steuerrechtlichen Perspektive auf Verrechnungspreise, gefolgt von einer detaillierten Analyse der auftretenden Zielkonflikte und der Diskussion möglicher Lösungswege.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Verrechnungspreise, Fremdvergleichsgrundsatz, Steueroptimierung, Zielkonflikte, Erfolgsermittlung und Koordination charakterisiert.
Warum entstehen Zielkonflikte zwischen Koordination und Erfolgsermittlung?
Ein Zielkonflikt entsteht, da eine anreizkompatible Koordination häufig den Einsatz von Grenzkosten als Verrechnungspreis erfordert, während eine verursachungsgerechte Erfolgsermittlung eine andere Kostenbasis (z.B. Vollkosten) favorisiert, was zu einer verzerrten oder unvollständigen Abbildung führt.
Welche Rolle spielt der Fremdvergleichsgrundsatz bei der Methodenauswahl?
Der Fremdvergleichsgrundsatz ist die zentrale Maxime im internationalen Steuerrecht; er schränkt den Gestaltungsspielraum der Unternehmen bei der Preiswahl erheblich ein, da Verrechnungspreise so bestimmt werden müssen, wie sie zwischen fremden Dritten unter gleichen Bedingungen vereinbart worden wären.
Welche Nachteile hat ein Zwei-Kreis-System als Lösungsansatz?
Ein Zwei-Kreis-System erhöht die Komplexität und die Kosten durch den Bedarf an doppelter Dokumentation, Schulungen und erhöhtem Verwaltungsaufwand, zudem birgt es das Risiko, dass die Finanzverwaltung durch die Diskrepanz zwischen den Systemen kritische Nachfragen stellt.
- Arbeit zitieren
- Thomas Wilpert (Autor:in), 2009, Steuerliche versus betriebswirtschaftliche Funktionen von Verrechnungspreisen im internationalen Konzern, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/154591