Dieses Thesenpapier untersucht zwei zentrale Themenfelder: Organisationales Lernen und die Beziehung zwischen Behinderung und Institutionen. Im ersten Teil werden grundlegende Thesen zum Organisationalen Lernen vorgestellt, basierend auf den Arbeiten von Chris Argyris und Donald A. Schön. Lernen wird dabei als Veränderung der handlungsleitenden Theorien einer Organisation verstanden, mit einer pädagogischen Perspektive, die den Lernprozess als ganzheitlich und erfahrungsbasiert begreift. Das Lernen wird zudem in verschiedene Dimensionen wie Wissen, Können und Leben-Lernen ausdifferenziert. Der zweite Teil behandelt die Konzepte der Disability Studies, die Behinderung in medizinischen, sozialen und kulturellen Modellen verorten. Es wird die Wechselwirkung von Organisation und Institution analysiert, wobei Institutionen als normativ geprägte Regelsysteme verstanden werden, die Veränderungsprozesse in der Behindertenhilfe beeinflussen und teilweise behindern können.
Inhaltsverzeichnis
Thema 1: Organisationales Lernen
These 1: Gemäß Chris Argyris und Donald A. Schön vollzieht sich Organisationales Lernen in der Veränderung der handlungsleitenden Theorien einer Organisation.
These 2: In einer pädagogischen Sicht auf Organisationales Lernen wird Lernen als ganzheitlicher, erfahrungsbasierter, mustermimetischer Prozess verstanden.
These 3: Organisationales Lernen kann ausdifferenziert werden in Wissen-, Können-, Leben- und Lernen-Lernen.
Thema 2: Behinderung & Institution
These 1: In den Disability Studies wird unterschieden zwischen einem individuell-medizinischen, einem sozialen und einem kulturellen Modell von Behinderung.
These 2: In Anlehnung an ein institutionelles Organisationsverständnis kann Organisation definiert werden als ein konkretes menschliches Sozialgebilde, das aus Mitgliedern, Regeln, Artefakten und Prozeduren besteht und „sich als kulturelle Praxis generiert und (re)aktualisiert“.
These 3: Eine empirische Sichtung zeigt, dass trotz bereits geschehener, erfolgreicher Veränderungsprozesse in wohnbezogenen Diensten für behinderte Menschen das Wesen der Hilfen einer gewissen Veränderungsresistenz unterliegt.
Zielsetzung & Themen
Das Dokument dient der theoretischen Auseinandersetzung mit den Konzepten des organisationalen Lernens sowie der institutionellen Rahmung von Behinderung, um die Dynamiken von Veränderungsprozessen in sozialen Organisationen besser zu verstehen und kritisch zu hinterfragen.
- Kognitive vs. pädagogische Ansätze organisationalen Lernens
- Differenzierung von Lernarten (Wissen, Können, Leben, Lernen-Lernen)
- Modelle von Behinderung (individuell-medizinisch, sozial, kulturell)
- Institutionelle Beharrlichkeit in der Behindertenhilfe
- Verhältnis zwischen Organisation und Umwelt
Auszug aus dem Buch
Theorie- und Methodendiskurs zum Organisationalen Lernen
Die sogenannten handlungsleitenden Theorien sind Denkvorstellungen über die Organisation und über die Selbstbeschreibung der Mitglieder, die in den Köpfen der einzelnen Mitglieder vorhanden sind. Zur handlungsleitenden Theorie der ganzen Organisation wird eine solches Denkmuster erst dann, wenn die einzelnen privaten Bilddarstellungen der Mitglieder kollektiv in einem permanenten Austauschprozess aufeinander abgestimmt werden und ggf. in Form von Artefakten, die eine Hinweisfunktion auf die handlungsleitenden Theorien haben, dargestellt sind.
Eine handlungsleitende Theorie besteht aus der Annahme, dass in einer bestimmten Situation S eine konkrete Aktionsstrategie A zu einem bestimmten Ergebnis E führt. Außerdem beinhaltet eine handlungsleitende Theorie gewisse Werte sowie ein bestimmtes Weltmodell. In Form ihrer handlungsleitenden Theorien stellt eine Organisation also das Wissen über die Strategien zur Bewältigung von Aufgaben dar.
Man unterscheidet zwischen vertretenen Theorien (espoused theory), also die Aktionstheorie, die von Vertretern der Organisation offiziell als Erklärung und Rechtfertigung für ihr Handeln angegeben wird, und handlungsleitenden Theorien (theory-in-use), die das Handeln tatsächlich lenken und die nicht immer explizit artikuliert werden.
Zusammenfassung der Kapitel
Thema 1: Organisationales Lernen: Dieses Kapitel erläutert die Lerntheorien von Argyris & Schön sowie den erweiternden pädagogischen Ansatz nach Göhlich und differenziert zwischen verschiedenen Lernmodi in Organisationen.
Thema 2: Behinderung & Institution: Hier werden unterschiedliche Modelle von Behinderung sowie das Wechselverhältnis von Organisationen und Institutionen analysiert, mit besonderem Fokus auf die Veränderungsresistenz stationärer Wohnformen in der Behindertenhilfe.
Schlüsselwörter
Organisationales Lernen, handlungsleitende Theorien, Pädagogik, Disability Studies, Behinderung, institutionelle Beharrlichkeit, Eingliederungshilfe, Wissenserwerb, Theorie-in-Use, Deinstitutionalisierung, soziale Organisation, Lernprozesse, Individuelles Modell, Soziales Modell.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Thesenpapier grundsätzlich?
Es geht um die theoretische Fundierung organisationaler Lernprozesse und deren Anwendung auf institutionelle Strukturen im Bereich der Behindertenhilfe.
Was sind die zentralen Themenfelder des Textes?
Die zentralen Felder sind die Organisationspädagogik, Diskurse der Disability Studies sowie die Analyse von Veränderungsprozessen in sozialen Diensten.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es, die Wechselwirkungen zwischen organisationalen Lernprozessen und den normativen Vorgaben etablierter Institutionen aufzuzeigen.
Welche wissenschaftlichen Perspektiven werden genutzt?
Der Autor stützt sich primär auf organisationspädagogische Theorien (Argyris, Schön, Göhlich) sowie auf kultur- und sozialwissenschaftliche Konzepte der Disability Studies.
Was wird im Hauptteil inhaltlich behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erörterung der Lernmodi und eine kritische Analyse der Behindertenhilfe hinsichtlich ihrer institutionellen Beharrlichkeit.
Welche Begriffe charakterisieren diese Arbeit am besten?
Die Arbeit wird maßgeblich durch die Begriffe "Handlungsleitende Theorien", "Doppelschleifen-Lernen" und "Institutionelle Beharrlichkeit" definiert.
Wie unterscheidet sich das "soziale Modell" vom "individuell-medizinischen Modell" bei der Betrachtung von Behinderung?
Das medizinische Modell verortet das Problem der Behinderung in der individuellen Funktionsstörung, während das soziale Modell Behinderung als Produkt gesellschaftlicher Barrieren und sozialer Organisation begreift.
Warum ist das Angebot an stationären Betreuungsplätzen in der Eingliederungshilfe trotz gesetzlicher Vorgaben so dominant geblieben?
Die Arbeit führt dies auf die "institutionelle Beharrlichkeit" zurück, bei der gesellschaftlich etablierte Normen und Werte die punktuellen Veränderungsversuche im System überlagern.
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- Katharina Schröders (Author), 2019, Thesen zur Theorie des Organisationalen Lernens und den Grundannahmen der Disability Studies, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1494903