Im 19. Jahrhundert begannen einige große Städte sich von den restlichen dadurch zu unterscheiden, daß ein äußerer und innerer Urbanisierungsprozeß stattfand und aus der großen Stadt eine Großstadt wurde. Dieser Urbanisierungsprozeß bewirkte in den Menschen eine Veränderung in der Wahrnehmung, welche wiederum, so soll im folgenden gezeigt werden, eine Veränderung in den künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten forderte. An der großstädtischen Realität wird exemplarisch die Moderne erfahren, so daß sich urbane Erfahrung als die Erfahrung der Moderne schlechthin definieren läßt. Diese Gleichsetzung der Modernität mit dem urbanen Bewußtsein markiert den Beginn einer „Literatur der Moderne“. Im Unterschied zu einer Literatur über die Großstadt (z.B. sozialer Roman), wie sie im Naturalismus anzutreffen war, versucht die Literatur der Moderne die Großstadt „selbst zum Sprechen zu bringen“, als das Produkt einer formalen Gestaltung urbaner Erfahrung und Wahrnehmung.
Inhaltsverzeichnis
Urbanisierung und veränderte Wahrnehmung
Der Flaneur
Annäherungen an BAUDELAIRE
Zu POES „Der Massenmensch“
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die städtische Erfahrung in der Literatur der frühen Moderne und analysiert, wie die Großstadt als Schauplatz einer veränderten, von Reizüberflutung geprägten Wahrnehmung das literarische Subjekt prägt und entfremdet. Im Zentrum steht dabei die Figur des Flaneurs sowie die psychologische Dynamik des „Massenmenschen“ anhand ausgewählter Werke von E.A. Poe und Charles Baudelaire.
- Wandel der Wahrnehmung durch Urbanisierung im 19. Jahrhundert
- Die Rolle und Ambivalenz der Figur des Flaneurs
- Moderne als flüchtige Erfahrung in Baudelaires Lyrik
- Entfremdung und psychologische Typisierung in Poes Erzählkunst
- Die Großstadt als Spiegel des entfremdeten modernen Subjekts
Auszug aus dem Buch
Urbanisierung und veränderte Wahrnehmung
Im 19. Jahrhundert begannen einige große Städte sich von den restlichen dadurch zu unterscheiden, daß ein äußerer und innerer Urbanisierungsprozeß stattfand und aus der großen Stadt eine Großstadt wurde. Dieser Urbanisierungsprozeß bewirkte in den Menschen eine Veränderung in der Wahrnehmung, welche wiederum, so soll im folgenden gezeigt werden, eine Veränderung in den künstlerischen Ausdrucksmöglichkeiten forderte. An der großstädtischen Realität wird exemplarisch die Moderne erfahren, so daß sich urbane Erfahrung als die Erfahrung der Moderne schlechthin definieren läßt. Diese Gleichsetzung der Modernität mit dem urbanen Bewußtsein markiert den Beginn einer „Literatur der Moderne“. Im Unterschied zu einer Literatur über die Großstadt (z.B. sozialer Roman), wie sie im Naturalismus anzutreffen war, versucht die Literatur der Moderne die Großstadt „selbst zum Sprechen zu bringen“, als das Produkt einer formalen Gestaltung urbaner Erfahrung und Wahrnehmung. Die wahrgenommene Stadt „ist nicht mehr Objekt einer erzählerischen Rekonstruktion und Repräsentation, vielmehr repräsentiert sie als Objekt [...] die Wahrnehmungsintensität des ästhetischen Subjekts“.
