Diese Arbeit befasst sich mit dem Stigma-Management des Ich-Erzählers im „Lazarillo de Tormes“, dem ersten pikarischen Roman, der als Prototyp für Romane dieser Gattung gilt.
Der Ich-Erzähler des Romans betreibt „Stigma-Management“. Eine Definition der soziologischen Theorie des Stigma-Managements, die auf Erving Goffman zurückgeht, wird im ersten Kapitel dieser Arbeit geliefert. Der Ich-Erzähler im „Lazarillo“ schreibt rückblickend seine Lebensgeschichte aus der Perspektive eines erwachsenen und korrupten Mannes auf, um sich vor einer über ihm stehenden, namentlich nicht benannten, aber mit „Vuestra Merced“ adressierten Person zu rechtfertigen. Bereits diese Tatsache lässt den Ich-Erzähler als unzuverlässig erscheinen, was sich bei genauer Betrachtung des Textes bestätigen wird. Auf die Problematiken, die die „Rechtfertigungsgeschichte“ des Ich-Erzählers mit sich bringt, wird im zweiten Kapitel der Arbeit näher eingegangen, bevor im darauffolgenden Kapitel das Stigma-Management des Ich-Erzählers auf der Grundlage des dritten Kapitels des „Lazarillo“ untersucht wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Stigma-Management
3. Die Problematik des Ich-Erzählers im „Lazarillo de Tormes“
4. Stigma-Management des Ich-Erzählers im Tractado tercero
5. Der narrative „Bruch“ zwischen den Tractados 1 bis 3 und 4 bis 7
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Stigma-Management des Ich-Erzählers in dem pikarischen Roman „Lazarillo de Tormes“. Dabei wird analysiert, wie der Erzähler mittels strategischer Selbstdarstellung und Verschleierung versucht, seine niedere Herkunft und moralische Defizite gegenüber einer höheren Instanz sowie dem Leser zu rechtfertigen.
- Anwendung der soziologischen Identitätstheorie von Erving Goffman auf einen fiktionalen Text.
- Analyse der unzuverlässigen Erzählperspektive und retrospektiven Dopplung des Ich-Erzählers.
- Untersuchung der narrativen Strategien zur Täuschung und Identitätspolitik im „Lazarillo de Tormes“.
- Betrachtung der sozialen Aufstiegsmechanismen und der prekären Abhängigkeiten des Protagonisten.
Auszug aus dem Buch
4. Stigma-Management des Ich-Erzählers im Tractado tercero
Die ersten drei Kapitel bilden die Grundlage für das pikarische Erzählen, die eigentliche Schilderung des Falles tritt hier in den Hintergrund. Stattdessen lenkt der Erzähler die Aufmerksamkeit auf die Kindheit des Protagonisten Lazaro, welchen er mit dem Diminutiv „Lazarillo“ benennt. Auf den eigentlichen „Fall“ kommt er erst im letzten Kapital zu sprechen. Neben dem Fakt, dass die ersten drei Kapitel 81% des Gesamttextes im Roman ausmachen, verfolgt der Erzähler die Absicht, Vuestra Merced als auch die Leserschaft dazu zu bringen, mit Lazarillo zu sympathisieren, sich mit ihm zu identifizieren – kurzum die kritische Distanz zu dem Erzähler zu verlieren. Die Schilderung der schwierigen Kindheit, welche von Armut, Hunger, Heuchelei, Treuebruch und körperlicher Gewalt sowie von Arglist seiner Herren geprägt ist, soll erklären, wie Lazaro zu dem korrupten und opportunistischen Mann geworden ist, der er zu dem Zeitpunkt der Niederschrift ist.
