Die vorliegende Untersuchung taucht in die mittelalterliche Erzählkunst ein, indem sie die Rollen von Autor*in und Erzähler*in am Beispiel von „Willehalm“ von Wolfram von Eschenbach analysiert. Dabei werden die Grenzen und Verflechtungen zwischen diesen beiden Instanzen sowie ihre Bedeutung für die narrative Gestaltung und die Leserbindung herausgearbeitet. Durch die Differenzierung dieser Rollen und die Betrachtung ihrer Funktionen im Erzählprozess wird ein neues Licht auf die Techniken geworfen, die zur Verstärkung der narrativen Effekte wie Glaubwürdigkeit und Eindringlichkeit genutzt werden.
Die Unterscheidung zwischen dem oder der Autor*in und dem oder der Erzähler*in gehört zu den literaturwissenschaftlichen Grundlagen innerhalb der narrativen Kommunikation und hat bis dato eine Vielzahl an facettenreichen wirkungs- und rezeptionsästhetischen Konzepten – wie par exemple dem des impliziten Autors oder der impliziten Autorin –, aber auch prägenden Debatten – man denke an den durch den poststrukturalistischen Philosophen Roland Barthes adaptieren Tod des Autors oder der Autorin – hervorgerufen. Doch wie verhalten sich jene Terminologien, werden sie nicht etwa auf die zeitgenössischen, sondern mittelalterlichen Erzähltexte angewendet?
Inhaltsverzeichnis
I. Autor*in, Erzähler*in und die Frage nach der Notwenigkeit ihrer Präsenz innerhalb der mittelalterlichen Narratologie am Beispiel des Willehalm
II. Autor*in vs. Erzähler*in: eine terminologische Differenzierung
II.1. Autor*in als Urheber*in?
II.2. Das Geflecht von Autor*in, Erzähler*in und Rezipienten oder Rezipientin
III. Exkurs: Autor-, Erzähler- und Vortragsstimme
IV. Dimensionen des Erzählens in Wolframs von Eschenbach Willehalm
IV.1. Der Prolog als Mittel zur Herstellung von Glaubwürdigkeit
IV.2. Die Beeinflussung der Meinungsbildung anhand des Publikumskontaktes
IV.3. Die Erzeugung von Lebhaftigkeit
V. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das komplexe Verhältnis zwischen dem realen Autor und dem fiktiven Erzähler in Wolframs von Eschenbach „Willehalm“. Sie hinterfragt, ob die narratologische Differenzierung zwischen diesen Instanzen, die in der modernen Literaturwissenschaft etabliert ist, auch auf mittelalterliche Erzähltexte mit ihrer spezifischen mündlichen Tradierung und Aufführungssituation sinnvoll angewendet werden kann.
- Narratologische Terminologie in der Mittelalterforschung
- Die Funktion des Prologs zur Etablierung von Glaubwürdigkeit
- Publikumsansprache und Steuerung der Meinungsbildung
- Interaktion zwischen realer und fiktiver Erzählerstimme
- Lebhaftigkeit als rhetorisches und kommunikatives Mittel
Auszug aus dem Buch
Die Beeinflussung der Meinungsbildung anhand des Publikumskontaktes
Am Beispiel der Szene des ersten Auftrittes Rennewarts in Munleun wird im Folgenden exemplarisch der Publikumskontakt in den Blick genommen, um dessen Aufrechterhaltung Wolfram von Eschenbach mit seiner Gestaltung der fiktiven Erzählerstimme im Willehalm stets bemüht ist.
So wird dem Rezipienten oder der Rezipientin das Bild eines tüchtigen Küchenjungen gezeichnet, der zunächst wenig höfisch erscheint, dessen wahrhaftiges Inneres jedoch durch den fiktiven Erzähler, welcher ihn mit einem schmutzüberzogenen Goldstück vergleicht, dem Publikum gesondert hervorgehoben wird:
„man nam sin niht ze rehte war, nach siner geschickede und nach siner art. etswa man des wol innen wart, unt viel daz golt in den phuol, daz ez nie rost übermol: der ez schouwen wolte dicke, ez erzeigete etswa die blicke daz man sin edelkeit bevant.“
Zusammenfassung der Kapitel
I. Autor*in, Erzähler*in und die Frage nach der Notwenigkeit ihrer Präsenz innerhalb der mittelalterlichen Narratologie am Beispiel des Willehalm: Einführung in die Problematik der Anwendung moderner narratologischer Differenzierung auf mittelalterliche Texte unter Einbeziehung des theoretischen Status quo.
