In der Arbeit geht es um den Zusammenhang von moderner Vergesellschaftung und dem Holocaust. Um die Bedeutung moderner Vergesellschaftung für den eliminatorischen Antisemitismus der deutschen Volksgemeinschaft, für die Vernichtung von 6 Millionen Juden, für die Vernichtung von Sinti und Roma, sogenannten "Untermenschen" und "Lebensunwerten" etc. herauszuarbeiten, wird aus dem Ansatz des Social Engineering von Zygmunt Bauman und den Ausführung Michel Foucaults zu Bio-Macht und Bio-Politik ein analytischer Rahmen konstruiert. Dazu werden beide Ansätz sowie ihre Implikationen bzgl. moderner Vergesellschaftung dargestellt. Anschließend wird am unter anderem Beispiel der Rassenhygiene der analytische Rahmen expliziert.
Im letzten Teil der Arbeit werden im Kontext einer kritischen Gesellschaftstheorie im Sinne der Kritischen Theorie Adorno/Horkheimers et al sowie der Theorie(n) Moishe Postones und anderer marxscher wertformanalytischer und -kritischer Ansätze die Positionen Foucaults und besonders Baumanns kritisiert bzw. deren Leerstellen und Unzulänglichkeiten besonders in der Erklärung des eliminatorischen Antisemitismus aufgezeigt.
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Social Engineering (Bauman) und Biopolitik (Foucault)
Rassenhygiene und Eugenik als Exempel moderner Biopolitik und des Social Engineerings des modernen Staates
Analyse des Holocaust mit Hilfe der Bio-Macht und des Social Engineering
Grenzen der Bio-Macht und des Social Engineerings als Explikation der Shoa, Kritik an beiden Konzeptionen und Ausblick einer möglichen Erweiterung der Analyse des Holocausts
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen moderner Vergesellschaftung, technischer Rationalität und dem Holocaust, indem sie Zygmunt Baumans Konzept des "Social Engineering" mit Michel Foucaults Theorie der "Bio-Macht" verbindet. Das primäre Ziel ist es, den erklärenden Rahmen dieser theoretischen Folie abzustecken, ihre Grenzen bei der Analyse des spezifisch nationalsozialistischen Vernichtungswahns aufzuzeigen und durch eine Perspektive auf den modernen Antisemitismus sowie gesellschafts-konstitutive Arbeitsideologien zu ergänzen.
- Die ordnende Funktion der Moderne und die Rolle der Bürokratie.
- Machttechnologien der Bio-Macht und die Regulierung der Bevölkerung.
- Die historische Genese von Rassenhygiene und Eugenik.
- Das Verhältnis von Arbeit, Antisemitismus und Vernichtung.
- Kritik an der Erklärungsreichweite baumanscher und foucaultscher Konzepte.
Auszug aus dem Buch
Social Engineering (Bauman) und Biopolitik (Foucault)
In Dialektik der Ordnung versucht Zygmunt Bauman soziale, historische, wissenschaftliche und moralische/ethische Aspekte moderner Vergesellschaftung mit dem Holocaust in Verbindung zu bringen bzw. versucht er herauszuarbeiten, wie diese Aspekte die Bedingungen für Auschwitz wurden. Zusammenfassend lassen sich fünf wesentliche Punkte in der Argumentation Baumans konstatieren. (1.) In einem ersten Zug beschreibt Bauman bezugnehmend auf Max Webers Ausführungen zum „Geist des Kapitalismus“, wie die moderne Rationalität als gesellschaftlich durchsetztes Denkprinzip eine Bürokratie entwickelte, welche im NS-Staat die Rolle der planenden und anordnenden Verwaltungsmaschinerie im Vernichtungsprozess einnahm und viele der Täter dadurch auf (räumlich/moralisch) Distanz zu den Opfern brachte. Hieran schließen sich die Ausführungen Baumans in Ambivalenz und Moderne an, in dem er das Entstehen eines spezifisch modernen Geistes, welcher Rationalität und wissenschaftlich-technisches (Ordnungs)Denken umfasst.