Im Mittelpunkt stehen zwei traumatische Erlebnisse, die den jungen Lazarillo zu der Einsicht führen, dass man in der ihn umgebenden Gesellschaft nur mit Lügen, List und Betrügereien überleben kann, nämlich das Inititationserlebnis und der Schock Lazarillos über die Desertion des Escuderos. Diese Erlebnisse führen dazu, dass der aufgrund seiner Armut und niederen Herkunft stigmatisierte Lazarillo lernt zu täuschen. Nach Goffman ist das Täuschenlernen, d.h. Stigma-Management zu betreiben, „eine Phase in der Sozialisation der stigmatisierten Person“, welche gleichzeitig „einen Wendepunkt in ihrem moralischen Werdegang“ darstellt. Da es sich bei der rückblickend erzählten Kindheit um eine Rechtfertigungsgeschichte für den eigentlichen Fall handelt, betreibt der Ich-Erzähler bereits zu Romanbeginn Stigma-Management und führt dies bis zum Romanende, in dem Lazaro gleichzeitig Erzähler und Protagonist ist, weiter.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung der Problemstellung und Einbettung des Romans „Lazarillo de Tormes“ als Prototyp des pikarischen Romans im Kontext des Stigma-Managements.
2. Stigma-Management: Theoretische Grundlegung durch Definition von Goffmans Begriffen der sozialen, persönlichen und Ich-Identität und deren Bezug zur Täuschung.
3. Die Problematik des Ich-Erzählers im „Lazarillo de Tormes“: Erörterung der unzuverlässigen Erzählweise und der notwendigen Distanz zwischen dem erlebenden und dem erzählenden Ich.
4. Stigma-Management des Ich-Erzählers im Tractado tercero: Konkrete Analyse der Täuschungsmechanismen und Kindheitserlebnisse, die Lazaro zum opportunistischen Handeln bewegen.
5. Der narrative „Bruch“ zwischen den Tractados 1 bis 3 und 4 bis 7: Untersuchung stilistischer Veränderungen nach dem dritten Kapitel und des sozialen Aufstiegs des Erzählers.
6. Fazit: Zusammenfassende Bewertung der Stigma-Management-Strategien des Erzählers als Rechtfertigungsinstrument gegenüber den verschiedenen Adressaten.
Schlüsselwörter
Lazarillo de Tormes, Pikarischer Roman, Stigma-Management, Erving Goffman, Identitätspolitik, unzuverlässiges Erzählen, Rechtfertigung, Schelmenroman, Narratologie, soziale Identität, Täuschung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, mit welchen erzählerischen Mitteln der Protagonist Lazaro versucht, seine unvorteilhafte soziale Lage und sein moralisches Fehlverhalten vor einer fiktiven höheren Instanz zu rechtfertigen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Identitätstheorie nach Erving Goffman, die Funktionsweise des Stigma-Managements sowie die literarische Analyse des Pikaroromans.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie Lazaro durch Strategien der Verschleierung und gezielten Selbstdarstellung versucht, sein Stigma der Armut und Herkunft aktiv zu managen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit verknüpft literaturwissenschaftliche Textanalyse mit der soziologischen Theorie zum Stigma-Management, um das Verhalten des Ich-Erzählers zu dekonstruieren.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die erzählerische Dopplung, die Kindheitserlebnisse des Protagonisten und die spezifischen Täuschungstechniken im dritten Kapitel des Romans.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Begriffe wie Pikarischer Roman, Schelmenroman, Identitätspolitik, Unzuverlässigkeit, Rechtfertigung und soziale Identität sind zentral für die Argumentation.
Warum ist der Ich-Erzähler als unzuverlässig einzustufen?
Lazaro schreibt seine Lebensgeschichte aus der Distanz eines erwachsenen, korrupten Mannes heraus, um sich vor einer namentlich genannten, höhergestellten Person zu rechtfertigen, was seine Darstellung subjektiv und strategisch verzerrt macht.
Welche Rolle spielt das „Tractado tercero“ für die Arbeit?
Dieses Kapitel dient als zentrale Fallstudie, um zu zeigen, wie Lazaro erlernt, sein Stigma durch Kleidung und das Verschweigen der Wahrheit zu verbergen, um in der städtischen Gesellschaft zu überleben.
- Arbeit zitieren
- Anonym (Autor:in), 2014, Wie betreibt der Ich-Erzähler im pikarischen Roman "Lazarillo de Tormes" Stigma-Management?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1504948