Anhand der Gruppierung von Staaten in Wohlfahrtstaatsregime nach Esping-Andersen wird der Frage nachgegangen, ob Konfigurationen des Wohlfahrtsstaates die Ausstattung an sozialem Kapital in einem Land erklären können. Zwei Dimensionen sozialen Kapitals, „soziales Vertrauen“ und „Normen der Reziprozität“, werden dabei jeweils als abhängige Variable betrachtet. Aus den spezifischen Merkmalen von Wohlfahrtsstaatstypen werden Hypothesen über ihren Effekt auf die beiden Dimensionen aufgestellt. Zentrale Kategorie zur Erklärung der beiden Dimensionen bildet die wahrgenommene Nähe, Gleichheit der Menschen zu- bzw. untereinander. Es wird unterstellt, dass der Typ wohlfahrtsstaatlicher Institutionen die wahrgenommene Gleichheit der Menschen in einem Land beeinflusst. Darüber hinaus werden zwei weitere, konkurrierende Erklärungsfaktoren betrachtet, von denen angenommen wird, dass sie ebenfalls einen Einfluss auf die wahrgenommene Nähe der Menschen und somit auf die beiden betrachteten Dimensionen sozialen Kapitales haben: Die Einkommensgleichheit sowie die ethnische Heterogenität als ökonomische bzw. sozial-kulturelle Merkmale eines Landes. Die empirischen Befunde zeigen, dass sich der sozialdemokratische Typ von dem korporatistischen und dem liberalen Typ mit signifikant höheren Werten an sozialem Vertrauen unterscheidet. In der zugrunde gelegten Modellierung hat der Faktor Wohlfahrtsstaatstyp als einziger einen Effekt auf soziales Vertrauen. Hinsichtlich Normen der Reziprozität lässt sich für keinen der drei betrachteten Faktoren, Einkommensungleichheit, ethnische Heterogenität und Wohlfahrtsstaatstyp, ein Effekt feststellen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Wohlfahrtsstaatsregime
3. Der Wohlfahrtsstaat als institutionelles Arrangement
4. Dimensionen von Sozialkapital: Soziales Vertrauen und Normen der Reziprozität im Kontext des Wohlfahrtsstaates
5. Soziales Vertrauen und Normen der Reziprozität im Zusammenhang mit Gleichheit
5.1 Normen der Reziprozität in den unterschiedlichen Wohlfahrtsstaatsregimen
5.2 Soziales Vertrauen in den unterschiedlichen Wohlfahrtsstaatsregimen
6. Empirische Befunde
7. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht, inwieweit unterschiedliche wohlfahrtsstaatliche Arrangements die Ausstattung einer Gesellschaft mit Sozialkapital – definiert als soziales Vertrauen und Normen der Reziprozität – erklären können, wobei die wahrgenommene Gleichheit und Nähe der Bürger als zentrale Erklärungsdimension fungiert.
- Typologie der Wohlfahrtsstaatsregime nach Esping-Andersen
- Konzeptualisierung von Sozialkapital als kulturelles Phänomen
- Einfluss von Institutionen auf individuelle Identitätsbildung und Vertrauen
- Konkurrierende Erklärungsfaktoren: Einkommensungleichheit und ethnische Heterogenität
- Empirische Analyse der Zusammenhänge auf Länderebene
Auszug aus dem Buch
3. Der Wohlfahrtsstaat als institutionelles Arrangement
Putnam hat in seiner Studie über Sozialkapital in Italien die Leistungsfähigkeit von Institutionen als durch Soziales Kapital bedingt herausgestellt – starke Gesellschaft bedingt starke Institutionen (Putnam 1993). Die Tatsache, dass auch Institutionen als etwas Eigenständiges umgekehrt auf gesellschaftliche Bedingungen (zurück-)wirken können, wird dabei in den Hintergrund gerückt. Institutionen können breiter aufgefasst werden als bloße Einrichtungen. Sie stellen einen Satz an Regeln und Praktiken dar, verkörpern bestimmte Bedeutungsstrukturen, „structures of meanning“ (March/Olsen 2004, 5) und formen Identitäten, Rollen und normative Überzeugungen (March/Olsen 2004).
Institutionen beeinflussen Überzeugungen, Präferenzen und Verhaltensweisen (Lowndes/Wilson 2001, 632; Soss 1999, 376), sie prägen Vertrauen, Ziele, Bedeutungen von Konzepten wie Demokratie oder Gerechtigkeit (March/Olsen 1989, 164). Die Betonung soll hier auf einem bestimmten Punkt liegen: Institutionen können untergründig wirken und so Haltungen, Erwartungen, Identitäten etc. von Menschen strukturieren. Dies kommt in dem Konzept der „logic of appropriateness“ zum Ausdruck, und zwar als verinnerlichte Standards über die Angemessenheit von (Denken und) Handeln für bestimmte - aber typische, insofern allgemeine - Situationen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Einführung in die Bedeutung von Sozialkapital und die theoretische Fragestellung, ob wohlfahrtsstaatliche Konfigurationen das Sozialkapital einer Gesellschaft beeinflussen können.
