Um herauszufinden, wie stark die Gebrüder Grimm in Hinblick auf Erotik und Sexualität tatsächlich Einfluss auf die Kinder- und Hausmärchen genommen haben, wird sich die vorliegende Seminararbeit mit der folgenden Forschungsfrage auseinandersetzen: „Welche Rolle spielen Erotik und Sexualität in ausgewählten Märchen der Gebrüder Grimm verglichen mit ihren Urfassungen?“.
Bis heute ziehen die unzähligen Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm Erwachsene als auch Kinder gleichermaßen in ihren Bann, denn sie eröffnen phantastische Welten voll erstaunlicher Fantasiewesen und wundersamer Fabeltiere, in deren Mittelpunkt oft ein tapferer Held oder eine tapferere Heldin steht, der oder die eine schwierige Prüfung bestehen muss, an deren Ende das Gute über das Böse siegt. So darf etwa der kühne Prinz das schöne Dornröschen heiraten, nachdem er bereit war, sich todesmutig der Dornenhecke zu stellen, welche sich aber in Anbetracht seiner in Blumen verwandelt und ihm Eintritt gewährt hat. Dennoch wird bei aller Euphorie und Faszination über jene märchenhafte Erzählungen häufig außer Acht gelassen, dass die Gebrüder Grimm keinesfalls Verfasser jener waren, sondern diese lediglich gesammelt und überarbeitet haben, um sie dann erneut herauszugeben. Ursprünglich waren Märchen nämlich nicht für Kinder, sondern vielmehr für Erwachsene bestimmt und dementsprechend auch anders geschrieben. Während die Kinder- und Hausmärchen die Liebe zwischen Prinz und Prinzessin beispielsweise nicht selten sofort mit einer romantischen Traumhochzeit krönen, erzählen ihre Vorgänger hingegen von leidenschaftlichen Nächten und unehelichen Kindern.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Vorgänger der Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm
2.1. Giambattista Basile und das „Pentamerone“ (1575-1632)
2.2. Charles Perrault und die „Histoires ou contes du temps passé“ (1628-1703)
3. Die Geburt der Kinder- und Hausmärchen durch Jacob und Wilhelm Grimm
3.1. Leben und Wirken der Gebrüder – Ein Umriss
3.2. Die Arbeit an den Kinder- und Hausmärchen im Spiegel ihrer persönlichen Intention
4. Erotik, Liebe und Sexualität im Volksmärchen – Eine Eingrenzung
5. Erotik und Sexualität in den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm anhand zwei ausgewählter Beispiele
5.1. Dornröschen – Die schöne Schlafende
5.1.1. Nach Giambattista Basile (1636)
5.1.2. Nach Charles Perrault (1697)
5.1.3. Nach den Gebrüder Grimm (Urfassung, 1810)
5.1.4. Nach den Gebrüder Grimm (Erstdruck, 1812)
5.2. Rotkäppchen – Der gefräßige Wolf
5.2.1. Nach Charles Perrault (1697)
5.2.2. Nach den Gebrüder Grimm (Erstdruck, 1812)
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Einfluss der Gebrüder Grimm auf die Darstellung von Erotik und Sexualität in ihren Kinder- und Hausmärchen. Dabei steht die zentrale Forschungsfrage im Fokus, inwieweit ursprüngliche, oft freizügigere Erzählungen durch die Grimm’sche Bearbeitung mit Hinblick auf eine erzieherische Eignung für Kinder verändert wurden.
- Historische Wurzeln und Vorgänger der Grimm’schen Märchensammlung
- Die Intention der Gebrüder Grimm bei der Umgestaltung der Märchen
- Definition und Abgrenzung der Begriffe Erotik, Liebe und Sexualität
- Vergleichende Analyse der Märchen „Dornröschen“ und „Rotkäppchen“
- Wandel von moralischen Konzepten und erotischen Inhalten in verschiedenen Fassungen
Auszug aus dem Buch
5.1.1. Nach Giambattista Basile (1636)
Jeder kennt sie: die Geschichte von Dornröschen, einer jungen und zugleich wunderschönen Prinzessin, die in einen hundertjährigen Schlaf verfällt, nachdem sie sich zuvor mit einer Spindel in den Finger gestochen hatte. Seinen Ursprung verdankt dieses heute weltweitbekannte Märchen unter anderem dem neapolitanischen Schriftsteller Giambattista Basile, der den späteren Dornröschenstoff in seinen barocken Anfängen 1636 unter dem Titel „Sonne, Mond und Talia“ in seine Märchensammlung „Il Pentamerone“ einfließen ließ.
Als Talia geboren wird, warnen Weisen ihren Vater, den König, davor, dass sein Kind eines Tages durch eine Flachsfaser in großes Unheil geraten werde, woraufhin sich jener dazu entschließt, ihr das Spinnen in seinem Palast zu untersagen. Trotz all seinen vergeblichen Bemühungen kommt es, wie es kommen musste und Talia trifft auf eine alte Spinnerin. Fasziniert von ihrer Arbeit, nimmt sie den Spinnrocken in die Hand, sticht sich in den Finger und fällt daraufhin scheinbar tot um. Vor lauter Trauer lässt der verletzte Vater sie in einen Samtsessel setzen und kehrt seinem Schloss auf ewig den Rücken zu.
