In dieser Arbeit wird das Märchen "Rapunzel" der Gebrüder Grimm mit der modernen filmischen Adaption "Rapunzel - Neu verföhnt" von Walt Disney verglichen.
Dabei bezieht sie sich auf Genderperspektiven der Kinder- und Jugendliteratur: Rosa vs. Blau? Wieso sehen Buch-/Filmcover, bei denen die Zielgruppe Mädchen sind, so aus, wie sie aussehen? Wieso die, die auf Jungen abgezielt sind, so? Weshalb werden Figuren, Protagonisten auf bestimmte Art und Weisen gestaltet?
Märchen sind bei Jung und Alt allgemein bekannt und das schon über einen langen Zeitraum. Der typische Beginn von ‚Es war einmal...‘ singt genauso in jedem Ohr, wie der melodische Schlusssatz ‚Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute‘. Es gibt eine Prinzessin oder ein hübsches Mädchen – das meist im Verlauf des Märchens zur Prinzessin wird, einen Prinzen – häufig gleichzeitig der Held, eine boshafte Frau in Form einer Stiefmutter, Stiefschwester oder Hexe, eine helfende Begleiterin, wie eine gute Fee oder Zauberin und hier und da noch Zwerge, Riesen oder menschenähnlich handelnde Tiere. Das ganze Fantasiespiel wird mit dunklen Wäldern, Schlössern oder Knusperhäuschen in einem fernen Land aufgezogen, in dem es Magisches, Schicksalhaftes und Abenteuerlustiges gibt, das stets mit einem Happy End abschließt.
Bei der Vielzahl an Märchenerzählungen nach den Gebrüder Grimm oder Hans Christian Andersen, wurde ein Muster deutlich, dass als Klischee wahrgenommen wird: Gute Könige sollen an die Macht kommen, gute Frauen sollen fleißig, ehrlich, opferbereit sein und auf den schönen, treuen Prinzen warten, bis sie gerettet werden. Zu der heutigen Zeit stellt sich die Gesellschaft dann die Frage, ob solche veralteten Stereotypen und Rollenbilder in der populären Kinder- und Jugendliteratur einen Platz haben sollten. Zudem müssen Handlungen wie Kannibalismus ("Hänsel und Gretel") und das Aufessen der Großmutter von einem Wolf, der sich danach als diese ausgibt ("Rotkäppchen"), für Kinderohren doch recht grausam klingen. Diese Gedanken haben durchaus ihre Berechtigung.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Märchen in der KJLM
2.1 Merkmale von Märchen
2.2 Bedeutung der Märchen für Kinder
3 Rapunzel in der Literatur (1812 und 1857)
4 Rapunzel – Neu Verföhnt
5 Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die literarische Vorlage des Märchens Rapunzel von den Brüdern Grimm im Vergleich mit der filmischen Adaption "Rapunzel – Neu Verföhnt" der Walt Disney Animation Studios. Das primäre Ziel ist es, die Entwicklung der zentralen Charaktere und Märchenklischees unter Berücksichtigung von Kriterien der Kinder- und Jugendliteratur (KJLM) sowie einer genderbezogenen Perspektive zu analysieren.
- Charakterisierung und Definition des Märchens als literarische Gattung
- Analyse der Grimmschen Textversionen von 1812 und 1857
- Untersuchung der filmischen Umsetzung durch Disney im Hinblick auf moderne Rollenbilder
- Vergleich von Räumlichkeit und zentralen Wesensmerkmalen des Märchens
- Bewertung der Eignung und pädagogischen Wirkung von Märchen auf Kinder
Auszug aus dem Buch
2.1 Merkmale von Märchen
„Als Charakteristika gelten die typisierte Darstellung der Figuren, die überwiegend lineare Erzählabfolge, der weitgehende Verzicht auf Innensicht, die zeitliche Unbestimmtheit (‚Es war einmal...‘), die Rolle der Dreizahl bei Handlungsfolgen [...].“ Spinner und Standke fassen einige Merkmale der Gattung Märchen bereits zusammen. Ihre nicht reale Welt, geprägt durch Zauber, Wunder, Held*innen, Schurken und Übernatürliches, wurde zudem von M. Lüthi (1985) in allgemeine Wesensmerkmale strukturiert, die im Folgenden aufgezeigt und näher erläutert werden. Die Tatsache, dass Realität und Fiktion in Märchen verschwimmen, nennt Lüthi die Eindimensionalität. Der Verzicht auf Innensicht, sowohl bei den Figuren, die meist recht flach und oberflächlich gestaltet sind, als auch bei der Raum-Zeit-Konstruktion (‚in einem fernen Land...‘), wird mit Flächenhaftigkeit zusammengefasst. Gerade Frauenfiguren verfolgen im Rahmen der Märchen ein bestimmtes, oberflächlich behaftetes Schema: „Beim Frauenbild lassen sich Passivität, Unterwürfigkeit, Ohnmacht, Schutzlosigkeit und Misshandlung von Mädchen nachweisen und Frauen werden als Stiefmutter, Hexen, Feen oder Zauberinnen negativ dargestellt.“ Bezüglich der Raumkonstellation wird der*die Protagonist*in oft mit fremden Orten, Begegnungen oder Gefahren konfrontiert, die er*sie durchleben hat, um daran zu wachsen. Anlässlich der Handlungsabfolge beschreibt Lüthi eine Drei- bzw. Fünfgliedrigkeit, die mit einer Konfliktsituation beginnt, über eine Reise und Aufgabenbewältigung führt, um schließlich die Persönlichkeit reifen zu lassen, indem er*sie eine Lösung für aufkommende Probleme findet und dann zu einem Ende mit Glück und Aufstieg zu gelangen. Nicht selten wird diese Hauptfigur männlich dargestellt und das Happy End mit der Heirat einer Braut symbolisiert. Das dritte Wesensmerkmal nach Lüthi ist der abstrakte Stil in Form der Polarität von gut und böse, arm und reich oder schön und hässlich, wobei das Gute stets das Böse besiegt und das bekannte Happy End naht.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Diese Einleitung führt in das Thema ein, skizziert die Bedeutung von Märchen in der Kinderliteratur und stellt die zentrale Forschungsfrage zum Vergleich der Grimmschen Fassungen mit der Disney-Verfilmung.