2. Wohlfahrtsstaatsregime: Vorstellung der Typologie von Esping-Andersen und Abgrenzung des liberalen, konservativen und sozialdemokratischen Typs hinsichtlich ihrer Strukturmerkmale.
3. Der Wohlfahrtsstaat als institutionelles Arrangement: Theoretische Herleitung der prägenden Wirkung von Institutionen auf das individuelle Verhalten und gesellschaftliche Identitäten.
4. Dimensionen von Sozialkapital: Soziales Vertrauen und Normen der Reziprozität im Kontext des Wohlfahrtsstaates: Definition der abhängigen Variablen im Lichte des Wohlfahrtsstaates und Abgrenzung der kulturellen Aspekte von Sozialkapital.
5. Soziales Vertrauen und Normen der Reziprozität im Zusammenhang mit Gleichheit: Entwicklung der Hypothesen unter Berücksichtigung von Gleichheit, ökonomischen Ungleichheiten und ethnischer Heterogenität.
5.1 Normen der Reziprozität in den unterschiedlichen Wohlfahrtsstaatsregimen: Spezifische Analyse der Erwartungshaltungen an Reziprozität in Abhängigkeit des jeweiligen Wohlfahrtsstaatstyps.
5.2 Soziales Vertrauen in den unterschiedlichen Wohlfahrtsstaatsregimen: Untersuchung, inwieweit unterschiedliche Wohlfahrtsstaatsmodelle soziales Vertrauen fördern oder hemmen.
6. Empirische Befunde: Auswertung der Daten und Prüfung der aufgestellten Hypothesen mittels statistischer Verfahren.
7. Schluss: Zusammenfassung der Ergebnisse und Diskussion zur eigenständigen Rolle des Wohlfahrtsstaatstyps für das soziale Vertrauen sowie Ausblick auf weiteren Forschungsbedarf.
Schlüsselwörter
Sozialkapital, Wohlfahrtsstaatsregime, soziales Vertrauen, Normen der Reziprozität, Esping-Andersen, institutionelles Design, soziale Gleichheit, Einkommensungleichheit, ethnische Heterogenität, politische Kultur, Universalismus, Dekommodifizierung, Institutionentheorie, Solidarität, Welfare State.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der institutionellen Ausgestaltung von Wohlfahrtsstaaten und der Entwicklung von Sozialkapital in verschiedenen europäischen Ländern.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die Arbeit verknüpft Wohlfahrtsstaatstypologien mit Konzepten des Sozialkapitals, wobei insbesondere die Rolle von Gleichheit und sozialen Institutionen für das Vertrauen der Bürger zentral ist.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Arbeit möchte klären, ob unterschiedliche wohlfahrtsstaatliche Arrangements (liberal, korporatistisch, sozialdemokratisch) systematische Unterschiede in der Ausstattung mit sozialem Vertrauen und Reziprozitätsnormen erklären können.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es wird ein theoretisch-deduktiver Ansatz gewählt, der durch eine empirische quantitative Analyse (multivariate Regression und Korrelationsanalysen) basierend auf Daten des World Values Survey und anderen Quellen ergänzt wird.
Was wird im inhaltlichen Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Wohlfahrtsstaatsbegriffs und dessen institutioneller Wirkung sowie die Ableitung und empirische Überprüfung von Hypothesen zu Sozialkapitaldimensionen.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Sozialkapital, Wohlfahrtsstaatsregime, institutionelle Logik, soziales Vertrauen, generalisierte Reziprozität und soziale Gleichheit.
Welchen Einfluss hat das Wohlfahrtsstaatsregime auf das soziale Vertrauen?
Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass insbesondere der sozialdemokratische Wohlfahrtsstaatstyp einen signifikant positiven Effekt auf das soziale Vertrauen der Bürger im Vergleich zu anderen Regimetypen hat.
Können auch Normen der Reziprozität durch den Wohlfahrtsstaat erklärt werden?
Nein, die empirische Analyse zeigt für die untersuchten Normen der Reziprozität keine signifikanten Effekte, die eindeutig auf den Wohlfahrtsstaatstyp zurückgeführt werden könnten.
Warum spielt die Variable "Gleichheit" eine so wichtige Rolle?
Die Arbeit postuliert, dass Institutionen durch das Ausmaß der von ihnen geförderten Gleichheit das Bild der Bürger vom "Anderen" als Mitbürger prägen, was wiederum die Bereitschaft zu Vertrauen und Reziprozität beeinflusst.
Gibt es alternative Erklärungsfaktoren für soziales Kapital?
Ja, die Arbeit prüft zudem den Einfluss von Einkommensungleichheit und ethnischer Heterogenität, kommt jedoch zu dem Schluss, dass der Wohlfahrtsstaatstyp eine eigenständige, signifikante Rolle spielt.
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- Pascal König (Author), 2008, Wohlfahrtsstaatsregime und Sozialkapital, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/153777