Der Begriff der Gerechtigkeit ist bis heute nicht eindeutig definiert. Die Spannbreite der mit diesem Begriff assoziierten Inhalte deutet sich bereits in den verschiedenen Titeln beziehungsweise Schlagworten der zu diesem Thema verfassten Schriften an und reicht von John Rawls „Gerechtigkeit als Fairness“ über Martin Luthers „Sermon von der doppelten Gerechtigkeit“ bis zu Willi Hinks „Lohnender Lohn: Grundlagen einer leistungsgerechten Bezahlung“. Die Titel der einzelnen Arbeiten verweisen bereits auf unterschiedliche inhaltliche Vorstellungen. Während der Philosoph John Rawls Gerechtigkeit mit Fairness in Verbindung bringt, kennt der Theologe Martin Luther zwei verschiedene Gerechtigkeitskonzeptionen und der Wirtschaftswissenschaftler Willi Hink geht von Leistungsgerechtigkeit aus. Auch in den meisten aktuellen Debatten und Arbeiten zu diesem Thema tauchen immer wieder Begriffe wie „Verteilungsgerechtigkeit“ oder „Gesetze“ auf. Dies ist insofern bemerkenswert, als dass diese Begriffe bereits bei Aristoteles grundlegend diskutiert wurden, also im 5. vorchristlichen Jahrhundert. Somit wird deutlich, wie hilfreich und bedeutend es sein kann sich intensiver mit den antiken Philosophen zu befassen, will man die Argumente heutiger Debatten und deren unterschiedliche Anwendungen in Diskussionen richtig einordnen. In dieser Arbeit wird deshalb untersucht, wie sich der Begriff der Gerechtigkeit in Aristoteles Werk „Nikomachische Ethik“ darstellt, welche Bedingungen an ihn geknüpft sind und welche Rolle die Gesetze in dieser philosophischen Konstruktion des Begriffes spielen. Dafür wird es nötig sein, sich in einem ersten Schritt das gesellschaftliche Umfeld gegenwärtig zu machen, das Aristoteles seinen Gedanken zugrunde legt um somit gesellschaftlich bedingte Motive in seiner Theorie zu identifizieren und entsprechend zu bewerten. In einem zweiten Schritt wird die Nikomachische Ethik überblicksartig vorgestellt und das fünfte Buch derselbigen auf den Begriff der Gerechtigkeit hin untersucht.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung in den Untersuchungsgegenstand
1.1. Erörterung der Problemstellung
1.2. Aristoteles gesellschaftlicher Rahmen
2. Das fünfte Buch der Nikomachischen Ethik in seinem Umfeld
3. Die Gerechtigkeit in der Nikomachischen Ethik
3.1. Die Bedeutung der Gesetze für die allgemeine Gerechtigkeit
3.2. Die Gerechtigkeit im speziellen Sinn
3.2.1. Die Verteilungsgerechtigkeit
3.2.2. Die ausgleichende Gerechtigkeit
4. Die Bedeutung des eigenes Willens und der Affekte
5. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Gerechtigkeitsverständnis im fünften Buch der „Nikomachischen Ethik“ von Aristoteles. Dabei wird insbesondere der Frage nachgegangen, welche Rolle Gesetze in dieser philosophischen Konzeption spielen und wie Aristoteles zwischen allgemeiner und spezieller Gerechtigkeit sowie den verschiedenen Formen der Güterverteilung und dem zwischenmenschlichen Ausgleich differenziert.
- Gesellschaftlicher Kontext und teleologische Grundlagen bei Aristoteles
- Die Bedeutung und Funktion der Gesetze für die allgemeine Gerechtigkeit
- Differenzierung zwischen Verteilungs- und ausgleichender Gerechtigkeit
- Die Rolle des Vorsatzes, des Wissens und der Affekte bei gerechtem Handeln
- Das Verhältnis von Charakterdisposition und individueller Gerechtigkeit
Auszug aus dem Buch
3.1. Die Bedeutung der Gesetze für die allgemeine Gerechtigkeit
Alles „Gesetzliche (ist, M.W.) in einem bestimmten Sinne gerecht.“ Dieser Grundsatz von Aristoteles gelte jedoch nur dann, wenn jedes einzelne Gesetz auf das Wohl der Gesellschaft ziele. Dabei betont Aristoteles ausdrücklich, dass die Herrschenden beziehungsweise der Herrschende durch ihre „Tugend oder sonst einer auszeichnenden Eigenschaft“ in ihrer Herrschaftsausübung legitimiert sein müssten. Somit rückt er seine Überlegungen wieder zur Staatsverfassung. Die Gesetze sind gerecht, wenn sie von einer gerechten Regierung, also einer Monarchie oder Aristokratie, erlassen werden. Somit schließt er eine Gesetzeshörigkeit aus. Ist ein Gesetz nicht gerecht, zum Beispiel weil es von einer ungerechten Regierung erlassen wurde oder weil es „nachlässig, wie aus dem Stegreif entworfen ist“, ist es nicht ungerecht, nicht nach diesem zu handeln. Aristoteles geht also von gerechten Gesetzen nur im gerechten Idealstaat aus, wobei er sich, wie oben bereits dargestellt, nicht auf eine Verfassungsform des Idealstaates festlegt. „Die Bürger gut und gerecht zu machen“ sowie „sie von lasterhaften Handlungen abzuhalten und zu tugendhaften Handlungen zu bewegen“ sei die Aufgabe der Gesetze nach Aristoteles.