2 Märchen in der KJLM: Dieses Kapitel definiert den Begriff des Märchens, erläutert dessen Wesensmerkmale nach Max Lüthi und beleuchtet die psychologische sowie pädagogische Relevanz von Märchen für Kinder.
2.1 Merkmale von Märchen: Der Abschnitt konzentriert sich auf die stilistischen und inhaltlichen Besonderheiten der Gattung, insbesondere die Flächenhaftigkeit der Figuren und die typisierte Handlungsstruktur.
2.2 Bedeutung der Märchen für Kinder: Hier wird untersucht, welche Funktionen Märchen bei der Identifikationsfindung und Problembewältigung von Kindern einnehmen sowie welche Qualitätskriterien dabei eine Rolle spielen.
3 Rapunzel in der Literatur (1812 und 1857): Dieses Kapitel vergleicht die älteste und die aktuelle Version des Märchens der Brüder Grimm hinsichtlich ihrer inhaltlichen Anpassungen und der Darstellung der Geschlechterrollen.
4 Rapunzel – Neu Verföhnt: Die Analyse widmet sich der Disney-Verfilmung, wobei explizit aufgezeigt wird, wie klassische Märchenmotive aufgebrochen oder modernisiert werden, um ein zeitgemäßes Publikum anzusprechen.
5 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und bestätigt, dass trotz inhaltlicher und visueller Modernisierungen wesentliche Märchenstrukturen erhalten bleiben, um die Bedürfnisse von Kindern zu bedienen.
Schlüsselwörter
Märchen, Rapunzel, Kinder- und Jugendliteratur, Brüder Grimm, Walt Disney, Geschlechterrollen, Max Lüthi, Adaption, Medienpädagogik, Filmvergleich, Erzählstruktur, Flächenhaftigkeit, Happy End, Rezeptionsanalyse, Kindheitsbilder
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit untersucht das Märchen Rapunzel im Wandel der Zeit – von den literarischen Fassungen der Brüder Grimm bis hin zur modernen filmischen Adaption durch Disney.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Im Zentrum stehen die Gattungsmerkmale des Märchens, die Bedeutung der Märchen in der Kinder- und Jugendliteratur und die filmische Transformation klassischer Stoffe.
Was ist die Forschungsfrage der Untersuchung?
Die Arbeit fragt danach, inwieweit die literarische Version von Rapunzel und die filmische Adaption Rapunzel – Neu Verföhnt unterschiedliche Märchenklischees bedienen oder aufbrechen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine vergleichende Literatur- und Filmanalyse auf Basis der Kriterien für Kinder- und Jugendliteratur und genderbezogener Analysekategorien angewandt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Fundierung des Märchens, die Analyse der Grimmschen Texte von 1812 und 1857 sowie die Untersuchung der filmischen Umsetzung des Stoffes.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Märchen, Rapunzel, Grimm, Disney, Geschlechterrollen, Adaption, Kinder- und Jugendliteratur und Erzählstruktur.
Wie unterscheidet sich die Disney-Version in der Darstellung von Rapunzel von der Grimmschen Vorlage?
Während Rapunzel in der textlichen Vorlage oft als passive Figur gezeichnet ist, wird sie im Film als mutige, aktiv handelnde junge Frau dargestellt, die ihre eigene Reise unternimmt.
Spielt die Rolle der Stiefmutter bzw. Fee im Vergleich eine zentrale Rolle?
Ja, der Vergleich zeigt, wie die Figur der Gegenspielerin (die Fee bzw. Mutter Gothel) von einer zaubernden Hexe zu einer Figur transformiert wird, die auf externe magische Hilfsmittel angewiesen ist.
Welchen Einfluss hat die „Flächenhaftigkeit“ nach Lüthi auf die moderne Verfilmung?
Der Film versucht, die klassische „Flächenhaftigkeit“ der Märchenfiguren aufzubrechen, indem er den Charakteren mehr Facetten und psychologische Tiefe verleiht.
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- Anonym (Author), 2022, Märchenklischees in "Rapunzel" der Gebrüder Grimm und der filmischen Adaption Walt Disneys, Munich, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/1449568