Ulrichs von Liechtensteins "Frauendienst" ist ein mittelhochdeutscher Roman, der die Bedeutung von Körperlichkeit und Grenzüberschreitungen thematisiert. In seiner vergeblichen Werbung um eine schöne Hofdame setzt der Ritter Ulrich seinen Körper vielfältig ein, oft auf grenzwertige und sogar ekelerregende Weise. Diese Darstellung des Ekels ist in der mittelalterlichen Literatur ungewöhnlich und wenig erforscht. Diese Hausarbeit untersucht die Ekeldarstellungen in "Frauendienst", analysiert entsprechende Szenen und erörtert deren Bedeutung und Wirkung auf die Handlung. Dabei wird auch auf die höfischen Ideale und deren Bezug zu Ekel eingegangen. Ziel ist es, neue Perspektiven auf den Ekel in der höfischen Kultur zu gewinnen und dessen Einfluss auf die Beziehung zwischen Ulrich und der Hofdame sowie auf Ulrichs Charakterentwicklung zu verstehen. Die Arbeit stützt sich hauptsächlich auf Rüdiger Schnells Forschung zur Rolle des Ekels in der höfischen Kultur und begrenzt sich auf Ulrichs ersten Dienst.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Ästhetik und Ekel
2.1 Höfische Ideale
2.2 Ekel im Mittelalter
3. Ekelszenen im Frauendienst
3.1 Das Waschwasser
3.2 Die Mundoperation
3.3 Die Aussatzepisode
4. Ekel vs. Minne und Ekel vs. Ulrich
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die bisher wenig erforschte Darstellung des Ekels in Ulrichs von Liechtenstein „Frauendienst“. Ziel ist es, die Funktion des Ekligen in verschiedenen Schlüsselszenen zu analysieren, deren Bedeutung für den Gesamtkontext zu deuten und zu erörtern, wie der Protagonist Ulrich diese Grenzen überschreitet, um seine Identität und sein Verhältnis zur Minnedame zu definieren.
- Analyse höfischer Ideale und deren Konfrontation mit dem Ekel
- Untersuchung von Ekelszenen (Waschwasser, Mundoperation, Aussatzepisode)
- Interpretation der Ekelüberwindung und deren Einfluss auf die Libido
- Diskussion der Identitätsbildung Ulrichs durch das Ekel-Erleben
- Deutung der Rolle der Frau als begehrtes und ambivalentes Objekt
Auszug aus dem Buch
3.2 Die Mundoperation
Der Ritter Ulrich führt mehrere Unternehmungen durch, um Kontakt zur vrouwe herzustellen. Doch hier stößt er auf Hindernisse, als seine Herrin ihn kritisierte: sîn ungefüege stênter munt. / […] der stât im übel (FD V. 80,6 & 8). Verwiesen wird hier also auf ein körperliches Merkmal. Der entstellte Mund ist hierbei metaphorisch für die fehlende Kompetenz im höfischen Reden zu sehen und die „Kritik [wird] an der unpassenden Rede unversehens in die Bemängelung eines physischen Makels überführt“20. Die angemessene und schöne Sprache gehört demnach ebenfalls zu den höfischen Idealen, die Ulrich nicht zu beherrschen scheint.21 Stattdessen versteht er den Vorwurf in diesem Zusammenhang nicht. Er nimmt diesen sogar wortwörtlich und beschließt daraufhin, sich seinen Mund operativ und „brutal der höfischen Norm“22 anpassen zu lassen: der lefs, der ich drîe hân, / der will ich einen snîden dan (FD V. 91,7 f.). Aus Sicht Ulrichs ist er vermutlich der Auffassung, dass sich die vrouwe vor ihm ekeln könnte, denn „Ekel ist die emotionale Reaktion auf krasse Formen des Unförmigen, Entstellten, Hä[ss]lichen“23. Schnell zufolge ist das Gefühl, bei seinen Mitmenschen Ekel empfinden auszulösen, sogar weitaus schlimmer als das eigene Ekelempfinden24. Dies könnte Ulrich zu dieser Entscheidung hinsichtlich der Mundoperation motiviert haben, um so seine Chancen, akzeptiert zu werden, zu steigern.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die Problemstellung ein und motiviert die Untersuchung des Ekels in Ulrichs von Liechtenstein „Frauendienst“ als bislang wenig erforschtes Thema.
2. Ästhetik und Ekel: Dieses Kapitel erläutert die höfischen Schönheitsideale und definiert den Begriff des Ekels als starkes Affekt-Wahrnehmungssystem in der vormodernen Zeit.
3. Ekelszenen im Frauendienst: Hier werden die drei zentralen Episoden – Waschwasser, Mundoperation und Aussatzepisode – detailliert analysiert und hinsichtlich ihrer Bedeutung für Ulrichs Verhalten interpretiert.
4. Ekel vs. Minne und Ekel vs. Ulrich: Dieses Kapitel beleuchtet den Zusammenhang zwischen Ekel, Libido und Identitätsbildung sowie die Rolle der Minnedame als ambivalentes Objekt.
5. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt die Steigerung des Ekels im Werk als zentrales Element zur Charakterisierung Ulrichs.
Schlüsselwörter
Frauendienst, Ulrich von Liechtenstein, Ekel, Mittelalter, Höfische Ideale, Minne, Körperlichkeit, Identität, Aussatzepisode, Waschwasser, Mundoperation, Rüdiger Schnell, Affekt, Ästhetik, Literaturwissenschaft.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Bedeutung und die Darstellung des „Ekligen“ im mittelhochdeutschen Roman „Frauendienst“ von Ulrich von Liechtenstein.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die höfische Kultur, der Zusammenhang von Ästhetik und Hässlichkeit sowie das menschliche Ekelempfinden in der Vormoderne.
Was ist das primäre Forschungsziel?
Ziel ist es aufzuzeigen, mit welchem Ziel Ulrich von Liechtenstein körperliche Ekelgrenzen überschreitet und wie sich dies auf seine Beziehung zur Minnedame auswirkt.
Welche wissenschaftliche Methodik wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die literaturwissenschaftliche Analyse von Textstellen im Kontext der Forschungsmethoden von Rüdiger Schnell zur Emotionsgeschichte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Analyse konkreter Ekelszenen wie das Trinken von Waschwasser, eine operative Mundkorrektur sowie eine Episode unter Leprakranken.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Ekel, Frauendienst, Identität, Körperlichkeit und höfische Ideale charakterisieren.
Warum trinkt Ulrich von Liechtenstein das Waschwasser der Dame?
Dies geschieht laut Arbeit, um indirekt körperliche Nähe zu seiner Herrin herzustellen, da jede Form der körperlichen Spur der idealisierten Dame als kostbar gilt.
Welche Rolle spielt die „Aussatzepisode“ für die Argumentation?
Sie wird als Höhepunkt der Ekeldarstellungen identifiziert, in welcher Ulrich durch Distanznahme und Zweifel an der Dame beginnt, seine eigene Identität vom Begehren zu lösen.
Inwiefern beeinflusst der Ekel Ulrichs Identität?
Der Ekel fungiert als Selbstschutzmechanismus; durch die Überwindung des Ekels und die spätere Distanzierung kann Ulrich seine eigene Identität festigen und sich vom blinden Begehren lösen.
- Quote paper
- Celine Seufert (Author), 2024, Die Rolle des Ekels in Ulrichs von Liechtensteins "Frauendienst". Eine Analyse der Körperlichkeit und Grenzüberschreitungen, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1494364