Eine der Facetten des Werks Thomas Manns ist die menschliche Existenz als Künstler, die sich nur zu oft, wie es besonders dem Signum der Dekadenzliteratur entspricht, als konfliktuöses Dasein zur bürgerlichen Existenz dechiffriert. Eine solche Verhandlung findet man auch in dem dieser Untersuchung zugrunde liegenden Werk Manns: seinem "Tonio Kröger".
Die folgende Arbeit soll den Themenkomplex des Künstlerdaseins und des bürgerlichen Lebens, sowie ihre konfliktuöse Beziehung zueinander, gebündelt in der Figur des Tonio Kröger, nachzeichnen. Hierbei gilt es, aufzuzeigen, anhand einer textsukzessiven Herangehensweise, wann und wie die beiden Daseinsformen in der Novelle aufeinandertreffen und wie sich die Beziehung zwischen beiden während der Erzählung entwickelt.
Hierzu werden die vier grundlegenden Etappen der Novelle, wie sie auch im Text aufeinander folgen, einer genaueren Untersuchung unterzogen. Es sind dies die Jugendjahre des Tonios, dann die Abkehr vom Bürgerlichen hin zum Künstlerischen während seines Aufenthalts im Süden, später die Reflexion seines Künstlerdaseins während des zentralen Gespräches mit seiner Künstlerfreundin Lisaweta Iwanowna und die letztliche Einsicht zu seiner Situation während seiner Reise in den Norden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Bürgertum und Künstlertum – Thomas Manns Auffassung eines literaturgeschichtlichen Konflikts
3. Der Konflikt zwischen Bürgertum und Künstlertum im Tonio Kröger
3.1 Tonios Jugend
3.2 Tonios Reise in den Süden
3.3 Das Gespräch mit Lisaweta Iwanowna
3.4 Die Reise in den Norden
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht den zentralen Konflikt zwischen bürgerlicher Existenz und Künstlertum in Thomas Manns Novelle Tonio Kröger, wobei sie die innere Zerrissenheit des Protagonisten und seine Entwicklung als "Bürger auf Irrwegen" nachzeichnet.
- Analyse des literaturgeschichtlichen Konflikts zwischen Bürgertum und Künstlertum
- Untersuchung der psychologischen Entwicklung des Protagonisten Tonio Kröger
- Darstellung der gegensätzlichen Lebenswelten von "Geist" und bürgerlicher "Normalität"
- Reflektion über Künstlerschaft, Entfremdung und Sehnsucht
- Die Synthese des "Zwischenweltlichen" als Rechtfertigung der Künstlerexistenz
Auszug aus dem Buch
3.1 Tonios Jugend
Dem Leser wird Tonio Kröger erstmals als vierzehnjähriger Knabe vorgestellt, der, als soeben der Schultag zu Ende war, auf seinen Freund Hans Hansen wartet. Das Zusammentreffen der beiden Schulfreunde entwickelt bereits zu Beginn der Erzählung den leitmotivischen Konflikt zwischen Bürgertum und Künstlertum. Hans Hansen, der unter der „dänischen Matrosenmütze“ einen „Schopf […] bastblonden Haares“ trug, „war außerordentlich hübsch und wohlgestaltet, breit in den Schultern und schmal in den Hüften, mit freiliegenden und scharfblickenden stahlblauen Augen“ (Ebd.). Dem biologistischen Ideal des blauäugigen Blonden steht die Figur Tonios gegenüber, dessen brünettes Haar ein „ganz südlich scharfgeschnittenes Gesicht“ (Ebd.) und „dunkle und zart umschattete Augen mit zu schweren Liedern“ (Ebd.) umspielten.