Nach einiger Zeit verirrt sich schließlich ein jagender König in ihre Gemächer, der seinem Falken gefolgt war. Außer der Königstochter, findet er keine Menschenseele vor. Nachdem er mehrfach versucht hat, die augenscheinlich Schlafende zu wecken, tut er Folgendes: „[...] da sie aber trotz allen Schreiens und Rüttelns nicht erwachte, er aber von ihrer Schönheit durch und durch erglühte, so trug er sie in seinen Armen auf ein Lager und pflückte dort die Früchte der Liebe.“ Ohne jeden Zweifel nutzt er die Wehrlosigkeit der schönen Schlafenden aus, um über sie herzufallen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit thematisiert den Wandel von Märchenstoffen von der Erwachsenenliteratur hin zum erzieherischen Kinderbuch und stellt die Forschungsfrage nach der Rolle von Erotik und Sexualität.
2. Die Vorgänger der Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm: Vorstellung der Einflüsse von Giambattista Basile und Charles Perrault, deren Werke oft freizügiger waren als die späteren Bearbeitungen der Brüder Grimm.
3. Die Geburt der Kinder- und Hausmärchen durch Jacob und Wilhelm Grimm: Biografischer Abriss der Brüder Grimm und Erläuterung ihrer Intention, ein „reines“ Erziehungsbuch zu schaffen, das von anstößigen Ausdrücken befreit ist.
4. Erotik, Liebe und Sexualität im Volksmärchen – Eine Eingrenzung: Wissenschaftliche Differenzierung der Begriffe „Erotik“, „Liebe“ und „Sexualität“ als Grundlage für die folgende Analyse.
5. Erotik und Sexualität in den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm anhand zwei ausgewählter Beispiele: Detaillierter Fassungsvergleich der Märchen „Dornröschen“ und „Rotkäppchen“ vom Barock bis zum Erstdruck von 1812.
6. Fazit: Zusammenfassende Erkenntnis, dass die Grimm’schen Märchen drastische Erotik zugunsten eines erzieherischen Mehrwerts konsequent abgemildert oder entfernt haben.
Schlüsselwörter
Kinder- und Hausmärchen, Gebrüder Grimm, Erotik, Sexualität, Märchenforschung, Dornröschen, Rotkäppchen, Giambattista Basile, Charles Perrault, Literaturwissenschaft, Erziehung, Volksmärchen, Märchenanalyse, Fassungsvergleich, Jungfräulichkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie sich die Darstellung von Erotik und Sexualität in den Märchen von Dornröschen und Rotkäppchen über verschiedene Epochen und durch die Bearbeitung der Gebrüder Grimm verändert hat.
Welche zentralen Themenfelder behandelt die Studie?
Die zentralen Felder umfassen die Entstehungsgeschichte der Grimm'schen Märchen, die Rolle der literarischen Vorgänger (Basile/Perrault), die Definition von Erotik und Sexualität sowie die pädagogischen Absichten der Gebrüder Grimm.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Autors?
Die Forschungsfrage lautet: „Welche Rolle spielen Erotik und Sexualität in ausgewählten Märchen der Gebrüder Grimm verglichen mit ihren Urfassungen?“
Welche methodische Herangehensweise wird angewandt?
Die Arbeit nutzt eine komparative Analyse, bei der verschiedene Fassungen der ausgewählten Märchen (von den barocken Urfassungen bis zur Grimm’schen Ausgabe von 1812) direkt miteinander verglichen werden.
Welche inhaltlichen Schwerpunkte liegen im Hauptteil?
Neben einer theoretischen Definition der Begriffe stehen der Fassungsvergleich von „Dornröschen“ und „Rotkäppchen“ sowie die Analyse der persönlichen Intentionen von Jakob und Wilhelm Grimm im Mittelpunkt.
Durch welche Schlüsselwörter lässt sich die Arbeit charakterisieren?
Die Arbeit ist geprägt durch Begriffe wie Märchenforschung, Erotik, Sexualität, Literaturgeschichte, Bearbeitungstechnik und Pädagogik.
Warum wird „Dornröschen“ in der Arbeit als Beispiel herangezogen?
Das Märchen eignet sich besonders gut, da es in den barocken Urfassungen sehr explizite sexuelle Motive enthält, die in den späteren „Kinder- und Hausmärchen“ der Grimms gezielt „entschärft“ wurden.
Welche Rolle spielt die „Göttinger Sieben“ in der Biografie der Brüder?
Die Verwicklung in den Protest führt zum Verlust ihrer Ämter, was ihre Rückkehr nach Kassel und später den Umzug nach Berlin markiert, wo sie ihre akademische Arbeit fortsetzten.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von Sexualität bei Perrault gegenüber Grimm?
Während Perrault Sexualität oft ironisch und mit Bezug auf Erotik thematisiert, strebten die Grimms eine moralische Läuterung an, um das Märchen als unbedenkliches Erziehungsbuch für Kinder zu etablieren.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor bezüglich der „Kindgerechtheit“?
Der Autor schließt, dass die Grimms durch die Streichung oder Abmilderung erotischer Inhalte zwar „kindgerechte“ Texte schufen, dabei aber eine Verfälschung der ursprünglichen Volkserzählungen in Kauf nahmen.
- Quote paper
- Olivia Härtel (Author), 2021, Liebe und Sexualität in den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1473136