(2.) Dem entsprechend ist der folgenden Punkt, die Bedeutung der Wissenschaft und Technik eng mit dem ersten Punkt verknüpft. Bauman versucht nachzuzeichnen, wie mit Wissenschaft und Technik, deren Kategorien, Ordnungen und Terminologien der moderne Geist entsteht und welche Verbindungen zwischen wissenschaftlich-technischem Denken, Rassismus und staatlichen Handeln bestehen. (3.) In einem weiteren wichtigen Punkt bestimmt Bauman als eine Wesensart des modernen Genozids dessen Ausrichtung auf einen höheren Zweck, ein Ziel – der Entwurf einer anderen (besseren) Gesellschaftsordnung mit entsprechenden Konsequenzen. So schreibt Bauman: „Der moderne Massenmord ist von ganz anderer Art. Der moderne Genozid verfolgt ein höheres Ziel. Die Beseitigung des Gegners ist ein Mittel zum Zweck, eine Notwendigkeit, die sich aus der übergeordneten Zielsetzung ergibt: Dieses Ziel ist die Vision einer besseren von Grund auf gewandelten Gesellschaft. Der moderne Genozid ist ein Element des >>Social Engineering<<, mit dem eine soziale Ordnung realisiert werden soll, die dem Entwurf einer perfekten Gesellschaft entspricht.“ Das Social Engineering ist für Bauman das staatliche Walten ähnlich eines Gärtners im Garten. Die Bevölkerung muss geplant, umgepflügt und gestaltet werden wie ein Garten, nützliche Pflanzen gezogen, Unkraut zurückgedrängt oder vernichtet werden; dazu mehr weiter unten.
Zusammenfassung der Kapitel
Vorwort: Einführung in die Problematik des Zusammenhangs von moderner Vergesellschaftung und Holocaust sowie die Vorstellung des methodischen Vorgehens unter Einbezug von Bauman und Foucault.
Social Engineering (Bauman) und Biopolitik (Foucault): Darstellung der fünf zentralen Argumentationspunkte Baumans zur Rolle von Bürokratie, Wissenschaft und Social Engineering sowie Skizzierung der Machtveränderung hin zur Bio-Macht bei Foucault.
Rassenhygiene und Eugenik als Exempel moderner Biopolitik und des Social Engineerings des modernen Staates: Analyse der historischen Entwicklung von Degenerationsdiskursen, Rassenhygiene und Eugenik als Instrumente staatlicher Bevölkerungspolitik.
Analyse des Holocaust mit Hilfe der Bio-Macht und des Social Engineering: Synthese der Ansätze zur theoretischen Durchdringung des NS-Staates und der Transformation von Macht in die Praxis der Vernichtung.
Grenzen der Bio-Macht und des Social Engineerings als Explikation der Shoa, Kritik an beiden Konzeptionen und Ausblick einer möglichen Erweiterung der Analyse des Holocausts: Kritische Reflexion der Erklärungsreichweite, insbesondere hinsichtlich des eliminatorischen Antisemitismus und der spezifisch deutschen Moderne.
Schlüsselwörter
Holocaust, Moderne, Social Engineering, Bio-Macht, Biopolitik, Antisemitismus, Rassenhygiene, Eugenik, Bürokratie, Vernichtungslager, Gesellschaftsanalyse, Arbeitsethos, Disziplinarmacht, Aufklärung, Barbarei.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, inwiefern die Theorien von Zygmunt Bauman und Michel Foucault dazu beitragen können, den Holocaust nicht als Zivilisationsbruch, sondern als logisches Produkt moderner Strukturen und Denksysteme zu verstehen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themenfelder umfassen die Rolle der modernen Bürokratie, die wissenschaftliche Gestaltung der Bevölkerung (Social Engineering), biopolitische Machttechniken sowie die historische Entstehung antisemitischer Arbeitsideologien.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Analysekraft von Baumans Social-Engineering-Ansatz und Foucaults Bio-Macht-Theorie für den Holocaust zu erproben und aufzuzeigen, wo diese Theorien an ihre Grenzen stoßen, wenn es um den spezifischen eliminatorischen Antisemitismus geht.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen diskursanalytischen und theorievergleichenden Ansatz, um historische Fakten mit soziologischen und philosophischen Konzepten der Moderne zu verknüpfen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Entstehung von Rassenhygiene, die biopolitische Steuerung der Bevölkerung sowie das komplexe Verhältnis von Arbeit, Nicht-Arbeit und jüdischer Identität im modernen Antisemitismus.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind insbesondere Bio-Macht, Social Engineering, moderne Vergesellschaftung, Rassenhygiene, eliminatorischer Antisemitismus und Arbeitsethos.
Wie bewertet die Arbeit Baumans Kritik an den Studien zum autoritären Charakter?
Die Arbeit weist Baumans Kritik an Adorno und Horkheimer als teilweise diffamierend zurück und argumentiert, dass Bauman den theoretischen Kontext der Kritischen Theorie missversteht.
Warum reicht das Konzept des Social Engineering allein nicht aus, um den Holocaust zu erklären?
Laut der Arbeit kann Social Engineering zwar die bürokratischen und planerischen Aspekte des Massenmords erklären, lässt jedoch den eliminatorischen Antisemitismus und die psychologische sowie psycho-soziale Dynamik des Tötens unberücksichtigt.
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- Michael Schüßler (Author), 2009, Der Holocaust und die Moderne, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/153817