Die oben erwähnte äußere Urbanisierung meint vor allem die Mechanisierung und Elektrifizierung des Verkehrs und der Stadt, also z.B. Straßenbahnen, Beleuchtung von Cafés, Schaufenster und Straßen. Dieser Prozeß ging einher mit der inneren Urbanisierung und ist nicht von ihr zu trennen. Innere Urbanisierung meint die Herausbildung einer urbanen Mentalität, die also als innere Reaktion auf die äußeren Verhältnisse zu verstehen ist. Diese besteht in erster Linie in einer Abwehr gegenüber einer Reizüberflutung, die permanent und schockartig als Impressionen, Bilder und Szenen, die oft nur einen Augenblick wahrgenommen werden können, auf den Menschen eindringen. Ohne diese Abwehr würde er Gefahr laufen, im großstädtischen Treiben nivelliert zu werden. Der Reizschutz besteht aus einer selektierenden, fragmentierenden Wahrnehmung, die verhindert, daß nicht jeder von außen kommende Reiz tiefer in das Bewußtsein eindringt.
Zusammenfassung der Kapitel
Urbanisierung und veränderte Wahrnehmung: Dieses Kapitel erläutert den soziokulturellen Wandel im 19. Jahrhundert, der durch Mechanisierung und Reizüberflutung eine neue Form der fragmentierten Wahrnehmung hervorbrachte.
Der Flaneur: Hier wird der Flaneur als eine Figur eingeführt, die sich durch zielloses Beobachten in der Masse bewegt und dabei eine ambivalente Haltung zwischen Faszination und Isolation einnimmt.
Annäherungen an BAUDELAIRE: Dieser Abschnitt analysiert Baudelaires Verständnis von Modernität als etwas Flüchtigen und wie er dies literarisch in seinem Sonett „Einer Dame“ thematisiert.
Zu POES „Der Massenmensch“: Das Kapitel untersucht die Entfremdung des bürgerlichen Subjekts in Poes Erzählung und analysiert die psychologischen Folgen der anonymen Großstadterfahrung.
Schlüsselwörter
Großstadt, Moderne, Urbanisierung, Wahrnehmung, Flaneur, Baudelaire, Poe, Entfremdung, Reizüberflutung, Schockerlebnis, Massenmensch, Literaturwissenschaft, Moderne Poesie, Anonymität, Subjektivität
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Literatur der frühen Moderne und wie die Transformation zur urbanen Großstadt das menschliche Bewusstsein und die künstlerischen Ausdrucksmittel nachhaltig verändert hat.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themen sind der Urbanisierungsprozess, das Phänomen der Reizüberflutung, die Rolle des Flaneurs sowie das Thema der Entfremdung innerhalb einer modernen, anonymen Gesellschaft.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Ziel ist es aufzuzeigen, wie die „Literatur der Moderne“ die urbane Erfahrung nicht nur beschreibt, sondern durch neue ästhetische Formen selbst als Produkt dieser Erfahrung zum Sprechen bringt.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit nutzt eine literaturwissenschaftliche Analyse, die theoretische Konzepte (u.a. von Walter Benjamin) auf spezifische Texte von Baudelaire und Poe anwendet, um Wahrnehmungsstrukturen zu deuten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung der inneren und äußeren Urbanisierung, eine Charakterstudie des Flaneurs sowie textnahe Interpretationen von Baudelaires Gedicht und Poes Erzählung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Großstadt, Moderne, Flaneur, Entfremdung, Wahrnehmung und Schockerlebnis.
Wie deutet der Autor die schwarze Kleidung der Frau in Baudelaires Sonett?
Der Autor interpretiert die schwarze Kleidung als Ausdruck von Trauer, merkt jedoch kritisch an, dass dies eine subjektive Reflexion des Beobachters ohne objektive Begründung im Text ist.
Was bedeutet das „automatische Lächeln“ der Passanten bei Poe?
Das automatische Lächeln wird als mimischer „Stoßdämpfer“ interpretiert, der die Entfremdung der Individuen in der modernen Massengesellschaft und ihre Reaktion auf die urbane Schocksituation verdeutlicht.
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- Magistra Artium Alice Männl (Author), Steffen Bieker (Author), 1995, Die Faszination der Stadt: zum Flaneur und der Wahrnehmung der Menge, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/147884