Dieser Essay setzt sich mit der (Re)produzierung von Wissen auseinander, insbesondere mit den historischen Hintergründen, welche eine eurozentristische Wissensperspektive weltweit ausbreiten und als "Standard" einführen konnten. Mit Blick auf Mignolo und Walsh werden alternative Perspektiven auf Wissen betrachtet, welche gegen Universalismus und Totalität aber für Pluriversalismus und Dekolonialität plädieren.
Wissen ist (so meine Behauptung) notwendig für unser Überleben und unsere Entwicklung als menschliche Gattung wie auch als Gesellschaft und Individuen. Wenn wir der These folgen, dass Wissen zunächst etwas ist, ohne das wir nicht auskommen (es sei zunächst dahingestellt wie dieses Wissen konkret aussieht oder welche Interpretation von Wissen gemeint ist, da folgende Überlegungen den Anspruch erheben sich allgemein übertragen zu lassen) stellt sich mir die Frage, wie und wo sich Wissen entwickelt, produziert und reproduziert und welches Wissen vermittelt, gelehrt und genutzt wird, um unsere Welt „verstehen“ zu können. Greifen wir auf unser erlerntes Wissen aus allen möglichen (formalen, nicht-formalen und informellen) Lernsituationen zurück und betrachten den Begriff der Kolonialität, so schließen wir – vorausgesetzt wir haben uns nicht zufällig bereits mit dieser Thematik auseinandergesetzt - vermutlich zunächst keinen direkten Zusammenhang zwischen Wissen und Kolonialität.
Inhaltsverzeichnis
1. Essay
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit verfolgt das Ziel, das Konzept der Dekolonialität von Wissen zu untersuchen und aufzuzeigen, wie eine pluriversale Perspektive dazu beitragen kann, eurozentristische Wissensstrukturen aufzubrechen und ein neues Verständnis für die Welt zu entwickeln.
- Zusammenhang zwischen Kolonialität und der Entwicklung von Wissensstrukturen
- Die Rolle von Epistemiziden bei der Vernichtung von Wissen
- Kritik an der westlichen Totalität des Wissens und dem Universalitätsanspruch
- Das Konzept der Relationalität (Vincularidad) als dekolonialer Ansatz
- Die Bedeutung der Dekolonialität für die Überwindung des Anthropozentrismus
Auszug aus dem Buch
Eurozentrismus/Totalität des Wissens/Colonial Matrix of Power
Der Begriff des Eurozentrismus als „epistemisches Phänomen“ entstand aus der lokalen Verortung der Akteure, welche es schafften, ihre eigene Weltsicht als universal darzustellen (Mignolo & Walsh, 2018, S. 194). Mit diesem Universalitätsanspruch kann schon erahnt werden, was Mignolo & Walsh (2018, S. 194 – 208) mit „totality of knowledge“, also der Totalität des Wissens meinen. Das Problem liegt nämlich nicht darin, sich als Mittelpunkt der Welt wahrzunehmen, sondern die Welt nach dem eigenen Anspruch angleichen zu wollen (und dies auch mit gewaltvollen Mitteln durchzusetzen) (Mignolo & Walsh, S. 194).
Der Anspruch, dass die eurozentristische Wissensperspektive alles abdecken würde, führte unweigerlich zu einer Abwertung anderer Wissenspraktiken. Die colonial matrix of power beschreibt als Begriff diese Selektion von dem, was wir sehen, glauben, akzeptieren und genießen sollen zu einer „Fiktion einer einzelnen Totalität“ (Mignolo & Walsh, 2018, S. 196). Grundlage für diese Totalität ist die epistemische Differenzierung zwischen einem wissenden Subjekt und einem gewussten Objekt. „The assumption that knowledge is based on a subject/object relation suddenly made the rest of the world an extended object of European knowledge“ (Mignolo & Walsh, 2018, S. 200).
Zusammenfassung der Kapitel
Essay: Das Kapitel führt in die Thematik ein, analysiert die historische Zerstörung von Wissen durch Epistemizide und diskutiert das Konzept der Dekolonialität als Weg zu einem pluriversalen Verständnis von Welt und Wissen.
Schlüsselwörter
Dekolonialität, Wissen, Kolonialität, Epistemizid, Eurozentrismus, Pluriversum, Wissensstrukturen, Relationalität, Vincularidad, Universalitätsanspruch, Macht, Anthropozentrismus, Kolonialisierung, Genozid, Moderne.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der vorliegenden Arbeit im Kern?
Die Arbeit befasst sich mit der Dekolonisierung von Wissen und untersucht, wie eurozentristische Weltsichten und Machtstrukturen das globale Verständnis von Wissen geprägt und andere Epistemologien unterdrückt oder vernichtet haben.
Welche zentralen Themenfelder stehen im Fokus?
Zentrale Themen sind die Geschichte der Wissensproduktion, die Wirkung der "Colonial Matrix of Power", der Widerstand gegen den Universalitätsanspruch westlicher Wissenschaft und die theoretische Fundierung eines Pluriversums.
Was ist das primäre Ziel des Essays?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, wie ein dekolonialer Ansatz nicht nur koloniale Strukturen in Bildung und Forschung kritisiert, sondern aktiv dazu beiträgt, unsere Weltsicht durch die Vernetzung vielfältiger Wissensformen zu transformieren.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse herangezogen?
Es handelt sich um eine theoriegeleitete Ausarbeitung, die auf diskursiven Analysen und Ansätzen führender dekolonialer Theoretiker wie Mignolo, Walsh und Grosfoguel basiert.
Was sind die inhaltlichen Schwerpunkte des Hauptteils?
Der Hauptteil behandelt die historische Herleitung des Epistemizids, die Kritik am modernen Wissensmonopol sowie die Bedeutung der "Vincularidad" für ein relationales Verständnis zwischen Mensch, Natur und Kosmos.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich der Essay charakterisieren?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Dekolonialität, Epistemizid, Eurozentrismus, Pluriversum und Relationalität inhaltlich verorten.
Was versteht man in diesem Kontext unter dem Begriff "Epistemizid"?
Ein Epistemizid beschreibt, basierend auf Boaventura de Sousa Santos, das systematische Auslöschen von Wissen anderer Kulturen und Gesellschaften durch koloniale Mächte, wie etwa die Zerstörung von indigener Literatur oder die Vernichtung von überliefertem oralen Wissen.
In welchem Zusammenhang stehen koloniale Macht und die moderne Universität?
Die Autorin argumentiert, dass heutige westlich geprägte Universitäten auf den epistemischen Strukturen der "vier Genozide/Epistemizide des 16. Jahrhunderts" aufbauen und diese durch einen exklusiven Universalitätsanspruch perpetuieren.
- Arbeit zitieren
- Marie Gerlach (Autor:in), 2024, Die Dekolonialisierung von Wissen. Wie eine pluriversale Perspektive die Welt verändern kann, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1508839