Auf diese Weise charakterisiert Zola die Ansprüche der Stilrichtung „Naturalismus“. So ist es die Aufgabe, das einzig Wahre und Natürliche hervorzubringen und das bis dahin immer Verdeckte ans Tageslicht zu führen ohne dabei unnötig e Ausschmückungen und subjektive Ansichten zu zeigen. Die Epoche beruht nicht allein auf den Erkenntnissen der Naturwissenschaft, so wie z.B. Charles Darwins Evolutionstheorie, sondern wurde auch stark von der Philosophie des Positivismus beeinflusst. Weiter trugen auch Taine und Comte einen wichtigen Anteil zu der Entwicklung des Naturalismus bei, Comte kam mit Beobachtungen und Experimenten zu einer „positiven“ Methode der Analyse, anstatt auf Spekulationen zu vertrauen. Taine sah als Basis für positivistische Experimente die Einheit der Rasse, des Milieus und des Moments. Diese Aspekte formulierte er in seiner Milieutheorie.
Mit dieser Epoche wird sich die vorliegende Ausarbeitung beschäftigen. Zielsetzung soll es sein, das Drama von J. Schlaf und A. Holz „Die Familie Selicke“ daraufhin zu untersuchen, ob es dem geschichtlichen Hintergrund entspricht und welche Überschneidungen erkenntlich sind. Abschließend soll in der Ausarbeitung zu erkennen sein, ob das Werk „die Familie Selicke“ von Schlaf und Holz ein für die Zeit des 19. Jahrhunderts typisches Werk ist und sich somit exakt an den für diesen Zeitraum charakteristischen Normen und Werten orientiert, oder ob es bereits bestehende Elemente aus der Vorzeit aufgreift.
Um dieses Ziel zu verfolgen, werden zuerst die Merkmale des Naturalismus herausgestellt. Damit wird sich zeigen, inwieweit es den beiden Schriftstellern gelungen ist die Ziele der Epoche umzusetzen. Als Einstieg in die Arbeit dient ein Abriss über die Veränderungen der familiären Situation am Beispiel des Bürgertums.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Naturalismus
2.1 Definition
2.2 Geschichtlicher Hintergrund
2.3 Johannes Schlaf und Arno Holz
2.3.1 Die Zusammenarbeit
2.4 Kennzeichen der Epoche
3 Familie im 19. Jahrhundert
3.1 Bürgertum
3.1.1 Kleinbürgertum
4 Arno Holz und Johannes Schlaf: Die Familie Selicke
4.1 Entwicklung des Stückes
4.2 Inhalt
4.3 Milieu
4.4 Sprache
4.5 Analyse der Akte in Bezug auf familiäre Strukturen
5 Geschichtlicher Hintergrund im Vergleich zum Drama
6 Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die vorliegende Arbeit untersucht das naturalistische Drama „Die Familie Selicke“ von Arno Holz und Johannes Schlaf auf seine Übereinstimmung mit dem historischen Kontext des 19. Jahrhunderts und analysiert, inwieweit die Autoren die epochentypischen Ziele einer wirklichkeitsnahen Darstellung und Milieuanalyse umgesetzt haben.
- Grundlagen und Definition der Literaturepoche Naturalismus
- Soziologische Betrachtung der Familienstrukturen im 19. Jahrhundert
- Analyse der naturalistischen Dramentechnik und des Sekundenstils
- Untersuchung von Milieu und Sprache als Spiegel der sozialen Realität
- Vergleich der fiktiven Familiendarstellung mit zeitgeschichtlichen Lebensverhältnissen
Auszug aus dem Buch
4.3 Milieu
Der erste Akt spiegelt die naturalistische Dramentechnik wider. Wie in den meisten Dramen dieser Zeit ist der Schauplatz die Wohnung der Familie. So wird besonders in der Regieanweisung des ersten Aktes eine ausführliche Schilderung des Milieus dargelegt. Bei der Familie handelt es sich nicht um eine typische Arbeiterfamilie, denn zum einen wird der Vater als ein Buchhalter eingeführt und zum anderen gibt es viele Anzeichen in der Regie, dass es sich um ein Kleinbürgertum handelt. So wird deutlich, dass die Familie mit materiell eingeschränkten Möglichkeiten lebt; die Wohnung ist dargestellt als mäßig groß und bescheiden eingerichtet. Ebenfalls wird sie durch Zwirngardinen beschrieben und das Sofa soll „vergilbt“ sein. Die beschränkte und nur auf die eigene kleine Welt bezogene Weltansicht wird durch das Betonen der Familienfotos kenntlich gemacht. So scheint kein weiterer Kontakt zur Außenwelt gegeben zu sein. Die Normen für Sauberkeit und Ordnung scheinen hergestellt, da alles akkurat an seinem Platz steht.
