Die Notwendigkeit der Ausweisung von Wildnisgebieten ist in Deutschland umstritten. Vor allem davon konkret und potentiell betroffene Landeigentümer wollen wissen, welche Art von Wildnis, zu welchem Zweck und mit welcher Rechtfertigung geschützt werden soll. Darauf geht der Autor in seiner Arbeit ein. Im Mittelpunkt seiner Ausführungen stehen deshalb vor allem die Fragen, was unter dem Begriff der Wildnis überhaupt zu verstehen ist und welchen Stellenwert Wildnis an sich und für uns Menschen hat.
Das Verlangen nach Schutz einer noch unberührten Natur vor menschlicher Einflussnahme hat Tradition. In den Vereinigten Staaten von Amerika wurde die Idee, dass Wildnis für den Menschen wichtig sei, schon vergleichsweise früh aufgegriffen. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich dort eine Bewegung zum Schutz der Wildnis, die 1924 zur Errichtung des weltweit ersten Wildnisgebietes führte. Mit dem Wilderness Act von 19641 wurde auch eine gesetzliche Grundlage für ein nationales Wildnisprogramm geschaffen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Definition von Wildnis
3. Naturwissenschaftliche Dimension
4. Kulturelle Dimension
5. Ethische Dimension
6. Zusammenfassung
7. Literaturverzeichnis
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die philosophischen, naturwissenschaftlichen und ethischen Grundlagen des Konzepts „Wildnis“ und hinterfragt die Notwendigkeit sowie Rechtfertigung der Ausweisung von Wildnisgebieten in Deutschland.
- Begriffsbestimmung von Wildnis und Wildnisgebieten
- Naturwissenschaftliche Betrachtung und ökologische Einordnung
- Kulturelle Wahrnehmungsmuster und gesellschaftliches Unbehagen
- Ethische Begründungszusammenhänge (anthropozentrisch vs. holistisch)
- Kritische Reflexion der Schutzgebiete in Deutschland
Auszug aus dem Buch
4. Kulturelle Dimension
Losgelöst von der naturwissenschaftlichen Betrachtung des Begriffes der Wildnis, wird Wildnis - und hier vor allen Waldwildnis – nach Umfragen (z. B. Naturbewusstsein 2013 mit Schwerpunkt Wildnis) von der Mehrheit der deutschen Bevölkerung positiv gesehen. Hierfür gibt es unterschiedliche Erklärungsansätze.
Plausibel erscheint eine kulturalistische Deutung, welche die über die Menschheitsgeschichte sich zeigenden Veränderungen der Wahrnehmung, Bedeutung und Bewertung von Wildnis gut abzubilden vermag. Maßgebliche Grundlage für die Wahrnehmung, Bedeutung und Bewertung von Wildnis im Wandel der Kulturgeschichte sind dabei ihr jeweiliger ästhetischer und symbolischer Gehalt für den Menschen sowie die damit ausgelösten oder verbundenen Emotionen. Sie sind entscheidend dafür, ob Wildnis als unheimlich, fremd, abweisend oder schrecklich empfunden wird oder als faszinierend, vollkommen, erhaben oder schön. „Denn Wildnis kann nicht losgelöst vom Menschen und seinem Verhältnis zur Natur betrachtet werden, sondern stellt eine kulturell geprägte Sehfigur dar.“
Wahrnehmungen von Wildnis sind als lebensweltliche Naturauffassungen zunächst subjektiv und individuell. Sie erfolgen aber im Rahmen kulturell geprägter, intersubjektiv-kollektiver Wahrnehmungsmuster, die internalisiert werden und unbewusst unsere individuellen Wahrnehmungen leiten. Da wir unsere Umwelt heute oftmals als kontrolliert, geregelt und technisiert erleben, wird gerade die als unkontrolliert und ungeordnet wahrgenommene „wilde“ Natur als Gegenpol dazu angesehen und empfunden. Unser Verlangen nach Wildnis ist damit Ausdruck eines allgemeinen oder konkreten Unbehagens mit unserer Lebenswirklichkeit. Dabei spielt es in der Praxis oft keine Rolle, ob und in welchem Umfang die als „Wildnis“ wahrgenommene Natur vom Menschen beeinflusst ist. Solange die vermeintliche Wildnis die mit ihr verbundenen Emotionen wachruft, wird sie auch unser Bedürfnis nach Orten der Freiheit, der natürlichen (gottgewollten) Ordnung oder der Möglichkeit zur Selbstheilung und Sinnsuche befriedigen können. „For this reason, we mistake ourselves when we suppose that wilderness can be the solution to our culture’s problematic relationschips with the nonhuman world, [...].“ Beim Wunsch nach Wildnisgebieten geht es somit mehr um uns als um die Natur.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die historische Entwicklung des Wildnisschutzes und die umstrittene Debatte über die Ausweisung von Wildnisgebieten in Deutschland.