Hieraus leitet sich auch die Bedeutung der Gesetze für die Gerechtigkeit ab. Das Einhalten der (gerechten) Gesetze ist „eine die anderen Tugenden umfassende Gesamttugend“. Die hier beschriebene Gerechtigkeit bezeichnet Aristoteles als „vollkommene Gutheit des Charakters“ oder auch „vollkommene Tugend“, da die Gesetze alle Tugenden umfassten und somit den Menschen in allen tugendreichen Handlungen lenken sollen.
Ein wichtiger Aspekt ist dabei, dass der im allgemeinen Sinne gerechte Mensch seine gerechte Handlung nicht nur deshalb durchführe, weil sie sich nach den Gesetzen der Menschen richtet, sondern weil der Mensch das gut, gerecht und richtig handeln will. Der Gerechte braucht sich dabei nicht an den Gesetzen zu orientieren, die gerechte Handlung geht von ihm, von seiner „Disposition“ aus. Der Gerechte entscheidet sich selbst aktiv aus freiem Willen für die gerechte Handlung. Diese allgemeine Gerechtigkeit bezieht sich somit auf die Bewertung der Handlungen eines Menschen gegenüber einem anderen oder gegenüber der Gesellschaft.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung in den Untersuchungsgegenstand: Die Einleitung definiert den Gerechtigkeitsbegriff als vielschichtiges Thema und skizziert die methodische Untersuchung von Aristoteles’ „Nikomachischer Ethik“.
2. Das fünfte Buch der Nikomachischen Ethik in seinem Umfeld: Dieses Kapitel verortet das fünfte Buch historisch und theoretisch innerhalb von Aristoteles' ethischem Gesamtwerk.
3. Die Gerechtigkeit in der Nikomachischen Ethik: Das Hauptkapitel analysiert das Wesen der Gerechtigkeit als Mitte und unterteilt diese in das Gesetzliche sowie die spezielle Gerechtigkeit mit ihren Unterformen.
4. Die Bedeutung des eigenes Willens und der Affekte: Hier wird untersucht, inwiefern der Vorsatz und das Wissen des Handelnden sowie der Einfluss von Affekten für die ethische Bewertung einer Tat entscheidend sind.
5. Schlussbemerkung: Die Arbeit resümiert die Aktualität aristotelischer Gerechtigkeitsvorstellungen und weist auf die Verknüpfung mit seinem damaligen Menschenbild hin.
Schlüsselwörter
Aristoteles, Nikomachische Ethik, Gerechtigkeit, Gesetze, Verteilungsgerechtigkeit, ausgleichende Gerechtigkeit, Tugend, Disposition, Vorsatz, Gemeinwohl, Handeln, Staatsverfassung, Ethik, Philosophie, Antike
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Analyse des Gerechtigkeitsbegriffs, wie er von Aristoteles im fünften Buch der „Nikomachischen Ethik“ entfaltet wird.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die Schwerpunkte liegen auf der Bedeutung von Gesetzen, der Unterscheidung von allgemeiner und spezieller Gerechtigkeit sowie der Rolle des Charakters und des Vorsatzes.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Aristoteles' Gerechtigkeitsmodell in seinen politischen und ethischen Kontext einzuordnen und aufzuzeigen, wie Gesetze und individuelles Handeln dabei zusammenwirken.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt die philologische Textanalyse, um die antiken philosophischen Argumente in Bezug auf aktuelle Debatten und ihre interne Logik zu untersuchen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert das Konzept der Mitte, die Bedeutung des Gesetzlichen, die Verteilungsgerechtigkeit sowie die ausgleichende (Tausch-)Gerechtigkeit.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Zentrale Begriffe sind Aristoteles, Gerechtigkeit, Tugendethik, Verteilungsgerechtigkeit, Vorsatz und die Bedeutung von Gesetzen.
Inwiefern spielt der Vorsatz eine Rolle für das gerechte Handeln?
Für Aristoteles ist ein vorsätzliches Handeln zentral, um eine Tat dem Charakter eines Menschen zuzurechnen; zufällige Handlungen lassen hingegen keine Rückschlüsse auf die Qualität des Charakters zu.
Wie unterscheidet Aristoteles zwischen Verteilungs- und ausgleichender Gerechtigkeit?
Die Verteilungsgerechtigkeit basiert auf geometrischer Proportionalität (Verteilung nach Würdigkeit durch eine Instanz), während die ausgleichende Gerechtigkeit auf arithmetischer Proportionalität im zwischenmenschlichen Tauschhandel beruht.
- Arbeit zitieren
- Mario Westphal (Autor:in), 2008, Der Gerechtigkeitsbegriff im fünften Buch von Aristoteles’ Nikomachischer Ethik unter besonderer Berücksichtigung der Bedeutung der Gesetze, München, GRIN Verlag, https://www.hausarbeiten.de/document/144811