Sein „träumerisch[er]“ (Ebd.) Blick, gepaart mit dem „weich gebildet[en] Mund und Kinn“ (Ebd) sowie sein „nachlässig[er] und ungleichmäßig[er]“ Gang, der neben Hans´ „elastisch[em] und taktfest[em]“ Schritt mitzuhalten versucht, evoziert bereits den grundsätzlichen Dualismus der beiden Welten, die diese Figuren verkörpern. Hans Hansen, dessen Namen bereits das altnordisch-deutsche Klischee mehr als übererfüllt, ist ein Paradebeispiel für die bürgerliche Jugend, die nicht nur äußerlich den deutschen Stereotypen verkörperte, sondern auch in seiner gesellschaftlichen Stellung bereits die Standesideale hervorkehrt: Hans ist beliebt, sowohl bei seinen Altersgenossen als auch bei seinen Lehrern, denn er ist „ein vortrefflicher Schüler und außerdem ein frischer Gesell, der ritt, turnte schwamm wie ein Held und sich der allgemeinen Beliebtheit erfreute“ (S. 13).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die Bedeutung Thomas Manns und des Werks Tonio Kröger innerhalb der literarischen Moderne und definiert den zentralen Konflikt zwischen Künstlerdasein und bürgerlicher Existenz als Untersuchungsgegenstand.
2. Bürgertum und Künstlertum – Thomas Manns Auffassung eines literaturgeschichtlichen Konflikts: Dieses Kapitel erläutert die historischen Entwicklungen der Begriffe Bürgertum und Künstlertum und zeigt auf, wie diese bei Thomas Mann in einer antithetischen Dichotomie zueinander stehen.
3. Der Konflikt zwischen Bürgertum und Künstlertum im Tonio Kröger: Hier erfolgt eine textsukzessive Analyse der Novelle, wobei die Entwicklung der Hauptfigur in ihre Jugend, die Reise in den Süden, das Gespräch mit Lisaweta und die Reise in den Norden gegliedert wird.
4. Fazit: Das Fazit fasst die Analyse zusammen und konstatiert, dass Tonio Kröger am Ende eine versöhnliche Akzeptanz seines Daseins zwischen den beiden Welten findet, statt an der Zerrissenheit zu verzweifeln.
Schlüsselwörter
Thomas Mann, Tonio Kröger, Künstlertum, Bürgertum, Novelle, Dekadenzliteratur, Identitätsfindung, Ästhetik, Entfremdung, Sehnsucht, Literat, dualistisches Dasein, Geist, Leben, Schicksal
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert den Konflikt zwischen Künstlertum und bürgerlicher Lebensführung in der Novelle Tonio Kröger von Thomas Mann.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Publikation?
Im Fokus stehen die Themen Entfremdung, die Suche nach Identität, das Spannungsfeld zwischen künstlerischer Überreflexivität und bürgerlicher "Normalität" sowie die Deutung der Künstlerexistenz.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage der Arbeit?
Ziel ist es, das "konfliktuöse Verhalten" von Künstlerexistenz und Bürgerlichkeit entlang der erzählten Etappen im Tonio Kröger nachzuzeichnen und aufzuzeigen, wie Tonio eine individuelle Versöhnung mit seiner Identität erreicht.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine textsukzessive Herangehensweise, bei der die Entwicklung des Protagonisten anhand der zentralen Episoden der Novelle chronologisch analysiert wird.
Was wird im Hauptteil der Untersuchung behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in vier Etappen: Tonios Jugendzeit, seine künstlerische Entwicklung im Süden, die intellektuelle Reflexion im Gespräch mit Lisaweta und schließlich die Selbsterfahrung auf der Reise in den Norden.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Thomas Mann, Tonio Kröger, Künstlertum, Bürgertum, Dekadenz, Identitätsfindung und Entfremdung.
Warum spielt das Gespräch mit Lisaweta Iwanowna eine Schlüsselrolle in der Novelle?
Dieses Gespräch dient als zentraler Monolog, in dem Tonio Kröger seine eigene Künstlerrolle offen reflektiert und sich als "Bürger auf Irrwegen" erkennt, was ein Wendepunkt in seinem Selbstverständnis markiert.
Wie deutet der Autor das Ende der Novelle in Bezug auf den Protagonisten?
Das Ende wird als versöhnlich interpretiert; der Protagonist akzeptiert das Dasein zwischen den Welten als seine persönliche Heimat, womit er die vormals quälende Zerrissenheit überwindet.
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- Anonym (Author), 2024, Der bürgerliche Künstler. Zum Konflikt des Künstlerdaseins mit dem Bürgertum in Thomas Manns "Tonio Kröger", Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1491392