In dieser Hausarbeit wird Gottfried Kellers' Romeo und Julia auf dem Dorfe gattungstheoretisch analysiert. Dabei weist das Werk sowohl gattungstypische Merkmale einer Novelle als auch einer Dorfgeschichte auf. Zum Abschluss der Arbeit wird ein prägnantes Fazit zur Forschungsfrage geliefert.
Man stelle sich zweierlei Bilder vor: Auf der einen Seite das herausfordernde, abgeschottete Dorfleben – auf der anderen Seite den Selbstmord zweier Kinder. Ein beinahe unvorstellbar großer Kontrast liegt zwischen diesen beiden Vorstellungen und doch werden sie in Gottfried Kellers ROMEO UND JULIA AUF DEM DORFE zur literarischen Realität. Die Frage nach der Rolle der gattungstypischen Merkmale der Dorfgeschichte und der Novelle in R&J wird in dieser Arbeit im Kontext des stattfindenden Wandels von der vermeintlichen Idylle bis zum Freitod der Protagonisten beleuchtet.
Im Laufe der Arbeit wird, um diese Entwicklung möglichst nachvollziehbar und verständlich darzustellen und zu analysieren, wie folgt vorgegangen: Zu Beginn wird der historische Hintergrund des Werkes grob umrissen, um der Leserschaft die äußeren Einwirkungen auf den Schreibprozess in jener Zeit zu verdeutlichen. Im Anschluss daran werden gattungstheoretische Grundlagen der DG und der Novelle dargelegt. Daraufhin werden die zuvor dargestellten gattungstypischen Merkmale anhand des Werkes analysiert, worauf das Fazit folgt. R&J entstand als Teil des Seldwyla-Zyklus, welchem zehn selbstständige Erzähltexte angehören.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung in die Thematik und Forschungsfrage
2 Theoretische Grundlagen
2. 1 Definitorische Abgrenzung: Gattung – Genre
2. 2 Historischer Hintergrund
3 Gattungstheoretische Grundlagen
3. 1 Dorfgeschichte
3. 1. 1 Handlungsort
3. 1. 2 Lokalkolorit
3. 1. 3 Alltagsleben
3. 1. 4 Charaktere
3. 1. 5 Moralische Lehren
3. 1. 6 Konflikte
3. 1. 7 Nähe zur Novelle
3. 2 Novelle
4 Gattungstypische Merkmale in Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe
5 Fazit: Abschließende Einordnung und Rückbezug auf die Forschungsfrage
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht Kellers Werk „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ hinsichtlich seiner gattungstheoretischen Einordnung zwischen der Dorfgeschichte und der Novelle. Im Zentrum steht dabei die Forschungsfrage, wie die gattungstypischen Merkmale beider Genres in das Werk einfließen und warum das Ende des Romans eine finale Klassifizierung als reine Dorfgeschichte ausschließt.
- Analyse gattungsspezifischer Merkmale der Dorfgeschichte
- Untersuchung des Novellen-Genres und dessen definitionstheoretischer Kriterien
- Historische Einordnung des Werkes im Kontext des Realismus und der Industrialisierung
- Interpretation von Symbolik und Motiven in Gottfried Kellers Erzählung
- Evaluation des Suizids der Protagonisten als struktureller Bruch mit der Dorfgeschichte
Auszug aus dem Buch
Gattungstypische Merkmale in Kellers ROMEO UND JULIA AUF DEM DORFE
Im Verlauf der Novelle scheint es nur schwer begreiflich, wie es sich final nicht um eine DG handeln kann, da sie diverse gattungsspezifische Merkmale dieses Genres deutlich erfüllt: Der Schauplatz ist, wie für DGn typisch, das Dorf und geht durch das Verbot der Liebe von Sali und Vrenchen sowie durch den Streit der Bauern, welcher Habgier thematisiert und als Anspielung auf die Eigentumstheorien verstanden werden kann, über diesen Schauplatz hinaus.
Diese Überschreitung der Grenzen des Dorfes zeigt sich nicht nur thematisch, sondern auch explizit inhaltlich: Wie für DGn laut Hahn üblich, wird die Stadt mit deren Bewohnern als Vergleichs- und Kontrastobjekt zum Dorf verwendet, wie sich an folgendem Textausschnitt erkennen lässt:
„Die Frau legte nichtsdestominder ihren besten Staat an, als sie sich oben auf die Gerümpelfuhre setzte, und machte ein Gesicht voller Hoffnungen, als künftige Stadtfrau schon mit Verachtung auf die Dorfgenossen herabsehend, welche voll Mitleid hinter den Hecken hervor dem bedenklichen Zuge zuschauten.“.