Auf der anderen Seite verrät das Wohnzimmer der Familie Selicke das Streben nach bürgerlicher Repräsentanz, welche allerding durch folgende Elemente gebrochen wird: Zum einen durch die zwei Gipsstatuetten von Schiller und Goethe, den für das Verhalten von Toni durchaus charakteristischen Stahltisch von Kaulbach (vgl. „Lotte, Brot schneidend“) und die „zwei großen Lithographien in fingerdünnem Goldrahmen“. Doch wie oben beschrieben fehlt es nicht an Hinweisen, dass es sich um eine recht arme Familie handelt. Dieses wird noch einmal durch die Person der Frau Selicke untermalt, indem man sie als „etwas ältlich, vergrämt“ bezeichnet und ihr abgetragene Kleidung, lila Seelenwärmer und eine Hornbrille zuordnet. Wie sich im Laufe der Handlung herausstellt, haben wir es mit einer Kleinbürgerfamilie zu tun, die einem Proletarisierungsprozess ausgesetzt ist und deren Situation sich aus diesem Sinnzusammenhang zu erklären scheint.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Vorstellung der Ziele der Arbeit, die sich mit der Untersuchung des Dramas "Die Familie Selicke" im Kontext des Naturalismus befasst.
2 Naturalismus: Erläuterung der theoretischen Grundlagen, des geschichtlichen Hintergrunds und der künstlerischen Methoden wie des Sekundenstils.
3 Familie im 19. Jahrhundert: Analyse der gesellschaftlichen Verhältnisse, insbesondere der Rolle des Bürgertums und des Kleinbürgertums.
4 Arno Holz und Johannes Schlaf: Die Familie Selicke: Detaillierte Betrachtung des Werks hinsichtlich Entstehungsgeschichte, Inhalt, Milieu, Sprache und struktureller Analyse der Akte.
5 Geschichtlicher Hintergrund im Vergleich zum Drama: Synthese der vorangegangenen Analysen, um Parallelen zwischen der historischen Realität und der literarischen Darstellung aufzuzeigen.
6 Fazit: Zusammenfassende Bewertung, die das Drama als typisches, naturalistisches Werk bestätigt, das die sozialen Missstände und die seelische Isolation der Zeit aufdeckt.
Schlüsselwörter
Naturalismus, Arno Holz, Johannes Schlaf, Die Familie Selicke, Sekundenstil, Milieutheorie, 19. Jahrhundert, Kleinbürgertum, soziales Drama, Literaturwissenschaft, Dramenanalyse, Milieustudie, Realismus, Sozialkritik, Familienstrukturen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert das Drama „Die Familie Selicke“ von Arno Holz und Johannes Schlaf unter Berücksichtigung der theoretischen Anforderungen des Naturalismus.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die naturalistische Ästhetik, die soziokulturelle Lage des Kleinbürgertums im 19. Jahrhundert sowie die Darstellung von Milieu und familiären Zerfallsprozessen.
Welches primäre Ziel verfolgt die Ausarbeitung?
Das Ziel ist der Nachweis, dass das Drama die Ziele des Naturalismus – eine ungeschönte, wirklichkeitsnahe Darstellung – konsequent umsetzt und die realen Lebensverhältnisse der Epoche widerspiegelt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Untersuchung nutzt eine werkimmanente Textanalyse sowie den Abgleich mit literaturtheoretischen Grundlagen und historisch-soziologischen Kontexten des 19. Jahrhunderts.
Was wird im Hauptteil des Werkes thematisiert?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Einführung in den Naturalismus, eine Untersuchung der historischen Familienverhältnisse und eine detaillierte Milieu- und Strukturanalyse des Dramas.
Welche Schlüsselbegriffe prägen die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem der „Sekundenstil“, „Milieutheorie“, „Proletarisierung“, „Soziales Drama“ und „Wirklichkeitsnahe Darstellung“.
Warum wird das Wohnzimmer der Familie Selicke als „Leidensstätte“ bezeichnet?
Weil der Raum sowohl als eng begrenzter Lebensraum fungiert, der die Charaktere einengt, als auch als Sterbezimmer für Linchen und Ort des Scheiterns zwischenmenschlicher Beziehungen dient.
Welche Rolle spielt die Sprache im Stück?
Die Sprache dient als Mittel des Naturalismus, um durch Alltagssprache, Dialekt und „Psycholekt“ die seelische Befindlichkeit und das Milieu der Figuren authentisch abzubilden.
- Arbeit zitieren
- Janina Scheel (Autor:in), 2009, Familienstrukturen im 19. Jahrhundert anhand des Dramas „Die Familie Selicke“ , München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/154553