2. Definition von Wildnis: In diesem Kapitel werden unterschiedliche Definitionen (u.a. Wilderness Act, IUCN) gegenübergestellt, um die relative und subjektive Natur des Begriffs zu verdeutlichen.
3. Naturwissenschaftliche Dimension: Hier wird dargelegt, dass Wildnis wissenschaftlich schwer greifbar ist und ökologische Argumente allein für eine Rechtfertigung von Wildnisgebieten oft nicht ausreichen.
4. Kulturelle Dimension: Dieses Kapitel erläutert, wie Wildnis als ästhetischer Gegenpol zur technisierten Zivilisation kulturell positiv besetzt und subjektiv wahrgenommen wird.
5. Ethische Dimension: Es erfolgt eine Analyse ethischer Begründungen, wobei die anthropozentrischen und holistischen Ansätze kritisch auf ihre Tragfähigkeit für den Wildnisschutz geprüft werden.
6. Zusammenfassung: Die Zusammenfassung resümiert, dass Wildnisgebiete wissenschaftlich und ethisch schwer zu begründen sind und eher menschliche Bedürfnisse befriedigen als rein ökologische Notwendigkeiten.
7. Literaturverzeichnis: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärquellen.
Schlüsselwörter
Wildnis, Wildnisgebiete, Naturschutz, Biodiversität, Ethik, Anthropozentrismus, Holismus, Kulturgeschichte, Naturwahrnehmung, Prozessschutz, Nationale Strategie zur Biologischen Vielfalt, Ökosysteme, Instrumenteller Wert, Eigentum, Nachhaltigkeit
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit untersucht die philosophischen Hintergründe des Konzepts Wildnis und hinterfragt kritisch die Begründung für die Ausweisung von Wildnisgebieten in Deutschland.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Arbeit behandelt die definitorische Unschärfe von Wildnis, die naturwissenschaftliche Relevanz, die kulturelle Wahrnehmung als Gegenpol zur Moderne sowie ethische Rechtfertigungsansätze.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, aufzuzeigen, dass die gängigen Argumente für den staatlich forcierten Wildnisschutz bei näherer Betrachtung Schwächen aufweisen, da sie oft eher menschlichen Bedürfnissen entspringen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Der Autor nutzt eine begriffliche und ethische Diskursanalyse, um Definitionen aus der Politik mit naturwissenschaftlichen und philosophischen Perspektiven abzugleichen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine Definitionsebene sowie eine naturwissenschaftliche, kulturelle und ethische Analyse des Wildnis-Begriffs.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Wildnis, anthropozentrische Begründung, holistische Ethik, Prozessschutz und kulturelle Sehfigur.
Warum ist Wildnis laut Autor kein Gegenstand der Ökologie?
Der Autor argumentiert, dass Wildnis kein biologisches System mit spezifischen Eigenschaften ist, sondern ein vom Menschen subjektiv zugeschriebener Eigenschaftsraum.
Wie steht der Autor zur Aussage, dass Wildnisgebiete den Eigenwert der Natur schützen?
Er sieht diese Begründung kritisch, da sie einerseits auf fragwürdigen Interpretationen von Umfragen basiert und andererseits im deutschen Recht keine exklusive Vorrangstellung genießt.
Was bedeutet der Verweis auf "paradoxe Optimierung"?
Hiermit ist der Zielkonflikt gemeint, dass der Schutz natürlicher Prozesse einerseits menschliche Nutzung minimieren will, während andererseits die politische Rechtfertigung für den Schutz zunimmt, je mehr Menschen diese Natur nutzen und erleben.
- Arbeit zitieren
- Wolfgang Sailer (Autor:in), 2023, Wozu Wildnisgebiete?, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1459958