Auch die in DGn oft vertretenen sprachlichen Phänomene Dialekt und Umgangssprache sowie die weit verbreitete Mündlichkeit, die besonders zur spontanen Gefühlsäußerung geeignet ist, lassen sich anhand von Begriffen, wie „Zipfelkappe“, „Lumpenhunde“, „Larifari“, und „Gerümpelfuhre“ sowie durch den Ausruf „[e]ia“ und die Beleidigung „[h]alt’s Maul“ nachweisen.
Des Weiteren sind die Figuren ebenfalls charakteristisch für DGn. Es entstehen Charaktere, die nur in der Enge des Alltags entstehen können: So zum Beispiel die Bauern, deren Lebensrealität sich vorwiegend auf das Beackern ihrer Felder beschränkt, was ihnen überhaupt erst den Anlass gibt, den Streit zum rechtmäßigen Eigentümer des Ackers in dieser Form eskalieren zu lassen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung in die Thematik und Forschungsfrage: Diese Einleitung stellt die zentralen Kontraste des Werkes vor und definiert den gattungstheoretischen Schwerpunkt der Untersuchung.
2 Theoretische Grundlagen: Hier erfolgt eine Präzisierung der Begriffe Gattung und Genre sowie eine Einbettung des Werkes in den historischen Kontext des Realismus.
3 Gattungstheoretische Grundlagen: Dieses Kapitel erläutert detailliert die Merkmale der Dorfgeschichte und der Novelle als literarische Gattungen.
4 Gattungstypische Merkmale in Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe: Der Hauptteil analysiert die konkrete Anwendung der zuvor definierten Genre-Kriterien auf das Werk Kellers.
5 Fazit: Abschließende Einordnung und Rückbezug auf die Forschungsfrage: Die abschließende Einordnung wertet das Werk final als Novelle, da das katastrophale Ende gegen die Konventionen einer typischen Dorfgeschichte verstößt.
Schlüsselwörter
Gottfried Keller, Romeo und Julia auf dem Dorfe, Dorfgeschichte, Novelle, Realismus, Literaturwissenschaft, Gattungstheorie, Industrialisierung, Seldwyla-Zyklus, Dingsymbolik, Leitmotivik, soziale Typisierung, gesellschaftliche Marginalisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert Kellers Erzählung „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ und untersucht, inwiefern das Werk den formalen Kriterien der Gattung „Dorfgeschichte“ oder der „Novelle“ entspricht.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Felder umfassen die Definition von literarischen Gattungen, den historischen Hintergrund der Dorfgeschichte im 19. Jahrhundert sowie die Analyse spezifischer Textmerkmale bei Keller.
Welches Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es zu klären, warum das Werk trotz zahlreicher Übereinstimmungen mit der Dorfgeschichte letztlich als Novelle klassifiziert werden muss.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine gattungstheoretische Analyse, bei der das Primärwerk „Romeo und Julia auf dem Dorfe“ mit den Definitionskriterien der Forschungsliteratur verglichen wird.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit den Merkmalen von Dorfgeschichten – wie Lokalkolorit, Alltagsleben und Moral – und überprüft deren Präsenz in Kellers Text.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren diese Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Gattungstheorie, Realismus, Dorfgeschichte, Novelle, Leitmotivik und gesellschaftliche Konflikte.
Welche Rolle spielt die „unerhörte Begebenheit“ für die Argumentation?
Der Begriff dient als essentielles Novellen-Kriterium nach Goethe, wobei der Suizid der beiden Protagonisten die notwendige Abweichung vom Alltäglichen darstellt.
Wie unterscheidet sich die Analyse von herkömmlichen Interpretationen?
Die Arbeit legt einen spezifischen Fokus auf die bewusste Spielform Kellers mit den Gattungserwartungen der Leserschaft, anstatt das Werk nur klassisch einzuordnen.
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- Lukas Bungenstock (Author), 2024, Gottfried Kellers Romeo und Julia auf dem Dorfe. Von der Dorfgeschichte zur Katastrophe, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1474218