II. Autor*in vs. Erzähler*in: eine terminologische Differenzierung: Definition der Rollen von Autor und Erzähler und deren Abgrenzung voneinander im theoretischen Kontext.
II.1. Autor*in als Urheber*in?: Erörterung des Autorbegriffs, insbesondere unter Berücksichtigung der Besonderheiten mittelalterlicher, mündlich tradierter Texte.
II.2. Das Geflecht von Autor*in, Erzähler*in und Rezipienten oder Rezipientin: Analyse der komplexen Vermittlungsbeziehungen zwischen Autor, Erzähler und Publikum.
III. Exkurs: Autor-, Erzähler- und Vortragsstimme: Besondere Betrachtung der Aufführungssituation und der Verschmelzung von Stimmen im mittelalterlichen Kontext.
IV. Dimensionen des Erzählens in Wolframs von Eschenbach Willehalm: Hauptteil der Arbeit, der die theoretischen Erkenntnisse spezifisch auf das Werk "Willehalm" überträgt.
IV.1. Der Prolog als Mittel zur Herstellung von Glaubwürdigkeit: Untersuchung, wie Wolfram den Prolog nutzt, um Autorität und Wahrhaftigkeit für seine Erzählung zu beanspruchen.
IV.2. Die Beeinflussung der Meinungsbildung anhand des Publikumskontaktes: Analyse, wie der Erzähler mittels Publikumskontakt das Urteil der Rezipienten über Figuren wie Rennewart steuert.
IV.3. Die Erzeugung von Lebhaftigkeit: Untersuchung von Erzählerkommentaren und der Persönlichkeitsdarstellung zur Steigerung der erzählerischen Lebendigkeit.
V. Fazit: Zusammenfassende Beantwortung der Forschungsfrage und Bestätigung der narratologischen Relevanz der untersuchten Kategorien für das Mittelalter.
Schlüsselwörter
Wolfram von Eschenbach, Willehalm, Narratologie, Autor, Erzähler, Mittelalter, Rezeptionsästhetik, Prolog, Glaubwürdigkeit, Publikumskontakt, Rennewart, Epik, Literaturwissenschaft, Mediävistik, Erzählform
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Seminararbeit behandelt das theoretische und praktische Spannungsfeld zwischen der Instanz des Autors und der des Erzählers innerhalb des „Willehalm“ von Wolfram von Eschenbach.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Themen umfassen die historische Narratologie, die Problematik der Stimmenüberlagerung im mündlichen Vortrag sowie die gezielte Beeinflussung der Rezipienten durch den Erzähler.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es zu belegen, dass die Differenzierung zwischen Autor und Erzähler auch für mittelalterliche Erzähltexte eine notwendige und produktive Kategorie der Literaturwissenschaft darstellt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine literaturwissenschaftliche Analyse angewandt, die fachbegriffliche Lexika und einschlägige mediävistische Forschungsliteratur nutzt, um Textpassagen aus dem „Willehalm“ narratologisch auszuwerten.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert den Prolog und ausgewählte Szenen, um die Etablierung von Glaubwürdigkeit, die Steuerung der Zuschauer-Meinung und die Erzeugung von Lebhaftigkeit durch den Erzähler aufzuzeigen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Narratologie, Autor-Erzähler-Differenzierung, Mittelalter, Rezeptionsästhetik und die spezifische Poetik des „Willehalm“.
Warum ist die Analyse mittelalterlicher Texte so komplex?
Die Komplexität ergibt sich daraus, dass diese Texte oft mündlich vorgetragen wurden, wodurch eine klare Trennung der Stimmen von Autor, Vortragendem und fiktivem Erzähler in der Praxis oft verschwimmt.
Wie nutzt der Erzähler das Publikum?
Der Erzähler tritt in direkten Kontakt mit dem Publikum, um dieses teils durch Provokation oder "Verachtung" zu einer selbstkritischen Reflexion seiner Sichtweise auf bestimmte Charaktere wie Rennewart zu bewegen.
- Quote paper
- Olivia Härtel (Author), 2022, Autor- und Erzählfigur in der mittelalterlichen Narratologie. Eine Untersuchung am Beispiel von Wolframs von Eschenbach „Willehalm“, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1452265